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16.12.1880 Zweites Blatt
 
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Berlin, 13. December. Abgeordnetenhaus. Bet Cap. 119 (Univer­sitäten) klagt Retchensperger darüber, daß auf den Univerfitäten -u wenig studtrt und gelernt werde. CS seien zu viele Ferien. Dem Mensuren-Unwesen gegenüber ließen Rector und Senat zu viel Nachsicht walten. Das Duelliren sei strengstens niederzuhalten. Der Redner erwähnt der Behauptung des Dr. Haffe wegen des Einflusses der Ueberbürdung der Schüler auf Geistes­krankheiten. Der CultuSmtnister bestreitet zunächst die Richtigkeit der Meinung, daß die Ferien zu viel Zett abforbiren. Die Lchrthättgkett fei zwar die Haupt- aufgabe der Profefforen. Sie können aber nicht wirksam unterrichten, wenn sie nicht mit ihrer Wiffenschaft fortschreiten, also auch arbeiten. Sonst würde an den Universitäten die Mittelmäßigkeit statt der Wiffenschaft zu finden fein. In dem Mensuren-Unwesen fänden Ausschreitungen statt. Er habe den Gura» tot der betr. Universitäten darauf hingewtesen, daß eine Einschränkung statt­finden müffe- Die Frage wegen Ueberbürdung der Gymnasialschüler ist im letzten Sommer in ein acutes Stadium getreten durch die Behauptung des Dr. Haffe, daß bet Schülern der oberen Gymnasialklaffen, welche Irrenanstal­ten übergeben werden mußten, die Ueberbürdung mit Arbeiten zum größten Theile Geisteskrankheit heroorgerufen. Ich habe an die Irrenanstalten ein Circular gerichtet (ter Minister verliest dasselbe), worin genaue Angaben über die Verhältnisse verlangt werden. Auf 20 Anfragen sind 16 Antworten ein» gegangen. Das Resultat ist, daß die Mehrzahl der Berichte die Richtigkeit der Behauptung verneint und bet den den meisten Irrenanstalten überwiesenen Gymnasiasten hereditäre Ursachen oder geschlechtliche Excesie G-istesstörungen bedingten. Die übrigen Berichte stellen nur rein theoretisch die Möglichkeit des Einfluffes der Arbeiten der Schüler auf die Zahl der Geistesstörungen bet denselben hin. Der Minister erklärt, daß demnach nicht nur die Richtig­keit der Behauptung Dr. Haffe's nicht bewiesen, sondern sogar das Gegentheil erwiesen sei. Der Minister beklagt den Uebelstand, daß alle Kreise den Gym­nasien Knaben zuführen, welche weder geistig noch körperlich den Anforderungen der Schule nachzukommen geeignet find. Auch diejenigen Kinder aus anderen Kreisen, welche durchaus das Gymnasium besuchen sollen, haben weder die Kräfte noch die Nahrung, um diesen Anforderungen zu genügen. Wenn die Schule sich nach diesen Fähtgketteen richten solle, so müßte sie darauf ver­zichten, eine Getstesaristokratte vorzubtlden. Der Minister wendet sich gegen das Verbindungswesen auf den Schulen. Da müffe sich Schule und Haus zur Abstellung der Mißstände vereinigen.

Virchow canstatirt, daß in den Schulen auch an den Augen gesündigt werde. Auf den Schulen trete vielfach eine Erschlaffung ein, welche nachthetlig auf die wtffenschaftltche Bildung etnwtrke. Es müffe für die Universitäts- Studien ein anderer Vorbereitungs-ModuS gefunden werden. Das Mensuren- Unwesen sei mit genügenden Cautelen umgeben; dagen müffe man der Art der Provocation einen größeren Einfluß auf daS Strafmaß einräumen. Eine Verlängerung der Studienzeit sei nothwendtg zum Ausgleich des Verlustes durch den Militärdienst. Berger führt aus, daß auf allen höheren Lehran­stalten eine Ueberlastung existire, welche es trotz der größten Anstrengungen weder Lehrer noch Schüler möglich mache, das vorgeschrtebene Pensum zu erreichen, v. Eckardstetn hält ebenfalls eine Ueberbürdung der Schüler für vorhanden. Regierungs- Commlffar Bonitz entgegnet: Von zu hohen Anfor­derungen in einzelnen Fächern könne keine Rede sein; in manchen sei es sogar nicht möglich, die Erfüllung der Hälfte von nur mäßigen Anforderungen zu erlangen. Titel 19 werden unverändert genehmigt.

