Er. 78. Zweites Blatt. Sonntag den 4. April 1880.
Meßmer HWiger
A«?rist- irt Amtsblatt für de« Kreis Gieße«.
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Politische Ueberficht.
Die auswärtige Politik Deutschlands ruht bekanntlich in fester und guter Hand, und die Sicherung des Weltfriedens, welche unS als Angebinde zum Osterfest von hoher Stelle aus verkündet worden Ist, wurde überall freudig begrüßt. Aber zuweilen scheinen zwei Seelen in der Brust unserer Diplomatie zu wohnen, denn während man die alte Freundschaft mit Rußland aufls Neue anpreist, nachdem sie sich lange als sehr wurmstichig erwiesen hatte, griffen die Officiösen heftig die russische Politik an. Erkläret uns, Graf Oerindur — diesen Zwiespalt der Natur! — An Ausklärung über solche Räthsel fehlt es uns eben, und darin liegt eine große Schädigung unseres ruhigen politischen und wirthschastlichen Lebens. Fürst Bismarck giebt derartige politische Klarstellungen dem Volke nur höchst selten im Reichstage, er huldigt seiner gerühmten Offenheit nur in den wichtigen Augenblicken, in denen das Vaterland in Gefahr ist, sonst fällt höchstens in seinen parlamentarischen Soireen, bei den Diners im Palais der Wilhelmstraße ein Lichtblick auf die politischen Wirren, wie ein Brosamen vom Tische des Reichen. Immer lauter tritt daher der berechtigte Wunsch im Volke hervor, das deutsche Reich auch dadurch in die Reihe der wahrhaft consttrutionellen Staaten ein- zuführen, daß seinem Parlamente eine osficielle Sammlung diplomatischer Aktenstücke von Zeit zu Zeit vorgelegt wird. Man weiß auch in den Reihen der deutschen Politiker, daß diese Gelb- und Blaubücher gewöhnlich die wichtigsten Depeschen der Diplomatie nicht enthalten, aber es ist doch etwas, und selbst aus den weniger wichtigen Actenstücken sind Rückschlüsse gestattet, welche der Wahrheit nahekommen. Das Interesse an der auswärtigen Politik wird gesteigert, die Politiker selbst werden urthetlssähiger, und für alle Ewigkeit kann man doch nicht darauf rechnen, für die auswärtige Politik Deutschlands einen BiSmarck zu haben. Dle Kenntnißnahme vom politischen Leben der Nation den auswärtigen Mächten gegenüber ist ein Volksrecht, wie sie eine Vorbedingung für eine Schulung der Politiker ist. Mit Recht hat neuerdings ein Lehrer des Völkerrechts hervorgehoben, daß durch solche osficielle Publtca- tionen viele unnütze politische Aufregung, sowohl durch die Preffe, als durch die Parlamente des In- und Auslandes erspart werden könnten.
Die drohende Quittungssteuer hat, wie officiös gemeldet wird, schon im Bundesrathe Schiffbruch gelitten; mindestens will man die Quittungen unter 50 Mark steuerfrei lassen.
In Frankreich beginnt der Culturkampf in optima forma. Man ist gespannt, wie die ultramontanen Landstriche das scharfe Vorgehen gegen die Jesuiten und andere Congregationen aufnehmen werden. Bei der leichten Erregbarkeit der Franzosen könnten ernstliche Unruhen der freisinnigen Regierung leicht einen Strich durch die Rechnung machen, falls es sich nicht bewährt, daß Parts — Frankreich ist.
Die Wahlen zum englischen Parlament haben begonnen, gestatten aber noch keinen Rückschluß auf den Ausfall. Gladstone ist erkrankt, ein Gretgniß, das leicht den Liberalen Terrain entziehen kann. Die Conser- vativen hoffen noch in letzter Stunde auf eine erkleckliche Majorität, und Lord Beaconsfield soll durchaus nicht geneigt sein, das Steuer aus der Hand zu legen, selbst wenn er nur mit geringer Majorität stegt.
