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9.12.1880 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt. Donnerstag den 9. December

Nr. 288

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der Mittelpreise der gewöhnlichsten Verbrauchsgegenstände in der Stadt Gießen vom Monat November 1880.

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m. Darmstadt, 5. December. sZweite Kammer der Stände. 68. Sitzung. Schluß.) Wenn dieselbe auch selbst beabsichtige, die Sache weiter zu verfolgen, so könne es ihr nur von Interesse sein, daß in der Kammer jener Standpunkt aus's Ent­schiedenste betont werde, namentlich da der Staat als solcher dabei wesentlich interessirt sei, sowohl bezüglich der Linie Bingen-Alzey als auch bezüglich der Oberhessischen Bahnen, denen auch der Transitverkehr vollständig abgeschnitten sei. Wenn auch oon der Preußischen Regierung entschieden und mit Indignation zurückgewiesen werde, als ob man darauf ausgehe, die Bahnen in ihrem Werthe herunter zu setzen und sie dadurch kaufbar zu machen, so führe doch der letzt eingeschlagenc Weg direct zu dieser Ansicht. Sonderbar erschiene es, daß unser Staat durch Indienststellung der Main-Neckar-Bahn an dieser Untergrabung der Ludwigsbahn zu seinem Theil mitwirke, an dessen Gründung und Fortentwickelung er sich früher selbst in hervorragender Weise betheiligt habe. Namentlich aber sei dos Vorgehen der Preußischen Regierung unvereinbar mit der Reichsverfassung, welche ein einheitliches Gebiet aller Eisenbahnen gründen und directe Expeditionen einsühren wolle. Man eifere namentlich in den Kreisen der Preuß. Negier­ung gegen das Anwachsen des Großkapitals und bemühe sich, den kleinen Handwerkerstand zu heben und die einzelnen Existenzen zu kräftigen; hier aber richte einfach der große Staat Preußen, welcher die Eisenbahnen in der Hand habe, den kleinen Nachbar zu Grunde. Es sei dringend geboten, dem illoyalen und nicht freundnachbarlichcn Vor­gehen der Preußischen Regierung entgegenzutreten.

Abg. Wolfskehl berichtet über eine Eingabe der Hessischen Ludwigsbahn-Ge- sellschaft an die hiesige Handelskammer, worin namentlich hervorgehoben wii d, daß die Kündigungen der Vereinbarungen meist mit den kürzesten Fristen erfolgt sind, daß diese bereits abgelaufen sind oder mit Schluß des Jahres ablaufen. In Folge dessen seien der Ludwigsbahn über 100 directe Gütertarife, welche sich auf Tausende von Stationen erstrecken, gekündigt worden, was ihre Einnahmen wesentlich schmälere, wodurch nicht blos die Bahn, sondern auch das Land auf das Einschneidenste berührt werde, da eine Einschränkung der Zahl der Güterzüge und damit eine Schädigung des Handels und der Industrie die natürliche Folge sei. Das Verfahren der Preußischen Regierung ver­stoße aber namentlich mit Rücksicht auf die sogenannten Concurrenzstationen gegen die Reichsverfassung und die Kammer habe alle Veranlassung, mit Entschiedenheit die Großh. Regierung in dem Bestreben zu unterstützen, diesen Tendenzen entgegenzutreten. Nicht immer seien in diesem Hause die Interessen der Ludwigsbahn vertheidigt worden, man habe öfters Gelegenheit gehabt, bei widerstreitenden Interessen diejenigen des Landes in den Vordergrund zu stellen; hier aber laufen beide Interessen parallel. Es sei die Pflicht des Staates, ein großes Unternehmen, welches in so vielfachen Be- zrehungen mit den Verhältnissen des Landes verschwistert sei, vor ungerechten Angriffen zu schützen.

Ministerialrath Fink erklärt, die Regierung gehe bei der Behandlung der­artiger Fragen keineswegs von einseitig finanziellen Gesichtspunkten aus. Wenn der Staat auch auf der einen Seite auch bei der Verzinsung des Kapitals der Main- Neckar-Bahn und auf der andern Seite in Bezug auf die Höhe der Zinsgarantie für die von ihm garantirten Linien der Hessischen Ludwigsbahn wesentlich interessirt sei, so wisse er doch, daß die allgemeinen Verkehrsverhältnisse wesentlich ausschlaggebend seien. Die Hessische Ludwigsbahn sei mit den Verkehrsverhältnissen unseres Landes verwoben und von diesem Gesichtspunkte aus habe die Regierung die Bahn stets ange­sehen und werde sie auch bei den Verhandlungen, die gegenwärtig mit der Preußischen Regierung schweben, fernerhin betrachten.

