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Mittwoch den 1. November
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iehener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße 7.
Politische Ueberficht.
Gießen, 31. October.
Nach einer Berechnung der „Nordd. Allg. Ztg.", welche sich voraussichtlich aus die osficiellen Angaben der Wahlcommissarien stützt, stellen sich die Parteiverhältnisse im neugewählten preußischen Abgeordnetenhause folgender- maßen: Es sind gewählt 136 Conservative, 100 vom Centrum, 68 Nationalliberale, 51 Freiconservative, 38 Fortschrittler, 20 von der liberalen Vereinigung, 18 Polen und 2 Dänen. Den Conservativen sind zugerechnet die sämmtlichen Minister, mit Ausnahme des Herrn Lucius, der zu den Freiconservativen gehört, dem Centrum sind zugerechnet Herr v. Ludwig und drei protestantische Welfen, den Nationalliberalen sind zugerechnet die Herren Löwe und Berger, dem Fortschritt ist zugerechnet Herr v. Böckum-Dolff's. Gewonnen haben die Conservativen 23 und das Centrum 1 Sitz, verloren die Nationalliberalen 19, die Freiconservativen 3, Fortschritt und Polen je 1 Sitz. Was die Lebensstellung der Gewählten anbelangt, so ist hervorzuheben, daß sechs Negierungs- Präsidenten und 38 Landräthe gewählt sind. Von den letzteren gehören die Herren Delius und Knebel der liberalen Partei an. Doppelwahlen haben die Herren Minister Maybach, Dr. Kropatschek und Eugen Richter getroffen. In Oberschlesien ist in zwei Bezirken ein Herr v. Glisczynski gewählt worden. Sollte Identität der Person obwalten, so wäre eine vierte Nachwahl erforderlich. Die hervorragendsten Parlamentarier, welche in dem neugewählten Hause, zum T-eil in Folge Verzichts, fehlen, sind die Herren Bitter, Franz, v. Huene, Kalle, Krug von Nidda, Miquöl, Röckerath, Runge, Schröder (Lippstadt), Sombart, Struve, Wächter, Weber, Dr. Wehr und v. Wendt.
Der vergangene 2 9. October war für die deutsche Nation ein denkwürdiger Tag, denn an ihm wurden es 25 Jahre, daß Gras Moltke an die Spitze des preußischen Generalstabes berufen wurde. Es ist wohl kaum nöthig, darauf hinzuweisen, was Moltke als Generalstabs-Ches der preußisch- deutschen Armee geleistet hat, die Jahre 1870 und 71 sind ja noch in Aller Erinnerung und die glänzenden Thaten der deutschen Heere in dieser glorreichen Zeit reden besser für den berühmten Strategen, als es Worte zu thun vermögen. Voll inniger Dankbarkeit, voll freudiger Bewunderung schlagen darum Aller Herzen für den greisen Feldherrn; möge es ihm noch recht lange vergönnt sein, an der Spitze des deutschen Heeres zum Ruhme Deutschlands weiter zu wirken.
Die Ansprachen, welche die Präsidenten der in Pesth versammelten ö ste rrei ch i sch -ungarischen Delegationen bei ihrem Empfange durch den Kaiser am vergangenen Donnerstag an den Kaiser gerichtet haben, sind von allgemeinerem Interesse. Der Präsident der österreichischen Delegation, Smolka, hob in seiner Ansprache die Bereitwilligkeit der Delegation hervor, die nöthigen Zugeständnisse für die Instandhaltung und Steigerung der Wehrfähigkeit und Schlagfertigkeit der Armee zu machen. Ludwig Tisza, der Präsident der ungarischen Delegation, sprach das Vertrauen aus, die Regierung werde verhindern, daß die Weiterentwickelung der Weltereigniffe eine für die österreichische Monarchie ungünstige Wendung nehme, daß die Negierung auch ferner bestrebt sein werde, das Gleichgewicht im Staatshaushalte ohne Erhöhung der Steuern herzustellen , was außer der wachsamen Fürsorge für die Monarchie das eigentliche Ziel für die Legislative und die Regierung bilde. Tisza betonte ferner mit warmen Worten die Treue der Ungarn, welche zu den weitgehendsten Opfern bereit seien, wenn die Vertheidigung des Thrones und des Vaterlandes dies erheischen sollte. — Die Gesammtsumme des durch die Ueberschwemmungen in Südtyrol verursachten Schadens beträgt 15 V2 Mill. Gulden; eingegangen sind bis jetzt ca. 250,000 Gulden, ausschließlich der vom Kaiser gespendeten Summe von 100,000 Gulden.
