böses Blut erzeugen. Hierzu treten noch andere Nachtheile. Die Werke haben acht Tage nicht gearbeitet und wurden dadurch viele unschuldige Arbeiter im Erwerb geschädigt. Viele Familien werden unglücklich, denn es haben zahlreiche Verhaftungen stattgesunden und die Schuldigen verfallen wegen Aufruhr und Landfrtedensbruch schweren Zuchthausstrafen!
Es ist höchst bedauerlich, daß die Aera eines wirthschaftlichen Aufschwunges nicht ohne Exceffe beginnen konnte. Werden denn nicht endlich auch die Arbeiter lernen, den socialen Frieden zu fördern?
Berlin, 23. Februar. Ein kaiserlicher Erlaß vom 14. d. Mts. trifft Anordnungen für die Uebungen deS Beurlaubtenstandes für 1880/81. Danach werden aus der Landwehr und Reserve bei der Infanterie 89,700 Mann ein- berusen, wovon einschließlich 8 pCt. Unterosllciere unter andern 6900 Mann auf das Gardecorps, 8300 Mann auf das 7. (rheinisch-westfälische), 6700 auf das 8. (rheinische) und 2100 aus das 15. (elsaß lothringische) Armeecorps kommen. Bet den Jägern und Schützen werden 2400, der Feldarttllerte 6100, der Fußartillerte 5500, den Pionieren 2500, dem Eisenbahn-Regiment 400, dem Train 3565 Mann etnberufen. Die Uebungen sollen 12 bis 13 Tage dauern, können aber bis auf 20 Tage ausgedehnt werden. Die General- Commandos können rnactive oder dem Beurlaubienstande angehörige Osficiere, welche für den Mobilmachungsfall als Adjutanten der stellvertretenden Gene- ral-Commandos oder der stellvertretenden Jnfanterie-Brigade destgnirt sind, oder für den Dienst als Adjutant eines Landwehrbeztrks-Commaudos aur gebildet werden sollen — im Falle ihres Einverständniffes und innerhalb der Zahl der im Armeecorps etalsmäßtgen Landwehrbezirks-Adjutantensteüen — zu einer sechswöchentbchen Dienstleistung unter Gewährung sämmtltcher Com- petenzen etnberufen. Die im Bezirke deS elsaß-lothringischen Armeecorps abzuhaltende» Uebungen finden bei preußischen Truppenthetlen statt. Die zwölf- tägigen Uebungen find so zu legen, daß in diese Zetten möglichst nur ein Sonntag und kein Festtag fällt.
Italien.
Rom, 22. Februar. Die Verhandlungen zwischen Deutschland und Rom find ganz zum Stillstand gekommen, ohne dtrectes Ergebntß, aber nicht ohne einen gewiffen Abschluß. Nachdem sich nämlich herausgestellt, daß dtrecte Vereinbarung unerreichbar, haben tn Wien noch fortgesetzte Besprechungen zwischen dem päpstlichen Nuncius und dem deutschen Botschafter stattgefunden. Nachdem diese die Aussichten beider Theile klargelegt, wurde der diplomatische Weg der Verhandlung vorläufig ganz verlaffen und Preußen gedenkt jetzt auf Grund der gewonnenen Kenntntß die Ordnung seiner kirchlichen Angelegenheiten selbstständig durchzuführen. Der Vatican nimmt an (was uns noch zweifelhaft erscheint), daß das Berliner Ministerium den Kammern tn der Sommersttzung bezügliche Vorlagen machen werde. Er hätte die diplomatische Durchführung der Verhandlungen lieber gesehen, glaubt aber auch so der Beendigung des Eonflicts näher zu rücken. (Köln. Ztg.)
Rußland.
