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Nr. 82. Freitag den 9. April 188«.
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Ayeige- uib AmtsöM ftr bte Kreis Gieße«.
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ExpedittortSbnreM»:
Cchulstraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MorrtagA,
PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pst
Amtlicher Hheik. Bekanntmachung.
Der Stadtbach und Stadtringgraben werden von vielen hiesigen Einwohnern als Ablagerungsplätze für sämmtlichen Unrath, Kehricht, Schutt, Steine, Asche, Scherben, alte Vlechgeschirre und dergl. benutzt und wird dadurch der Wasserlauf gehemmt. Wir sehen uns veranlaßt, wiederholt öffentlich auf das Strafbare dieser Handlungsweise hinzuweisen mit dem Anfügen, daß das Aufsichtsperjonal angewiesen ist, jede derartige Zuwiderhandlung, strafbar nach Art. 120 des Polizeistrafgesetzes mit 1 bis 17,14 Reichs-Mark unnachsichtlich zur gerichtlichen Bestrafung anzuzeigen.
Gießen, den 6. April 1880. Großherzogliche Poltzeiverwaltung Gießen.
__________________________________________________________Fresenius.__
Am 29. v. Mts. wurde bet Weilburg die Leiche eines unbekannten Mannes geländet.
Größe: 1 m 75 cm. Alter: ca. 50 Jahre. Haare: braun. Backenbart. Bekleidet mit: 1 blauen Kittel, 1 leinenen Kamtsol, 1 braunen gestrickten Unterjacke, 1 Paar leinenen Hosen, darunter 1 Paar schwarze Tuchhosen, 2 leinenen Hemden, 1 wollenen Halstuch, 1 Weste von geripptem Stoff, 1 Paar wollenen Strümpfen, 1 Paar guten ledernen Schnürschuhen, die Sohlen stark benagelt und um den Leib ein lederner Riemen geschnallt. In den Taschen fand sich ein Täschchen mit 3 und 4 kleine Schlüffe!.
Ich ersuche um Nachforschung nach Namen und Heimath des Verlebten und. event. um Nachricht.
Limburg, den 2. April 1880. Der Königliche Erste Staatsanwalt.
.Heinzmann.
Die zunehmende Auswanderung.
Die Tabaksindustrie wird durch das Monopolproject des Kanzlers wieder schwer beunruhigt, in einem Augenblick, wo schon die einfache Steuererhöhung des vorigen Jahres beginnt überaus nachtheilige Folgen für die Industrie zu äußern. Kaum ein Tag vergeht, wo nicht in der Preffe aus Grenzorten über ein Gefecht mit TabakS-Schmugglern berichtet wird. Die inländische Fabrikation leibet dreifach unter dem mit der Verlheuerung abnehmenden Verbrauch, dem Schmuggel und der zunehmenden Surrogatverwendung. Die Regierung selbst nahm 1879 eine Verminderung des Tabaksverbrauchs als Folge der hohen Steuer um 20 pCt. an. Das bedeutet, wie, damals ein Redner der Fortschritt? artei hervorhob, den Verlust des bisherigen ErwerbS^wriges für 40,000 Familien. Und da nach den Zeitverhältmffen ein Unterkommen in anderen Erwerbsverhältniffen nicht zu finden ist, so bleibt dm Erwerbslosen nichts übrig, wie auszuwandern. Mit klingendem Spiel, so möchte man es fast nennen, wanderten in dieser Woche aus Altona und Ottensen Ctgarrenarbeiter aus. Unter Vorantritt der Liedertafel und mit Gesang von 200 Personen begleitet, zogen 25 als kräftige und ordentliche Leute bekannte Ctgarrenarbeiter auf das Auswanderurgsschiff nach Amerika. Ueber 100 Genoffen waren schon vorher in den letzten drei Wochen voraufgegangen, da bie schleswig holsteinischen Tabaksfabriken zahlreiche Arbeiter entlasten müffen. Jede Woche soll eine gleich große Anzahl folgen, zuerst die Unverheiratheten, alsdann nach dem 1. Mat auch dte Verheiratheten. Wie m Hamburg so ist auch in Bremen eine starke Zunahme der Auswanderung bemerkbar. Em einziger Lloyd-Dampfer nahm dort am Gründonnerstag 1600 Zwischendecks-Passagiere mit nach Baltimore. Im Februar d. Js. landeten in New-Aork 2085 Auswanderer mehr aus Deutschland, als im Februar 1879. Bereits im Jahre 1879 aber hatten sich in den 4 Häsen