Aus dem unglücklichen Tyrol kommen neue Nachrichten von surchtbaren Überschwemmungen. Die unaushörlich niederstürzenden Wassermassen haben aufs Neue Flüsse und Bäche in reißende Ströme verwandelt und aus ihren Ufern gedrängt, und die während der ersten Uebersluthung mühsam errichteten provisorischen Schutzbauten vermögen dem Anprall der Wogen nicht zu widerstehen. Allem Anschein nach ist die Katastrophe noch verderblicher, als das kaum überstandene Unglück. Wie man weiß, hat die bisherige Schätzung den von der Ueberschwemmung angerichteten Schaden aus nahezu 16 Mill. Gulden, eine an sich und insbesondere mit Rücksicht aus die Armuth Tyrols enorme Summe veranschlagt. Welche Summe die neuerdings verwüsteten Werthe reprä- fentiren, entzieht sich vorläufig noch jeder Schätzung, allein, wenn man auch hoffen darf, daß die Katastrophe gegenwärtig ihren Höhepunkt überschritten hat, muß man sich auf neue riesige Einbußen am Volksvermögen und in Folge dessen auf noch unberechenbare wirtschaftliche Calamitäten gefaßt machen.
Die öffentliche Meinung in Frankreich beschäftigt sich noch immer vorzugsweise mit der anarchistischen Bewegung in Montceau-les-Mines und Den darüber der Regierung zugegangenen Enthüllungen. Die aus der Provinz in Paris einlaufenden Nachrichten nehmen einen mehr und mehr beunruhigenden Charakter an, die Dynamit-Attentate folgen sich häufiger, Angriffe auf Leben und Eigen- thum in den unruhigen Districten lind etwas Gewöhnliches geworden und sogar die Gerichtsverhandlungen in Chalons-sür-Saone gegen die anläßlich der Unruhen in Montceau-les-Mines Verhafteten sind vertagt worden, da den Geschworenen Drohbriefe zugegangen sind. Die französische Regierung selbst gesteht in ihren Organen zu, daß diese Vorgänge die öffentliche Meinung aufgeregt und daß jene von einer förmlichen Gesellschaft ausgehen, die ihre hauptsächlichsten Führer im Auslande habe. Die Regierung habe Beweise in Händen, daß über 20 anarchistische Cvmitös, welche ihre Parole von einem in Genf
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befindlichen Central-Comitö erhalten, über die hervorragendsten Jndustriebezirke Frankreichs zerstreut sind. Die Verhaftungen zahlreicher Personen, welche als die Urheber der Unruhen gelten, ist anscheinend gerade noch zu rechter Zeit erfolgt, um den Ausbruch einer allgemeinen socialistischen Bewegung in Frankreich zu verhindern. Hoffentlich gelingt es dem energischen Einschreiten Der Regierung, die Ordnung baldigst wieder herzustellen.
Die beiden Häuser des englischen Parlaments haben in vergangener Woche warme Dankesvoten an die Armee und Flotte für die in Egypten geleisteten Dienste angenommen, worauf sich das Oberhaus bis zum 10. November vertagte. Das Unterhaus trat am Mittwoch in die Debatte über dis Reform der Geschäftsordnung ein, doch dürften sich die Verhandlungen hierüber in die Länge ziehen, da sowohl die irischen Deputaten, als auch die Conservativen den von der Negierung eingebrachten hierauf bezüglichen Gesetzentwurf heftig bekämpfen.
Das Attentat auf König Milan von Serbien hat der serbischen Bevölkerung Gelegenheit gegeben, in stürmischer Weise ihre Anhänglichkeit an ihren Herrscher und dessen Haus zu beweisen. Selbst die Radikalen können sich dieser allgemeinen Strömung nicht entziehen; der Vorstand der radikalen Partei hatte beim Könige eine besondere Audienz, in welcher er demselben die Versicherung der Ergebenheit Der radikalen Partei überbrachte. Inwieweit diese Versicherung aufrichtig gemeint ist, mag dahingestellt bleiben; bekanntlich wurden die serbischen Radikalen mit dem Attentate in Verbindung gebracht, doch scheint es in der That, als ob letzterem weniger politische, als vielmehr persönliche Motive zu Grunde liegen.