Bet dem Cipttel Gymnasien und Realschule fragt Rickert an, welche Stellung die Regierung zur Frage der Reform der Gymnasien und Real­schulen erster Ordnung einnehme. Die Frage fei sehr wichtig wegen der Zu- laffung der Abiturienten von Realschulen zum Studium der MeVictn. Der Minister erwidert: Die öffentliche Meinung gehe in der Frage der Zulaffung der Realabiturienten zum Universitäts-Studium, speciell zum medtctntschen, aus^s Aeußerste auseinander. Die Sache müffe sich erst weiter klären; ein Schritt zu früh oder zu weit könne die schlimmsten Folgen haben. Die über­wiegende Mehrzahl der Gutachten von berufener Seite gehe dahin, daß für daS medicintsche Studium die Vorbildung auf dem humanistischen Gymnasium betzubehalten fei. Kantak vermißt für das spätere Leben für die Moralität tzie nothwendtge genügende religiöse Grundlage auf den höheren Schulen. In den unteren Klaffen, wo der Religionsunterricht am wirksamsten sei, werde der- selbe den polnischen Schülern in einer fremden Sprache gelehrt, wodurch das Verständntß der Lehrer der Religion nur verhindert werde. Auch in anderen Beziehungen machten sich schädliche Germanistrungs-Bestrebungen der Regierung in Posen bemerkbar.

Regierungscommiffar Stander erinnert an die bereits gegebenen Erklä­rungen und hebt hervor, daß in der Provinz Posen alle Anträge von Pfarr- geistlichen auf Erthetlung von kirchlichem und Confirmanden-Unterrtcht aufs Wohlwollendste behandelt und möglichst gefördert würden. An zwei Orten, wo für den ReligionS-Unterricht keine Vertretung war, sei es gelungen, den Unterricht wieder zu beginnen. Es sei zu hoffen, daß dies auch andern Orten gelinge. Nächste Sitzung Dienstag. v. Ludwig erklärt zur Ge­schäftsordnung, er beabsichtige morgen eine offictelle Urkunde mit dem Namen Kieschke's auf den Tisch des Hauses ntederzulegen und ersucht, ihm hierzu vor der Tagesordnung das Wort zuzusagen. Der Präsident behält sich die Ent­scheidung nach näherer Rücksprache mit v. Ludwig vor.

In Folge der durch das Gesetz vom 6. Mai d. Js. festgestellten Vermehrung der Friedenspräsenzstärke des HeereS treten für den preußischen Verwaltungsberetch hinzu 10 Regiment- - Commandeure, 39 jStabsoffictere, 78 Hauptleute 1. Klaffe, 70 Hauptleute 2. Klaffe, 140 Premierlteutenant-, 328 Secondelieutenants, 9 Oberstabsärzte, 20 Stabsärzte, 26 Assistenzärzte, 30 Zahlmeister, 28 Büchsenmacher, 155 Feldwebel, 144 Vicefeldwebel, 144 Porrepöefähnriche, 616 Sergeanten, 1189 Unterofficiere, 11 Stabshautboisten, 162 Hautboisten, 25 Bataillons-Tamboure, 1875 Obergefreite, 14,273 Ge­meine , 432 Oeconomiehandwerker, 30 Zahlmeister-Aspiranten, 144 Lazareth- gehülsen, 1 Unterroßarzt u. s. w.

