Nr Zweites Blatt. Donncrstiig den 15. Deccmber 18NL
chießener Anzeiger
Am'P- uni Amtüblott für iirn Kreis Gieße«.
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Theater-Brande.
Nicht allein Wien, sondern die ganze c oillstrte Welt steht unter dem itraurnbahni Eindruck der Ringtheater-Katastrophe. An einem Ab-nd hat ein Un^lückSsall mehr Opfer geso beit, alS der mächtige Eisenbahnverkehr des R'icdrS 'n Jahresfrist; und waS das Schlimmste t l: Ä hnliche große Ul* glückssäüe duich Theaterbrand wie in Nizza und in Wien sind an vielen £)rlei viözlick wenn nicht schl untgst im Tbeaterbau «ine R form dntrht und sämmt- t ch. bestehenden Theater b ulich ündnberi weiden. Man n ird, um das Er diück.'n und Ersticken von Menschen Knäueln in gedeckten Treppenhäusern zu beseitigen, kaum rin andere- Mittel haben, als die Beseitigung dieser lugen Corritore und inneren Treppen; man wird zurück^re fen muffen zu den Ga.e« neu und Freitreppen deS Alterthums und sie ouS feuerfestem Material auf* führen.
Zunächst handelt eS sich natürlich um weitere präventive M^ßnahuien der Lichcrye.ispolüei, um die Feuergefährlichkeit zu icrmmbmi und bei auSge* brochemm F uer d e Möglichkeit eincs Unglücks zu verringern. Nach dem Brande uou Nsi-a- Musenteu pel wurde in große!, Städt n teroibntt, daß über dem Schnürboden ständig ein Waffer Reservoir gefüllt zu hallen und daß ein eiserner Vorhang anzubrmgen sei, welcher die Bühne vorn Zuscha.erraum abschließt. Ferner wurde die Feuerwehr veruärkt, es wurde die Anbringung von OellampkN ncbcn der Gaebcleuchtung angeordnet, damit bei G^Sexplosio. ne., nicht völlige Dankeloeit entstehe, die sämmtlichen Thüren wurden reoiblrt und |o grände t. daß sie nach Außen aufgehen, endlich die Errichtung von Nothausgäng'n angeordnrt. Alle diese A ordnungeu waren auch im Ring« thearrr geiroff.n, die Wiener Polizei war sogar verpflichtet zur Revision a(Ur Vorkehrungen. und zwar an jedem Abende vor der Vorstellung, aber l(e Theaierveiwaltung befolgte die Voischriflen nicht, die Pol zei revid rle nicht, und die Feuerw.hr, der eS oblag, das Waffer-R fervoir zu öffnen, den eisernen Vorhang herabzulaffeu floh bei dem Brande zurrst und setzte nicht einmal die telegraphisch mit dem Theater verbundene Lentralftatio i d S Löschweser.S durch ein kurzes Allarn signal in Kenntniß. Director und Rezifftur ociloren deraitig den Kops, daß sie nicht einmal daS Publikum von dem Brande in Kenntnch setzten und zum iuhlgen Verlaffen deS HauseS auffcrderien Nur dadurch nahm daS Unglück Io große Timei siouen an. W.nn man aber phänisch meint, eS fei eine solche „Loderigkeit" nur in Wien möglich, so ist damit nicht aus« geschloffen, daß auch anderwärts Kopflosigkeit und Verwirrung zu Unglücks« fällen führen.