Abg. Schröder: Im Preußischen Abgeordnetenhause habe vor einigen Tagen ein Abgeordneter nicht angestanden, der Großh. Hessischen Regierung in der Frage der Mainkanalisation mit dem Bundesraihe zu drohen. Wenn auch die hier gesprochenen Worte nicht so weit in das Reich hinein hallen als Das, was in Berlin gesprochen werde, so stehe er doch nicht an, zu sagen, daß mit größerem Recht, als man in Be­zug auf jene Frage den Austrag durch den Bundesrath anzurufen sich erklärt habe, auch die Vertretung unseres Landes sagen könne, nöthigenfalls müsse auf Grund der Reichsverfassung die Hülfe des Reiches in der vorliegenden Frage in Anspruch ge­nommen werden. Er könne es nicht für eine mit der Bundessreundlichkeit vereinbar; Hebe Thalsache halten, daß der Preußische Eisenbahnminister, welcher die fiscalischen Interessen zu wahren habe, zugleich die oberste Aufsichtsbehörde fei; doch glaube er nicht, daß das Preußische Abgeordnetenhaus auch aus verkehrspolitischem Gebiete den Satz wolle zur Geltung gelangen lassen: Gewalt geht vor Recht.

Abg. Freiherr v. Nord eck zur Rabenau: Bei dem Verkauf der Main-Wcser- Bahn habe er schon gesagt: principiis obsta. Man habe die Main-Weser-Bahn nicht halten können und werde auch die Ludwigsbahn nicht halten können, wenn nicht in der letzten Stunde dem Princip entgegengetreten werde: Gewalt geht vor Recht. Das jetzige Verfahren der Preußischen Regierung involvire eine directe Verletzung der Reichs- verfassung. Auf Verhandlungen zwischen den beiderseitigen Regierungen lege er feinen Werth und der einzige Weg zur Abhülfe sei der durch die Reichsverfassung gebotene, die Anrufung des Bundesrathcs, eventuell des Reichstages. Er sei für die Reichseisen­bahnen, aber diese Art, sie zu bekommen, könne er nicht gutheißen. Die Hessische Ludwigsbahn erreiche übrigens mit dem, was ihr jetzt passire, gewissermaßen die Nemesis in Bezug auf die frühere Ueberleitung des Güterverkehrs auf die nicht garan­tirten Linien.

Ministerialrath Fink erklärt, die Negierung wisse nicht, inwieweit die Königlich Preußische Regierung als solche an den betreffenden Maßnahmen direct betheiligt sei; sie habe die eingelaufenen Beschwerden der Preußischen Regierung mitgetheilt, sie er­warte noch deren Rückäußerung und werde den Gegenstand weiter verfolgen. Abg. Falk constätirt, daß die jetzige Art der Güterbeförderung Handel und Gewerbe schwer schädige und richtet an die Regierung die dringende Bitte, durch ihre Vertreter im Bundesraihe Alles aufbieten zu lassen, um dieser Schädigung der Staatsinteressen wirk- sam ^VZutreten^^E^^n der Abgg. Schröder und Freiherrn v. Nordeck zur Rabenau wird dieser Gegenstand verlassen und die Sitzung Vr7 Uhr geschlossen.

Berlin, 4. December. lieber die tumultartschen Scenen, welche am Mittwoch Abend in der Vorlesung des Herrn Profeffor Läsion vorgekommen sind, gtebt derReichsbote" nach einer stenographischen Aufzeichnung folgenden Bericht , Herr Läsion wird von Beifall empfangen, dem sofort die energisch­sten Zeichen des Mißfallens und Rufe nach Ruhe entgegentreten. (Mehrere Minuten andauernder Lärm, während deren Herr Läsion sich setzt). Nachdem Ruhe etngetreten und nach einigen einleitenden Worten sagt Herr Läsion: Roch eins, meine Herren, ich denke, Sie demonstrlren nicht in einer bestimmten Tagesfrage (Bravo, Ja wohl! Lärm), es wird der Grund sein, daß in einer schlechten Zeitung erzählt worden ist, ich hätte vor acht Tagen Zuhörer, die ihre Mißbilligung ausgesprochen, hinausgewiesen. (Ist auch wahr! Lang an­dauernder Lärm). Herr Läsion fährt fort: Ein College von mir provocirte

