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Str 92. Mittwoch den 21 April 1880.

Mchcner HÜMger

Aykisk- 11b Amtsblatt fit btu Kreis Gieße«.

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des Volkes auf feiner Seile stehen. Die ( I kann die Dictatur mit der Reformbewegung

ein klägliches Ende nehmen, wenn

der Czar nicht erleuchtet und von einem guten Genius geführt nach dem Tode Gortschakoff'S den rechten Mann für die rechte Stelle wählt, um Rußland zu retten.

Man hofft, daß der Dictator erreichen wird, die Revolution durch das rich­tige und einzige Gegenmittel, durch die politische Reform zu besiegen. Graf Lons^Melikvff weiß, daß der Nihilismus st'.rbt und Rußland den inneren Frie­den erhält, wenn das Volk Vertrauen zur Negierung gewinnen würde, er veiß, daß die eigentlichen Nihilisten nur eine Minderheit der Revolultons- Elemente repräsenliren, nährend die Mehrheit durch Milde und Gerechtigkeit zu gewinnen ist, er kennt die Mängel des russischen Bildungs- und Erziehungs- wesens, er müßte also auch triften, daß die Forderungen des Volks befriedigt werden, wenn man ihm ordentliches Recht, die Theilnahme an der Gesetzgebung und die Controle der Verwaltung zugesteht. Nur der macht- und ränkesüch- : tige Hofadel, die an der Erhaltung der Volksverdummung interessirte Getst- ; lichkeit, das um seine Pfründen, Bestechungen und Erpressungen besorgte Be- i amtenthum sind seine Gegner, während die gebildeten Thetle der Armee und

' ~ * - ' ' v Die Gegnerschaft ist mächtig und leicht

Die Verhältnisse in Rußland.

Mehr als je sind Aller Augen nach der großen Czarenstadt an der Newa gerichtet. Fürst Gortschakoff, in welchem sich die russische Politik der letzten Jahrzehnte verkörpert, kämpft mit dem Tode, und jede Stunde kann die wich­tige Nachricht von seinem Hinscheiden brmgen. Sein System liegt wie ein Alp auf Europa, denn es repräsentirte die russische Macht- uhb Ehrsucht, die Fortsltzung der großrussischen Anmaßung, welche unter dem Czaren Nikolaus ihren Höhepunkt erreicht und sich daran gewöhnt hatte, zu glauben, daß alle europäischen Nachbarvölker, vor Allem, wie die neuesten Enthüllungen über die Äffaire des Grafen Dohna gezeigt haben, Preußen, nur Großmächte von Ruß­lands Gnaden feien. Neben der vergrößerten Machtstellung des österreichischen Kaiserstaates, neben der Emaucipation der Türkei und der Balkanstaaten von dem russischen Einfluß, welche das Zusammenwirken Bismarck's mit Lord Beaconsfield auf dem Berliner Congrefse geschaffen und Fürst Gortschakows Verbitterung gegen Preußen gesteigert hatte, war es das Aufblühen der deut­schen Kaisermacht, welche den greisen russischen Staatskanzler verschnupfte. Mit ihm das fühlt man gleich sehr in Rußland, wie im deutschen Reich stirbt der gehässigste und gefährlichste Gegner des deutschen Reiches, und darum erwägt man in beiden Ländern die wichtige Frage, welcher Staatsmann berufen fein dürfte, die Erbschaft Gortschakoffls anzutreten.

Die Ruhe Europas hängt davon ab, ob das großrussische System auf­rechterhalten wird, vier ob ein Staatsmann an daö Ruder kommt, welcher seinen Patriotismus nicht darrin setzen wird, durch allerlei abenteuerliche Allianzen und Kriegsgedanken den Conlinent zu beunruhige, sondern im eige­nen Lai de Frieden und Ordnung, eine ruhige innere Entwickelung und wo­möglich verfassungsmäßige Zustände zu schaffen.

Noch immer erhält sich die Hoffnung, daß Graf Loris-Meltkoff die nihi­listische Bewegung, richtiger beurtheite, als seine gewvltthätigen Vorgänger, welche auf der abschüssigen Bahn von der Beamtencorruption zur Polizeiwill- fur und schließlich zur Mtlttärdespvtie gelangt sind, der letzten verzweifelten Station des Absolutismus, die nur noch ein großer Krieg überbieten könnte.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'» telegr. Correspsndenr Bareau.