Das glückliche Bulgarien hat nicht nur einen preußischen Lieutenant als König, sondern jetzt auch ein liberales Ministerium bekommen. Das Programm deffelben verheißt Selbstverwaltung, Glaubensfreiheit, Steuererleichterungen, internationale Verträge und friedliche Politik unter Freundschaft der Großmächte. Mit Ausnahme des letzten Punktes also — tont eomme chez nons!
Darmstadt, 1. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht:
Am 17. März den Dirigenten der erweiterten Volksschule für Mädchen zu Gießen, Schultnspector Karl Vtgeltus, zum Director an der höheren Mädchenschule daselbst,
den Lehrer an der erweiterten Volksschule für Mädchen zu Gießen, Dr. August Buchhold, und den provisorischen Lehrer an der höheren Mädchenschule zu Gießen, Dr. Eduard Molly, zu Lehrern an dieser Schule zu ernennen;
am 20. März den Kreis-Assistenzarzt für den Kreis Gießen, Dr. Ferdinand Schmidt, auf sein Nc-chjuchen in den Ruhestand zu versetzen.
Darmstadt, 2. April. Die Allerhöchste Großherzogltche Familie, Se. Kaiser!, und König!. Hoheit der Kronprinz des deutschen Reichs, sowie Ihre König!. Hoheiten der Prinz und die Prinzessin von Wales besuchten gestern Abend die Vorstellung im Großh. Hoftheater. Als die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften während der Ouvelture in die Logen traten, brach das Orchester im Tacte ab. Beigeordneter Hickler brachte aus Se. Köntgl. Hoheit den Großherzog und seine hohen Gäste ein dreimaliges Hoch aus, das tn dem wohlgesüllten. festlich erleuchteten Hause freudigen und kräftigen Widerhall fand. Die Aufführung von Wagner's „Die Meistersinger von Nürnberg" nahm darauf ihren Fortgang; die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften wohnten bis zum Schluffe an.
— Die „Darmst. Ztg." wird von unterrichteter Sette darauf aufmerksam gemacht, daß das letzte Petersburger Telegramm, welches eine Verschltmme- rung deS Zustandes Ihrer Majestät der Kaiserin von Rußland meldet, dem
gegenwärtigen Stand der Krankheit nicht entspricht. Es find gerade gegenwärtig beruhigende Nachrichten von Petersburg eingetroffen. Hiernach bessert sich seit dem 31. März der Zustand Ihrer Majestät und konnten Ihre Maje- stät das Bett wieder verlaffen.
—— " Lokale-.
Gießen, 3. April. (Sitzung der Stadtverordneten am 1. April.) Anwesend: Herr Bürgermeister Bramm, die Herren Beigeordneten Keller und Heß; von Setten der Stadtverordneten die Herren Batst, Gail, Grüne berg, Hornberger, Kauf, Lüdektng, Ad. Noll, Aug. Noll, Pfannmüller, Scheel, Schopbach und Wort mann. — Herr Bürgermeister Bramm thetlt der Versammlung den Dank des Herrn Dr. Naumann von Worms anläßlich seiner Wahl zum 1. Stadtpfarrer mit. Ferner gibt Herr, Bürgermeister Bramm der Versammlung Kenntniß, daß er Namens der Stadt dem Herrn Pfarrer Rady zur Feier seines 25jährigen Dtenstjubtlums gratultrt habe. — Der Versammlung wurde hierauf der Entwurf der Schlachthaußordnung vorgelegt und gelangte derselbe unter Acceptirung der von der Baudeputatton befürworteten Abänderung einiger Paragraphen zur Annahme. — Großh. Garntsonverwaltung hat der Bürgermeisterei den Entwurf des Kaufvertrages wegen Ankaufs des zur Erbauung einer neuen Caserne nöthigen Geländes vorgelegt. Danach soll für den Platz, welcher eine Straßenfront von 150 Meter und eine Tiefe von 180 Meter enthält, der Preis von 43,680 gezahlt werden. Ferner behält sich das Kriegsmintstertum die Entwäfle- rung des Platzes und Herstellung von Abzugscanälen durch städtisches