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mtch zu einem Gespräch unter vier Augen Mann gegen Mann. (Ruf: Henrici). Und am Montag Abend bekomme ich die Anfrage von einer hiesigen Zeitung, ob ein furchtbar entstellter Bericht (Lärm: die Fortsetzung nicht zu verstehen) fährt fort:Der Redacteur schreibt. Es kommt uns ein Bericht über ein Privatgespräch zu; wir würden es für Unrecht halten, falls Sie sich nicht damit einverstanden erklären, ihn aufzunehmen. Den anderen Morgen bin ich zu dem mir bekannten betreffenden Herrn persönlich gegangen und habe gesagt: Herr Redacteur, ich halte es nicht für die Aufgabe der Presie, Prlvatgt spräche an die Oeffentlichkett zu ziehen (Lärm, unverständliche Rufe. Die Versammlung nimmt allmältg einen tobenden Charakter an, provoctrt durch den ungemesienen Beifall, der Herrn Läsion gespendet wird). Herr Läsion erbärt, ich habe ein Amt und kraft dessen stehe ich hier. (Furchtbarer Lärm; einzelne tumultuarische Scenen zwischen Artern und nachgemachten.) Er fährt fort: Meine Herren! Ich halte die Menschen für ehrlose Buben (Tumult), die da, wo sie glauben, für das Recht einzutreten, dies nicht thun. (Lärm. Ruf: Wer sind die ehrlosen Buben?) Herr Läsion: Ich habe Nie­mand ehrlos genannt! (Oho! Lärm). Herr Läsion erklärt: Ich halte bis 6 Uhr hier aus. (Ruf: Wir auch). Frage aus dem Auditorium: Hat Je­mand die Landeszettung hier? Ja! Vorlesen! Germania! Herr Läsion: Das sind Lügen habe ich gesagt, das sind Schundblätter! (Oho! sind keine Schund­blätter I) Herr Läsion versucht unter entsetzlichem Lärm seine Ausdrücke von der vorigen Vorlesung abzuschwächen, muß aber, auf vorgehaltenen wörtlichen Bericht diesen anerkennen (Aha I), fährt fort: Ich bin hier in meinem guten Recht! (Ruf: So! Judenfrage, Philosophie! Lärm). Nicht allein in meinem Recht, sondern ich habe ein Amt und die Pflicht, hier zu sein, dagegen haben diejenigen Herren, die nicht belegt haben, kein Recht. (Oho! Lärm. Rufe aus der Versammlung: Depreciren, revociren! Lärm). Herr Läsion ist anschei- nend raihlos, bittet um Gehör und fängt an :Socrates war der erste" (durch Lärm unterbrochen). Meine Herren! Wir wollen, da der Platz nicht ausreicht, nach der Baracke gehen, vielleicht sind Sie ruhiger. (Geschieht). Darauf erscheint bald nach halb 6 Uhr der Decan der philosophischen Facultät, Herr Jupitzi, und erklärt, daß Herr Profesior Läsion nicht lesen werde. Der Pedell forderte darauf die Versammlung auf, den Saal zu verlaflen, sonst werde er das Gas abdrehen. Bald darauf verließ die Versammlung unter dreimaligem Hoch auf Profeffor v. Treitschke den Saal."

Vermischtes.

(Durch Kindes Unfall wieder versöhnt.) DasKleine Journal" erzählt folgende rührende Geschichte: Ain Sonnabend Abend wollte ein kleines vierjähriges Mädchen den Straßendamm in Berlin pasfiren, hatte dabei aber das Unglück, zu fallen, und wäre um ein Haar überfahren worden, wenn nicht zufällig ein älterer Herr mit eigener Gefahr die Kleine emporgeboben und bei Seite gezogen hätte. Die heftig Weinende vermochte vor Schluchzen nicht, Namen und Wohnung anzugeben, und deutete nur nach der Gegend, wohin sie zu gelangen wünschte. Hier bezeichnete sie das .ftaus, in dem ihre Mutter wohnte. Der alte Herr begleitete das immer noch weinende Kind b§ an die Wohnung, klingelte und übergab der öffnenden jungen Mutter das­selbe, mit kurzen Worten den Unfall berichtend. Im Dämmerlicht vermochte die junge Frau die Gesichtszüge des Fremden nicht genauer zu betrachten, aber schon die ersten Töne seiner Stimme erweckten eine Erinnerung an längst vergangene glückliche Zeiten der Kindheit in ihr Der dringenden Bitte der Mutter, einzutreten, konnte der alte Herr nicht widerstehen. Im erleuchteten Zimmer fand nun eine Scene statt, die wohl kaum ergreifender gedacht werden kann: der Großvater hatte sein einziges Enkelchen gerettet. Seit neun Jahren von seiner Frau geschieden und in Hamburg lebend, hatte er weder von Frau noch Tochter und deren Kinde in diesem Zeitraum ein Lebens­zeichen erhalten; eme Geschäftsreise hatte ihn jetzt nach Berlin geführt. Eine Stunde nach diesem Vorfall standen sich die beiden geschiedenen Ehegatten mit thränenpen Augen gegenüber, die beiden Rechten fest und innig vereint und hoffentlich von nun ab für immer vereint-