Petersburg, 20. Februar. Die mannigfaltigsten Vermuthungen knüpfen sich an den Mordanschlag vom 17. d. M Man fragt sich, was wohl geschehen wäre, wenn der Speisesaal des Winterpalais bte gesammte kaiserliche Familie (mit Ausnahme der Kaiserin und der nicht in Petersburg weilenden Prinzen) unter seinen Trümmern begraben hätte? Ich kann Ihnen daraufhin mittheilen, daß ich auf diese hundertfach gestellte Frage immer dieselbe Antwort vernommen habe, die nämlich, daß das Volk aufgestanden und daß es zu ganz unberechenbaren Vorfällen gekommen sein würde. Das russische Volk ist in der Thal seinem Herrscher treu ergeben, und zwar nicht nur in Zeitungsberichten und Nationalhymnen, und wenn der Kaiser ermordet werden sollte, so ist fast mit Gewißheit anzunehmen, daß ein großer Theil seiner Unter thanen, (Bauern, Handwerker und natürlich auch ein Theil des Militärs) seinen Tod bitter rächen und in blutigem Kampfe aufstehen wird. Gegen wen sich dann die blinde, entfesselte Volkswuth richtet, ist leicht oorauszusehen, gegen alles, was einen anständigen Rock trägt in erster und gegen die Ausländer, denen man überhaupt nicht grün ist, in zweiter Linie. Man möge sich im Auslande im Geiste die weiteren Folgen dieses entsetzlichen Bubenstücks im Winterpalais — falls es gelungen wäre — ausmalen. Wir sind vielleicht keiner geringeren Gefahr entgangen wie der Kaiser selbst. Als die Höllenmaschine im Winterpalais aufgeflogen war, wollte man dem Zaren durchaus den wahren Sachverhalt verheimlichen, der Kaiser, der, wie gesagt, eben im Begriff stand, mit dem Fürsten von Bulgarien zum Diner zu gehen, erschrak heftig, als die Mauern des Schlosses zu wanken anfingen und das schauderhafte Getöse vom Schauplatz der Katastrophe her zu ihm heraufdrang. Alles rannte besorgt durcheinander, ein Jeder suchte instinktmäßig den Kaiser, dem man einzureden suchte, es habe blos eine starke Gasexplosion ohne irgend welche schlimmen Folgen stattgefunden. Die Explosion sollte durch Unvorsichtigkeit entstanden sein. Alexander II. aber rief hastig aus: „Nein, nein! Ich weiß, was es war! O Gott, o Gott!" Der Zar begab sich dann nach einiger Zeit, von vielen Officieren und Dienern geleitet, zu den Verwundeten, denen er seine Theilnahme aussprach und versicherte, daß er für sie sorgen würde. Die Hinterbliebenen der Getödteten — die Zahl der letzteren soll heute schon 14 betragen — werden aus kaiserlichen Mitteln unterstützt werden. Auch der „Golos" hat zum Besten der Familien der Verunglückten eine Sammlung veranstaltet. Die Kaiserin weiß heutigen Tags noch nicht, was sich am 17. Abends eigentlich ereignet hat, man hat ihr von einer Gasexplosion erzählt, vielleicht ahnt sie die Wahrheit. Nach dem heutigen Gesundheitsbulletin geht es der Kaiserin nicht mehr so befriedigend, das Fieber hat etwas zugenommen und auch das Herzklopfen ist stärker geworden. In der Stadt, auf den Straßen, in den Comptoirs, an den Biertischen spricht man übrigens von fast nicht- anderes, als von dem Attentat und der angeblich bevorstehenden Abdankung des Kaisers- Man will da ganz genau wissen, daß nach der 25jährigen Jubelfeier seiner Regierung Alexander II. gesonnen ist, die Zügel derselben dem Thronfolger zu überlassen. Der Zar soll es gründlich satt haben, für all seine Mühe und Liebe zum Volke von den entarteten Kindern der Nation mit Dynamit und Revolverkugeln belohnt zu werden. Trotz der inständigsten Bitten des Thronfolger und der Minister soll Alexander II. entschlossen sein, abzudanken. Ob's wahr ist, wird die Zeit lehren. Eine Neuigkeit kann ich Ihnen heute noch mittheilen, die nicht verfehlen wird, auch im Auslande Aufsehen zu erregen. Wenn nämlich die dritte Abtheilung recht unterrichtet ist, dann befindet sich die Wera Sassulitsch wieder im Lande, und zwar bis vorgestern noch in Petersburg. Sie hat die Schweiz unter einem falschen Namen unlängst verlassen und ist in ihre Heimath mrückgekehrt. Vermuthlich steht sie, nach den abgelegten Proben ihrer Tüchtigkeit als Mitglied des nihilistischen Mordvereins, zu den Partei- bäuptern in engen Beziehungen. Ihre Festnehmung wäre also von großer Wichtigkeit. Sie mag auch schon vorher um den jüngsten Anschlag auf den Zaren gewußt, sich den Ausgang desselben aber anders gedacht haben, denn sonst wäre sie wohl nicht so leichtsinnig gewesen und wieder in die Höhle des Löwen zurückgekommen. Die ganze Polizei ist auf den Beinen und auf der Suche nach Wera Sassulitsch. Wenn sie die Gesuchte gefangen haben, und das ist kaum zweifelhaft nach Signalement und Paß (fie soll auf einen englischen Namen reifen), dann werden wir ja erfahren, ob es die rechte ist. (K. Z.)
Türkei.
