Nr. 271. Erstes Blatt. Sonntag dm 20. November
1881.
Kichener "Anzeiger
Anzkigk- und Jlmtslilatt für hcn Kreis Gießen.
Vurcau r Schul straße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag,-.
Preis vierteljährlich 2 War? 20 Pf. mit Bringer lohn.
Durch d»e Post bezogen vierteljährlich 2 JRa:? 50 Pt.
Amtlicher Hheil.
• Gefundene Gegenständer
1 Portemonnaie mit Inhalt, t Laterne, 1 Taschentuch, 1 Scholle, 1 blauleiüeue Schürze, 1 Pferdeteppich, mehrere Schlüssel. Gießen, den 19. November 1881. Großherzogliche Poltzeiverwaltung Gießen.
FreleniuS.
Berlin, 17. November. Wie wir hören, stand es brS zum letzten Augenblick fest, daß Se. Maj. der Kaiser in Person die Eröffnung deS Reichstage- vollziehen sollte. Wenn der Kaiser diese seine Absicht schließlich ausgeben mußte, so gejchah eS nicht etwa, weil ein ernstes Unwohlsein Se. Majestät dazu veranlaßte, sondern weil im Laufe b*s Vormittags so schlechte- Wetter eingetreten war, daß die Aerzte den Kaiser dringend baten, aus die ursprüngliche Absicht zu verzichten. Wer die immerhin unwirthlichen Räume des Schlöffe- kennt und weiß, wie sehr der Kaiser sür Erkältungen disponirt ist, wird diesen dringenden Rath der Aerzte und auch die Gründe, we-halb er befolgt worden, zu würdigen wissen.
Gegen 12 Uhr fuhr der Reichskanzler Fürst Bi-u'.arck in daS kaiserliche Palai-, woselbst er längere Zelt mit dem Kais«r conferirte. Es handelte sich hierbei offenbar um die Frage, in welcher Form die Thronrede zur Kenntntß gebracht werden sollte.
Neu ist jedenfalls die Form der Botschaft, welche gewählt wurde; aber gerade diese Form bringt es zum allerbestimmtesten Ausdruck, was Kaiser Wil- beim sagen wollte und zu sagen harte. Um eine persönliche Kundgebung des Kaisers handelte es sich, um die Constattrung der vollsten Harmonie zwisch:o dem Kaiser und dem Kanzler. Und zu d eser Harmonie paßt auch die Stelle der heutigen „Prov.-Eorresp.", an der es heißt:
„ES wiro sich nun darum handeln, ob sich in dem neuen Reichstag eine Mehrheit findet, welche bereit ist, die wrrgrrtfenbrn schwierigen Aufgaben, deren An'egvng der Kaiser sür seine Herrscherpflicht hielt, mit dem Kanzler in Angriff zu nehmen, oder ob dieser, und zugleich wohl der Kaiser, aus dieses letzt- schö-.e Ideal seines Lebens verzichten soll."
ES ergrebt sich h-erau- am besten da- Programm, welches die Regie- rongspolitik im Weiteren in's Auge gefaßt bat, indem unwiderleglich auS dieser Anschauung hervorgeht, daß zunächst b r Versuch gemacht werden soll, eine Majorität zur Durchführung dieser „»tirgreifenbtn schwierigen Aufgaben" zu bilden oder aber, wenn die- sich al- absclvt unmöglich erweisen sollte, einfach nur weiter zu verwalten.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'- telegr. Korrespondenz - Bureau.
Berlin, 18. November. Se. Maj. der Kaiser unternahm in der Mittagsstunde eine Spazierfahrt mb empfing am Nachmittag ben Carbinal Prinz Hohenlohe.
— Die „Nordb. Allg. Ztg." bezeichnet bie Melbungrn verschiebener Blätter, liberaler sowohl wie confervativer, als ob zwischen dem Kanzler unb bem Kaiser irgendwelche Differenzen bestanden hätten, welche erst durch wieder« holte Vorträge au-geglichen morgen wären, al- durchweg aus der Luft gegriffen. Der Kaiser habe mit dem Reichskanzler erwogen, welche Stellung angesichts deS auffälligen Wahlergebniffrs einzunehmen sein werde unb diese Erwägung habe ben Kaiser zu bem Beschlüsse geführt, bie Oppofit'on auf* zuforbern, baß sie nicht mehr nur negativ, sonbern auch positiv an der Lritung der Geschäft- sich betheiftge. Es werde bei diesem Versuche sich zeigen, ob bas Wahlergebniß ein Ausbrvck der Abneigung bcs Volkes gegen die socialen Reformen sei, zu btnen fich der Kaiser schon in verschiedenen Thronreden bekannt habe. Bestehe eine solche Abneigung, unb zwar bewußt unb dauernb, so bürsten weitere Schritte nach dem Grunbsatze, baß Wohlthaten nicht auf* gedrungen werben, unterbleiben. Die gleiche Erwägung gelte für bas Gebiet ber Zoll- unb Steuer-Gesetzgebung. Der Kaiser habe im Grunbe kein eigentliches Jntereffe an ber Frage, ob Schutzzoll ober Freihandel. Wenn bie Mehrheit ber Bevölkerung e- aber vorziehe, bie unabweisbaren Staatslasten direct aufzubringen, so würde sür Bedürfnißfälle eine Steigerung ber Em* kommen*, Claffen- und Gewerbesteuer ebenso wie bie Besteuerung bes Zabatä mit ober ohne Monopol in Vorschlag gebracht werben können.
