wunderlichsten Vorstellungen, Ideen und Plänen erzählen können, denen sich Eltern in Bezug auf die Zukunft ihrer Kinder hingeben. Da möchte der eine seinen Sohn einst im Ruhme des Gelehrten strahlen sehen, der andere will auch irgend „ein höheres Wesen" aus ihm machen; bei den meisten aber wird, laut ausgesprochen oder still gedacht, der Gedanke an äußere Vortheile, wie an den „fixen" Gehakt, die sorgenfreie Stellung, das hohe Ansehen u. s. w. die eigentliche Triebfeder sein, welche den Jungen gerade in diese Laufbahn hineindrängt.
Die unteren Elasten werden ohne weiteren Unfall absoloirt, wenngleich der in der Volksschule durchaus nicht dumme Fritz hier sich trotz allen Fleißes gar nicht so heroorthun will oder besser — nicht kann. Die vielen Vocabeln, noch dazu in mehrerlei Sprachen, die Regeln und Ausnahmen, die Lehrsätze und Beweise — sie gehen dem armen Jungen bald genug rote ein Mühlrad im Kopfe um und um. Hat ihm schon bei den lateinischen Exercitien oft genug der Kopf gebrummt, so beißt er noch verlegener und verzroeifelter bei der griechischen Grammatik oder den verzwickten Con- structionen der Geometrie in Fingernägel und Federhalter. Wie froh ist aber der arme Junge, wenn er in den großen Ferien sich öfters verstohlener Weise in die Werkstätte des Nachbar Mechanikus schleichen und dott den Gehilfen in die Finger gucken kann, um dann zu Hause aus einer Uhrfeder eine Säge, mit Hilfe ausgehöhlter Hollunderröhren einen Springbrunnen u. s. w. herzustellen.
Da kommt wieder einmal das verhängnisvolle Osterexamen. Fritz kennt sein Schicksal; denn der Herr Director hat bereits dem Vater den guten Rath gegeben, seinen Sohn lieber einem bürgerlichen Berufe zuzuführen. Alle stolzen Hoffnungen sollen nun mit einem Male zu Grunde gehen? Was werden die Nachbarn sagen, die so schon die Köpfe schütteln, daß der Junge durchaus etwas „Apartes" werden sollte? Der Vater würde es weit weniger für ein Unglück halten, daß er nun doch „blos" einen Handwerker, wenn auch einen geschickten, aus seinem Fritz machen soll, wenn er wüßte, wie groß die Zahl der geistigen Proletarier ist, der Männer, die so viele Jahre auf den lateinischen Bänken ihre deutschen Hosen durchgesessen und die sich doch ihr Brod nicht oder nur ungenügend verdienen können, oder die ein hohes Ziel nur mit siechem Leide erreicht haben. Oder er frage bei Eisenbahn- und Postbehörden, bei Justizämtern und Privatkanzleien nach, ob sie Noth haben an Nachwuchs für ihre Beamten. Oder er frage einen Schulmann nach den materiellen Vottheilen seines Berufes — und er wird sich trösten können, daß sein Sohn sich wieder vom Roß der Musen herabgeschwungen hat.
Möchte doch jeder gute Vater, bevor er den wichtigen, folgenschweren Entschluß saßt, seinen Sohn einmal die Laufbahn des Gelehrten, des höheren Beamten u. s. f. betreten zu lassen, recht ernstlich mit sich zu Rathe gehen und die Rathschläge verständiger, einsichtiger Männer, die Meinung des Lehrers, der doch das Können und Vermögen des Knaben am Besten kennt, hören- Braucht denn nicht gerade der Handwerkerstand intelligente, denkende Köpfe? Sollen nur geistige Krüppel den Hammer schwingen und das Wmkelmaß führen, sollen nur beschränkte Querköpfe hinter dem Pfluge gehen, den Kaiser und Könige zu ehren wußten? Wenn Deutschland auf dem Weltmarkt nicht beschämt zurückstehen will in dem großen Wettkampfe der Nationen, so muß sein Gewervestand zahlreich und gebildet sein. Dann wird das Handwerk wieder seinen goldenen Boden, „Bürger" und „Meister" ihren alten guten Klang wieder erlangen. Keineswegs wollten wir durch diese Ausführungen jedem weniger bemittelten Vater abrathen, seinen Sohn auf jene Laufbahn zu stellen, welche für den Unbemittelten nicht blos mühevoll, sondern auch entbehrungsreich ist. Ist der Junge ein vorzüglicher begabter Kopf, dann in Gottes Namen! Gott wird weiter helfen- Trifft aber diese Voraussetzung nicht zu oder wird die schwache Körper- ober Willenskraft voraussichtlich nicht den frühen Kämpfen um die Existenz gewachsen sein, so gehört der Knabe nicht in das Gymnasium. Eine gute Bürgerschule, eine gewerbliche Fortbildungsschule oder eine Realschule II. Ordnung, welch letztere namentlich der Hebung des mittleren Bürgerstandes bienen soll, werben ihn für einen bürgerlichen Beruf trefflich vorbereiten. Aus dem von einem tüchtigen Meister gut angeleiteten unb streng gehaltenen Lehrlinge wirb ein strebsamer Geselle unb enblich ein tüchtiger, geachteter Meister, ben mancher Stubirte, mancher Schulmann, mancher Beamte um fein gutes Auskommen unb um seine unabhängige Stellung beneiben wird. ___
Vermischtes.
Friedberg, 24. März. Auf die an den Kaiser gerichtete Immediateingabe, die Stadt Friedberg als Garnisonplatz für das neu zu errichtende Bataillon des 116. Infanterie-Regiments zu bestimmen, ist seitens des Kriegsministeriums in Berlin eine Antwort eingelaufen, die dahin lautet, „daß dem beregten Gesuch gegenwärtig nach Lage der in Betracht kommenden Umstände wettere Folge nicht gegeben werden kann."