Vorläufig stellt leider fest, daß die Technik und die Chemie nicht so zur Geltung gelangt find, speciell in der Theaterwiithschaft, wie sie es oeibtenen. Sy ginüzt z B. ein Tränken ber Leinwand (6tt Vorhängen, Couliffen, Vor- satzstückeu 2C.) mit wolframsaurem Natron, um jede glamue unmöglich zu machen und nur em langsames Glimmen zu erzeugen, wenn eine Stichflamme damit getränkte Stoffe trifft; ebenso schützend ist em Ueberzug mit Wasserglas Es flieht aber kein Theater, keinen Circus in Deutschland, der diese Mittel anwendete, ja nicht einmal Tänzerinnen, die ihre Garderobe „feuersicher" machen. Es wäre Pflicht der Polizei, eine bezügliche Verordnung zu erlassen, denn waS nützt die Wiffenschaft, wenn sie aus Dummhe.t zurückgewiesen, aus Schlendrian nicht angewandt wird ? Es ist ferner, so lange rs Theaterbiände gab, 6tL nr.t, daß steiS zurrst der Schnürboden in vollen Flammen steht, und zrar aus dem einfachen Grunde, totil da oben düneö Holz, ölige Hanfstricke und Zwischenvorhänge auS Mull und Gaze den herrlichsten Zunder und denk« bar feuergefährlichsten Plunder bilden. Nichts ist leichter, als die Stricke durch Dralhseile, die Holz- durch Eisen-Constructon zu ersetzen, aber eö scheint dazu ein gesetzlicher Zwang „verordnet" werden zu muffen.
Zn den verschiedenen Ländern find die Polizeiverordnuogen höchst verschieden; am besten ist in Frankreich vorzesorgt, wo die Ueberfüllung der Theater verboten ist, breite Treppenhäuser und im Parquet breite Durch- gänze bestehen. Der schreckliche Unglücksfall in Wien mahnt daran, nicht allein die besten Bestimmungen der bestehenden Verordnungen zu verein gen, sondern auch in Rücksicht auf die Sicherheit von Hunderttausenden, welche die Schaubühne lieben, sich die neuesten Ecsahrunzen der Technik und Wiffenschaft bei dem Bau, der Construct'on der Theater, sowie hinsichtlich der Ausstattung zu Nutze zu machrn. Nur dann wird man mit Seelenruhe im Theater fitzen können. _______________________
Episoden auS dem IkingtheaterrBrande.
Qincm glücklichen Zufall« danken die Damen Iona unv Stahl, Mitglieder des Ring. theaterS, ihre LebrnSrettung. Die bilden Sängerinnen, tu in der Oper „Hoffmann s Erzäh« lunqen" Hauptrollen langen, waren eben mtt ihrer Toilette für tu Bübne beschäftigt. Schon ganz entkleidet, bemerkten sie in ihrer Garderobe, daß daS SaS plötzlich mrrllich schwächer brenne. Fräulem Stahl wollte die Thür öffnen, um zu veranlassen, daß daS Gas wutri aufgedreht werde, aber in di.stm Augenblicke vernahm sie tie Worte: brennt, rettet euch:"
B'oS mit einem leichten Tricot bekleidet und barfuß, verUrßen die beiden Damen du Garderobe und eilten über die Treppln hinab. Im ersten Stockwerk angelangr, erlo ch plötz- l-.ch das Gaslicht. Run tappten sie längs der Wand die Treppe hinab und kamen an eine Bretterthür, an welcher sie heftig pochten. ES vergingen einige bange Minuten ; endlich meldete Irch Jemand und rief, «r werde gleich den Gchlüffrl zur Tbür bringen und diese öffnen. Als Der Schlüssel sich im Schlöffe befand, brach er ab und die Thür konnte nicht geöffnet werden. Augenblicke der Todesangst und der Verzweiflung traten ein. Endlich hörten sie von außen wieder Stimmen, die Stimmen ihrer Verwandten und Freunde, welche gekommen waren, um sie zu retten. Auf das energische Verlangen dersrlbm wurde von einigen PompierS die Thür
emgerannt und die Damen befreit. Man lieh ihnen »leider und sie konnten das brennende HauS unversehrt verlaffen.
E'gl.uend ,st die Erzählung eine« Herrn Deiches. Er war mit seiner Frau unv seiner kleinen Towre-r auf der zweiten Gallerte des Hause«. Als ker erste geuerlärm ertönte, nahm er da« Kind in d e Arme und eilte mit demselben die Teeppen hinab. In der Verwirrung und Vestürzuna war seine Gattin oben zurückgeblieben. BU Herr Deiches du« bemerkte, setzt« <T da« Kind nieder und wollte wieder zurück In da« brennende Hau-, um seine Gattin aus d'mir den zu boUn. Auf der Gallert? angelong', erblickte er seine Frau ; ober In diesem Momente ver löschte da« Gaslicht Trotzdem gelang e« dem Ehepaar, über die Treppe unversehrt allerdings in steter Gefahr, erkrückt zu werden, schwebend, hinab zu gelangen. Unten fanden die Eheleute auch ihr Ätnb wieder.
