str. 1^3. Mittwoch den 23. Juni 188V.
Weßener WHeiger
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He-erreich.
Innsbruck, 18. Juni. In Tyrol liefern die Ultramontanen eben einen schlagenden Beweis ihrer Toleranz und christlichen Liebe, der ein merkwürdiges Gegenstück zu den Betheuerungen der Friedensliebe und Lammesgeduld der katholischen Kirche, wie wir sie täglich von den parlamentarischen Vertretern der katholischen Bevölkerung in Deutschland, svectell in Preußen hören, bildet. Die Tyroler Bischöfe haben in einer Eingabe an den Landtag gegen die Constttuirung zweier protestantischen Gemeinden protestirt. Sie sagen, daß „Tyrol nicht mehr wie seit mehr als tausend Jahren ein katholisches, sondern ein paritätisches Land sei, darin nunmehr der Protestantismus mit der katholischen Religion gleich berechtigt sei." Dem gegenüber sei daran erinnert, daß schon im Jahre 1526 die fünf niederösterreichtschen Landschaften von Ferdinand I. die „Freiheiten des Evangeliums" begehrten, wie solche Tyrol besäße. Erst im 16. Jahrhundert setzte Erzherzog Ferdinand, der Ge- mahl der schönen Philippine Welser, mit Hülfe der Jesuiten und unter Anwendung größter Strenge die Rekatholistrung Tyrols durch. Trotzdem hielten sich im Zillerthale die Protestanten, bis Graf Firmian im Jahre 1731 gegen 20,000 fleißige und betriebsame Bewohner aus Salzburg und dem Zillerthale zur Auswanderung zwang, da er sie mit Gewalt katholisch machen wollte. Reste der verfolgten Religionsgemeinschaft erhielten sich noch in diesem Jahrhundert. Erst im Jahre 1837 wurde die Tyroler „Glaubenseinheit" geschaffen. Hoffentlich wird es der Intoleranz der Bischöfe nicht gelingen, jene traurigen Scenen zur Wiederholung zu bringen, welche sich zu Zeiten des Erzbischofs Firmian abgespielt haben und die für immer ein Schandfleck in der Geschichte der Menschheit bleiben werden.
KranKreich.
Paris, 20. Juni. Anläßlich eines Festes zum Besten der Laienschule zu Menilmontant hielt Gambetta eine Rede, worin er die Opportunität der Amnestie auseinandersetzte und die Schwierigkeiten hervorhob, auf die der Gesetzentwurf seither gestoßen sei. Er constatirte, daß die Amnestie schon länger vorhanden sein würde, wenn man auf beiden Seiten verständiger und geschickter gewesen wäre. Jeder ehrliche Republikaner müffe das Gesetz achten. DaS Nationalsest am 14. Juli werde das Volk, die Armee und die öffentlichen Gewalten in gemeinsamer Brüderlichkeit vereinigen und zeigen, daß Frankreich bereit sei, seine Rolle in der Geschichte wieder auszunehmen, indem eS für den Fortschritt der Welt arbeite. Denn Frankreich dürfe seiner Väter nicht ver- geffen, welche das Bewußtsein von der Frankreich bestimmten Rolle hatten, und nicht die Bürgerrechte, sondern die Menschenrechte proclamirten.
Deutschland.
Darmstadt, 21. Juni. DaS heute ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 21 enthält das Gesetz, den Verkehr mit explosiven Stoffen betreffend.
Jugenheim, 21. Juni. Seine Großherzogliche Hoheit der Prinz Alexander sind gestern Abend aus St. Petersburg wieder hier elngetroffen.
