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Nr. 119. Mittwoch den 26. Mai 1889.

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Amtlicher HHeil.

Gießen, am 22. Mai 1880.

Betreffend: Statistische Nachweisungen über das Volksschulwesen.

Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Wir erwarten die Einsendung der noch rückständigen Berichte in rubrtctrtem Betreff, cf. Nr. 96 dieses Blattes, unfehlbar innerhalb 8 Tagen.

Dr. Boekmann.

Wie erwirbt und erhält man Kundschaft?

Tausendfach verschiedener Art sind die Canäle, durch welche die Men- schen allerorts, wo die Natur nicht in überschwenglicher Fülle der Hände Fleiß auf das denkbar kleinste Maß reducirt, die Quellen des Verdienstes herzuletten sucht, um den Baum der eigenen Existenz zum fröhlichen Gedeihen zu bringen, überhaupt auf einen grünen Zweig zu kommen. Lauf und Entstehung der Gewäffer folgen aber noch immer denselben Gesetzen, denen sie schon vor Jahr­rausenden gehorsam waren. Ebenso werden in dem Ringen der Menschen nach Verdienst oder Erwerb nur selten von des Glückes unberechenbarer Laune die alten bekannten Gesetze durchbrochen, welche die Volksweishert in manchem, dem Geschlechte unserer Tage so banal und philisterhaft erscheinenden Sprüch- Worte kurz und treffend zusammengefoßt hat, wie:Jeder ist seines Glückes Schmied",Wie man's treibt, so gebt's" u. s. w. Obwohl man die Wahrheit dieser Regeln anerkennen muß, so ist man doch darüber, wie man's zu trei­ben hat, um vorwärts zu kommen, vielfach anderer Ansicht, als die biedern Alten. Mit pfisfigem Lächeln sogt uns da wohl ein junger Geschäftsmann: Die Welt will betrogen sein", und glaubt damit auf dem besten Wege zu sein, ein reicher Mann zu werden, da er auf die Dummen rechter, dt^nach aller Erfahrung in der Welt nicht aüe werden. Aber ist es schon eine erbärm­liche Existenz, die sich auf den geistigen Defect Anderer gründet, so wird sich auch in den meisten Fällen nach nicht zu langer Zeit Herausstellen, daß wenig­stens da, wo es sich um die Befriedigung der nothwendigsten Lebensbedtngun- gen handelt, auch die Dummen mit der Zeit gewitzigt werden, wenn sie immer und Immer wieder knappes Gewicht und Maß bekommen, wenn schon nach Jahr und Tag Regen und Sonnenschein die bestehenden Farbcn desbilligen" Kleides ausgewaschen oder weggelkck: haben, oder wenn nach dem ersten Winter schon der dicke,wollige" Schlafrock durchsichtig und fadenscheinig wird. Und wie im offenen Laden des Kaufmanns und Krämers, so wird auch in der Werkstatt des producirenden Handwerkers und Fabrikanten über kurz oder lang sich das alte Sprüchwort:Ehrlich währt am längsten" sich im wahren Smne des Wortes als eine goldene Regel erweisen. Wie sehr eine allge­meinere Nichtachtung dieses moralischen Grundgesetzes alles Gewerbes und Handelsverkehrs die Wirtschaft eines ganzen Volkes, seinen Kredit und damit seinen Waarenabsatz nach Außen hin schädigen kann, das haben wir Deutschen erst in jüngster Zert wieder erfahren. Durch unprobemüßige Lieferung (natür­lich also geringere Waaren, als die Proben erwarten ließen), welche sich ein­zelne deutsche Firmen gegenüber japanischen Handelshäusern zu schulden kom­men ließen, ist für die betr. Branchen Deutschland der Handelsverkehr so gut wie verschloffen und die theurern, aber soliden englischen Waaren haben drese Absatzplütze occuptrt, von denen sie nicht so leicht wieder zu verdrängen sein werden. Nurreelle" Lieferungen werden Deutschland neue Kundschaft in Australien erwerben und erhalten. Wie aber im Großen die Ehrlichkeit der beste und zuverlässigste Magnet ist, welcher Kunden herbeizieht und festhält, so auch im Kleinen. Die Unehrlichkeit im Handel und Gewerbe gleicht jenen Huugerquellen, welche zu Zeiten mit großer Wosserfülle heroorsprudeln, dann aber plötzlich verstechen. Die Reclame in Schaufenster und Zeitungsbiatt ver­mag nur für Zeiten mit trügerischem Schein die Blößen eines Geschäfts zu decken; mit Sicherheit muß sie einmal auch für das größere Publikum durch­sichtig, fadenscheinig werden.