Unter den G-reitetrn befand sich auch ein junger vonkbeamter ). 6., fwelcher einen Sitz im dritten Stocke genommen batte. Auf dem Wege in« Theater aufgehalt,n, kam er noch seiner Arsicht ziemlich spät dahin. In dem Augenvircke, al« er zur Garderobe trat, um sei, en Oberrock abjukgen, stürmten mehrere Menschen von der Gallerte herab. Er ging den« selben Wea hinauf und traf tm zw-iten Stock auf ein Mädchen welche« jammernd rief: .Trogen Sie mich, ich kann nicht we ter !* Mechanisch hob er sie empor und da inzwischen dos Licht erloichen war, tappte er, do« Mädchen in den Armen, in brr Dunkelheit weiter. Die er auf die Gaffe gekommen, weiß er nicht; nur erinnert er sich, im ersten Stock rin Latem,nlicht erblickt zu bad,n. Unten angekommm strmme'.te da« Märchen: „Vater! Vater!" E« batte noch bu Gr'st-egegenwart. dem jungen Manne seinen Semen zu lagen; und der Retter eilte murhig zurück, und im Gedränge fand er b<n Vater er« Mädchens, den er zu frirer Tochter führte. Du Scene des Wiederseher.« läßt sich nicht beschreiben.
Ter Solin des Schauipielei« Snaack reitete sich durch emm Sprung vom Balkon so glücklich, daß er ohne jede Beschädigung davonkam.
Vom zweiten Stocke de« brennenden Theater« sprang ein jueger Mann, um sich zu reiten, in das Parterre unv zwar unglücklicher Weise auf tun Kopf einer Frau; er kam mit dem Leden d->von; über da« Schicksal der Frau hat man nickt« erfahren.
Lokale».
Gieren, 14. Dezbr. (Schwurgerickt«verbandlung am 13. Dezbr. 1H81.) I gegen Johanne« Bach I. von Ober-Le men wegen Verbrechen« tm Amte.
Denelbe wir ongeklagt: Daß er am 14. Jule 1681 a ti ttonholeur der Gemeinde, Einn-bmen von Oder-Se-men al« Beamter, innerhalb seiner Zuständigkeit eine rechtlich «rh«tz. licke Thatiache in da« öffentliche Eonirolregister in der Absicht, sich oder einem Anderen einen Dermögenövorrbeil zu vetschaffen, vorsätzlich falsch eingetragen bade.
Die Geschworenen bi lien sich von der Schuld de« Angeklagten ober nicht überzeugt und sprachen daher das „Richlschuldig" au«, worauf derselbe von Strafe und Kosten frei- gesprochen wurde.
II. egen Heinrich Eichenauer von Landenhausen wegen Verbrechen gegen die Sittlichkeit.
Derselbe wurde für schuldig erachtet und in eine Zuchthau«strofe von drei Jahren ver- urtheUt, ihm auch die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von drei Jahren aberkannt.
