Kann der Handwerker höhere SchulbUdung brauchen?
Keine öffentliche Anstalt kann sich rühmen, das Interesse des Volkes in allen, den obersten wie den untersten, Schichten fort und so für sich in Anspruch zu nehmen, als die Schule. Es ist ja auch nichts natürlicher, als daß man in einem gebildeten Volke, bei welchem die Erkenntniß: „Bildung ist Macht!" und „Was bildend, ijt nützlich!" in die weitesten Kreise gedrungen ist, mit Ernst und unermüdlich und unter vielseitigem Meinungsaustausch die Zweckmäßigkeit derjenigen Anstalt bespricht, welche zum allergrößten Theil jenes Gut allgemeiner Bildung vermittelt. „Nicht für die Schule, sondern für das Leben", ist eine der vielgehörten Forderungen, mit welcher die wissenschaftliche Erziehungs- und Unterrichtslehre zugleich auch den tiefgehendsten Wünschen des Publikums e>nen treffenden Ausdruck gegeben hat. Und doch erweist sich dieses Streben der Schule, die Schüler brauchbar und tüchttg für das künftige Berufs-, Gesellschaftsund Gemeindeleben zu machen, gegenüber den Ansprüchen des Publikums als unzulänglich. Den Einen leistet sie zu wenig, den Anderen zu viel, Vielen auch beides zugleich, natürlich in verschiedenerlei Beziehungen. Mit Kopfschütteln oder offenem Widerspruch suät man die Fächer, welche die moderne Schule in den Unterrichtsplan eingeführt hat, zu verdächtigen oder zu beseitigen, wenn man die Macht dazu hat. Sehr häufig gipfeln und basiren zugleich alle diese Einwände in dem Dogma: „Das haben wir früher auch nicht gelernt^ und nicht ohne stolzes Selbstgefühl setzt man dazu: — „und wir sind auch keine dummev Kerls geworden". Da treibt man jetzt, so heißt es wohl, Physik in der Schule und schafft theure Apparate für zeitraubende Experimente an und wenn's dazu kommt, vermag ein Bursche, der diesen Unterricht genossen hat, nicht einmal einen Blitzableiter zu untersuchen oder eine Gasuhr zu repariren In der Naturgeschichte zählt man mit Hülfe der Lupe die Staubfäden und weiß doch später nicht einmal, woraus die Jutegardinen der Wohnstube gewebt sind. In der Geographie spricht man ein Langes und Brettes über Flüsse und Seen, über Gebirge und Klima, über Weiße und Schwarze, und doch weiß der gelehrte Schüler nicht einmal schnell zu sagen, wo Apolda liegt, woher der Vater doch so viel Waaren bezieht, oder er weiß nicht, wo die größten Srrohhutfabrtken sind. In der Geschichte hören die Kinder jetzt sogar auch von den alten Griechen und Römern und später wird doch mancher von den jetzt durch die Geschichte begeisterten Knaben ein Socialdemokrat. Aus dem Rechnen bringt der Knabe ellenlange (Stempel mit nach Hause und doch vermag er nicht einen einfachen Kostenanschlag zu machen. Oft hat sich das arme Kind mit Beschreibungen und Schilderungen aller Art abgemüht, hin und wieder auch einen Brief gefertigt und doch stellt es sich später noch herzlich ungeschickt, wenn es einen einfachen Geschäftsbrief schreiben soll. Der Knabe hat in der Geometrie mit Hilfe von Zirkel und Lineal Linien. Winkel und Figuren verschiedenster Art zeichnen und conftruiren, er hat selbst den Inhalt verschiedener Körper berechnen gelernt, und doch muß er auch erst lernen, wie ein Ofenrohr zugeschnitten wird. Das Mädchen hat im Freihandzeichnen schöne Ornamente gezeichnet und doch kann sie nicht das Muster zur Stickerei auf Papa's Reisetasche selbst entwerfen u. s. w. — Wer nicht glauben will, daß diese und ähnliche Vorwürfe seitens des Handwerkerstandes gegen die moderne Schule geschleudert werden, dem möchte man wünschen, einmal den auf die Schule bezüglichen