Straßburg, 19. April. DieElsaß'Lothr. Ztg." meldet: Der Bischof von Straßburg hat nunmehr die staatliche Genehmigung zur Anstellung der Lehrer für das in Zillisheim zu eröffnende Knabenseminar bei dem Statt­halter nachgesucht. Die Genehmigung ist ertheilt und dem Bischof heute zu- gestellt worden.

Paris, 19. April. Der Gesandte v. Radowitz überreichte heute Nach­mittag 2 Uhr dem P-äsidenten Grevy sein BeglaubigungS-Schreiben als Vertreter des deutschen Reiches während der Abwesenheit des Fürsten Hohenlohe.

London, 19. April. Beaconsfield hat, wieStandard" erfährt, der Königin in der gestrigen Audienz das E§ tlassungsgesuch des Cabinets über­mittelt und die Königin dasselbe angenommen. Am Mittwoch ist Cabinetsrath. DerTimes" zufolge wünscht Bright in das neue Cabinet einzutreten, um bei der Lösung der irischen Grundeigenthumssrage mitzuwirken.

Konstantinopel, 18. April. Wie es heißt, sind sämmtliche Bot­schafter der europäischen Mächte nunmehr bevollmächtigt, das Protokoll des türkisch - montenegrinischen Abkommens zu unterzeichnen. Der Großvezir Said Pascha machte dem Sultan den Vorschlag, die Nationalversammlung auf Basis eines veränderten Wahlgesetzes einzuberufen. Aus Armenien wird berichtet, daß die Hungersnoth noch andauert. Die Pforte traf Maßregeln zur Linderung des Nothstandes.

Bombay, 19. April.Bombay Gazette" meldet: Eine Bande Pathous tödtete einen Osficier eines Detachements des 19. Regiments der Armee von Bombay jenseits Quettah, blokirte die Straße von Quettah nach Kandabar und zerstörte den Telegraphen.

Konstantinopel, 19. April. Die Botschafter der europäischen Mächte haben die türkisch-montenegrinische Convention und deren Zusatzpro­tokoll rotificirt.

Berlin, 19. April. Reichstag. Fortsetzung der zweiten Berathung der Vor­lage wegen Verlängerung der Geltung des Socialiftengesetzes. Zu § 28 liegt der An­trag Windthmst vor, wonach die Verhängung des Belagei ungszuftandes nur über Berlin und dessen viermeiligen Umkreis zulässig sein soll. Käufer beantragt, den 8 28 aufzuheben. Minister des Innern Graf Eulenburg rechtfertigt die Verhängung

Aeuljchland.

Darmßadt, 17. April. Dic (Errichtung einer Landescultur-Renten- fafie tu. Großherzogihum Hiffev. In Nr. 8 des Groß. Hess. Regierungsblattes 'aird das G>setz über die Errichtung einer Landescultur-Rentenkafle vom . 20. März l. Js. veröffentlicht. Das neu zu errichtende, mit der Haupistaats- laffe zu vereinigende Institut soll die Beschaffung von Copitalien für Landes- i culiurzwecke durch Hingabe von Darlehen erleichtern. Als solche Zwecke sind Wiejencullnren, Bachregutrrungen, Entwäfferung von Grundstücken, Zusammen- kgungen von Grundstücken und Anlagen von Feldwegen, sowie Schutzvorrich- ' jungen gegen Uebcrschwemmungen bezeichnet. Großh. Ministerium des Inner» und der Justiz läßt die von den Uebernehmern, durch Vermittlung des betr. ltreisawtS, vcrzulegenden Pläne von dem mit Wirkung vom 15. April I. Js. atl ernannten Großd. Landescultur-Jnspcctor (Herrn Dr. A. Klaas, ehemaliger Generalsecretär des landw. Vereins in Wiesbaden) geeignet prüfen rc. und sitzt die zu bewilligenden Beträge fest. Die Leistung eines Darlehns erfolgt baar oder m Obligationen der Kaffe mit 4procentigcn halbjährigen Coupons (in Stücken von 2000, 1000, 500 und 200 <X). Zur Sicherung der Kasse Hal der Unlernehwer Grundstücke in doppeltem Werthc der Schuld zu ver- 1 pfänden, sei och kann Großh. Ministerium des Innern und der Justiz bet Ge­meinden und öffentlichen Körperschaften von einer Verpfändung abschen. Ti- dom Schuldner jälrlich in 6 Raten zu zahlende Rente beträgt 5 pCt., wovon 4 pCt. zur Verzinsung, 1 pCt. zur Armortisation, nebst einer Zuschlagsrente lon 3'/. pCt. dieser Rente für Verwaltungskosten und Ausfall an Rente. Aach 41 Jahren, bezw. Zahlung von 246 Raten, gilt das Capital getilgt. I ie Renten weiden wie directe Steuern behandelt. Außerordentliche Capital- tüäzadlungen von mindestens 500 können bei dreimonatlicher Kündigung siattfinden. Uebcr die Ergcbmffe der Verwaltung ter Kasse ist den Ständen ti«ch jeder Finanzperi»de Rechenschaft abzulegen.

