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-rr. 124. Mittwoch den 1. Juni 1881

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Bureau r Schulstraße B. 18.

AMU- und Amtsblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag».

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Ps. mit vringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pj.

Amtlicher Theil.

Betreffend: Ausbruch der Wuthkrankhett unter den Hunden.

Bekanntmachung.

Die von uns unterm 2. März L I. verfügte Hundesperre bleibt bis auf weiteres bestehen, da am 30. März I. I. ein wiederholter Fall von Hundswuth dahier vorgekommen ist, wobei der betreffende Hund frei umher gelaufen war.

Gießen, am 30. Mai 1881. GroßherzoglicheS KretSamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Deutschland.

Darmsstadt, 30. Mai. Se. König!. Hoheit der Großherzog und die Großherzogltche Familie beziehen im Laufe deS heutigen Nachmittags daS Hoflager in Kranlchstein.

Se. König!. Hoheit werden Mittwochs und Samstags. Vormittags von 10 Uhr ab. im N«uen Palms Audienzen ertheilen, sowie Meldungen und Vorträge entgegennehmen.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 21. Mai 1881 den Revisions-Coiittoleur bei dem Hauptsteueramte Mainz Wilhelm Neuling bis zur Wiederherstellung seiner Gesundheit in den Ruhestand zu versetzen;

an demselben Tage den Oberförster a. D. Adalbert Preuschen von Beffungcn, den Finanzaccesfisten Georg Seip von Darmstadr, den Finanz- afpiranirn Wilhelm Bastert aus Lauterbach zu Ministerialcalculatoren zweiter Elasse bei der Buchhaltung des Ministeriums der Finanzen, sowie den Finanz- Aspiranten Friedrich Martin aus Beffungen zum A.fistenten bei der Haupt- stempelverwaltU7g zu ernennen.

Berlin, 29. Mai. Nach dcm jetzt festgestelltcn amtlichen Wahlergebntß erhielten bei der Reichstagswahl in dem Wahlkreis Rinteln-Hofgeismar-Wols- hagen Senator Schläger (nat.-llb.) 4044, Lehrer Liebe,mar.n (Fottschr.) 3098 und Rittergutsbesitzer von der MalSburg (conf.) 2451 Stimmen; mithin ist engere Wahl zwischen Schläger und Liebermann nöthig.

Leipzig, 28. Mai. Dem WienerFremdenblattt" entnehmen wir: Die bnden Socialistenführer Bebel und Liebknecht haben ihre Habseligkeiten verkauft und verlassen in den nächsten Tagen Deutschland, um sich in der Schweiz anzusiedeln.

Schweiz.

Bern, 26. Mai. In einer kürzlich zu Gens abgehaltenen Sitzung der Friedens- und Freiheitsliga hat dieselbe den Erlaß einer Ädieffe an das fran­zösische und italienische Volk beschlossen, welche beide Völker auffordert, ihren Groll wegen der tunesischen Frage zu vergessen.Italiener, Franzosen", schließt die Adresse,ihr seid von dir gleichen R^ce, der gleichen C'vilisation, Söhne der gleichen Mutter: der Revo ution ! Darum vergeßt weder eure Vergangenheit noch eure Zukunft; unterstützt euch gegenseitig mu der Erinne­rung an daS Eine und der Hoffnung aus das Andere, um die Hindernisse der Gegenwart zu überwinden." A

Dorcestkrn ist d'e Züricher Pet'tion gegen die Abhaltung des pro- jectirtcn socialißischei' Weltcongresses in Zürich um dortigen Rezierurgspräfi- denten in 7 Quartbänden, welche im Ganzen 30 552 Unterschriften enthalten, Übergeber, worden. Dre gesammelten Unterschriften machiN nicht weniger als 41,60 pCt. aller Stimmberechtigten des CantonS Zürich aus, mit welcher Stimmenzahl im Durchschnitt bei den Volksabstimmungen das Steuergesetz. das Strafgesetzbuch, die Gotthardbahn Subvention u. s. w. Annahme fanden. Von den 199 Gemeinden des Eamons find nur 16 nicht vertreten. Sollte ttotz dieser Kundgebung der Congrcß in Scene gesetzt werden, so können seine Teilnehmer sich vielleicht aus blutige Köpfe gefaßt machen.

AranLreich.

Paris, 29. Mai. In den Gefechten vom 25. und 26. Mai mit den Kbruunrs haben die französischen Truppen dem F inde bedeutende Ve.lufte bei- gebracht, während sie selbst nur 9 Verwundete aus ihrer Seite angeben. Der Widerstand der Korumirs wird schwächer. Die französischen Truppen leiden jetzt unter der starken Hitze, die auf 38 Eentizrad im Schatten stieg; es kom­men viele Fälle typhösen Fiebers vor.

Nußland.

Petersburg, 25. Mai. Die jüdische Deputation, welche vorgestern in Galschina vom Kaiser empfangen wurde, bestand aus folgenden Personen: Baron Günzburg, Ä. I. Sack, A. I. Passower, E. B. Bank und G-M. Berl.n. Der Verlauf der Audienz ist bekannt. Zu der Judenhktze veröffentlicht die conservative und streng evangelische deutsche .,St. Petersburger Zeitung" ein Eingesandtvon einem Christen", dem wir die folgenden treffende Bemer­kungen entnehmen:

Als vollkommen Unparteiischer, soweit es möglich ist, für baS Recht nicht Partei zu ergreifen, möchte ich nämlich jene obscönen Publicisten, die ihre Ansichten durch bissige, persönliche Angriffe vertheidigen, fragen, ob fie

wohl eine Idee davon haben, wie viel jene geschmähten Juden, deren Einige sie glaubten an den Pranger der Oeffentlichkeit stellen zu müssen, für daS Wohl Rußlands gethan haben? Nicht etwa nur für die jüdischen Gemein­den, die jüdischen Schulen, die jüdischen Asyle, nein ick meine, für rein christliche Anstalten, ost für fpeciell christliche Zwecke, für den Bau von Kirchen und Schulen, für Armenhäuser und WohllhätigkeitS-Anstalten, für daS Rothe Kreuz und das G^fängniß'Comtts, für U berschwemmte und Abgebrannte, ohne Ansehen der Confession! Und wie dankt ihnen das fcanb ? Nicht allein mit Spott und Hohn, mit Fluch und Verachtung lohnt eS ihnen, nein auch an Hab' und Gut, an Leib und Leben bedroht es sie! Freilich doch! Haben sie doch Reichthümer gesammelt, die Ändere zu sammeln nicht verstanden, haben sie doch Schätze gesunden, die Andere nicht entdecken konnten, haben sie doch Wege gebahnt, die für Andere verschlossen blieben. Da steckt schließlich die eigentliche Spitze des DolcheS, den man dem Juden aus die Brust setzt: reich ist er geworden! Man haßt eben, wen man beneidet! Nun aber frage ich, wie stünde eS denn, wenn der Jude nicht reich geworden wäre? Ganz abgesehen von den Tausenden, die arm und mühseligim Staube der Straße" dahinziehen und kaum das tägliche Brod verdienen, nie stünde es beim, wenn der praktische und intelligente Jude sich nicht des Han­dels und der Industrie bemächtigt und fie auf einen relativen Höhepunkt ge­bracht hätte? Stünde es bann wirklich besser um bic Andern? Würdet Ihr Anderen es besser haben, mehr verdienen? DaS Gesetz legt doch nicht Euch, sondern gerade dem Juden Hmdernisse in den Weg! Er über­windet fie, Ihr aber ja warum schlaft denn Ihr, statt Euch zu rühreir, ihm den Weg zu verlegen?! Ihr seid doch die Mehrzahl, die Geschützten, die Bevorzugten, ja selbst die Reicheren, denn Ihr selbst sagt es ja, der Jude beginnt arm und werde dennoch schnell reich. Auch hierauf habt Ihr eine Antwort:Der Jude scheue kein Mittel, um zu verdienen, er sei gewissenlos, darum könne man mit ihm nicht concurriren!" O, Ihr Tugendhelden! O, Ihr Splitterrichter! Ich habe bis jetzt' in den schlimmsten Judenfeinden nichts weniger als die moralischsten und gewiffenszartesten Seelen gesunden. Scheut Ihr denn die schlechten Mittel, wenn Ihr fie kennt und e- veisteht, sie obre Gefahr" zu b nutzen? Ist Euer Gewissen rein und vorwrlfssrei in Ge­schäft und Verkehr, in Amt und Stellung? O nicht doch! Aber an Jntelli- genz, an Arbeitskraft und Arbeitslust, an Ausdauer fehlt es Euch, und daß der Jude diese Eigenschaften besitzt und Euch dadurch überflügelt, wurmt Euch. Seid doch froh, daß er für Euch mit denkt, und wenn er auS den Quellen des Landes, au- Handel und Industrie Reichthümer zieht, fo vergeßt nicht, daß die Reichthümer dem Lande bleiben und ihm zu Gute kommen, Euch auch, jedem Einzelnen im Kleinen, dem Ganzen aber im Großen! Hieraus wofrrn ick n cht Unrecht habe folgt. daß es nicht um em Haar besser um Rußland stünde, wenn fein Jude darin existirte, kein Juce reich wäre. Schlech'er vielmebr stünde es um Land und Leute; denn der Jude hat neben seinen unleugbaren National fehlem auch seine National tu gen den, und dazu gehört nächst seinem Sinne für die Familie, den fern Volk in diesem Maße besitzt, in erster Reihe fein WohlthätigkeüSfinn. Der Jude thut wohl im Kleinen, wie im Großen, und über das ganze Land hin kann man die Spuren davon sehen. Wäre der Jude nicht reich, Ändere wären trotzdem Nicht wohlhabender, als fie es eben durch eigene Kraft werden konnten (eher haben Concurrenz und Vorb ld ihren Eifer gespornt), dem Armen dagegen ginge v.rloren, was der wohlhabende, was der reiche Jude spendet, und ich uünschte nur, es ließe sich eine Statistik darüber zusammenßelleti, wieviel das ist; d>e Welt würde staunen! Thut aber der Jude nach Eurer Meinung zu viel für die Seintgen (wem naren d'e Seinigen nicht die Nächsten!) nun so macht ihn zu dem Eurigen mb er wird mit Herz und Gefühl thun, W3? er jetzt auS Wohlthätigkeitssinn thut, Ihr Alle werter ihm dieSeintgen" fein 1 .... Gebe man mir zu, dcß der Jude Handel und Industrie gehoben bat, fo will ich ja meinerseits auch gerne zugiben, daß er mit Wucher und Schacher dem Lande schade; ob aber ver Christ weniger als der Jude, ba» bliebe doch noch zu beweisen. Möge man dagegen Ge­setze schaffen, rigorofe Gesetze, aber keine Gesetze gegen Juden, sondern gegen alle Heber tretet der Vorschriften des Rechtes und der MorU. Es gtebr deren genug auch unter uns Christen.__________________________________

Lelrgraphisqr Depeschen.

Wolff's telegr.

Berlin, 30. Mai. Der Reichstag erledigte heute die erste Lesung der beiden Zolltarif-Novellen über der. Mehlzoll und den Traubenzoll und d e