Berlin, 18. Juni. Das Ersatzgeschäft des vorigen Jahres hat nach Ausweis der von dem königlich statistischen Büreau herausgegebenen statistischen Korrespondenz für alle drei dabet zur Gestellung resp. zur erneuten Gestellung gelangten Altersklassen wiederum einen Ausfall von 33,062 unermittelt gebliebenen Wehrpflichtigen und von 95,260 jungen Leuten ausgewiesen, welche ohne Entschuldigung der Gestellungsordre nicht Folge geleistet haben. Auf die 20jährtge Altersklasse, die im vorigen Jahre zur Gestellung gelangt ist, entfallen hiervon allein 40,479. Eine genaue Ergründung der Ursuchen, welche diese Unbotwäßigkett bedingen und eine so enorme Zahl von Gestellungspflichtigen der Ausmusterung entziehen, dürfte je länger, je mehr säst unerläßlich erscheinen. Als eine dieser bedingenden Ursachen sind neuerdings mehrfach die Arbeiterzüge angegeben worden, welche namentlich von den überwiegend polnischen Landestheilen und überhaupt von den preußischen Ostprovtnzen aus sich mit dem Beginn des Frühjahrs über ganz Deutschland verbreiten, oder je nach Umständen auch Jahre lang in den von ihrer Hetmath weit entfernten Provinzen verweilen und deren häufiger Wechsel des Aufenthaltsorts eine Controle über die Ableistung der Wehrpflicht der zu ihnen gehörigen Leute fast unmöglich machen soll. Die Frage würde fich übrigens dabet noch aufwersen, ob und inwieweit diese Arbeiterzüge etwa von Unternehmern zusammengestellt und nach den einzelnen Arbeitspunkten dirigirt werden und ob und welcher Einfluß von Ersteren dabei etwa auch auf diese Arbeiter in Betreff einer Nichtgestellung derselben ausgeübt wird. Noch eine andere auf das Aushebungsgejchäft bezügliche Frage möchte ich dahin aufwerfen, ob die Anforderungen an die Körpergröße und Brustumfang, namentlich der für die Infanterie ausgehobenen Mannschasten, nicht eine Steigerung erfahren müßten. Die Steigerung der Belastung des Mannes durch die Erhöhung der Patronenzahl, welche derselbe jetzt tragen muß, durch das neue Schanzzeug rc. erweist sich am Ende als sehr bedeutend, und die gegenwärtig an die Leistungsfähigkeit der Infanterie erhobenen Ansprüche sind so groß, daß eine Rücksicht auch aus die durch die Körperbeschaffenheit bedingte Ertragungsfähigkeit der Mannschaften sich fast als unerläßlich erweisen möchte.
Berlin, 19. Juni. Das Centrum hat im preuß. Abgeordnetenhause die folgenden beiden Interpellationen eingebracht:
I. Der Unterzeichnete richtet an die königliche Staatsregierung folgende Anfrage: 1) Welche Maßregeln hat die königliche Staatsregierung getroffen, um der Wiederkehr eines Nothstandes in Oberschlesien vorzubeugen? 2) Wie weit sind spcciell die für die Nothstandsdtstricte in Aussicht genommenen Eisenbahnbauten vorbereitet?
Freiherr von Huene.
II. Der Unterzeichnete richtet an die königliche Staatsregierung die Anfrage : Hat die königliche Staatsregierung bereits Ermittelungen darüber angeordnet, oder wird solche anordnen, ob und wie weit die ungünstigen Witte- rungsverhältniffe des Winters und Frühjahrs den Ertrag der Ernte in Frage stellen, um rechtzeitig, falls Nothstände in einzelnen oder mehreren Landes- theilen zu befürchten sind, die Maßregeln zu deren Abwendung treffen zu fönncn. Freiherr von Schorlemer-Alst.
Im Anschluß hieran regtstriren wir folgende Meldung der „Voff. Ztg." : In den letzten Tagen ist in maßgebenden Kreisen die Frage wegen einer Herbstsession de« Reichstags ernstlich in Betracht gezogen worden, und zwar haben die aus allen Theilen unseres Vaterlandes eintreffenden Berichte, welche einen ganz bedeutenden Ernteausfall in Aussicht stellen, Anlaß dazu gegeben. Man fühlt, daß man einer Mißernte gegenüber — und daß wir einer solchen entgegengehen, zeigen deutlicher als alle Berichte die andauernd steigenden Getreidepreise — die Kornzölle nicht aufrecht erhalten kann, und da die SuSpendirung derselben, vielleicht auch die vollständige Aushebung, nicht bis zum Jahre 1881 hinausgeschoben werden kann, so denkt man daran, den Reichstag zum Herbst — vielleicht schon zum September — einzuberusen, um ihm eine diesbezügliche Vorlage zu machen. Man darf begierig sein, wie sich das Bündniß zwischen Agrariern und Schutzzöllnern dieser Frage gegenüber
Telegraphische Depeschen.
