Abg. Dr. Reichensperger (Grefelb) — gegen die Vorlage — rekapitulirt zunächst die seitherigen Verhandlungen über diesen Gegenstand. Er persönlich habe auch heute noch die Meinung, daß der kleine Königsplatz sich am besten für den Bau des Reichstagsgebäudes eigene. Er würde auf feine Meinung kein so großes Gewicht legen, wenn nicht zugleich die allergrößten Autoritäten für diesen Platz eingetreten wären- Redner verliest die bezüglichen gutachtlichen Aeußerungen namhafter Autoritäten aus dem Baufache und schließt daran die Bitte, die Sache sich noch einmal zu überlegen und nicht über's Knie zu brechen. Die Mangel des oorgesch agenen Bauplatzes feien nicht zu beseitigen, man könne dort kein Monumentalgebäude errichten. Der Reichstag befinde sich in diesem Gebäude ganz wohl, und es sei fraglich, ob der Reichstag sich in einem palastähnlichen Gebäude so gemüthlich fühlen werde. Die alte Porzellan Manufaktur biete noch Raum genug für Zukunftsträume. Jedenfalls lägen Gründe genug dafür vor, die Sache nicht zu überstürzen- Aber was bürge denn dafür, daß der Reichstag überhaupt in Berlin verbleibt. (Oho!) Der Reichskanzler habe zweimal seine Ansicht dahin ausgesprochen, daß die Verlegung des Reichstagssitzes nach einer Prooinzialstadt in seinen Plänen liege. Die Reichsverfassung liehe dem nicht entgegen- Man müsse doch auch an die kommende Zeit denken. Wer garantire dann dem Reichstag dafür, daß niemals eine Zeit, wie die von 1848 über uns hereinbrechen kann- Jedenfalls sei in solchen Zeiten der Wunsch sehr gerechtfertigt, den Reichstag nicht in einer stark bevölkerten Stadt tagen zu lassen. Redner beantragt die Verweisung der Vorlage an eine Kommission von 14 Mitgliedern.
Abg. Gerwig (Baden) hält die Ausführungen der Vorlage nicht im Interesse der Sache und der Nation. Er bittet einen definitiven Beschluß zu fassen und dem Reichstag endlich ein der deutschen Nation würdiges Gebäude zu schaffen. Der kleine Königsplatz fei nun einmal nicht zu haben, es bleibe also nichts weiter übrig, als zu den alten Vorschlägen zurückzukehren. Was den von dem Vorredner bemängelten Baustil betrifft, spricht Redner feine Meinung dahin aus, daß man die künstlerische Ausführung des Baues den Architekten überlassen könne; ein nationaler Bau müsse ein Haus seiner Zeit sein. Er b tte, heute einen festen Beschluß zu fassen oder den Antrag definitiv abzulehnen. Redner schlägt folgenden Zusatz vor: den Präfidenien und 7 Mitglieder für die in Aussicht zu nehmende Kommission zu ernennen, die mit Hinzuziehung von Technikern den Plan für das Reichstagsgebäude feftzust eilen habe.
Abg. Marcart erklärt sich als Gegner der Vorlage.
Abg. Frhr. v. Staufenberg: Es handele sich nicht um einige Toilettenzimmer, sondern die Absicht, die dem G:danken zu Grunde liegt, fei die Absicht, ein monumentales Gebäude zum Zeichen und zur Erinnerung an die Einiguni der deutschen Stämme und der deutschen Nation. (Beifall links.) Das sei der Gesichtspunkt gewesen und an diesem Gesichtspunkte halte er noch heute fest. Deshalb komme es ihm auch gar nicht darauf an, in welchem Zustande sich das alte Gebäude befindet. Es märe für ihn ein beschämendes Gefühl, wenn der Reichstag in dieser Frage heute wiederum zu einem negativen Resultate gelangte.
Abg. v Ludwig. Der gegenwärtige Zeitpunkt wäre zum Bau eines Reichstagsgebäudes außerordentlich schlecht gewählt, man müsse erst zu einer inneren Einigkeit im Reiche gelangen; jetzt aber, wo die Staatskutsche bald nach rechts, bald nach links geht, sei zu wünschen, daß der Bau unterbleibt.
Abg. Perrot Die Ausführungen des Abg. Reichensperger hätten auf ihn einen guten Eindruck gemacht, namenilich auch derjenige Theil, welcher sich auf die finanzielle Seite der vorliegenden Frage bezieht. So lange das Reich Jahr aus Jahr ein Anleihen machen müsse, halte er den Zeitpunkt nicht für geeignet, Monumentalbauten auszuführen
Abg Windhorst hält für nothwendig, die anderen Pläne eingehend zu prüfen. Er sehe keinen Grund ein, weshalb man von dem gewöhnlichen Gang der Verhandlungen abweichen wolle, und deshalb empfehle er den Antrag auf Verweisung an eine Kommission. Er fürchte sonst, daß der Reichstag die Raschheit seiner Entschließungen einmal beklagen könnte.
