Nr. 288. Samstag den 9. December 1882.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Aeutschkand.
Darmstadt, 6. December. Von den Prinzessinnen des Großh. Hauses ergeht soeben folgender Aufruf: Im Anschluß an den Aufruf des Landes- Comit^s für die Wasserbeschädigten im Großherzogthum fordern die Unterzeichneten die Frauen und Jungfrauen Hessens auf, zur Linderung der Noth der Wasserbeschädigten durch Gaben von brauchbaren (auch getragenen) Kleidungsstücken, Wäsche, wollenen Decken rc. beizutragen und werden diese Gegenstände an der allgemeinen Sammelstelle im Saalbau oder von den Unterzeichneten zur Weiterbeförderung in Empfang genommen werden.
Prinzessin Karl, Prinzessin Victoria, Prinzessin Elisabeth, Prinzessin Irene, Prinzessin von Battenberg.
Berlin,. 6. December. Die rheinischen Abgeordneten, welche zur Hülfe- leistung für die durch Ueberschwemmung Heimgesuchten in der Rheinprovinz zusammengetreten sind, haben gestern Morgen eine Sitzung abgehalten, in welcher zunächst mitgetheilt werden konnte, daß die Fürsorge der Negierung sich auf das ganze Rheingebiet, besonders auch auf den Niederrhein unterhalb Köln, erstrecken werde und daher die dort hervorgetretene Beunruhigung wegen des Nichterscheinens des Ministers des Innern in dem betr. Gebiete nicht gerechtfertigt sei. Ferner wurden die Abgg. Reichensperger (Köln) und Dr. Hammacher delegirt, um auf Bildung einer Central-Sammelstelle für Berlin, nlöglichst unter Mitwirkung der städtischen Behörden, sowie auch auf schleunigste Constituirung eines Central-Hülsscomitös am Rhein unter voraussichtlichem Vorsitze des Oberpräsidenten v. Bardeleben und Betheiligung angesehener Persönlichkeiten hinzu- wirken, solveit Derartiges noch nicht in das Leben gerufen sein sollte. Endlich soll noch die Bitte an jene Zeitungen in Berlin und in der Provinz, welche Sammlungen übernommen haben, gerichtet werden, die Absendung der letztern bis zur Errichtung von Central'Sammelstellen zu verschieben.
— Den Franzosen, welche als Meister der Jntrigue, in der Politik nicht minder wie auf der Bühne, gelten, will es absolut nicht in den Kopf, daß England sich derselben Waffe, und zwar zu ihrem, der Franzosen, Nachtheil am Nile bedient. Der Ausgang des Proceffes Arabi hat die Verstimmung der Pariser Politiker aufis Höchste getrieben. Sie fühlen deutlich , wie unter ihrer eigenen Position der Boden Schritt für Schritt zurückweicht, und kennen doch kein Mittel, der dem französischen Prestige in Egypten drohenden Einbuße vorzubeugen. Man will sich die ganze brutale Wahrheit nicht gestehen, weil man nicht den Muth verspürt, ihr entschlossen die Stirn zu bieten, Wenn z. B. Herr Gambetta in seinem publicistischen Leiborgan, der „Republ. franyaise", ein klägliches Lamento anstimmen, und ausführen läßt, daß „die scandalöse Freisprechung Arabi's" gleichbedeutend sei mit einer erneuten Existenzbedrohung der europäischen Colonie in Egypten, so steckt darin mindestens eine ebenso große Dosis politischer Heuchelei, als wenn die Umgebung des Herrn Grövy behauptet, England habe, indem es die gravirendsten Partien des Proceffes Arabi „aus Schonung für den Sultan" unterdrückte, von Abdul Hamid sich gewissermaßen die Vollmacht eingehandelt, in Egypten fortan nach eigenem Gutdünken schalten zu können. Das Schlimmste, was für Frankreich bei dem leidigen egyptischen Handel herauskommen könnte, wäre doch immer nur die Gleichstellung der Republik mit allen übrigen Staaten Europas — nnn aber ist England jederzeit bereit, seinen Kanalnachbar um des lieben Friedens willen in den Fragen finanzieller und commerzieller Administration Privilegien einzuräumen. Was Großbritannien freilich unter keinen Umständen bewilligen wird, ist die politische Rivalität Frankreichs in Egypten. Ehe die Negierung der Republik auf ihre diesbezüglichen ehrgeizigen Projecte nicht bündigen Verzicht leistet, wird zwischen den westmächtlichen Cabineten kein Verständniß wegen Egypten zu erzielen sein.
