Rr. 102. Mittwoch den 3. Mai 1882.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für dm Kreis Gießen.
W»rsa«r Schulstraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Amlkicher HHeil.
Preis vierteljährlich 2 Mar! 20 Ps. mit Bringerlvhn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mari 50 Pf.
Bekanntmachung.
Dem Comitö des Vereins „Jnvalidendank" in Berlin ist Seitens der Königlich Preußischen Regierung nus Anlaß der silbernen Hochzeit Seiner Kaiserlich und Königlichen Hoheit des Kronprinzen des Deutschen Reichs und von Preußen die Erlaubniß zu einer am 28. December d. I. beginnenden Ausspielung von Kunst-, Luxus- und sonstigen Gegenständen ertheilt worden, und ist der Ertrag dieser Lotterie zum Besten derjenigen militärischen Hülfs- bedürftigen bestimmt, welche vom Staate nicht oder wenigstens nicht ausreichend Unterstützungen erhalten können.
Dem genannten Gönnte ist die Erlaubniß zum Vertrieb seiner Loose »34 auch für das Großherzogthum ertheilt worden.
Gießen, den t. Mai 1882. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Pr. Boekmann.
Nr. 10 des Reichs-Gesetzblatts, ansgegeben den 30. April, enthält: (Nr. 1468.) Verordnung, betreffend die Form der Marschrouten für Kriegsverhältnisse. Vom 18. April 1882. Gießen, den 2. Mai 1882. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Voekinan n.
Bekanntmachung.
Abgesehen von dringenden Fällen und selbstverständlich von Vorladungen sind die Amtsrichter nur Mittwochs zu sprechen, Anträge bei unseren Ger i ch t s schrei b e r ei en können Mittwochs und Samftags, Vormittags zwischen 10 und 12 Uhr, an den übrigen Wochentagen Nachmittags zwischen 3 und 5 Uhr gestellt werden.
Gießen, den 2b. April 1882. Großherzogliches Amtsgericht Gießen.
.Langsdorfs.
Politische Ueberskcht.
Gießen, 2. Mai.
Die kaiserlichen Majestäten haben ihren Aufenthalt in Wiesbaden beendigt und hat sich die Kaiserin bereits am Sonnabend von dort nach Baden- Baden begeben, um hier, wie alljährlich, noch einige Wochen zuzubringen, während der Kaiser am Sonntag Abend wieder nach Berlin zurückgekehrt ist.
Die zweite Session der fünften Legislaturperiode des Reichstages ist am vergangenen Donnerstag durch den Staatsminister v. Bötticher im Auftrage des Kaisers mit einer Rede eröffnet worden, welche, wie bei solchen Anlässen üblich , in der Hauptsache die den Reichstag erwartenden Aufgaben aufzählt. Es sind dies, kurzgefaßt, ein Gesetzentwurf über Versicherung der Arbeiter gegen Unfälle, welcher in einer anderweitigen Regelung des Hülss- kassenwesens und der Krankenversicherung seine Ergänzung finden soll; ferner die abgeändette Gewerbeordnungs-Novelle, die Tabakmonopol-Vorlage, ein Gesetzentwurf, betr. die Abänderung des Zolltarifs von 1879, und der Consular- Vertrag mit Brasilien. Da diese Vorlagen allgemein erwartet wurden, so erscheint eine nähere Charakterisirung derselben jetzt als unnöthig, nur bezüglich
2’«'Mint)noyo(§ sei hervorgehoben, daß die Eröffnungsrede erklärt, die Mehrheck der Bundesregierungen werde erst dann zu andern Vorschlägen behufs der nothwendigen Vermehrung der indirecten Einnahmequellen des Reiches schreiten, wenn keine Aussicht auf Zustimmung der Volksvertretung zum Mo- uopol vorhanden sei, außerdem verdient noch erwähnt zu werden, daß die Rede am Schluß die erfreuliche Versicherung ausspricht, daß die auswärtigen Be- zichungen des äreuyes nach jeder Richtung hin fortdauernd friedliche und freund- liche seren. — der Sitzung am Freitag den 28. April fand die Präsidentenwahl statt, welche indessen nicht so glatt verlief, als man erwartet hatte, wenigstens nicht durch Acclaination erfolgte.
£. ,.5*? ""L "bn Samstag ist der bayerische Landtag
feierlich eurch een Luitpold geschlossen worden, nachdem die Abgeordnetenkammer m ihrer Schlußsitzung «om 27. April noch das Finanzgesetz mit 143 gegen 7 Stimmen genehmigt hatte. Von der Reichsrathskammer ist das Fmanzgesetz einstimmig genehmigt worden.
ar . b badische Kamin hat am verflossenen Donnerstag den
Antrag der Abgg Kern und Genossen (kath. Volkspartei) auf Einführung des directen Wahlrechts zur zwecken Standekammer mit 29 gegen 28 Stimmen genehmigt. Ministerpräsident Turban hatte vorher erklärt, daß eine solche Aende- rung der Staatsverfassung für die Regierung unannehmbar sei.
