Wochenschau.
Gießen, 11. Februar.
Das wichtigste Ereigniß in unserer inneren Politik während dieser Woche war die im preußischen Abgeordnetenhause am Dienstag und Mittwoch stattgesundene große kirchenpolitische Debatte. Wenn man lediglich aus den zweitägigen Verhandlungen über die dem Abgeordnetenhause unterbreitete Vorlage, betr. die Abänderung der kirchenpolitischen Gesetze, einen Schluß aus das endliche Schicksal dieser Vorlage ziehen wollte, so müßte man zu dem Resultate gelangen, daß die Ablehnung derselben in zweiter, resp. dritter Lesung mit großer Majorität erfolgen werde. Denn mit Ausnahme der Redner der beiden conservativen Fraktionen erklärten sich sowohl das Centrum und die Polen, als auch die liberalen Gruppen durch ihre Redner entschieden gegen die Vorlage; die Sprecher des Centrums betonten zumeist die Rothwendigkeit einer gänzlichen Beseitigung der Maigesetzgebung, ehe sich über den Frieden reden lasse und die liberalen Redner, namentlich der fortschrittliche Abg. Richter, sprachen sich entschieden für eine Revision der Maigesetzgebung aus. Trotz dieser überwiegend ungünstigen Beurtheilung der kirchenpolitischen Vorlage läßt sich aber, wie schon erwähnt, über deren Schicksal noch nichts Definitives sagen, vor Allem muß man das Ergebniß der Berathung in der Commission, an welche die Vorlage verwiesen worden ist, abwartenauch ist Grund, anzunehmen, daß die Centrumspartei am Dienstag und Mittwoch noch nicht ihr letztes, entscheidendes Wort in Betreff der kirchenpolitischen Vorlage gesprochen hat.
In den ersten Tagen dieser Woche wurde in der Reichshaupt- stadt ein Verkehrs-Institut der öffentlichen Benutzung übergeben, welches entschieden epochemachend für die weitere Entwickelung Berlins sein wird — die Berliner Stadtbahn. Die Stadtbahn ist ein Werk, das in seiner Art der Bahn durch den Riesenleib des St. Gotthardt gleichgestellt werden kann, denn auch bei der Erbauung der Berliner Stadtbahn waren ungeheure technische Schwierigkeiten 'zu überwinden, ganz abgesehen von den. großen finanziellen Opfern, welche dieselbe gekostet hat. Jetzt endlich steht dieses großartige Werk vollendet da, welches dem inneren Verkehr der Millionenstadt an der Spree einen ganz anderen Charakter verleihen und ohne Zweifel zu einem nie geahnten Aufschwung verhelfen wird.
Großes Aufsehen erregt die Beleidigungsklage, welche Fürst Bismarck vor dem Amtsgericht zu Charlottenburg gegen einen der berühmtesten Gelehrten Deutschlands, gegen den Historiker Theodor Mommsen, anhäng ig gemacht hat. Der Grund dieser Klage soll in einer Rede liegen, welche Professor Mommsen während der Wahlbewegung in Tempelhof gegen die Wirthichaftspolitik des Fürsten Bismarck gehalten hat. In wieweit Herr Mommsen in jener Rede die Grenzen der Mäßigung überschritten oder ob er dres überhaupt gethan hat, ist uns unbekannt, doch ist schwerlich anzunehmen, daß es sich um eine persönliche Injurie handelt. Jedenfalls darf man aber auf den Ausgang des Processes Bismarck gegen Mommsen gespannt sein.