Die Romfahrt des russischen Staatsmannes, Herrn v. Giers, wird von der italienischen Presse in einer Weise besprochen, welche deutlich erkennen läßt, wie sehr sie dem Nationalstolze der Italiener schmeichelt. Daß Herr v. Giers auch im Vatikan seine Aufwartung gemacht hat, thut dem eben hervorgehobenen Effekte keinen Abbruch, da sie durch die Motive der Kirchenpolitik hinreichend erklärt wird. Der Credit der einheimischen Regierung aber hat vor der öffentlichen Meinung Italiens eine ganz bedeutende Steigerung erfahren und führt folgerichtig zu einer weiteren Consolidirung auch der inneren Position des Ministeriums. An die Stelle der Sympathien mit den Bestrebungen der „Italia irredenta" tritt mehr und mehr die Erkenntniß, daß Italiens Zukunft nur durch den Beitritt zu der auf dem Grunde der europäischen Jntereffen-Gemeinschast ruhenden Entente der leitenden Mächte gesichert erscheint. Diese Erkenntniß aber involvirt zugleich die Verurtheilung aller Tendenzen, die in letzter Instanz auf eine Compromittirung der internationalen Beziehungen Italiens, zunächst seinen Grenznachbarn gegenüber, hinauslaufen müssen.
Die Londoner Presse erörtert bereits die Frage, wo Arabi Pascha zu in- terniren sein werde. Das Gerücht nennt als muthmaßlich in Betracht kommende Plätze: Quernsey, Gibraltar und das Kap der guten Hoffnung. Kaum ernsthaft dagegen dürfte die Vermuthung des „Globe" genommen werden dürfen, welcher die Insel Cypern (!) in Vorschlag bringt, weil dieselbe das geographische Centrum aller Orient-Jntriguen bilde. Auch nicht übel!
— Neber die bekanntlich auf Veranlassung der königlichen Staatsregierung am Verlassen des Kieler Hafens verhinderten Schiffe „Diogenes" und „Socra- les" verlautet, daß nunmehr jenen Schiffen die Erlaubniß, Probefahrten zu machen, ertheilt worden ist, jedoch nur unter der Bedingung, daß bei denselben
die Bemannung der Schiffe nur aus Mitgliedern der königlichen Marine bestehen muß.
— In der Neichstagsfftzung vom 2. d. Mts. hat bekanntlich der Herr Staatssecretär Schelling auf die Interpellation des Reichstags-Abgeordneten, Herrn Schulze, wegen des Erlasses der Novelle des Genoffenschafts-Gesetzes, erwidert: Die Negierung sei von der Novelle zurückgekommen, das Genossenschafts-Gesetz werde eine neue umfassende Regelung erhalten, das Material habe der Mirbach'sche Antrag hierfür mitgeliefert.
Wir glauben zu wissen, daß die in Ausarbeitung befindliche neue Regierungs-Vorlage auf dem Principe der Theilhast basiren wird.
Bremen, 6. December. Hafenmeister Polack in Kuxhaven telegraphirt: In der Nacht vom 4. zum 5. December von dem deutschen Schuner „Geskea", Kapitän Sielmann, gestrandet auf Scharhorn, mit Holz von Danzig nach Harburg bestimmt, 5 Personen gerettet durch das Rettungsboot des zweiten Elb- Leuchtschiffes „Casper." Schwerer Sturm aus OSO., Luft dick von Schnee bei starkem Frost. Rettungsboot 7 Stunden Nachts unterwegs.
Die Rettungsstation Amrum der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger telegraphirt: Am 6. December von dem königlichen Jnspectionsschiff „Paula", Kapitän Jensen, von Sylt nach Husum bestimmt, gestrandet vor Amrum auf dem Spanierriff, 6 Personen gerettet durch das Rettungsboot „Chemnitz" der Station Kniephaven. Sturm aus SO. mit Frost. 24 Stunden Arbeit.
Arankreich.
Paris, 6. December. Eine Plenarversammlung der Rechten der Depu- tirtenkammer beschloß gegen das Budget zu stimmen.