®aS Tagesereigniß für Oesterreich bildet die Demission des Reichssinanzministers Szlavy, welche aus den verschiedensten Motiven erfolgte. Die Verwaltungserfolge Szlavy s sind allerdings nicht sehr große gewesen und namentlich hat sich die Herstellung eines strengeren Regiments unerläßlich gemacht szlavy ist entschlossen, sein Demissionsgesuch unter keinen Umständen rurückm- ziehen; bezüglich seines Nachfolgers verlautet, daß derselbe ein Ungar sein werde. — In den an der Aussig-Teplitzer, Dux-Bodenbacher, Pilsen-Priesener und Prag-Duxer Eisenbahn gelegenen Kohlenwerken ist ein ernster Arbeiterstrike ausgebrochen, so daß sich die Absendung starker Militär-Commandos nach Dur- Brüx und Teplitz nothwendig gemacht hat; Ausschreitungen sind bis jetzt nicht bekannt geworden. *9 ’
Ine französischen Ministerium des Auswärtigen beschäftiat man sich gegenwärtig recht auffallend mit den afrikanischen Angelegenheiten Die Verwaltung von Tunesien ist durch besonderes Gesetz vollständig organisirt wor- den, ^rantreich hat ferner mit Spanien ein Abkommen über die Entschädigung der Opfer von Saida, sowie mit Marokko einen Vettrag über die Verfolgung der femdlichen Stamme auf marokkanisches Gebiet abgeschlossen; außerdem hat aber das Mmstermm eine Commission mit der Prüfung des Riesenprojectes, die
Wüste Sahara in ein Binnenmeer umzuwandeln, beauftragt. Alles dieses deutet darauf hin, daß die französische Regierung damit umgeht, die Stellung Frankreichs in Nordafrika nicht nur zu befestigen, sondern auch zu erweitern, vielleicht unter Hinblick auf zu erwartende Ereignisse in Egypten und Tripolis.
Durch die am 27. April zu London erfolgte Hinrichtung des Dr: Lamson ist einer schon lange spielenden widerlichen Comödie ein Ende gemacht worden. Dr. Lanison war wegen eines in England verübten Giftmordes vom Londoner Schwurgerichte zum Tode verurtheilt worden, aber da er amerikanischer Bürger war, so suchte die Vereinigte Staaten-Regierung die Vollziehung dieses Urtheils auf jede Weise zu Hintertreiben und verlangte schließlich sogar die Auslieferung des Dr. Lamson, welches Ansinnen das Londoner Cabi- net indessen energisch zurückwies.
Die inneren Verhältnisse ves Czarenreiches bieten nach wie vor ein sehr trübes Bild dar. Zwar verhalten sich die Nihilisten jetzt ruhig, vielleicht, weil sie glauben, daß ihre Zeit jetzt noch nicht gekommen sei, d. h. die Zeit zu einem neuen Hauptschlage, dagegen sind die Judenverfolgungen im südlichen und westlichen Rußland in allgemeine Raub- und Plünderungszüge ausgeartet. Alle Besitzenden, Christen und Juden, Kaufleute wie Grundherren, sind gleichmäßig von einein wüsten Pöbel, der alle Schranken staatlicher Ordnung durchbricht, bedroht. Aeußerst charakteristisch sind die Vorgänge in Balta. Nachdem hier von trunkenen Pöbelhaufen die Juden mißhandelt und ihres Eigenthums beraubt worden waren, welchen empörenden Vorgängen die Polizei- und Militärorgane müßig zugesehen hatten, wurden auch die Polizisten vom Volke furchtbar durchgeprügelt, hierauf stutzte man den Popen Haar und Bart (die größte Schmach für einen russischen Geistlichen) und zwang sie zu lächerlichen Komödien in den Kirchen, und was dergleichen Scenen mehr sind. Wohin sollen solche Zustände führen?
Die Beziehungen der Pforte sind neuerdings zu mehreren Staaten merklich kühl geworden. Zwischen der türkischen Regierung und deni englischen Cabinet sind die Beziehungen schon seit dem letzten Orientkriege nicht mehr die besten. Ferner ist in deni Verhältniß zu Rußland wegen der Kriegskosten- Entschädigungsfrage eine nicht zu leugnende Spannung eingetreten und endlich ist wegen Tripolis auch zwischen Frankreich und der Pforte eine tiefe Verstimmung eingetreten. In Paris wird behauptet, die fortwährenden Truppensendungen der Türkei nach Tripolis deuteten auf einen Handstreich gegen Tunesien hin, auch gewähre die türkische Regierung allen sich in Tripolis sammelnden unzufriedenen Elementen Tunesiens vollkommenen Schutz. In Konstantinopel behauptet man wiederum, daß die Franzosen eine Expedition gegen Tripolis planten; jedenfalls ist ein tiefes gegenseitiges Mißtrauen zwischen der Pforte und Frankreich zu constatiren.
Berlin, 29. April. Nachdem der Bundesrath in seiner heutigen Sitzung die Vorlage, betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter, erledigt hat, wird dieselbe schon in den nächsten Tagen dem Reichstage zugehen können. Auch der Gesetzentwurf, betreffend die Unfallversicherung der Arbeiter, dürfte noch vor dem 5. Mat im Bundes- rathe sestgestellt werden, so daß auch diese Vorlage am nächste» Freitag bei Beginn der Arbeiten des Reichstags im Druck vorhanden sein wird. Die Bundesrathsausschüsse, welche mit der Vorberathung des Gesetzentwurfs betraut sind, treten am Montag zusammen. In Betreff der Eingabe der kirchlichen Conserenz von Mecklenbnrg-Strelitz wegen Abänderung des Gesetzes, betreffend die Beurkundung des Personenstandes, welche in der heutigen Sitzung des Bundesraths zur Besprechung gelangte, hören wir, daß sich auf keiner Seite Neigung kundgibt, diesem Ansuchen Folge zu geben. Bet Berathung des Tabakmonopols im Reichstag werden Geh. Rath Bocctus und Reg.- Rath Dr Roller als Commissarten des Bundesraths fungiren, bei Berathung der Krankenversicherung wird Geh. Rath Magdeburg, bet Berathung des Consularvertrags mit Brasilien Geh. Rath Huber und bet Berathung der Verordnung, betr. den Verkauf von Petroleum, der Director des Reichsgesundheitsamts Geh. Rath Dr. Struck und I Geh. Rath Köhler fungiren.