Staatssecretär v. Bötticher: Der Abg. Reichensperger habe heute feinen neuen Gesichtspunkt aufgestellt. Im Jahre 1879 habe sich der Standpunkt des Herrn Reichensperger rechtfertigen lassen, heute lägen die Fragen aber anders. Der kleine Königsplatz sei nickt zu erwerben- Die ganzen Anlagen am Königsplatz mit Einschluß des Theiles der Alsenbrücke sei ein Plan des hochseligen Königs Friedrich Wilhelm IV., und habe man es nickt für angezeigt erachtet, diesen Plan durch eimm Monumental- Bau zu zerstören. Die Regierung sei trotz allem Kopfzerbrechen nicht in der Lage, einen anderen Platz in Vorschlag zu bringen. Es handele sich vorläufig nur um die Feststellung des Bauplatzes alles Uebrige soll der zu ernennenden Commission und dem Reichstage selbst überlassen bleiben; die innere Einrichtung, die Art und Weise des Baues, die Ausführung, die Ausschmückung, das Alles seien Fragen, welche erst in der Zukunst ihre Erledigung finden sollen. Er bitte deßhalb, dem Anträge zuzusttmmen.
Die Diskussion wird geschlossen.
Persönlich erklärt Abg. Hartmann (kons.), daß er und ein Thcil seiner politischen Freunde für den Antrag stimmen würden.
Bei der Abstimmung wird der Antrag Reickensperger auf Commissionsberathung abgelehnt, der der Regierungsvorlage mit dem Zusatzantrag Gerwig mit großer Majorität angenommen. (Dafür stimmte auch der größte Theil d^s Centrums.)
Nächste Sitzung Donnerstag 12 Uhr. Tagesordnung: Interpellation Hertling, Anträge und Wahlprüfungen.
Schluß 4 Uhr.
Telkgraphische Depeschen.
Wolff'- telegr. Correspondenz > Bureau.
Konstantinopel, 13. Decbr. Nach amtlicher Meldung aus El Vedj vom 8. ds. sind in den letzten 10 Tagen von 3340 Pilgern 45 gestorben, davon 21 an der Cholera. Nachrichten aus Mekka vom 26. Novbr. zufolge waren dort in den letzten 3 Tagen 19 Cholerafälle vorgekommen, von denen 7 tödtlick verliefen; aus Djeddah werden unterm 28 Novbr. 3 Todesfälle an der Cholera gemeldet.
Kastel, 13. December. Der CommunaULandtag genehmigte heute da- Entlaflungsgeiuch des Landes-Directors von BffchofShaujen.
München, 13. December. Bet den heutigen Ergäuzungs Dahlen zum Gemetnderatye siegte d e katholisch. conservatwe Partei in 9 von 10 Bezirken mit 18 Bevollmächtigten gegen 2 Liberale.
Wien, 13. December. Die Souterrain Lokalitäten und Kellerräume des RingtheaterS wurden heute Vormittag von einer Commission untersucht imb vollständig erhalten gesunden Der mittlere Paiquetraum und das Orche- ster find eingestürzt. Im Keller sind keine Leichen vo gefunden. BiS beute Vormitiag 11 U-?r sind weitere 50 Anmeldungen Vermißter widerrufe'', dnge- gen «st cv 'statirt worden, dch thalsächlich vermißte, in Theatxr gewesene Per- jenen in die Liste der Vermißten noch nicht ausgenommen waren.
Rom, 13. December. In der Deputirtenkamm?r fra.te Zeffari an, ob der Minister des Auswärtigen, Mancim, anläßlich des Theaterbra'-des in Wien dem Schmerze Italiens Ausdruck gegeben habe. Dieser Schmerz sei um so lebhafter, als die Wiener Bevölkerung jüngst Beweise h.rzlicher Sympathie für den König und die Königin gegeben habe. Manc'm erwiderte, G af Ro bilant sei beauftragt worden, dem Schmerze des König« und der Königin in geeignetster Weise Ausdruck zu geebn. Italiener seien bei dem Brande nicht verunglückt.
Lokales.
Gießen. 14. December. (Sterblichkeit in Gießen.j Im Laufe der Woche vom 4 bis 10. December stieg d'e Zahl der Todesfälle wieder auf 14. Unter den Gestorbenen befanden sich 8 Kinder. Von diesen hatten 3 das erste Lebensjahr noch nicht zurück^clegt und flarb von ihnen je eins an Gehirnentzündung, Darmentzündung, Ordern Der Snmmritze. Bei den 5 älteren Kindern war 4mal Diphtherie und Inial Gehirnentzündung die Todesursache. Don den erwachsenen Personen starb je eine an Lungenschwindsucht, Schlagfluß, einge'l-mmtem Bruch Tuberkulose der Gedärme, Nieienentzundung. Ein von auswärts hierher gebrachter Mann, welcher in seiner H-imath einen Selbstmordversuch gemacht hatte, erlag seinen Wunden. g,
— Unsere Hochschule besuchen in diesem Wintersemester 433 Studirende. Es widmen sich der Theologie 51, der Rechtswissenschaft -77, der Medicin 71, Thierheilkunde 22, Zahn- heilkunde 1, Cameralwissenschaft 6, Forstwissenschaft 37, class. Philologie 36, neueren Philologie 27, Philosophie und Naturwissenschaften 24, Geschichte 10, Pharmacie 15 und Chemie 19 Personen. Von diesen 433 Studirenden sind 348 Hessen und 85 Nichthessen. Außer diesen Studirenden besuchen noch Vorlesungen nicht immatriculirte Hörer 29, sodaß im Ganzen 462 Personen die Vorlesungen besuchen. Die Frequenz gegen das Sommersemester erhöhte sich um 32 Studirende.