In der Verhandlung gegen Bontoux und Feder geißelte der Staatsanwalt in seinem Strafantrage das Verhalten der beiden Angeklagten, erklärte dieselben verantwortlich sür das mannigfache Unglück, das die Folge des Zusammenbruches der „Union Generale" gewesen und verlangte strenge Anwendung des Gesetzes, um das verletzte Sittlichkeitsgesühl des Volkes zu sühnen und der öffentlichen Meinung Genugthuung zu geben. Die Plaidoyers der Advocaten haben begonnen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Urtheilsspruch noch heute erfolgen wird.
Louis Blanc ist heute früh in Cannes gestorben.
Amerika.
New-Uvrk, 6. Decbr. Der Venus-Durchgang war in allen Theilen des Landes sichtbar; doch machten leichte Wolkenbildungen die wissenschaftlichen Beobachtungen schwierig; befriedigende Beobachtungen der 4 Kontakte wurden auf der Universität Havard gemacht und bis zu einem gewissen Punkte befriedigende auf dem Observatorium in Washington mit Photographien.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S teiegr. Correspondenr-Burearr.
Berlin, 7. December. Der Reichstag verwies die beiden Pensionsgesetze an Commissionen und trat sodann in die Beralhung des Etats. Schatzsecretär Burcharo sagt, bie Regierung habe nicbt aus politischen Gesichtspunkten, sondern lediglich vom praktischen Standpunkte aus den Versuch gemacht, zwei Etats gleichzeitig vorzulegen und halte die Verfassungsbedenken dagegen für unbegründet, er hoffe, das Haus werde mit der Regierung sich über bte Zweckmäßigkeit des Versuchs verständigen. Was die Finanzlage anlange, so werde auch das laufende Etatsjahr bei allen Verwaltungszweigen mehr oder minder erhebliche Ueberschüsse ergeben, nur die Rübenzuckersteuer weise eine Mindereinnahme auf, der Steuermodus fei durch die Technik der Rübenzuckerind ustrie überholt, man werde Maßregeln nach dieser Richtung hin diskutlren müssen, den erhöhten Einnahmen aus den Zöllen und der Tabaksteuer würden eine erfreuliche Minderung der Matrikularbeiträge, resp. eine Erhöhung der Herauszahlungen des Reiches an die Einzelstaaten ermöglichen. Rickert widerspricht der Deduktion, daß die zweijährigen Budgets verfassungsmäßig seien und beantragt, einzelne Kapitel des Etats pro 1883/84 an die Budgrt-Commission zu verweisen, v. Minntgerode will auch die entsprechenden Kapitel des Etats 1884—85 an die Budget Commtssion überwiesen haben. — Fortsetzung Samstag.
Köln, 7. December. Der Wasserstand des Rheins betrug heute früh 8 Uhr 30 Min. 6,70 Ctm. Gestern Abend Regen, heute ziemlich heiter. Windstille.
— Das Wasser des Rheins steht auf 6,70 Ctm. still.
Koblenz, 7. December. Der Wasserstand des Rheins ist hier unverändert geblieben, dagegen ist derselbe bei Mannheim auf 7,22 Ctm. gestiegen und steigt noch. Auch die Mosel steigt, Main und Neckar sind im Fallen begriffen.
Frankfurt, 7. December. Gestern Abend hat, wie das „Frankftr. Journal" meldet, in Verfolg der constituirenden Versammlung des deutschen Colonialvereins eine Vorstandssitzung unter dem Vorsitze des Präsidenten, Fürsten von Hohenlohe-Langenburg, stattgefunden, in welcher der Oberbürgermeister Dr. Miquck und Dr. A. Brüning zu Vicepräsidenten und Geh. Commerzien- rath de Neufville zum Schatzmeister gewählt und der Präsident der Mannheimer Handelskammer, Deffine, der Bankdirector L. Collin in Stuttgart und Theodor Stern hier als Mitglieder des Vorstandes cooptirt wurden. Zugleich geschahen einleitende Schritte zur Errichtung eines Vereins-Bureaus in Frankfurt, so daß schon von heute ab die Zusendungen an das Bureau des deutschen Colonialvereins in Frankfurt zu richten sind.
London, 7. December. Das Alhambra-Theater am Leicester Square ist gestern nach der Vorstellung gänzlich niedergebrannt