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Berlin, 17. April. In Münchener Blättern wird mit Recht darauf hingewiesen, daß das neue Quittungssteuer-Project des Reichskanzlers besonders auch den Handwerkerstand zu Gunsten der Lager- und Ladengeschäfte belasten wird. Schon jetzt befinden sich alle diejenigen Handwerker und Geschäftsleute jenen Magazinen nnd Läden gegenüber im Nachtheil, weil in denselben, wie in Wiener Schuhwaaren-, Pariser Herrenkleiderwaarenlagern rc., in großen Massen fabrikmäßig und billig hergestellte Maaren gegen Baar verkauft wer­den. Diese Magaüne rc. werden von der Quittungssteuer nichts zu verspüren haben, wohl aber die kleinen zahlreichen Geschäftsleute, welche auf Bestellung arbeiten und in der Regel auf Rechnung liefern. \

Kassel, 16. April. Heute Morgen traf mit dem Ftz-nksurter Nacht­zuge wieder eine große Zahl Auswanderer ein, die in einer Stärke von mehr denn 200 Personen aus der Provinz Hessen kamen, um Ker Bremen mit dem morgen abgehenden Lloyddampfer die hoffnungsvolle Reise über den atlan­tischen Ocean anzutreten. Es war dieses wohl der größte Trupp hessischer Auswanderer, der dieses Frühjahr unseren Bahnhof berührte.

Rußland.

Petersburg. Ueber die Sommerreife des Czaren wird derD. Ztg." geschrieben:Wenn nicht der plötzliche Umschwung tn dem Befinden der Käu­ferin eingetreten wäre, so wäre die Rußland im-Augenblicke ernstlich beschäf­tigende Frage, ob der Czar sich für einige Zeit auf russischem Boden von den Stürmen der letzten Zeit erholen oder tm Auslände seinen Aufenthalt wählen werde, schon gelöst. Die Abreise des Kaisers bildete schon vor einigen Wochen den Gegenstand einer Berathung zwischen dem Thronfolger und dem Grafen Loris'Melikoff. Der Chef des Executiv Comitäs erklärte dem Thron­folger gaiu unumwunden, er wisse, daß sich in Folge der bisher von ihm ge­trogenen Maßnahmen Zündstoff angehäuft habe, der eine rasche Dämpfung erfordere, wenn er nicht in bellen Flammen auflodern soll. Nicht die Stim­mung *m Volke, sondern die Minen, welche chm von der hohen Gesellschaft gelegt werden, machen es für ihn zur gebieterischen Nothwendigkeit, von Expe­rimenten zu Thaten zu schreiten. Noch wage er feine Bürgschaft dafür zu übernehmen, daß diese Thaten nicht zu neuerlichen ernsten Ereignissen führen werden. Im Falle solcher Ereignisse tot ft? er, wo er seine Gegner zu suchen und wie er sie zu treffen habe. Der Czar habe ihm zum Handeln die aus­gedehnteste Machtbesugniß verliehen; sollte er gezwungen werden, seine Gegner ganz seine Macht fühlen zu lassen, so müsse er Gewicht darauf legen, daß der Czar ferne von der Hauptstadt sei. Kurz nach dieser Unterredung Melikoff's mit dem Thronfolger verlautete, daß die Abreise des Kaisers beschlossen wor­den, es aber noch unentschieden sei, ob der Monarch sich nach Livadia oder nach Hessen zu seinem Schwager, dem Prinzen Alexander, begeben werde. Das plötzliche rapide Hinsiecken der Kaiserin drängte aber die ganze Angele­genheit wieder in den Hintergrund.