Kiesten, 14. December. Am Montag den 12. December Abends fand eine freie Versammlung der kirchlichen Gemeindevertretung in der Herberge zur Heimath statt. Gegenstand der Tagesordnung war die kirchliche Armenpflege. Herr Pfarrer Dr. Naumann gab einen historischen Ueberblick über die Entwicklung dec kirchlichen Armenpflege im Großherzogthum und schloß seinen Vortrag mit der Darlegung des gegenwärtigen Zustandes derselben, den Mitteln, welche ihr zur Disposition stehen, und der sittlichen und religiösen Aufgabe, welche dadurch zu lösen ist. An der daran sich schließenden lebhaften Discussion betheitigten sich vornehmlich die Herren Landgerichtsrath Wiener, Oberförster Georgi, Staabsquartiermeifter Kalbfleisch, Pfarrer Schlossers Bürgermeister Bramm, PoUzei- Commissär Fresenius, Bauunternehmer Koch. In folge der Erklärung des Herrn Bürgermeisters Bramm, daß eine Neuorganisation der bürgerlichen Armenpflege beoorstehe, wurde beschlossen, erst diese abzuwarten, ehe man mit der kirchlichen Armenpflege feste Pläne entwerfe; jedenfalls aber wurde in Aussicht genommen, die kirchliche Gemeindevertretung zu einer persönlichen Betheiligung bei derselben anzugehen, und die Bezirke der Stadt in kleine Unterabtheilungen zu theilen, welche alsdann leichter und sicherer überwacht werden könnten. Nicht mit Geldmitteln und Gaben allein müsse geholfen werden, sondern auch mit Arbeitsleistung, besonders seitens der Frauen. In vielen Fällen seien persönliche BenrüHungen um die Kranken und Armen von weit größerer Bedeutung und Wirksamkeit, als pecunäre Beihülfen; und es seien manche Mitglieder der Gemeinde wohl im Stande durch ihre Arbeit zu helfen, welche nicht so situirt wären, um erhebliche Geld opfer zu bringen. -- Die nächste Versammlung der kirchlichen Gemeindevertretung soll im Februar stattfinden und derselben das Resultat der Verhandlungen und Bemühungen um die kirchliche Armenpflege vorgelegt werden.
— Ein weiteres Referat über die Versammlung am Montag Abend in Wenzel's Garten wurde uns kurz vor Schluß des Blattes zugestcllt und erscheint dasselbe morgen.
Handel und Verkehr.
Frankfurt a. ®t„ den 14. Dezbr., Nachmittags 2 Uhr — Mm. (Telegr. CourSbericht MitgethM durch das Bankgeschäft Albert Kaufmann in Gießen.) Credtt« actien 3121/«, Staatsb.-Acfien 2871/«, Galizier 2673/8, Oest. Silberrente 663/4, 4% Ungar. Goldrente 77%, 4% 1880er Russen 73u/16, 2. Orient-Anleihe 59Vg, 5% Rumänisch« Rente 891/2, Lombarden 133.
Kirchliche Antigen dcr rväng. Grineindr Glichen.
Donnerstag den 13. Dezember, Abends 6 Uhr:
Im Saale des Gymnasium-: Bibel Stunde.
Pfarrer Schlosser.
Der thörichte Reiche. Luc. 12, 16—21. Der reiche Mann. Luc. 19, 19—31.
Allgemeiner
Anzeiger.
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Renten u. Lebensversicherurrgs Anstalt zu Darmstadt.
Von Heut? ab bis Ende December werden die Renten an jedem Dienstag, Donnerstag und Samstag Vormittags von S —12 und Nachmittags von 2—41 Uhr in meiner Wohnung (neue Bahnhofstraße) gegen Einhändigung der 1881er Coupons ausbezahlt.
Die Rentenbezugsberechtigten, welche mir nicht bekannt find, haben ihre Coupons auf der Rückseite mit den Lebens- und Aufenthalts-Attesten versehen zulasten; auch können Nachzahlungen geleistet werden.
Gießen, im Dezember 1881.
Der Bevollmächtigte: I. PH. Müller.
Das Einrahmen von Bildern und Spiegeln wird bei mir schön besorgt.
7981) L. Schmitt, Glaser, Kanzleiberg.