Wirthshausgesprächcn zu lauschen oder als unbemerkter Zeuge den Schulausschußsitzungen beizuwohnen. Sehr oft kann man bei dieser Gelegenheit das Urtheil hören, daß die Schüler von heutzutage gar nicht mehr praktisch, vielmehr ungeschickt, zerfahren, naseweis, eingebildet wären. Und doch uergißt man zum großen Theile, wie ungeschickt man in demselben Alter zu jeglicher eigentlicher Berufsarbeit gewesen ist und daß es einem doch recht oft sauer genug geworden ist, sich emporzuarbeiten, daß man wiederholt die Unzulänglichkeit der früher erworbenen Schulkenntnisse gegenüber dem zum materiellen Wohlbefinden nvth- wendigen Vorwärtsstreben erkannt und bedauer hat. Derselbe Vater, der mit der Handschrift seines Sohnes so außerordentlich unzufrieden ist. würde sich beschämt fühlen, wenn ihm seine eigene Handschrift aus dem entsprechenden Lebensalter vorgehalten werden könnte. Ferner ist immer sestzuhalten, daß die allgemeine Volksschule eben keine Berufsschule für Kaufleute oder für Klempner u. s. w. ist, sondern daß in ihr der Schüler nur das Maß allgemeiner Bild, ng erhalten kann, welches ihn befähigt, einen bürgerlichen Beruf mii Vortheil zu ergreifen. Die besond ren Fertigkeiten jedes einzelnen Berufes müssen besonders g lernt und geübt werden. Daß sich dabei ein mit vorzüglichen Schulkenntnissen ausgestattetcr Knabe oft recht linkisch anstellen mag, wer wollte das bezweifeln, gehört doch bekanntlich zu den mechanischen Fertigkeiten eine besondere Beanlagung, die nicht immer sich mit geistiger Fähigkeit paart.
Hält es nun schon schwer, vielen Handwerkern gegenüber die sogenannten neuen Fächer der Volksschule siegreich zu vertheidigen, so wird man die Erfahrung machen, daß ihnen die Bildung, welche eine von den der Bürgerschule zunächststehenden höheren Schulen gewährt, für einen Handwerker geradezu schädlich erscheint. In verschärfter Weise wiederholt man hier die oben angeführten Vorwürfe. Namentlich erscheint ihnen der Unterricht in fremden Sprachen als den Zwecken und Vorbedingungen des Handwerks vollständigzuwiderlaufend. Man sagt, daß durch einen derartigen Unterricht das Interesse des Knaben vom Einheimischen weg und auf das Fremde hin, vom ruhigen Prüfen des Nahen zum ziellosen Schweifen in die F rne geleitet werde. Dazu werde
auch durch die Aufnahme eines so massenhaften Memorierstoffes das Gedächtniß des Schülers überladen und seine Thatkraft geschwächt. Wenn nur wenigstens das Erlernen des Französischen und Englischen etwas nütze und für einen Handwerker praktisch nutz, bar werden könnte.
Abgesehen baoon, daß die Erlernung fremder sprachen das Gedächtniß in ausgezeichneter Weife übt und stärkt, „Witz und Scharfsinn, Phantasie und Verstand hebt und Sinn für Gutes und Schönes weckt und durch die Nöthigung zu Ausdauer und Beharrlichkeit die Willenskraft stählt" — also gewiß Vor. ge, die auch das Handwerk fördern können — so haben sich doch mit den Zeiten auch derer, praktische Anforderungen gesteigert. Das Zeitalter der Dampfkraft hat nicht nur das äußere Antlitz der Erde es hat auch den innersten Character der Menschheit, wie ihres Thuns und Treibens' ihres Handels und Verkehrs und vor allen Dingen auch ihrer Industrie vollständig umgewandelt. Die Erweiterung des internationalen Verkehrs, dessen Maschen täglich weiter noch mußten gesponnen und nach innen immer dichter werden, nöthigt die Völker und damit auch den Einzelnen in ausgedehnterem Maße als früher, die Mittel gegenseitiger Verständigung zu pflegen. Man wende nicht ein, daß den Verkehr nut dem Auslande der Kaufmann