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15.8.1880 Erstes Blatt
 
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Mr. 189. Wikftes Blatt. Sonntag dm 15. August

Kießener -Anzeiger

Amiz?- «Kd AcksdlM für bi Kreis Gieße».

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags.

PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Briugerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pj,

uml erzieh^^^E^ 0 Jahre alt, von hier, ist seit dem 10. Juni l. I. aus Gießen verschwunden und wird vermuthet, daß er vagabundirend

2 Dunkelblondes Haar, kleiner aber gesetzter Statur, schielt mit dem linken Auge.

Kleidung: Blaue Tuchjacke, graue carrirte Hose, Zugstiefel in schlechtem Zustande, braune Mütze mit einem Knopf auf dem Deckel.

Man bittet um Fahndung, Anhaltung und Nachricht hierher.

Gießen, den 12. August 1880. Großherzogltche Polizeiverwaltung Gießen.

______________________________________ Fresenius.

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Die Unklarheit der Gesetze.

Schon bet dem Erlasse des Wuchergesetzes wurden Stimmen laut, daß das Gesetz der Klarheit entbehre, und nicht allein der gesunde Sinn des Volke-, sondern auch die Ansicht der bedeutendsten Juristen sprechen sich dahin aus, daß es nicht gut sei, das subjektive Ermessen des Richters an die Stelle klarer gesetzlicher Bestimmungen zu setzen. In gleicher Weise haben sich die Preffe und die kaufmännischen Corporationen gegen ein Gesetz zur Beschränkung der allgemeinen Wechselfähigkeit ausgesprochen, weil die allgemeine Wohlthat, welche die Wechselfähtgkeit gerade für die Handwerker und kleineren Landwtrthe mit sich bringt, weit höher zu stellen sei, als die Unzuträglichkett, welche durch den falschen Gebrauch des Wechsels den Einzelnen treffen kann. Gerade so wie bet den Gesetzen, welche im Jntereffesittlicher Garantien" die Gewerbe­ordnung beschränkten, gibt sich bet allen neuen Gesetzen, welche die wirthschaft- ltche Freiheit etnschränken, neben der Unklarheit in der Form ein ungesunder Idealismus kund, der aus der Sucht patriarchalischer Bevormundung und aus dem Streben entspringt, das Volk wider seinen Willen glücklich zu machen.

Alle diese Gesetze werden in Eile sabrtcirt; kaum wartete man die gut­achtlichen Aeußernngen der Interessentenkreise ab, und wäre der Reichstag nicht geschloffen worden, so hätte Graf Wilhelm von Bismarck seinen Antrag bezüg­lich der Beschränkung der Wechselfähtgkeit, der geeignet ist, unsere Volksbanken und Genossenschaften zu rutntren und die Sicherheit des gesammten deutschen Wechselverkehrs zu erschüttern, durchgesetzt. Der Vorwurf der Galoppgesetz- macheret trifft viel mehr die Reaction als den Liberalismus, denn der letztere hütete sich weislich, durch die Gesetzgebung Formen zu schaffen, welche entweder später tobt oder unfruchtbar bleiben oder nur mit neuer großer Arbeit beseitigt werden muffen, weil die Erfahrung lehrt, daß sie Jrrthümer waren.

Je rascher die Cultur vorschreitet, um so schwieriger wird die Gesetz­gebung; daher muß sie auch um so vorsichtiger sein, wenn sie nicht das wirth- schastliche Leben schwer schädigen soll. Es braucht nicht gleich jede neue Bewegung in die Zwangsjacke eines Gesetzes gesteckt zu werden. Die Neu- Innungen, die Arbeiterversicherung, das Pensionskaffenwesen der Arbeiter, das Alles sind Dinge, die man sich erst ruhig entwickeln lassen sollte, ehe man für sie Gesetze macht. Man denke daran, daß die Genossenschaften sich Jahrzehnte frei und offen entwickelten, ehe man ein gutes Genossenschaftsgesetz gebraucht hat.

Deutschland.

Darmstadt, 13. Aug. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädtgst geruht:

Am 10. August dem ordentlichen Professor in der medictnischen Fakultät der Landes-Universität, Dr. Franz Riegel, in Anerkennung seiner in dem Hospitale für an Rückfalltyphus Erkrankte zu Gießen entfalteten ersprießlichen Thätigkeit, das Ritterkreuz erster Klasse des. Verdienstordens Philipps des Großmüthigen zu verlechen.

Berlin, 12. August. Briefliche Mittheilungen, welche derNordd. Allg. Ztg." auS Apia zugegangen sind, sollen beweisen, daß der Reichstag un­recht gethan, die Samoavorlage zu verwerfen; sie sind aber im Gegentheil vortrefflich geeignet, die Richtigkeit jenes Beschlusses darzuthun. Die unter Einwirkung der fremden Mächte zu Stande gekommene sehr complicirte Ver­fassung von Samoa scheint sich noch nicht in die Wirklichkeit überführen zu lassen. Der Capttän des englischen KriegsschiffesDanae" öombardirte ein samoanisches Dorf, weil die Anhänger der dort herrschenden Häuptlings- oppyfltion gegen König Malietoa allen Weißen den Tod gedroht haben sollten. Malietoa steht unter dem Einfluß eines englischen Abenteurers von sehr zwei­felhaftem Charakter. Deutsche, die auf den Samoa-Inseln Stellungen suchten oder Pflanzungen anlegen wollten, verließen dieselben sehr bald vollkommen enttäuscht. Daß der Briefsteller derNordd. Allg. Ztg." die Aussicht eröff­net, Einwanderer könnten nach Consolidirung der neuen Seehandelsgesellschast von ihr Land erwerben und Arbeiter (Kulis) erhalten, mit der Verpflichtung, der Gesellschaft gegen einen vorher bestimmten Preis ihre Producte zu liefern, 'wird schwerlich viele Ansiedler nach den Samoa-Inseln locken. Die Nicht- Übernahme einer ReichSgarantte für die ursprüngliche, aus den Godefroylchen Unternehmungen hervorgegangene Gesellschaft erscheint im Lichte der neuesten samoanischen Verhältnisse doppelt weise.