— Einem Telegramm ber „Germania" aus Rom zufolge ist heute bie Ernennung Dr. Kopp's zum Bischof von Fulda erfolgt.
Baden-Baden, 18. Novbr. Nach dem heute Abend über das Befinden des GroßherzogS ausgegebenen Bulletin war die Temperatur, die heute Vormittag 36 Grad betrug, heute Nachmittag 36,7; tm Laufe des Ta-es hatte fich vermebrtes Nahrungsbedürfniß eingestellt. — Bei der in dem Befin- finden deS Großherzogs eingetretenen günstigen Wendung soll von jetzt ab nur ein Bulletin täglich ausgegeben werben.
Wien, 18. November. Die „Wiener Abendpost" constatirt mit Befriedigung den mächtigen Eindruck, den die Übereinstimmend als hochbedeutsam anerkannte Botschaft deS Kaisers Wilhelm allenthalben hervorgerufen habe. Dieser Eindruck finde feinen Widerhall in der ungeteilten Würdigung, welche
fast bie gefammte Presse ben in ber Thronrede entwickelten hohen wirtschast- ltchen unb gesellschaftlichen Aufgaben widme unb in ber Anerkennung, welche die Preffe ben in großen Eoncrptionen entrollten Ideen zolle. Selbstverständlich würben btefr Betrachtungen von bem Ausdrucke ber befriebigenbflen Genug- thuung begleitet, welche durch bie in ber Thronrebe enthaltenen Hinweise auf den eminent friedlichen Charakter der europäischen Lage unb auf die frieden- verheißenden und freundschaftlichen Bkziehungen zu ben Nachbarreichen überall erweckt worden fei.
Wien, 18. November. Die heutigen Morgenblätter besprechen die bet der Eröffnung des deutschen Reichstags verlesene Botschaft. Das „^nmbenblatt" findet in derselben Nichts, was von irgend einer Partei als eine ihr geGtachte Eoncession zu deuten märe. Aus ber Thronrede spreche die Ueberzeugung, daß die deutsche Nation in ihrer inneren Entwickelung an einem wichtigen Wendepunkt angelanat fei Die Friedensbotschaft der Thronrede werde überall aus daS Freudigste begrüßt werden, ganz besonders warm m Oesterreich-Ungarn, daS die Bemühungen Deutschlands auf Bewahrung des Friedens seit Jahren treu und rückhaftlos unterstütze. — Die „Preffe" sagt: Die Botschaft markirt in gewisser Weise das (Ende der Krisi«, mdem es die völlig' Ueber- einslimmung des Kaisers mit der gesammten inneren Politik deS Kanzlers kundgibt. Die Bedeutung der ernsten Friedensworte am Beg nn einer neuen Aera Frankreichs springt klar in die Augen. Niemals lauteten die deutschen Thronreden bezüglich des Dreikaiserbündnisses so zuversichtlich und bestimmt. — Die „Wiener Allg. Ztg." ersieht aus der kaiserlichen Botschaft, daß Fürst Bismarck neuerdings mit Energie, ja mit gesteigerter Begeisterung in ben Kampf sür seine ökonomischen Pläne einhet und bezeichnet den Passus über die auswärtigen Angelegenheiten als wohlthuend — Die „Neue Fr. Pr." sagt, die Thronrede ist ein Meisterstück in Form und Fassung, der feierliche Ernst derselben entspricht völlig dem großen Problem, die Thronrede wird ein denkwürdiges historisches Aktenstück bleiben, die Art, wie sie die Reformpläne unter die höhere Idee der allgemeinen Wohlfahrt rückt und über die getrübte Atmosphäre der Parteileidenschast hinwegbebt, wirkt versöhnender, als es durch irgend welche bt» ^wichtige, bt Phrase geschehen könnte. Wollen die Liberalen nicht einer unfruchtbaren Vereinigung geziehen werden, so müssen sie der genialen Initiative des Fürsten Bismarck folgen, denn die Entwürfe des Reichskanzlers haben mit überraschendem Scharfblick die wunden Stellen der heutigen Gesellschait berausgesunden. In den Worten: „Frei von reaktionären Hintergedanken" liegt eine frohe Verheißung. Die „Deutsche Zeitung" bezeichnet die Thronrede gleichfalls als eine Staatsschrift von sittlichem Ernste und historischer Bedeutung. Die Welt habe an die friedlichen Versicherungen Deutschlands zu glauben gelernt. Das „Neu- Wiener Tageblatt" sagt: Die kaiserliche Botschaft richtet sich auch an künftige Geschlechter, sie ist ein Vermächtmß des Kaiser; und des Fürsten Bismarck: sie enthält Glaubensartikels an denen die deutsche Polttik für ewige Zeiten festhalten soll. Die von so erhabene: Stelle vorgetragenen Principien müssen zündend auf Alle wirken, welche an die Ideale der Botschaft glauben. Friedensversicherungen in solenner Form wurden fast niemals ertheilt.