Die Pforte hat einen ersten Schritt zur Ausführung der schon feit langer Zeit geplanten Reformen gethan. Nach einer Mittheilung des türkischen Regierungsblattes „Vakit" sind vom Sultan drei Commissionen mit der Ausarbeitung der wichtigsten Reformen beauftragt worden und beziehen sich diese Resoruien auf die Finanzen, auf das Justizwesen und auf das Gebiet des Ackerbaues und Handels.
In Egypten drohen plötzlich durch das Auftreten des sog. „falschen Propheten" neue Schwierigkeiten. Wer sich eigentlich unter dieser Maske verbirgt, ist noch unbekannt, aber Thatsache ist es, daß der falsche Prophet kurz vor Beginn des Aufstandes mit einer ansehnlichen Streitmacht im Sudan, der südlichsten, eigentlich mehr nominellen Provinz Egyptens, auftauchte und die ihm entgegengesandten egyptischen Truppen auf's Haupt schlug. Diese geheimnißvolle Persönlichkeit steht mit einem meist aus Schwarzen bestehenden Heere nur noch drei Tagemärsche von Khartum, Der Hauptstadt des Sudans. Die Regierung des Khedive ist in nicht geringer Verlegenheit, da sie dem „falschen Propheten" augenblicklich nich* genug Truppen entgegenwerfen kann. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Aufständischen versuchen werden, das Nilthal herab gegen Kairo vorzudringen, so daß die Engländer, wenn sie ihren „Freund", den Khedive, nicht im Stich lassen wollen, wohl helfend werden eingreifen müssen.
Deutschland.
Berlin, 28. Octbr. Die „Verl. Polit. Nachr." schreiben: Die diplomatische Behandlung Der egyptischen Frage gewinnt nachgerade den Charakter eines GedulDspieles, welches Die Aufmerksamkeit Der Betheiligten DauernD angespannt hielt, ohne aber um deswillen mißliebige Nebenempfindungen aufkommen zu lassen. Der Gleichmuth, den die Fachpolitiker so gut wie die Laien Dem egyptischen Problem bekunDen, entspringt eben dem Gefühl, daß Die Lösung desselben in bewährten Händen ruht unD einer Lösung entgegengeht, welche mehr oder minder alle Interessenten zufriedenstellen wird. Hinsichtlich dieses CarDinal- punktes scrupelsrei, überläßt es die öffentliche Meinung getrost den Staatsweisen der Mächte, die Früchte auf Dem Baume der Entschließungen Mr. Glad- stone's reifen zu lassen, auf daß sie Den eigenen Gönnern besser munDen.
In Berlin legt man nach wie vor Den höchsten Werth auf Die Pflege guter, ja bester Beziehungen zum Cabinet von St. James. Die Verwahrung Der „NorDD. Allg. Ztg." gegen Die Annahme, als wäre Der gegen EnglanD un- freunDliche Ton Der Leitartikel unD CorresponDenzen Der „Köln. Ztg." auf Das Vibriren einer gouvernementalen Saite zurückzuführen, i|t ein reDenDes, aber keineswegs Das alleinige Symptom Der Den Gang Der Deutschen Politik bestim- nienDen Inspirationen. Hoffentlich wirD Das Kommunique Des gouvernementalen Blattes seine Wirkung thun. Der Den Schluß Des Artikels bilDenDe Hinweis aus Den stabilen Charakter Der preußisch-Deutschen Politik legt einen parallelisirenDen Vergleich mit Der in Paris üblichen sprungweise, wiDerspruchs- vollen unD Deshalb unberechenbaren BehanDlmig Der internationalen Dinge nahe. Die Erkenntniß, Daß DeutschlanD einen ungleich machtvolleren, umsichtigeren unD zuverlässigeren Faktor in Den Berechnungen Der hohen Politik Darstellt, als Die französische Republik ist, noch jemals werben kann, roirö übrigens jenseits Des Kanals tagtäglich allgemeiner.
Hiesigen Orts hat Die Ansprache Kaisers Franz an Die PräpDenten Der österreichischen unD ungarischen Delegation Den besten EinDruck hervorgebracht. Angesehene Persönlichkeiten, Deren Competenz unD Legitimation zur Abgabe eines politischen Urtheils außer Frage steht, ibentificiren Die von Dem hohen VerbünDeten unD FrennDe Kaiser Wilhelms entwickelten leitenden Gesichtspunkte zur auswärtigen österreichischen Politik Punkt für Punkt mit Den am hiesigen Hofe gepflegten Anschauungen. Es gilt Dies besonDers von Der egyptischen Affaire, für Deren Definitive Austragung Das EinverstänDniß Der mitteleuropäischen Mächte HauptbeDingung ist.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.