In Oesterreich ist plötzlich um einer anscheinend geringfügigen Ursache willen eine Ministerkrisis in Sicht getreten. Bei der im Reichsrathe zur Verhandlung stehenden Petroleunffteuer erklärte sich der klerikale Centrums-Club gegen die Annahme desselben, in der Hoffnung, den ihr mißliebigen Finanzminister Dunajewski» zu stürzen. Ministerpräsident Graf Taaffe erklärte aber, daß das Gesammtministerium auf der Annahme der Petroleumsteuer bestünde und stellte die Cabinetsfrage, was natürlich bei den Gruppen der Rechten große Aufregung hervorgerufen hat, da die Rechte nun einmal im Cabinet Taaffe ihre Stütze suchen muß. Neueren Nachrichten zufolge ist indessen die drohende Ministerkrisis bereits wieder als beseitigt zu betrachten, da das österreichische Abgeordnetenhaus in namentlicher Abstimmung am Mittwoch mit geringer Mehrheit beschloß, in die Specialdebatte der Petroleumsteuer-Vorlage einzugehen.
Das französische Cabinet de Freycinet hat seinen ersten parlamentarischen Waffengang am vorigen Montag glänzend bestanden. Die Minorität, welche das von Gatineau beantragte Vertrauensvotum für das Ministerium verweigerte, bestand nur aus 67 Mitgliedern, und setzte sich aus Anhängern der äußersten Linken, Gambettisten und Conservativen, zusammen. Das Vertrauensvotum der Deputirtenkammer beweist, daß sie vorerst keine neuen parlamentarischen Krisen wünscht und daß man in Frankreich froh ist, das Cabinet de Freycinet zu besitzen. Man ist daher bestrebt, alle hierfür hinderlichen Fragen einstweilen bei Seite zu lassen und so ist denn auch das Revi- sionsproject in Bausch und Bogen auf die lange Bank geschoben worden,
Das englische Parlament ist kaum eröffnet und schon hat der Führer der Opposition im Oberhause, Lord Salisbury, einen äußerst scharfen Angriff gegen das Cabinet Gladstone gerichtet. Den Anlaß hierzu boten dem conservativen Parteiführer verschiedene Stellen der Thronrede und namentlich waren es die auf die englische Politik in Egypten bezüglichen Aeußerungen, welche Salisbury bekämpfte; Salisbury warf Gladstone vor, er hätte die englische Politik von derjenigen der großen deutschen Mächte getrennt und dadurch den britischen Einfluß in Konstantinopel geschwächt und die Schwierigkeiten, das egyptische Problem zn lösen , erhöht. Lord Granville, der englische Minister des Auswärtigen, wies zwar diese Angriffe nicht ohne Erfolg zurück, trotzdem wird aber die Regierung in dieser Session dem Ansturm der Conservativen gegenüber einen schweren Stand haben, da die innere und äußere Politik 'des Cabinets Gladstone zu viele Blößen zeigt.
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Die Gerüchte, daß General Skobeleff wegen seiner Petersburger Brandrede aus der russischen Armee entlassen worden sei, haben sich nicht bestätigt. Dagegen bestätigt es sich, daß dein General der Rath ertheilt worden ist, Urlaub zu einer Reise in's Ausland zu nehmen und glaubt man, daß General Skobeleff, falls ihm der Urlaub ertheilt wird, denselben in Paris zubringen werde.
Die türkische Regierung hat den Botschaftern eine Note zugehen lassen, in welcher die von den türkischen* Commissären bezüglich der Feststellung der streitigen Punkte an der griechisch-türkischen Grenze, Analipsis und Nezeros, vorgeschlagene Trace aufrecht erhalten wird. In der Note wird ferner die Hoffnung ausgesprochen, daß die Botschafter, da die Commissäre der Mächte über diese Punkte verschiedener Ansicht seien,, sich der von türkischer Seite vorgeschlagenen Trace anschließen werden. — Das egyptische Cabinet hat beschlossen, das Budget-Bewilligungsrecht vorn Khedive an die Notablenkammer zu übertragen, womit sich der Khedive auch einverstanden erklärte.