Freilich wird hierbei mancher Geschäftsmann, der es zur Zett noch mit der Ehrlichkeit versucht, auf Diesen oder Jenen Hinweisen, der unbekümmert um die Moral nennenswerthe Erfolge erzielte. Die Wahrheit dieser That- fache für einzelne Fälle zugegeben, muß hier gleich darauf hingewiesen werden, daß allerdings die Ehrlichkeit nicht die einzige Empfehlung für ein junges Geschäft ist, sondern daß Umsicht, Geschäftskeuntniß, Gewandtheit, Fleiß und Ausdauer sich ihr nothwendig zur Seite stellen müssen, da diese Eigenschaften erst die genannte Grundsäule des Geschäfts in's volle Licht setzen. Wie oft hört man nicht von diesem oder jenem Geschäftsmanne:Eine grundehrliche Haut, aber er weiß die Leute nicht zu behandln." Da verdirbt der Eine durch seine Grobheit, was ein Anderer, der weniger geschickt und solid arbeitet, spiele»,d durch freundliches, gewandtes und zuvorkommendes Benehmen gewinnt. Oder welch' peinlichen Eindruck macht es auf einen Käufer, wenn der Ge­schäftsinhaber selbst sich nicht im eigenen Waarenlager auökennt, sondern erst feine Leute nach dem Preise von dieser oder jener Maare fragen oder erst in den Rechnungen nachblättern muß. Der Geschäftsmann muß je nach der Art seines Geschäfts selbst am besten wiffen, an welchem Platze er seinen Kunden und dadurch sich s'lbft am besten dienen kann, ob im Contor oder hinter dem

Verkaufstisch, in der Werkstatt oder in dem Laden. Wo er aber einmal seine tägliche Arbeit hat, da gilt es, mit Fleiß und Ausdauer zu wirken. Bet einiger Menschenkenntniß wird der Geschäftsmann die verschiedenen Gewohn­heiten, welche seine Kunden im Handelsverkehr befolgen, studtrt haben und, bei gleicher Reellttät gegen Alle, zu seinem Besten auszunützen wiffen. Nichr in einem einzigen Jahre aber ist eine große und sichere Kundschaft gewonnen, sondern eingedenk des Wortes:Steter Tropfen höhlt den Stein" wird der Geschäftsmann sich mir Geduld umständlichen Käufern, tadelstchtigen Kunden gegenüber rüsten. Gute, solide Bedienung wird die Kunden doch wieder brtn- gen. Nur durch Ausdauer und beharrliches Streben, das Beste zu bieten, das Vollkommenste in seinem Fache zu erreichen, wird der Ruf eines Ge- fchäftes gewinnen, wird neue Kundschaft erworben und alte erhalten werden.

Und doch könnte ein Handwerker, ein Kaufmann um alle Vortheile, welche ihm die bereits geforderten Eigenschaften bringen, sich selbst betrügen, wenn er das eine Grundgesetz, nach welchem sich das Kleinste wie das Größte ohne Unfall vollzieht und bewegt, die Ordnung, vergäße. Die Ordnung uiuß ihm, der nut vielen Dingen auf kleinem Raume zu thun hat, das halbe Leben sein, damit nicht Verkaufs- und Arbeilsräume zu Labyrinthen werden, die Tausenderlei enthalten, von dem im Augenblicke aber das Einzelne nicht zu entdecken ist. Von einen» solchen Geschäftslocal muß sich der Kunde in t Grauen wenden, wenn er glücklich sein rexarirtes Eigcnthum aus dem wilden Chaos gerettet hat. Nur eine musterhafte Buchführung, die eine falsche Ein­tragung, eine Verwechslung, eine unabsichtliche Uebertheueruug gänzlich aus- schließt, wird das Vertrauen der Kunden nach und nach zu einem unerschütter- lichen machen und einen möglichen Jrrthum verzeihlich erscheinen lasten. Cz.

