gegriffen. — Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat vorläufige Bestimmungen erlösten, welche Erleichterungen für die gegenseitige Benutzung der Güterwagen auf den vom Staate verwalteten Eisenbahnen herbetführea sollen.
Thorn (Westpreußen), 28. April. Ein Opfer rufstscher Berwaltungs- justiz langte neulich, aus Rußland ausgewiesen, hier an. Es war dies der J"gen>eur Neumeister aus Sachsen, Sohn eines sächsischen Oberförsters, ein Mann, der auf dem Polytechnikum in Dresden studirt und bis vor Kurzem in Rußland in geachteter Lebensstellung sich befunden hatte. Er war Ingenieur bei der südrusstschen Eisenbahn gewesen und hatte in Moskau gewohnt. Als am 1. December v. Js. das bekannte Eisenbahn-Attentat bei Moskau erfolgte und die russische Polizei bald mit Hülfe einer Photographie ihre Nachforschungen nach dem Nihilisten Hartmann begann, wurde Neumeister auf Grund einer seltsamen Aehnltchkeit mit jenem photographischen Bilde als der gesuchte Nihilist verhaftet und schmachtete seitdem im Gefängnisse. Auch als später der wirkliche Hartmann in Parts ergriffen worden war, erfolgte seine Freilassung nicht, denn nun sagte man, er sei schon deshalb verdächtig, weil cf Ingenieur an der Bahn gewesen sei, auf welcher die Explosion erfolgte. Wohl noch Jahre lang hätte Neumeister bei dem in Rußland üblichen langsamen Gang der Untersuchungen in dem mit Ungeziefer angefüllten Gefängnisse zubrtngen können, hätte er nicht an seinem Onkel, welcher Oberförster auf den Besitzungen des Warschauer Generalgouverneurs Grafen Kotzebue ist. eine Hülfe gehabr. Durch die Vermittelung des Letzteren gelang es, die Untersuchung aufzuheben, und die russische Regierung begnügte sich mit der Ausweisung des Verdächtigen. Von allen Mitteln entblößt, gänzlich abgerissen, langte der Aermste hier an. Seine nicht unbedeutende Baarschaft, wie seine werthvolle Bibliothek hat er nach seiner Verhaftung nie mehr wiedergesehen; nichts war ihm gelassen worden, als was er im Augenblicke der Verhaftung gerade bei sich hatte.
England.
London, 29. April. Sir Henry James wurde zum General-Staats- procurator, Grant-Duff zum Unterstaatssecretär der Colonien, Lord Frederick Cavendish zum Secretär des Schatzamtes ernannt.
— Die „Times" erfährt, daß der Marquis von Lansdowne zum Unterstaatssecretär im indischen Amt, Graf Morley zum Unterstaatssecretär im Krtegsamt und Lord Carington zum britischen Gesandten in Konstantinopel ernannt worden sei.
London, 29. April. Fawcett ist zum Generaldirector der Posten, Mundella zum Vicepräsidenten des Conseils ernannt. Es bestätigt sich, daß Chamberlain als Präsident des Handelsamtes in das Cabtnet eintritt. Dod- son ist zum Präsidenten des Departements der Localverwaltung ernannt. Dem Vernehmen nach lehnte Göschen bie Uebernahme des Botschafterpostens In Konstantinopel ab.
Nr. 8 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 14. d. M., enthält:
Q^r. 1370.) Gesetz, betreffend die Ergänzung des Gesetzes vom 27. Juni 1871 über die Pensionirung und Versorgung der Militärpersonen. Vom 30. Uebereinkommen zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien, betreffend das Eintreten des Deutschen Reichs an Stelle Preußens
, t m„trag vom 20. December 1841 wegen Unterdrückung des Handels mit afrikanischen Negern. Vom 29. März 1879.
(Nr. 1372.) Bekanntmachung, betreffend die kaiserliche Verordnung über die Begründung der Revision in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten, vom a® Kenternder 1879. Vom 11 April 1880.
(Äfefccn am 30. April 1880. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
p ' vr. Boekmann.
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Rußland.
Petersburg, 29. April. Em officielles Bulletin meldet: Der Zustand der Kaiserin erlitt während der verflossenen Woche keine wesentliche Veränderung. Die Anfangs der Woche bemerkte Schlafsucht hat sich vermindert, der Husten ist mäßig, der Appetit befriedigend, aber die Kräfte haben nicht zugenommen. — „Nowoje Wremja" meldet aus Wladimostock vom 28. April: Aus Shanghai eingelaufenen Nachrichten zufolge seien in China große Kriegsvorbereitungen im Gange. Hier sind chinesische Räuber erschienen und sind Mordanfälle vorgekommen.
Türkei.
Konstantinopel, 29. April. Es verlautet, der Gouverneur von Skutari (Albanien) habe sich bei zunehmender Gährung der Bevölkerung aus der Stadt zurückgezogen und die Truppen an einem befestigten Punkte außerhalb der Stadt concentrirt. Die Albanesische Liga soll versprochen haben, die Plünderung der Waffen-Niederlagen durch die Bevölkerung zu verhindern.
Asten.