Konstantinopel, 23. Febr. Durch kaiserlichen Jrade wird die von den türkischen Commiflären vorzuschlagende definitive türkisch-griechische Grenzlinie sanctiontrt. Sawas Pascha hatte tn Erwartung des Jrade den griechische» Eommiffär Brailas ersucht, seine Abreise zu verschieben. Letzterer erklärte
darauf, dringende Familien'Angelegenheiten ließen das nicht zu, er werde jedoch demnächst zurückkommen.
Amerika.
Washington, 23. Februar. Die demokratische Nationalversammlung für die Ernennung des Candioaten zum Präsidentenamt tritt am 22. Juni tn Cincinnati zusammen.
Telegraphische Depeschen.
Waguer'H telegr. Korrespondenz - «»re-««.
Berlin, 24. Februar. Reichstag. Eingegangen ist em Gesetzentwurf, betr. Erhebung oer Brausteuer. Der Gesetzentwurf betr. die Schiffsmeldungen wird in dritter Lesung ohne Debatte genehmigt. Folgt der Marine^Elat. Rickert fragt, warum eine Abänderung J>e§ Rudercommandos eingesührt worden sei. Der Chef der Admiralität, General v. Stosch, gibt eine technische Darlegung der Gründe, welche ihn zu derselben veranlaßt haben. Hänel kommt auf die Katastrophe des „Großen Kurfürsten" zurück und erklärt, der im Marine-Verordnungsblatt erschienene Bericht sei nicht ausreichend. Er fragt, wann der Reichstag einen erschöpfenden Bericht erwarten könne. Admiralitätschef v. Stosch erwidert, er persönlich würde sehr gern eingehendere Mü- thestungen machen; er habe sich aber auf die aus den officiellen Acten geschöpfte Darstellung im Marine-Verordnungsblatte beschränken müssen da gegenüber höheren Interessen nähere Mittheilungen unzulässig erschienen. Lasker erklärt, der Reichstag könne sich unmöglich mit dem nicht officiellen Berichte im Marine-Verordnungsblatte und der jetzigen Erklärung des Marineministers begnügen in einer Angelegenheit, welche die Nation in so hohem Grade aufgeregt. Hänel beantragt, den Chef Der Admiralität als verantwortlichen Stellvertreter des Reichskanzlers aufzufordern, einen Bericht über die Katastrophe vorzulegen. Auf Ersuchen Lasker's willigt der Antragsteller ein, daß der Antrag getrennt vom Etat zur Debatte kommt. Der Marine-Elat wird genehmigt. Bei Dem Etat Der Reichsjustizverwaltung bemängelt Stelter die Gerichtskosten-Tarffe. Der Staatssecretär Schelling erwidert. Die Abänderung der Gebührentarife müsse von der Initiative der einzelnen Staaten ausgehen. Kayser bemängelt die Vorschriften über den Arrestschlag und das Genchtsvollzieherwesen. Windthorst und Freund bemängeln gleichfalls das Gerichtskostenwesen. Oechelhäuser fragt, wann die Regierung ein neues Acttengesttz vorlegen werde, das durchaus nothwendig fei, da eine neue Gründerperiode drohe. Staatssecretär Schelling ermibert es seien bereits cornmissarische Beratungen eingeleitet Er hoffe, in ber nächsten Session Vorlage machen zu können. Richter kritisirt bie Mitwirkung der Reichsregierung bei der Gründung der Südseehandels- Gesellschast. Der Etat ber Reichs-Justizverwaltung wirb genehmigt Bei dem Etat des Reichsschatzamtes widerlegt Staatssecretär Scholz die Unterstellungen Bamderger's, als ob die Sislirung der Silberverkäufe die Denaturirung des Münz- und Bankgesetzes involvire. Die Silderverkäufe seien lediglich deßhalb fiftirt, weil die Regierung nicht bie Verantwortlichkeit für bte aus ben Silberverkäufen brohenden Verluste übernehmen könnte. Bamberger beleuchtet bie Lage bes Münzwesens eingehenb. Schatzsecretär Scholz wieberholt im Wesentlichen seine früheren Versicherungen unb fügt hinzu, bie Sistirung der Silberverkäufe sei nur ein Jnterimisticum, keine definitive Maßregel; es handle sich nur um eine Verlangsamung des Tempos in der Durchführung der Münz- reform. Namentlich in Süddeutschlanb sei ein größerer Bedarf an Silbermünzen hervorgetreten, als erwartet worden, daher werde wahrscheinlich noch in dieser Session dem Reichstage ein Vorschlag auf Abänderung des Art 4 des Münzgesetzes zugehen. Kardorff wendet sich gleichfalls gegen die Deductionen Bamderger's. Nach einigen weiteren Ausführungen Sonnemann's und des L>chatzsecretärs Scholz wird die Sitzung vertagt. Nächste Sitzung Mittwoch. Etatsberathung.