zu besorgen habe, welcher ja zu diesem Zwecke die nöthige englische und französische Correspondenz erlerne. Bei der Unmittelbarkeit des heutigen großen Verkehrs würde ein Industrieller sehr oft mit großem Vortheil direct mit einem fremdländischen Abnehmer verkehren kön"en, wenn er der betreffenden Sprache nur einigermaßen mächtig wäre. Anstatt dessen streicht der vermittelnde Kaufmann für leichte Mühe bedeutenden Gewinn ein. Aber auch in anderer Weise kann die Erlernung fremder Sprachen (englisch und französisch) dem Handwerker außerordentlich nützlich werden, indem ihm dadurch die Werkstätten jener Nationen erschlossen werden, die in seinem Berufszweige Hervorragendes leisten. In dieser Beziehung ist dem geistreichen Philosophen Hippel unbedingt zuzustimmen, wenn er sagt: „Viele Sprachen sind viele Creditbriefe, zeige sie vor und Du bist überall willkommen." Dem einfachen Arbeiter in der Blouse stehen die Werkstätten des gewerblichen England offen; aber er kann sich nur dann in Besitz der fremdländischen Vortheile setzen, wenn er der Sprache des betreffenden Volkes mächtig ist. Nach Jahren tüchtiger Arbeit in der Fremde, wird er dann in die Heimath zurückkehren, nicht mehr befangen von heimischen Vorurtheilen die sich ausnahmslos gegen alles Fremde wenden. Und tbut es unsrer Industrie die sich ja zu einer respectablen Höhe emporgeschwungen hat, nicht Noth. daß sie im Wettkampfe mit anderen Industriestaaten fort und fort nach Vervollkommnung strebt und daher die Vortheile und Vorzüge letzterer kennen lernt und sich anzueignen sucht ? Angesichts dieser Vortheile, welche eine höhere Schulbildung auch dem Handwerk gewährt, kann wohl getrost behauptet werden, daß dieselbe das Handwerk nicht hemmt, daß sie vielmehr im Stande ist, dasselbe zu beben und zu fördern. cl.
Verwischtes.
Zur Nachachtung für Alle, die als Zeuge, Geschworene oder Sachverständige vor Gericht citirt werden, thetlt die „Berl. Gertcktsztg." den nachstehenden Fall mit: Einer unserer Mitbürger war kurz vor Pfingsten als Zeuge geladen und jandte am Tage vor oem Termin die Mittheilung an's Gericht, daß er krank sei und daher nicht kommen könne. Da die Krankheit nicht bescheinigt war. wurde er in die Kosten des Termins und in eine Ordnungsstrafe von 30 genommen. Es drohte ihm aber eine noch schwerere Strafe aus § 138 des
Strafgesetzbuchs, den wir hiermit Allen in's Gedächtniß zurückrufen wollen. Darnach wird nämlich Derjenige, der, als Zeuge, Geschworener oder Sachverständiger berufen, eine Unwahr- heit als Entschuldigung vorschützt, mit Gefängniß bis zu zwei Monaten bestraft. Die Geld, strafe ist also ausgeschlossen. Ein Widersacher des oben erwähnten ManneS hat nun die Anzeige gemacht, daß Jener gar nicht krank war, sondern sich am Ternunstage bei einer Landvartbie beteiligt hat.
— [folgen des Aergers bei Kanarienvögeln). Ein Gerichtsvollzieher in Bnlin pfändete unter Zuziehung des Gläubigers bei einem Schuldner vierzehn Kanarienvögel mitsammt den Käfigen. Als der Gerichtsvollzieher einige Tage später die gepfändeten Vögel abholen will sitzen vierzehn Sperrlinge in den Käfigen. „Wo sind die Kanarienvögel?" ist die erste Fcage des Gerichtsvollziehers. „Die sind ja da", antwortete der Schuldner; „kann ick denn davor daß die Bande vor Aerger grau geworden; wenn ick eenen Gerichtsvollzieher sehe, kriege ich ooch graue Haare" Dem Gerichtsvollzieher gelang es nicht, den Verbleib der gelbgefiederten Sänger zu ermitteln; zu einer Anzeige bei der Behörde kam es nicht, denn Kläger und Beklagter hatten sich inzwischen geeinigt.