W«g«er'» telegr. (K»rtefptn>t*i - Brrrea«.
Ems, 21. Juni. Der Kaiser wohnte gestern Abend der Vorstellung des Kursaaltheaters" bei und setzte heute früh seine Brunnenkur fort.
Wiesbaden, 21. Juni. Ein wolkenbruchartiger Gewitterregen hat gestern Abend in Lorch großen Schaden an den Häusern und Weinbergen angericktet.
Pari-, 21. Juni. Bei der gestrigen Wahl eines Mitgliedes des
dern das umgekehrte Verhältniß zur Erscheinung. Zu denjenigen Ländern, nach welchen der Brüfversandt aus dem deutschen Reichspostgebiete der Zahl nach geringer ist alS in entgegengesetzter Richtung, gehören alljährlich wiederkehrend. Niederlande, Belgien, Frankreich, Großbritannien, die Vereinigten Staaten Amerikas. Die Thatsache, daß das Reichspostgebtet von den Ländern im Westen mehr Briefsendungen empfängt, dagegen an die Länder im Norden, Osten und Süden mehr Briessendungen abgiebt, erklärt sich daraus, daß die Länder (m Westen im Allgemeinen eine reicher entwickelte Industrie und einen ausgedehnteren, besonders überseeischen Handel besitzen, als die Staaten des Reichspostgebiets, während zu Pen übrigen Ländern Deutschland im umgekehrten Verhältnisse steht und namentlich bei ihnen den Zwischenhandel vermittelt.
Pyfen, 19. Juni. Der „Dziennik Pozn." erzählt, Graf Bethusy-Huc habe den Bedienten seines Schwiegervaters mit folgendem Zeugniß entlassen: „Mein Bedienter Anton Galle, welcher schon in meinem eigenen Hause gewissenhaft seine Pflichten erfüllte, ist seit einem Jahre in meinem schwieger- älterltchen, Baron v. Reiswitzsschen Hause bedienstet. Derselbe war stets ein guter, geschickter und sehr beliebter Diener; als solchen kann ich ihn Jedem nur empfehlen. Besonders hervorgehoben zu werden verdient sein treuer, gewissenhafter und pflegsamer Dienst während einer viermonatlichen schweren Krankheit meine- Schwiegervaters. Trotzdem kündigte ich ihm den Dienst für den 1. Juli d. I., weil das Vertrauen, welches ich in ihn gesetzt hatte, durch die Verschiedenheit unserer politischen Ueberzeugungen erschüttert worden ist." Allerdings hat die politische Ueberzeugungstreue des Lakaien Anton Galle den Herrn Grafen Bethusy-Huc sehr empfindlich getroffen, denn bei der letzten Abgeordnehenwahl für den preußischen Landtag in dem Wahlkreise Kreuzburg- Oels hat Anton Galle für einen der Gegen-Candidaten des Herrn Grafen gestimmt und der Herr Graf ist richtig mit einer Stimme in der Minorität geblieben.
bewähren wird."
Berlin, 19. Juni. Das neueste Beiheft zum „Amtsblatt des Reichspostamts" enthält interessante Mittheilungen über den Briesverkehr des deutschen Reichspopgebiets mit dem Ausande im Jahre 1879. Danach unterhält ersteres einen von Jahr zu Jahr fortschreitend zunehmenden ausgedehnten Briesvrrkehr mit letzterem. Die Gesammtzahl der im vorigen Jahre besör- derten Brüse, Postkarten, Drucksachen, Waarenproben aus dem diesseitigen Gebiete nach fremden Ländern betrug 71,7 Mill., aus diesen Ländern nach dem Reichspostgtbiete 66,5 Mill., mithin sind nach dem AuSlande 5,2 Mill. Stück mehr befördert worden. Dieses Mehr ist jedoch nicht dadurch entstan- den, daß gleichmäßig nach sämmtlichen fremden Ländern der Abgang an Bries- fendungrn den Eingang überstiegen hat; es kommt vielmehr bei einigen Län- |