Bremen, Hamburg, Stettin, Antwerpen 9110 deutsche Auswanderer mehr als 1878 und 11,363 mehr als 1877 etngeschtfft. Die Auswanderung von 1879 überstieg auch diejenige von 1876 und 1875 und begann sich den Ziffern der Jahre 1872 bis 1874 zu nähern, wo dte Auswanderung überall zu lebhaften Klagen, insbesondere den ländlichen Arbeitgebern, Veranlaffung gab. Und die Sache fängt mit dem Frühjahre erst an. Ueberall her aus Deutschland laufen darüber Berichte ein. Aus dem Amt Usingen in Nassau wird z. B. gemeldet, daß in dieser Woche 25 bis 30 Personen allein aus Grävenwiesbach und Umgegend auswandern. In den Kreisen Wongrowttz, ©tiefen, Mogilno, Wirfitz, Schubin und Jnowratzlaw im Posen'schm ist eine förmliche Auswan- derungs-Epidemie ausgebrochen. Aus manchen Dörfern wandern mehr als ein Dutzend Familien aus. Ganze Karawanen unter Führung des Ortsschulzen sollen die bisherige Heimath verlassen haben.
Alles dies ereignet sich zu einer Zett, wo angeblich in Deutschland dte Geschäfte wieder im Aufschwung begriffen sind und nach den Versicherungen deS schutzzöllnertschen Agilations-Comrtös dte neue Mrthschaftspolittk des Reichskanzlers überall beginnt dte wohlthätigsten Folgen zu äußern. Das eigentliche Volk muß doch das gerade Gegentheil einer Besserung der Zustände empfinden, ja es muß sogar der Meinung sein, daß überhaupt in absehbarer Zeit eine erhebliche Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland trotz aller schönen neuen Zölle und Steuern und trotz der vermehrten Polizei auf allen G bieten des Erwerbslebens ganz uno gar nicht zu erwarten steht. Für dte ländliche Bevölkerung insbesondere sollte sich nach den Verheißungen des vorigen Jahres eine neue Aera der Glückseligkeit eröffnen. Gerade die ländliche Bevölkerung ist es ober vorzugsweise, welche sich dem Strom der Auswanderung anschlteßt. Im Posen^schen sind es meist bäuerliche Wirthe, kleine Handwerker und Komorinks (Jnstleute), welche eine Kuh und ein Schwein, also doch noch immerhin einige Habe besessen haben. Die neuen schönen Viehzölle vermögen diese Leute nicht zurückzuhalten. Und die Wunder- krast des Getreidezolls versagt in gUichem Maße.
Es war am 5. Mai 1879, als im Reichstage bei her ersten Berathung des Zolltarifs der bekannte Vertraute des Kanzlers, Geheimerath Tiedemann,
zur Vercheidigung der neuen Zölle auf die Hungersnoth im Spessart hinwies, dessen Bewohner ihr Getreide und Holz nicht mehr verkaufen konnten in Folge der „Ueberschwetrmm'g" Deutschlands mit fremdem Getreide und fremdem Holz. Nun sind die Holzzölle und Getretdezölle in Kraft getreten. Statt Ueberschwemmung mit Nahrungsmitteln herrscht nach dieser Erndte in mehr als einer Gegend Deutschlands der bitterste Nothstand. Und gerade die Bevölkerung im Spessart ze'gt trotz der ihr ganz besonders zugedachten Zölle eben jetzt besondere Neigung nach Amerika anszuwandern. In Heigenbrück daselbst haben sich 70 Männer, Weiber und Kinder zur Auswanderung gerüstet und die bayerische Regierung ist derart von der Nothwendigkeit dieser Enrschl'.eßung überzeugt, daß sie den genannten Personen noch 5500 JL zu den Reisekosten nach Amerika zugofchoffcn hat. Nicht weil der Ertrag de- Bodens für die Bebauer picht verkäuflich ist, sondern weil ihnen der Boden nicht soviel bringt, um auch nur selbst davon leben zu können, wandern diese Spessarter aus. Das Uebermaß der Bevölkerung im Verhältntß zur nationalen Produciion will die bayerische Regierung durch Zuschuß zur Auswanderung vermindert'. Verfolgt man freilich eine Politik, welche verhindert, daß billige Lebensmittel nach Deutschland kommen, so wandern die Menschen aus Deutschland selbst dorthin, wo die billigeren Lebensmittel Herkommen. Jede Beschränkung der Einsuhr ist eine Prämie für die Auswanderung. (N. V.)