London, 18. November. Arn Mittwoch Abenb erschienen mehrere Individuen in bem Zweiapostamte in Hattongarden in Lonbon. brehten baselbst bas GaS ab unb bemächt gten fich ber Beutel mit eingeschriebenen Briefen, welche Diamanten von 80,000 Plb. Sterl., abresfirt an verschiebene Diaman- lenhänbler auf bem Fefilanbe, enthielten. Tie Diebe finb bis jetzt noch nicht entbeckk.
Paris, 18. November. AuS TumS wirb gemeibet: General Sausfier ist am 13. bs. in Tjelma, auf halbem Wege nach Gaffa, eingetroffen. Da von Seiten der Vorhut gemeibet war, daß Jnfuraenten in großer Zahl fich nach Süben zu flüchteten, so wurde Kavallerie unter bem General Bonie zu deren Verfolgung ab'esrnbt. Dieselbe holte bie Aufstänbischen ein, hieb viele derselben nieber unb nahm ihnen Alles ab, was sie mit fich führten, insbeson- bere zahlreiche Herden.
Konstantinopel, 18. Nvobr. Nach amtlicher Meldung werben bie von Mekka foa»menben Pilger in Elvebj einer ersten vierzehntägigen Quaran- taine, in Touz einer zehntägigen unb zwischen Beirut unb Smyrna einer brüten, ebenfalls zehntägigen Quarantaine unterzogen. — Die Pforte hat bem griechischen Gesandten eine Note zugehen lassen, in welcher ste die Schließung ber griechischen Postbureans in ber Türkei innerhalb 3 Tage verlangt, um ber Pforte bie peinliche Notwendigkeit zu ersparen, zu ZwangS- m:fregeln zu greifen wie solche von ben griechischen Behörden bei Schließung beS türkifchen Postamtes in Larrssr angewenbet wurden.
Vermischtes.
Lollar, 19. November. Gestern Abend 11 Uhr 35 9Sin. wurde hier ein 5 E-ecunden bauembn Erdstoß, rüttelnd, verspürt. Ist berselbe auderßwo auch deobachttt worden?
— In Wetzlar ist am 11. November mit dem Abbruch deb alten Gebäudes begonn'n worden, in welchem daS Reichskammergericht bis zu feinn Auslösung im Jahre 1806 leinen Sitz gehabt, und welches später viele Jahrzehnte hindurch einem Theile des 8. Iägerborarlons alS Kal'erne gevient bat. Der ziemlich ausgedehnte, mit zwei vorspringenden Flügeln versehene Bau enthält, namentlich in seinem Dachstuhl, eine bedeutende Waffe Holz, so daß allein mit Rücksicht hierauf der von den drei Unternehmern für das Gebäude gezahlle PreiS von 1300 JL als ein geringer erscheinen muß. Dieselben haben fich aber verpflichten müffen, etwa gefundene Alterthümer, Münzen :c. dem Fiscus abzuliefern. Die Fundamente des Bau's bleiben bestehen und auf ihnen wirb die Postverwaltung, welcher daS Gebäude seit einigen Jahren gehört, ein neues Postgebäude errichten laffeu.
Göttingen, 18. November. SS wttd beabfichtigt zu Ehren Theodor Müllers ein Stipendium zu gründen. Die Schüln desselben wnden gebeten, ihre Adreffe dem Sekretariate der Universität Göttingen einzusenden.