Gelände vor. Die Herstellung eines Weges von der Ehauffee nach dem sog. Mittelweg, sowie die Tragung der Kosten für die Umschreibung fallen nach dem Entwürfe der Stadt zu. Die Versammlung geht tndeß auf diesen Punkt nicht ein, da nach einer früheren Bestimmung der Käufer die Kosten zu tragen hat. — Bezüglich einer Eingabe wegen Ueberwölbung der offenen Stadtbach zunächst der Pfarr-Hofraithe hinter der Stadtkirche wird die Aufführung einer Mauer mit einem Geländer auf derselben, als den zu treffenden Sicherhettsmaßregeln entsprechend, genehmigt. — Die beschloßene Entwäfferung der Schwarzlach macht die Ziehung von Gräben und Abzugscanälen durch Privatgelände nothwendig und werden die dieserhalb aus den diesbezüglichen Verhandlungen mit den Eigenthümern der Grundstücke sich ergebe« habenden Entschädigungsansprüche gebilligt. — Auf den Vorschlag des Schulvorstandes, mit der Erthetlung des Turnunterrichts an Stelle des durch Kranksein verhinderten Turnlehrers an den städtischen Schulen aushülfs- weise Herrn Turnlehrer Schmuck gegen die übliche Entschädigung zu beauftragen, wird eingegangen. — Das Gesuch des Turnvereins um Ueberlaffung der Turnhalle zur Abhaltung des für den 4. April bestimmten Schauturnens wird genehmigt und von der Seitens deS Turnvereins erfolgten Einladung zu demselben dankend Notiz genommen. — Vor dem Bezug des Wachelocals für die Schutzmannschaft in dem Hause in der Wetdengaffe hat die Polizeiver- Weitung um die Herstellung einer Gasleitung, die Reparatur des Fußbodens, die Einziehung einer spanischen Wand rc. ersucht. Die Versammlung tritt dem Gesuch befürwortend bet und genehmigt den Seitens des Herrn Bürgermeisters mit Herrn Hochstätter abgeschloffenen, auf unbestimmte Zeit verlängerten Miethvertrag. — Auf das Gesuch des Schretnermeisters Karl Schäfer von Gießen um käufliche Ueberlaffung städtischen Geländes an der Schtllerstraße wird auf Antrag der Baudeputatton, da sich noch weitere Kaufliebhaber hierfür gefunden haben, beschlossen, das fragliche Gelände in 4 Bauplätze einzutheilen und einer öffentlichen Versteigerung auszusetzen. — Wetßbtndermeister Wilhelm Seipp beabsichtigt an der Grünberger Straße zu bauen und sucht deshalb um die Erlaubniß zum Ueberfahren des Trottoirs nach, was ihm unter der Bedingung gestattet wird, daß er dasselbe auf seine Kosten wieder Herstellen läßt. — Georg Gümbel von Atzbach und Andere suchen um Ueberlaffung eines Platzes an der Lahn zur Lagerung von Kies nach. Sämmtliche Gesuche werden der Baudeputatton zur Entscheidung überwiesen. — Das Gesuch des Lederhändlers Johannes Fischer um Erlaubniß zur Erbauung eines Hintergebäudes, sowie zur Herstellung einer Einfriedigung wird genehmigt, desgleichen dasjenige des Kaufmanns August Montanus um Erlaubniß zur Anlegung zweier Einfriedigungen. — Die Bauveränderungsgesuche des Samuel Pascoe und des I. Bernhardt, sowie die Baugesuche von Peter König, Louis Dauernheim und Heinrich Becker werden gleichfalls genehmigt, letzteres mit dem Zusatz, daß das projectirte, neben dem Justizpalast zu stehen kommende Gebäude auch 7,5 Meter von der Straßenltnte abgerückt wird. — Gegen den Ortsarmenverband Peterkau, welcher sich weigert, die Kosten für die Verpflegung eines Ortsangehörtgen zu entrichten, soll Klage erhoben werden. — Der Gemeinde-Voranschlag für 18so/81 ist aufgestellt und wird der Finanzdeputatton zur Begutachtung überwiesen und nach Erledigung einiger kleineren Angelegenbeitcn die Sitzung geschloffen.