Gießen, H.Terember. vorn Mains?) wird der „Köln. Ztg." über unsere Universität geschrieben Im Eroßherzoatbum Heffen wird seit einiger Zeit in Wort und Schrift ein Kampf gefübrt. der seine En'stedung dem schwerwiegenden Umstande verdankt, daß die E^istenz zweier Hock'chulen (ber Universität Gießen und der techni'chen Hochschule zu Darmstadt) dem Grcßberzogihum bedeutende, ja, kaum zu ertragende sinanzulle Lasten auferlegt. Die Existenz, berecktigunq der feit 1607 blühenden Universität Gießen mit jetzt 462 Hörern kann, wenn e« sich vm ein Entweder — Oder handeln sollte, neben der erst wenige Jahre bestehenden und etwa em halbe« Hundert Sludirenden zählenden technischen Hochschule gar nicht in Frage ge« zogen werden und sie wird e« auch nickt; es dreht sick mithin nur um da« Polytechnikum und auch bleie Frage, bu Polytechnikurnhirrge, würde kaum mit so viel Eifer erörteit werben' wem n'ckt bu Universität Gi'ßrn wäre unb G'eßen nickt in Oberheffen läge, da« Poly.'eckntku« aber in Darmstadt, Provinz Starkenburg, gegründet wäre, so gesellt sich zur Polytechnikum«^ fra.e ein a ter .Antaaonitmus" zwilchen Süd und Nord. Bi«her hat sich bet dem edlen Wettstreite sowohl Gießen al« Darmstadt wohl befunden; der Landesherr, seine Negierung und die Bolktvertretuna haben da« Licht auf beiden Seiten angemeffen zu verthttlen gewußt, unb wir sink der Meinung, man solle in der augenblicklichen Lage überhaupt Line grundsätzlichen Entscheidungen fasten; aber wie dem auch sei, — die Universität Gießen hat mit der Polytechnikums frage an sich gor nickt« zu tbun; e« erscheint al« eine durchaus verfehlte Beweis« führung. wenn zu Gunsten de« Polyteckk-ikums auf tie angebliche Kostspieligkeit der Universität hingewtesen wird; dock wir wollen uns beute nicht weiter mit jenem Kampfe beschäftigen sondern den Zustand der Universität in Betrachtung riehen. Es sind zur Zeit alle Lehrstühle der AcxdemiA Ludovicixn» besetzt, zum großen TheU mit Lehrkräften, die erst innerhalb der letzten 6 ob.r 7 Jahren von anderen Hochschulen hierher berufen wurden, alle Fächer de« aeademilchen Studium« sind vertreten, und nicht« bindert, baß jede« akademische Studium hier vollendet werbe Ein monumentaler, würdiger Bau, besten Eröffnung im Sommer 1880 bei regle, er de Großberzog selbst mitfeierte, umfaßt bie geräumigen Höriäle ber Theologen, Juristen Historiker, Philologen unb Philosophen, außerdem da« pbysikali'che Institut mit feinen reichen Pertinenzien, da« mineralogische Eabinet, bie archäologische Sammlung, in welcher sich nun auch Abgüsse der Funde von Olympia und Pergamum oesinden, da« Forstinstitut, das phar- macoloa-icke und das landwirthschaftliche Institut. (Als eine Eigenthümlichkeit ber Gießener Universität mag hier erwähnt werden, baß während ber beiden ersten Jahrhunderte de« Be- gebens derselben die meisten Profestore« ibre Bildn:ste — große, vielfach sehr gut gemalte Oelbilder — der Hochschule stifteten, nun zieren diese »alten Herren" die Wände mehrerer Hörsale.) Die dem medicinlschen Studium dienenden Anstalten und Institute find in den letzten drei Jahren durchweg bedeutend vergrößert und nach allen Richtungm zeitgemäß verbestnt worden, unb noch stehen wir nicht am Ende ber in dieser Richtung wirksam wohlthätigen Reueinrichtungen. Im laufenden Semester zählt die Universität 462 Hörer (gegen 420 de« vorigen Semester«), davon sind 433 immatrieulirte Studenten , von dielen find 51 evangelische Theologen (gegen 41 des vor-Semester«), 77 Juristen (77), 71 Mediciner (60), 37 Forst- Eanditaten 32). 22 Ctud.renbe der Thterarzneikunde, die übrigen beschäftigen sich mit den verschiedenen pH losopbii'chen Discipltnen.
SehlflTsberlcht. MitgetheiU von dem Agenten des norddeutschen Lloyd in Bremen, E- W. Dietz Nachfolger in Gießen.
Sreraen, 11. Dezember. (Per transatlantischen Telegraph.j Der Postdampfer Main, Envt. I. Barre, vom Norddeutschen Aoyb in Bremen, welcher am 27. November von Bremen unb am 30. November von Southampton abgrgangen war, ist gestern 6 Uhr Morgen« wohlbehalten in Newyork angekommen.
'StiiiKifcfjc /jaitÖefe=StfHife (JJenjionat) in Marktbreit a. Main. — Die Reisezeugniffe berechtigen zum einjährig-fteiwilliaen Dienste. — Beständige Aufsicht; mäßiges Honorar. (938