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Gietzen, 11. Februar. (Sitzung der Stadtverordneten vom 9. Februars Anwesend: Herr Bürgermeister Bramm, Herren Beigeordneten Keller und Heß, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Batst, Gail. Grüneberg, Hom- berger, Kauf, Lüdeking, Ad. Noll, Petri, Pfannmüller, Scheel, Schop- bach, Wenzel und Wortmann — Der Voranschlag der evang. Kirche für das Jahr 1882—83 wird, nachdem die Richtigstellung zweier beanstandeter Positionen erfolgt, genehmigt; desgl. die Voranschläge für die Bedürfnisse der höheren Mädchenschule (1040 gegen 1000 «X im vorigen Jahre) und der städtischen Schulen (885 JL gegen 840 im vorigen Jahre). — Auf Antrag des Schulvorstandes wird bie Errichtung einer werteren Lehrerstelle für die 5. Knabenklasse, welche 113 Schüler zählt und nun getheilt werd n muß, beschlossen. — Dre Abfuhr der Fäcalstoffe aus den Tonnen wrrd Herrn Oeconom Helfrich auf bte Dauer von 6 Jahren übertragen. — Da der Fluthgraben im BiUgerhosp tal sich in sanitätswidrigem Zustande befindet, beschließt die Versammlung auf Antrag der Baudeputatwn, daß der Graben mit Steinen auszumauern sei. — Dem Gesuch des Wirths Jungblut um Belassung des Fahrwegs zwischen dem Eisenbahndamm und dem Wachthaus am Promenadehnus, besten Beseitiguna, resp. Absperrung mit einer in Aussicht genommenen Erhöhung des Trottoirs an dieser Stelle zusammenfiele, wird unter der Bedingung ftattgegeben daß Petent sich verpflichtet, den Weg seinem früher gegebenen Versprechen gemäß in ordnungsmäßigem Zustande zu erhalten und denselben binnen einer Frist von 14 Tagen durch Ausfällen non Kics herstellt, widrigenfalls der Weg durch eme Barriere abgesperrt werden soll. — Für die Herstellung und Reparatur der Ortstafeln werden die geforderten 150 bewilligt und soll diese Arbeit aus der Hand vergeben werden. — Die Bau-, resp. Bauveränderungsgesuche von Earl Stohr (Ncub u am Ludwigsplatz), B. Katzenstein und Ed. Plank (Bauveränderung). Carl Vogt (Bauveränderung), Carl Merkel (desgl), Gg. Nenzel (desgl ), Metzgermeister H. Meister (desgl.), Conditor Sattler (desgl.), Fr. Flimm (Erbauung eines Lagerschuppens), Wilh. Seipp (Ueberbrücknng eines Grabens^, Balth. Strauch (desgl.) werden befürwortet, die Gesuche von Jo Hs. Weber (Errichtung eines Wohnhauses in der Schwarzlach), Wilh. Reiber (Errichtung eines Pferbestall.s nebst Burschenzimmer), A. K- Worms (Bauveränderung) nicht befürwortet- — Die zur Herstellung einer Einfriedigung an dem Poiizeigebäude in der Weidengasse geforderten JL 1170 werden bewilligt. Die Einfriedigung soll im Mauerwerk mit daraufstehendem Eisenspalier ausgeführt werden. —
WtkrMischteS.