In einer der letzten Sitzungen des Abgeordnetenhauses hielt Herrsv. Ben­nigsen, anknüpfend an Vorfälle im kirchlichen Leben Hannovers, eine vortreffliche Rede gegen die Unduldsamkeit der Orth doxie. Auf einen so schmalen Raum, wie die Orthodoxen es wollten, laste sich heutzutage die evangeltche Kirche nicht etndämmen, und gerade der Festigkeit der Kirche wegen müffe man wünschen, daß die kirchlichen Behörden sich einer größeren Duldung befleißigten. Ben­nigsen wies auch mit großem Nachdruck darauf hin, daß die engherzige ortho­doxe Richtung aufs Innigste mit den preußenfetndltchen Bestrebungen verquickt sei. Und wo läge diese Beobachtung näher als in Hannover, wo die weist- scheu Preußenfeinde bet den Wahlen durch katholische Ultramontane und evan­gelische Orthodoxe nach Kräiten unterstützt werden? Der Minister o. Puttkamer versprach nun zwar, bet der Besetzung kirchlicher Aemter den preußenfeindlichen Elementen keinen Vorschub zu leisten.. Eine tiefe, beherztgenswerthe, je nach dem Standpunkte de8 Uriheilenden zu begrüßende oder zu bedauernde, jeden­falls aber unanfechtbare Wahrheit sprach v. Bennigsen aus, als er sagte, wenn die engherzige Orthodoxie und die Unduldsamkeit innerhalb des Protestantis­mus Platz gewönne, so würden die besten Geister der Kirche entfremdet und die letztere allmältg ohnmächtig werden, der katholischen Propaganda zu wider- stehen. Auf der Freiheit, nicht auf der Knechtschaft des Einzelnen ist Christi Kirche gegründet. Selbstverständlich ist das Abgeordnetenhaus nicht der Ort, diese Fragen auszutragen. Ihre Anregung aber hat gewiß ihr Gutes, um so mehr, als, wie Herr v. Bennigsen mit Recht bemerkte, die kirchlichen Fragen oft nahe genug mit der Politik zufammenhängen. Den Haupttheil der Sitzung bildete wieder der Lärm. Er begann mit der so lange vergeblich erwarteten Erklärung des Herrn Stöcker. Bekanntlich hatte der Hofprediger Stöcker den Unterzeichnern der Erkürung gegen die antifemittsche Petition vorgeworfen, daß mehr als ein Viertheil derselben seinerzeit als Gründer mehrere Dutzend Male den Tanz um das goldene Kalb mitgemacht hätten. In seiner heutigen Eiklärung gibt der Herr Hofprediger nun zu, daß nicht alle Gründungen ver­werflich sind und er so nicht alle als Gründer angeklagten Personen der Un- ehrenhafttgkeit beschuldigen wolle. Diese Erklärung ist einfach ein Widerruf seiner früheren Verdächtigung. Denn daß man durch den Ausdruckden Hexentanz um das goldene Kalb mitmachen" nicht eine gute und moralische Handlung bezeichnet, liegt auf der Hand. Und im Zufammenhang der frühe­ren Rede Stöcker's war diese Annahme gänzlich ausgeschloffen; da er ja den Zweck verfolgte, die Bedeutsamkeit der vielen hochangesehenen Namen, welche unter dem gegen die Judenhetze gerichteten Aufrufe standen, abschwächen zu wollen. Herr Stöcker hat also das letzte, was von seiner verdächtigenden großen Judenrede noch unberichtigt geblieben war, selber zurücknehmen muffen. Das ist der neueste Streiter Christi und des Germanenthums gegen Ungläu­bige und Juden, das ist ein evangelischer Hofprediger! Die nun von Herrn v. Ludwig aufgeführte Scene, an der sich Stöcker und Stroffer nach Kräften betheiligten, spottet alles deffen, was wir in unserem Parlamente noch erlebt. Wir brauchen auf die französischen Kammerdebatten durchaus nicht mehr mit Stolz hinabzusehen. Wir sinken auf dieselbe Tonhöhe, oder vielmehr auf die­selbe Tiefe des Tones hinab. Wenn Herr v. Ludwig die feinen Manieren der Conservativen repräfentiren sollte, so thäten sie uns herzlich leib. Mit Aus- nähme indeß der Herren Stöcker und Stroffer dürften beide Fractionen, denen Herr v. Ludwig als Verkörperung des conservativ- klerikalen Bündnisses unge­hört, Conservative und Centrum, ihr Gefühl in die stillen Worte gekleidet haben: Robert, mir graut vor dir! Eine Stimme aus dem Hause verflieg sich sogar zu dem Begehren, es möge untersucht werden,ob dieser Mensch noch zurechnungsfähig ist." Herr v. Ludwig hat es sich selbst zuzuschretben, wenn die durch ihn hervorgerufene Aufregung dem Ausdrucke eines Gedankens so unparlamentarische Worte leiht. Sehr richtig handelte Rickert, als er, ein­gedenk, daß man in die Arena immer hinuntersteigt, zum Kampfe mit Herrn v. Ludwig aber sehr tief, die einfache Erklärung abgab,er weise es wett von sich ab, die parlamentarische DiScusston auf das Niveau htnabdrängen zu helfen, wie wir es heute leider gesehen haben, und lasse sich mit Herrn v. Ludwig nicht in Discussionen ein." Nach dem, was Herr v. Ludwig heute geleistet, wird daS Beispiel Rickert's sicherlich allgemeine Nachahmung finden. (Köln. Z.)

Gin Wunsch oder Bitte.

Da« warm anerkennende Urtheil über das letzte Ktrchenconcert (in Nr. 289 d. Bl.) hat sicher nur ausgesprochen, was alle Hörer dankbar empfunden haben. Ein nicht minder dankbarer Hörer mochte hieran einen Wunsch, eine Bitte anreihen, durch deren Bewährung der Vereinsvorstand sich Vieler Herzen doppelt verpflichten würde. Das ist der Wunsch, die GesangeStexte dem Publikum durch den Druck stets vollständig zugänglich gemacht zu sehen. Die phonetischen Vrrhältnisie der deutschen Sprache bieten schon an sich dem Gesangsvortrag in Bezug auf Wohllaut und Verständlichkeit größere Schwierigkeiten als manche andere