— Heber das Eisenbahn-Unglück in Mexiko werden aus Newyork folgende Einzelheiten gemeldet: Das Unglück ereignete sich am 24. ds. am späten Nachmittag. Die Brücke, welche einstürzte, war durch die jüngsten Ueberschwemmungen geschwächt worden, und gab in Folge besten dem Druck des Bahnzuges nach. Auf demselben befand sich das 3. Jnfantene-Bataillon. Dem Zuge waren Waggons angehängt, welche mit Fässern Alcohol beloben waren, der beim Einsturz in Brand geriete Dreizehn Offiziere und 192 Gemeine wurden entweder durch den Sturz auf der Stelle qetödtct, oder ertranken nachher; fünfzig andere trugen mchr oder weniger ernstliche Verletzungen davon. Der Lokomotivführer und der Httzer befinden sich unter den Getöbteten. Der Zug selber verbrannte gänzlich. Wie verlautet, wußte man, daß die Brücke nicht im besten Zustande war. Die Eisenbahn war erst am 18 ds. eröffnet worden.
Allgemeiner Anzeiger.
Dienstag den 5. Juli d. I.,
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Flur
Nr.
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Nr. 222
I
223
Flur
Nr.
331
Grobherzogliches Ortsgericht Gießen. q r. k » # ; « «
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als:
295,35 — 663 lll Meter Grab garten am untersten Riegelpfad,
— 13 Klftr. Hvfratthe in dem Katharinengäßchen, — 10 Klftr. Grabgarten daselbst,
Dienstag den 5. Juli d. I., Nachmittags 3 Uhr, sollen die Immobilien des Georg Franz und Wilhelm Kalderlah, als:
Nachmittags 3 Uhr, werden die zum Nachlaß des Heinrich Wetßgerber m Gießen gehörenden Immobilien,
9qr 571 -300^Mtr.Wohn- ^°'361 Haus daselbst, 294,6 - 75 0 3J2tr. Grab
garten daselbst einer freiwilligen Versteigerung ausgesetzt. Gießen, den 28. Juni 1881.
(Srnfcbmoal. Ortsaerickt Gießen.
— 2 Klftr.Hofraum,Miststätte daselbst, öffentlich fteiwillig versteigert werden. Gießen, den 28. Juni 1881.
Mobiliar Versteigerung.
Montag den 4. und Dienstag den 5. Juli,
Mittags 2 Uhr,
werden im Hause des Herrn Fr. Müller II. am Wallthor, gegenüber dem Cas6 Leib, folgende Gegenstände gegen Baarzahlung versteigert:
eine Causeuse mit sechs gepolsterten Stühlen, zwei Sessel, mehrere Sopha's, Stühle, ein Ausziehtisch, Damen-Schreibtisch, ovale und andere Tische, zwei Chiffonier's, tannene ein» und zweithürige Kleiderschränke, Nußbaum-Bettstellen, Waschkommode mit Marmoraufsatz, ein großer Pfeilerspiegel mit Trümeaux und weißer Marmorplatte, ovale und andere Spiegel, Regulator, Kommoden, Consolschränkcheu, Brandkiste, ein vollständiges Kinderbett, Küchenschrank rc., sowie sehr feine, wenig getragene Herren- und Frauen-Kleider, sehr gutes Weißzeug, Betten, Kupfergeschlrr, Waschkessel, Bügelofen mit Plättchen, ein großer Mörser, Bilder, Nähmaschine, Einmachbüchsen, 1 Pianino rc.
Sämmtliche Gegenstände sind sehr gut erhalten und können am Montag, Vormittags von 10 Uhr an, eingesehen werden.
Bemerkt wird noch, daß die Möbel am Dienstag zur Versteigerung kommen.
Gießen, den 28. Juni 1881.
4405)Hoffmann, Ortsgerichtsmann.
Ich empfehle: % und 12/4 Rein Leinen in allen Qualitäten, weißen Pique, Damaste, Flockpique, Chiffons, Madapolams, ferner große Auswahl in Taßeltüchern, Tischtüchern, Servietten, Handtüchern, abgepaßt sowie im Stück, zu den billigsten Preisen.
Anfertigung u. prompteste Lieferung ganzer Ausstattungen. 4399) JP. HoSberfj, Kirchenplatz.
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§ Vorzüglichste Kindernahrulrg. 8
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