Arankreich.

Paris, 12. August, Abends. In dem heute Vormittag gehaltenen Ministerrathe beglückwünschten die Minister den Präsidenten der Republik an­läßlich der Reise nach Cherbourg. Nach dem Ministerrathe empfing der Mini­ster des Innern mehrere Präfekten, welchen derselbe schriftliche Instructionen zustellte füv die Anwendung der bez. Dekrete gegenüber den Unterricht erthei- lenden Congregationen.

Italien.

Rom, 11. August. Die Protestanten in Italien besitzen gegenwärtig bereits 138 Kirchen und Capellen ; in allen größeren Städten bilden sich kleine Gemeinden. Von 100 ordinirten Geistlichen und 50 Evangelisten sind alle, bis auf 10, Italiener; fast 100 davon sind aus der katholischen Kirche aus­getreten. Der Cardinalvicar von Rom hat gegen die Staatsbehörde einen heftigen Protest erhoben, weil sie einen Theil eines früheren Augustiner-Klosters den Engländern zur Errichtung einer evangelischen Kirche verkauft bat.

Türkei.

Konstantinopel, 12. August. Die Pforte beschloß, anstatt des Kriegsmintsters Husni den General Riza Pascha nach Albanien zu entsenden und denselben gleichzeitig an Stelle Izzet Paschas zum Generalgouverneur in Skutari zu ernennen. Mit Riza werden zunächst auf der FregatteSelmie" und einem Transportdampfer 2000 Mann abgesendet; weitere 2000 Mann gehen von Kreta nach Albanien. Riza ist beauftragt, zunächst die Convention vom 18. April durchzuführen, wenn dies aber unmöglich, die Abtretung von Dulcigno an Montenegro zu bewerkstelligen.

Telegraphische Depeschen.

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Zschl, 13. August. In Folge Hochwassers ist der Eisenbahnverkehr wegen Ablagerung von Geröll auf dem Bahnkörper eingestellt. Voraussichtlich wird die Bahn heute Nachmittag wieder frei. Die Straße nach Ebensee ist unsahrbar.

Prag, 13. August. Bei Hlinsko ist ein Wolkenbruch niedergegangen; der Eisenbahnverkehr ist unterbrochen und immense Ueberschwemmung entstan­den ; selbst die Vorstädte von Chrudim sind inundirt.

Stuttgart, 13. August. DerWürttemb. Staats-Anz." theilt aus zuverlässiger Quelle mit, das Reichsjustizamt werde demnächst an die Bundes­regierungen eine Mittheilung in Bezug auf die Revision der Reichsgesetze über daö Gebührenwesen ergehen lassen.

Der deutsche Kronprinz wird demSchwäb. Merkur" zufolge in den Tagen vom 23. bis 26. August die württembergischen Truppen besichtigen.

Lübeck, 13. August. Heute früh 8 Uhr erfolgte auf dem Dampfer Hansa" im Hafen eine Benzin-Explosion; das Schiff ist verbrannt, 7 Feuer­leute und 5 Leute von der Schiffsmannschaft verwundet.

Breslau, 13. August. Das Mittagsblatt derBresl. Ztg." meldet telegraphisch aus Ratibor vom Heutigen, daß Hochwasser komme.

Pesth, 13. August. DiePesther Corresp." meldet, das Justizmini­sterium sei mit der Ausarbeitung des Gesetzentwurfs über die gemeinsame Ver­tretung, bezw. eines Curatels der Eisenbahn-Prioritäts-Obligationen beschäftigt. Die Vorarbeiten seien so weit gediehen, daß der besagte Gesetzentwurf dem­nächst im Parlamente eingebracht werden könne.

London, 13. August. Laut Meldung der Zeitungen überfielen sechs vermuthlich mit Feniern bemannte Boote Mittwoch Nacht im Hafen von Cork das norwegische SchiffJuno" und bemächtigten sich drei unter der Ladung befindlicher Kisten mit Gewehren. DerTimes" zufolge soll der Schluß der Parlaments-Session am 11. September erfolgen.

Ratibor, 13. August, Abends. Durch Wolkenbrüche im Oppa- und Zinna-Thals ist abermals großes Hochwasser herbeigeführt. Der hiesige Wafferstand Ist 5 Meter. Die Niederungen sind überschwemmt; viele kaum erst trocken gewordene Wohnungen stehen wieder unter Wasser. Der Schaden ist sehr bedeutend. Die Hnchfluth verläuft sich jedoch jetzt rasch bei fallendem Wasser- Aus der Gegend der Wolkenbrüche bei Leobsschütz und Jägerndorf fehlen noch Nachrichten. . t r . , ,

München, 14. Aug. Das Befinden des seit emigen Tagen erkrankten