Crefeld, 22. März. Von einem hiesigen Bankhause wurde laut der „Cref. Ztg." am Freitag ein falscher Fünfmarkschein angehalten und der Polizeibehörde überwiesen. Derselbe ist vom 11. Juli 1874 datirt und sehr mangelhaft nachgemacht. Die Farbe desselben ist ein intensives, mehr in's Grünliche übergehendes Blau, ebenso ist der Druck der Worte Retchskassenschelne", „Fünf Mark", „Berlin, 11. Jult 1874", namentlich aber des Wortes ^Reichssch'ulden-Verwaltung" ein überaus schlechter, von denjenigen der echten sehr verschiedener. Die auf den echten angebrachten Arabesken u. s. w. sind auf dem Falsificate in ganz verschwommener Weise dargestellt und die am Fuße der Scheine angebrachte Strafandrohung: „Wer Reichskaffenscheine nachahmt" u. s. w. nickt wie bet den echten Scheinen in gleicher Farbe wie der Schein selbst, sondern durch schlechten Druck in schwarzer Farbe ausgeführt. Endlich ist die Breite des falschen Scheines eine etwas geringere als die der echten.
Kempen, 19. März. Das hiesige Kreisblatt schreibt: In Hinsbeck wurde ein Schmuggler getödtet, einer an der Hand verwundet und zwei gefangen. Die Grenzaufseher
hatten, als den Haltrufen keine Folge geleistet wurde, geschoßen, welches der erstere, ein 25jähriger Mann, mit dem Leben büßen mußte.
Bern, 19. März. Auf die Nachricht, daß eine größere Anzahl der im Gotthard- Tunnel beschäftigten Arbeiter an der sogenannten Minenkrankheit (Blutarmuth) darnieder- licge, hat der Bundesrath in seiner heutigen Sitzung das eidgenössische Post- und Eisenbahn- Departement, sowie daS eidgenössische Departement des Innern beauftragt, hierüber eine nähere Untersuchung anzustellen und an ihn Bericht zu erstatten. Nach dem Luzerner Tageblatt hat übrigens Herr Tunnel-Jnspcctor Kaufmann schon in Bezug hierauf die beruhigende Erklärung abgegeben, daß, was italienische Blätter letzter Zeit von einer unter den Tunnelarbeitern herrschenden Krankheit berichten, auf großer Uebertreibung beruht; freilich kämen unter den Gotthardtunnel-Arbeitern leider mehr Erkrankungen und Sterbefälle vor, als dies bei anderen Arbeitsverhältnisien der Fall sei; im Ganzen genommen sei aber ihr Gesundheitszustand auch jetzt ein angemessen normaler. Hoffentlich wird die vom Bunvesrath angeordnete Untersuchung dies bestätigen. Was die Hitze im Gotthardtunnel betrifft, gibt Herr Tunnel-Jnspector Kaufmann zu, daß dieselbe noch immer die nämliche ist wie vor dem Durchschlag des Gotthard- Tunnels, jedoch hätten sich seither die Respirationsverhältniffe im Innern des Tunnels bedeutend bester gestaltet.
— sAuch ein Programm.] In diesem Augenblicke, in dem alle Welt von dem Nihilismus spricht, ist es vielleicht nicht unintercstant, eines Verses Erwähnung zu thun, den ein Deutscher — der übrigens ebenfalls in der Verbannung lebt — im Jahre 1868 dem Russen Bakunin gewidmet hat, dem Begründer der nihilistischen Partei, der sich damals in Genf auf- htelt. Hier ist das kleine Albumblatt, das jener Deutsche in der That Bakunin zugestellt hat;
„Wir wollen uns in Schnaps berauschen, Wir wollen unsere Weiber tauschen, Und abgeschafft sei Mein und Dein! Wir wollen uns mit Talg beschmieren Und nackt im Sonnenschein spazieren, Wir wollen freie Rusten sein!"
Münster, 20. März. Als verbürgt wird der „Wests. Prov.-Ztg." folgender Vorfall mitgetheilt: Der Inhaber einer hiesigen flotten Restauration hat seinen nicht unerheblichen Bedarf an Cigarren schon seit einer Reibe von Jahren von ein und derselben auswärtigen Cigarrenfabrik bezogen, die, wie er glaubte, ihn stets auf das Reellste bedient habe. Als neulich wieder eine an den Reisenden der Firma bestellte Sendung von 5000 Stück eingetroffen war, ereignete es sich, daß ein Zehntel-Kistchen (100 Stück, von seinem Platze fiel und der Inhalt ausgeschüttet wurde. Ein Familienmitglied des Restaurateurs sammelte die Cigarren wieder ein und zählte dabei unwillkürlich die einzelnen Stücke nach; die letzte Cigarre ergab aber erst die Zahl 90. Es wurde ein Jrrthum angenommen und noch einmal gezählt, aber nur 90, nicht ein Stück mehr, waren vorhanden. Die Sache kam dem schnell herbetgerufenen Restaurateur doch etwas sonderbar vor, sogleich wurde eine größere Anzahl von Kistchen derselben Sendung herbeigeschafft, sie wurden alle geöffnet, der Inhalt durchgezählt, und siehe da, es ergab sich, daß jedes anstatt 100 Cigarren deren nur 90 enthielt. Die Kistchen, die ganz darnach gefertigt waren, daß sie eben 90, nicht aber 100 Stück der Cigarren aufnehmen konnten, waren übrigens gleich groß, so daß an der ihm berechneten Sendung von 5000 Stück nicht weniger als 500 Stück fehlten I Früher hatte er den Inhalt der Kistchen niemals nachgezählt.
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