— sEin Scandal im Moskauer Bezirksgerichte.) Am vergangenen Mittwoch ereignete sich im Bezirksgerichte zu Moskau folgender, vom „Mosk. L'stok" gemeldete Vorfall zwisch n einem Rechtsanwalt und dem Präsidenten des Rechtsanwalt-Comite's. Der Erstere hatte sich, in der Hand einen Stock haltend, am Fuße der Treppe auf- gestellt und schien irgend Jemanden zu erwarten- Da kam der Präsident die Treppe herab und auf diesen stürzte sich der Rechtsanwalt, indem er ihm mit dem Stocke einen so derben Hieb über's Gesicht vnsetzte, daß der Pi äsident an der Stirn und aus Mund und Nase zu bluten begann. Ohne auf diese Wunden zu achten, fiel der Angegriffene über seinen Gegner her und es kam zwischen Beiden zu einem heftigen Kampfe, dem die Gerichtsdiener erst dann ein Ende macht n, als Beide, Präsident und Rechtsanwalt, auch nachd-m sie zu Boden gefallen waren, sich noch immer in den Haaren lagen. Ein herbeigerufener Feldscherer hatte viele Mühe, das aus der Stirnwunde fließende Blut zu stillen und einen Verband anzulegen. Der Rechtsanwalt hatte weniger eingebüßt; sein Stock war in Splitter geaangen
— Die Silberhochz it des Königs Oskar ll und der Königin Sophie von Schweden soll, wie aus Stockholm geschrieben wird, am 6. Juni d. I. in feierlicher Weise begangen werden Der Großherzog von Baden nebst Gemahlin haben ihren Besuch zu dieser Festlichkeit zugesagt und wird schon jetzt damit begonnen, das Erb- prinzen-Palais für die Aufnahme der Gäste in Stand zu setzen.
— Ein großes Unglück ereignete sich in der amerikan scheu Stadt Shanesville, indem bei einer Festlichkeit der Ritter vom Pythiasorden die unter dem Fußboden liegende Decke zusammenbrach und die Versammelten herabstürzten. Näheren Mit- theilungen entnahmen wir nun, daß die Zahl der Personen, welche mit der nachgebenden Decke herabfielen über 200 betrug. Mehrere davon waren sofort tobt, viele andere wurden schwer verletzt und 70 ober 80 mehr ober weniger theils burch bte Wucht bes Falles, theils burch Feuer beschädigt. Denn sofort nach ber Cataftrophe gerieth bas Gebäude in Brand und nun entstand eine Scene des Schreckens und ber Verwirrung, bereu Beschreibung an bas große Unglück in Wien erinnert. Die Lichter waren fast alle erloschen, so baß bie schreiende, kämpfende und drängende Menschenmasse sich ihren Weg aus dem Schutt der eingefallenen Decke in völliger Dunkelheit suchen mußte Nun kam hinzu, baß bie Deck: nach ihrem Einfall im spitzen Winkel lag und bie unglücklichen Verschütteten gerabezu einklemmte. Währenb biese sich benn vergeblich bemühten, aus ihrer schrecklichen Läge zu entkommen, verrichtete bas Feuer seine furchtbare Arbeit, 6 Personen kamen in ben Flammen um, vier würben von ben fallenben Balken erbrücft unb bie übrigen Verletzten trugen entroeber starke Branb- wunben bavon ober Arm- unb Beinbrüche unb gefährliche Quetschungen. Den helben- müthigen Anstrengungen einiger besonnener Bürger gelang es nach einiger Zeit, die Seitenwand bes Gebäubes einzurennen unb mit reichlichen Strömen Wasser bas Feuer zu löschen. Dieser Hille haben manche ber Verunglückten ihr Leben zu banken. Die Gesammtzahl brr Tobten unb Verwunbeten betragt wahrscheinlich 100 unb man fürchtet, baß noch mehrere Personen an ben erhaltenen Wrmben sterben werben.
Allgemeiner Anzeiger.
Goldene Staats-Medaille für gewerbliche Leistungen. Fortschrittsmedaille Wien 1873.
Preismedaillen:
London 1862.
Paris 1867.
W. SPIELER
Berlin 1879.
Preismedaillen:
München 1876.
Philadelphia 1876
Etablissement für Färberei und Reinigung
von Herren- und Damen-Garderoben
Berlin C., Wallstrasse 11—13 und Splndlerafeld bei Cöpenik.
Annahme für Gleesen bei
J, Kaan jun.
Gebrannten Kaffee
in reinen feinschmeckenden Sorten von M. 1.20, 1.40, 1.50, 1.60
und 1.80 per Pfund, stets frifd) gebrannt, empfehlen
cd Fh,. Nau & Comp-
S/igclhariM eJMnd. -SaMa
oJnden Apotheken (SdvadM 75. .Wi