Behandlung der Obstbäume.
In Folge der feuchten und warmen Witterung in der ersten Hälfte des vorjährigen Herbstes fand der Jahrestrieb der Bäume spät und meist erst durch den Eintritt starker Fröste seinen Abschluß. Dadurch und durch die folgende strenge und anhaltende Kälte sind manche Obstbäume, besonders solche mit Sorten, welche in unsere Gegend nicht taugen, ganz vernichtet und viele beschädigt worden. Sollen die beschädigten Obstbäume sich rasch erholen und später nicht an Rinden- oder Holzfäule, Braud, Krebs rc. zu Grunde gehen, so ist gerade jetzt eine sachgemäße Behandlung derselben geboten und erlaubt man sich für diese Behandlung im Folgenden eine kurze Anleitung zu geben:
Sind nur die Zweige, also die im vorigen Jahre gewachsenen Verlängerungen der Aeste beschädigt, so schneide man, wenn sich die Beschädigung auf die oberen Theile beschränkt, die Zweige bls auf ein gesundes Auge zurück; hat aber der Frost den ganzen Zweig vernichtet, so muß bis auf ein gesundes Auge des alten Holzes geschnitten und die Schnittfläche mit Baumwachs verstrichen werden. Sind ganze Aeste erfroren, so nehme man sie dicht am Astring weg, schneide die Wunde glatt und verstreiche sie. Das Verstreichen kann mit Baumwachs oder mit einem Gemisch aus Lehm, Asche und Rindsdung erfolgen. — Bei Frostplatten am Stamm, die man leicht an der röthlichen, fleckig und überhaupt abgestorben aussehenden Rinde erkennt, ist die abgestorbene Rinde mit scharfem Messer vorsichtig und so wegzunehmen, daß die entrindete Stelle nur von gesunder Rinde begrenzt wird und die Stelle sammt den Schnitträndenr bet ßefunoen Rinde zu verstreichen Das Verwachsen oder besser die Ueberwallung der Wundflache erfolgt von den Rändern der gesunden Rinde aus und aus dem gesund gebliebenen Sastholz (Splint) meist noch im Laufe des Sommers oder doch in wenigen Jahren vollkommen. — Bei Frostrissen am Stamm oder an den Aesten sind die Wundrander ihrer ganzen Länge nach glatt zu schneiden und so zu verstreichen, daß auch die. Risse geschlossen sind. Die Frostrisse werden, so behandelt, in kurzer Zett von außen überwallen und dem Wachsthum des Baumes selbst dann Eintrag nicht thun wenn sie sich bis in's Holz erstreckten. Ist der Baum überhaupt durch Frost beschädigt, was man daran erkennt, daß die Farbe der Bast- und Lamblumschicht nicht mehr weiß, sondern mehr röthlich-gelb erscheint, so sind Einschnitte am Platze, welche man der Länge des Stammes und der Aeste nach an verschiedenen Stellen in die Rmde und zwar dis zum Saftholz macht. Auch können Rindenstreifchen in der Stärke eines Messerrückens aus Stamm und Aesten mit scharfem Messer gelöst werden, es sind aber dann die Stellen, aus denen die Rindenstreifchen genommen, mit Baumwachs zu verstreichen. Wenn die Bast- und Lambiumschicht durch den Frost nicht vollständig vernichtet ist, regen diese Einschnitte und Rindenverwundungen der Bäume zu neuer Lebensthätigkeit an und tragen zur schnelleren Verheilung der Frostschaden viel bei.