KeittMand.

Berlin, 23. Ma-'. Mit dem 1. Ocwber d. Js müssen die Beamten und Unterbeamteu der Reichspost- und Telegraphen-Verwaltung die mittelst kaiserlichen Erlasses vom 13. October v. Js. genehmigte neue Uniform tragen. Dazu ist bestimmt worden, daß bei den Verkehrsanstalten sämmtliche Beamte, also nicht nur die im äußern, sondern auch die im tnnern Dienste, sowie die im Bahnhofsdienste beschäftigten Beamten, gleichviel, ob dieselben bet Erledi­gung ihrer Amtsgeschäfie mit dem Publikum in Berührung kommen oder nicht, Uniform tragen. Die in den Bahnpostei' beschäftigten Beamten können zwar bei den Amtsverrichtungen im Wagen während der Fahrt gewöhnliche Kleidung anlegen, haben jedoch vor der Abfahrt bei Entgegennahme der Ladung?gegenstände und wenn sie beim Anhalten auf Unterwegsstationen den Postwagen verlassen, Uniform zu tragen. Auch die Amtsvoisteher müssen ihre Amttgeschäfte gewöhnlich in Uniform verrichten, ebenso die Bezirks-Aussichts- beqmten; dcm Ermessen der letzteren wird es jedoch überlassen, tn Fällen, wo ihnen dies zweckmäßig oder unbedenklich erscheint, die Amtsgeschäfte tn bürger­licher Kleidung auszuführen, falls der Oberpostdtrector nicht anders bestimmt.

Berlin, 23. Mai. Ja Bezug auf Die Bildung und Dtslocatton der 11 neuen Jnfanterie-Reg'M-nter, die am 1. April k. Js. tn's Leben treten sollen, erfahren wir, daß schon bei der nächsten Rekrutrneinstellung im Herbst dieses Jahres bei jedem der 150 Infanterie Regimenter der Linie 48 Rekruten (auf jede Compagnie also 4) mehr eingestellt werden tollen, um den erforder­lichen Mannschafttbestand des betr. Regiments herzustellrn. Die meisten der neuen Regtu enter sollen nach dem Rhein und dem Elsoß gelegt werden; so werden die beiden neu zu formtrenden sächsischen Regimenter ihre Garnison tm Ober-Elsaß erhalten, desgleichen das neue bayerische Infanterie-Regiment; von den 8 preußischen Regimentern wird eins noch Köln und eins nach Coblenz kommen, von wo das 4. Garde Grenadier-Regiment nach Berlin wird verlegt werden. Zwei Regimenter werden ihre Garnisonen tn Baden erhalten, wo von dem 14. Armee Corps nur 6 Infanterie Regimenter stehen, während 2 derselben sich in Elsaß-Lothrtngen besinden. Die übrigen 4 Regimenter sollen t»n Bereich des 1. und 5. Armee-Corps (Preußen und Posen) untergebracht werden.

Heüerreich.

Wien, 23. Mat. Man erwartet, daß Göschen am Donnerstag oder Freitag etntrtfft.und sich unverzüglich seiner Aufgabe widmet. Die Procedur wegen der identischen Aufforderung der Mächte an die Pforte geht vor sich, nachdem Göschen sich noch an Ort und Stelle tnformirt hat. Man vernimmt, daß die Feststellung des Textes der identischen Aufforderung tn Konstantinopel gemeinsam ton den Botschaftern erfolgt. Dieselbe wird von der Pforte di.