Deutschland.
Gießen, 8. April. Vom Abg. Richter (Hagen) ist folgender Antrag im Reiche tag eingebracht: „Der Reichstag wolle beschließen, zu erklären, daß er eine weitere Erhöhung der Tabakssteuer oder die Einführung deS Tabaks- Monopols für wirthschafllich, finanziell und politisch durchaus ungerechtfertigt erachtet."
Es kann wohl mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden, daß dieser Antrag im Reichstag seine volle, gerechte Würdigung finden und zum Beschluß erhoben wird. Wir dürfen zugleich mit Zuversicht erwarten, daß unser Vertreter, Freiherr Nordeck zur Rabenau, dem für unseren, wie für viele andere Bezirke sehr wichtigen Anträge seine kräftige Unterstützung ange- deihen läßt.
Darmstadt, 7. April. Seine König!. Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht:
Am 3. April den Amtsrichter bei dem Amtsgerichte Nidda Paul Stör- ger zum Oberamtsrichter bei dem Amtsgerichte Herbstein zu ernennen.
m. Darmstadt, 7. April. Erste Kammer der Stände. 12. Sitzung. Die erste Kammer erledigte m ihrer heutigen Sitzung die sämmtlicken auf der bereits mitgetheilten Tagesordnung stehenden Gegenstände durch einstimmigen Beitritt zu den dessallsigen Beschlüssen des anderen Hauses. Eine kleine Debatte entspann sich nur bei dem eisten Berathungsaegenstand die Erbauung einer stehenden Brücke zwischen Mainz und Kastel betreffend. Der Berichterstatter, Herr Wern her, führt aus, wie in der Jetztzeit, gerade so wie früher, eine feste Brücke über den Rhein bei Mainz eine wesentlich militärische Bedeutung habe und wie deßhalb das Reich sich einer Unterstützung des Brückenbaues nicht entziehen könne — Se. Erlaucht der Gras zu Solms- Raubach kann nicht mit freudigen Gefühlen für die Vorlage stimmen, da unser Land von dem Reiche und Preußen gezwungen werde, Aufwendungen für das große Vaterland aus eigenem Säckel zu machen. Jedenfalls sprächen bedeutende Billigkeitsgründe für die Gewährung eines Beitrages zum Brückenbau von Seiten Preußens, da seiner Ansicht nach z. B. für den hessischen Antheil an der Main-Weser-Bahn nicht eine volle Werthemschädigung stattgesunden habe. — Se. Großh. Hoheit der Prinz Alexander schließt sich den Ausführungen des Vorredners an und glaubt, daß Preußen umsomehr veranlaßt sei. einen Beitrag zum Brückenbau zu leisten, als die Stadt Mainz seit dem Jahre 1866 den osficiellen Titel einer Königlich Preußischen Festung trage. — Nachdem noch Herr Domdcchant Heinrich Namens der Mainzer Bürgerschaft ohne Unterschied der Stellung seinen Dank für die große Wohlthat ausgesprochen, welche der Stadt durch die Erbauung der Brücke erwiesen werde, und Herr Lauteren sich Dem angeschlossen, erfolgt, wie bemerkt, einstimmiger Beitritt zu dem Beschluß der zweiten Kammer. — Bei der Vorlage Großh. Staatsministeriums in Betreff der Aufbesserung der Ruhegehalte der vor dem 1. Jannar 1874 pensionirt'-n Eivilstaatsdiener befürwortet Se. Großh. Hoheit der Prinz Alexander die gleichmäßige Erhöhung auch der über 3600 Jt. betragenden Pensionen, worauf Staatsmmister Freiherr von Starck, Exc.. bemerkt, daß eine derartige Vorlage in der zweiten Kammer absolut keine Aussicht aus
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