Wien, 24. Februar. Die „Poltt. Corresp." meldet aus Serajewo: Landstreicher tn der Umgebung von Plevlje schoffen auf österreichische Patrouillen, ohne Jemand zu verwunden. Von den Thätern befinden sich vier in Untersuchungshaft.
Berlin, 24. Februar. Großfürst Nikolaus von Rußland ist heute früh 7% Uhr hier eingetroffen und von den Prinzen Karl, Friedrich Karl, Alexander und Prinz August von Württemberg am Bahnhof empfangen worden. Aus letzterem war eine Ehrencompagnie mit Fahne und Musik aufgestellt, welche beim Einfahren des Zuges die russische Nationalhymne intonirte. Prinz Karl geleitete den Großfürsten im königlichen Wagen nach dem russischen Botschaftshotel.
Berlin, 24. Februar. Die „Nordd. Allgem. Ztg." veröffentlicht eine von beachtenswerther Seite kommende Zuschrift, welche in Betreff bes gestriger Artikels der „Nordd. A. Ztg." über bie Befestigung Kowno's die Meinung ausdrückt, daß aus der Befestigung der eigenen Grenze noch nicht nothwendig eine feindliche Tendenz gegen die Nachbarn heroorgetre, sondern nur das ob jcctive Bedürsniß, die eigene Sicherheit durch eigene Mittel zu verbürgen. Die Haltung der polnischen Bevölkerung bei ausbrechenden Conflicten könne die sorttficatorischen Anlagen von großer Wichtigkeit erscheinen laffen. Es ließen sich noch andere Conflicte denken, welche die Nützlichkeit der Befestigung Kowno's darthun würden, ohne daß dabei nothwendig der Bruch der langjährigen Freundschaft zwischen Rußland und Deutschland vorausgesetzt werden müßte. Jedenfalls stehe das Recht, sich so an den Grenzen zu befestigen, daß letztere mit eigenen Kräften zu schützen seien, jedem unabhängigen Staatswesen zu.
Paris, 24. Februar. Der Senat dtscutirte heute über die Freiheit des Unterrichts. Pelletan unterwarf die Liga der Jesuiten seit Anfang deS Jahrhunderts einer Prüfung und erinnerte an die zahllosen Austreibungen aus Frankreich und anderen Staaten Europas. Die Jesuiten seien wie eine toter» nationale Gesellschaft mit einem fremden Oberhaupte; ste seien weder unsere Zeitgenoffen noch unsere Landsleute; sie haben nicht das Recht, die Jugend zu unterrichten. Voisins-Laverniöre (linkes Cmtrum) bekämpft den Gesetzentwurf im Namen der Freiheit.
London, 24. Februar. „Standard" bezeichnet das Gerücht einer unmittelbar bevorstehenden Auflösung des Parlaments als verfrüht, bemerkt jedoch, daß, wenn die Geschäfte der gesetzgebenden Körperschaft auch fernerhin systematisch gehemmt würden, der Reg.erung keine andere Wahl bliebe, als an die Wählerschaften zu apvelltren.
Lokales.
Gießen, 25. Februar. ^Sterblichkeit in Gießens In der Woche vom 15. bis 21. Februar ereigneten sich in Gießen im Ganzen 6 Todesfälle, davon 3 bei Kindern und 3 bri Erwachsenen Von den ersteren starb eins, 4 Monate alt, an Darmcatarrh, ein anderes, eben» falls 4 Monate alt, an Bronchienentzündung, bei bim dritten, welches nur einen Tag lebte, konnte die Todesursache nicht bestimmt bezeichnet werden. Von den 3 Erwachsenen starben 2 an Altersschwäche und 1 an Lungenschwindsucht. G.
— Die „Volksküche" vertheilte heute 1171 halbe Portionen. Verkauft wurden hiervc i 69, 1102 Portionen erhielten Arme, Kinder und Handwerksburschen.
Verwischtes.
Darmstadt, 23. Januar. Welche Geltung die Reichsgesetze über die BeurkundunA des Personenstandes, specicll auch Die Civileheschließung bei der katholischen Geistlichkeit grs nießen, davon kann der nachstehende Fall Zeugniß ablegen. Einem im Jahre 1878 standesamtlich getrauten Paare, welches von der kirchlichen Trauung Abstand genommen hatte, wurde im Januar 188n ein Sohn geboten Die Eltern wünschten das Kind von dem Geistliche« taufen zu lasten und begab sich der Vater des Kindes zu dem Geistlichen, um ihm dies mite zutheilen. Dort wurde ihm neben heftigen Vorwürfen über die unterlaßene kirchliche Trauung