Kalkutta, 27. April. Das Gerücht von dem Ableben des Königs Thibo von Birma hat noch keine Bestätigung erhalten ; aber es sind in Jnoien amtliche Meldungen eingegangen, daß er an einer gefährlichen Krankheit leide, die man durch Opferung von Jungfrauen zu beseitigen suche.
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Telegraphische Depeschen.
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Berlin, 30. April. Reichstag. Zweite Berathung des Viehseuchengesehes. Die 88 1 und 2 werden ohne Discussion, § 3 in der von v. Schlieckmann beantragten redactionellen Fassung angenommen. Zu 8 1 werden Anträge der Adgg. v. Ow und Graf Fugger, welche die Ausführung des Gesetzes anstatt in die Hande des Reichskanzlers mehr in die Hände der Etnzelregierungen legen wollen, abgelehnt und die Fassung der Regierungsvorlage angenommen. Die 88 5-13 werden ohne Discuision, die 88 14-16 unter Ablehung eines Abänderungs-Antrages Fugger s nach der Regierungsvorlage genehmigt, die 88 17 bis 29 unter Ablehnung aller Amendements nach den Commissions-Anträgen angenommen. 8 30 der Regierungsvorlage bestimmt, daß der Bundesrath die Vorschriften über Ausführung der Schutzmaßregeln auf dem Zn- structionswege zu treffen bat. Die Commission hat den 8 30 dahin abgeandert, daß diese Anordnungen vom Kaiser unter Zustimmung des Bunde->raths zuerlaffen, der nachträglichen Genehmigung des Reichstages zu unterbreiten und, soweit der Reichs^ tag es verlangt, außer Kraft zu setzen sind. @raf ^olftem beantragt bie lieber; Herstellung ber Regierungsvorlage. Staatssecretar Hofmann unterstützt ben Antrag, er erblickt in der Annahme des Commissions-Antrages eme Gefahr für das Zustandekommen des ganzen Gesetzes. - 8 30 wird in ber Fassung ber Regierungsvorlage QnßCn°Si? übrißen Paragraphen des Viehseuchengesetzes werdm unter Ablehnung von dazu beantragten Aenderungen bis 8 52 nach den Comm'ssionssorschlagen angenommen. Bei 8 53 wird die weitere Berathung vertagt. — Nächste Sitzung Sonnabend Tagest ordnung: Interpellation Wolffson und Viehseuchengesetz.
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Politische Ueberficht.
Weniger um gegen das Tabaks-Monopol zu protestiren, als um bie große deutsche TabakS-Jnduftrie zu beruhigen, sprach sich der Reichstag nach allen Richtungen hin über das Tabakssteuerwesen aus. Der Antrag des Abg. Eugen Richter war ungeschickt abgefaßt und vermochte daher keine Majorität zu finden; es war das Verdienst Delbrück's, eine mottoirte Tagesordnung durchzusetzen, welche den Verdacht zurückweist, daß die verbündeten Regierungen mit der Absicht umgehen könnten, von dem in der vorigen Reichstagssesston mit dem Reichstag erzielten und durch Verkündigung des Tabakssteuergesetzes beurkundeten vollen Einverständniß abzuweichen. Durch den Beschluß des Reichstages ist jedenfalls das Monopol auf lange Zeit von der Tagesordnung abgesetzt.
Alle Gerüchte über Veränderungen in hohen Reichsämtern werden officiös für müßige E findungen erklärt. Die Reichsregierung denkt gar nicht daran, Excellenz Stephan den Laufpaß zu geben und hat ebenso wenig bie Absicht, ein Reichsoerkehrs-Ministecium zu errichten.
Der Telegraph brachte die Kunde, der Hauptattentäter bei der Explosion tm Winterpalais zu St. Petersburg sei in die Hände der russischen Polizei geraten. Nun wird aber diese Nachricht bementirt und damit bekun- bet baß bie officiellen russischen Mittheilungen über ben glücklichen Fang ebensowenig Glauben verdienen, als die vielen anderen Nachrichten über entdeckte Attentäter. Die Polizei verhaftet in Rußland noch immer Massen Verdächtiger, doch 'st cs ein Verdienst Melikoff's, daß er nicht nur die neu verhafteten Unschuldigen schnell entläßt, sondern auch daran geht, durch eine Revision der früheren grausamen Processe 6000 andere Unschuldige frei zu machen. Wie viele davon längst ihren Leiden erlegen sind, davon schweigt die höfliche russische Geheimpolizei.
Glädst one's Ideen über den Orient verlauten dahin, er beabsichtige, die Balkanhalbinsel den Balkanvölkern zu geben, Oesterreichs Einfluß dort auszuschließen, den türkischen Länderbesitz mittelst der Hellenen und Slaven unter das englische Protectorat zu bringen, Konstantinopel den Griechen zu überliefern und damit die Deckung des Mittelmeeres und des Euphrat-Thales zu gewinnen. Es bleibt abzuwarten, inwieweit Granville diese Ideen ober Träume abschwächen oder ganz beseitigen wird.
Oesterreich-Ungarn wird jedenfalls verhüten, daß sowohl Rußland als England durch eigene Initiative oder durch die Balkanvölker den österreichisch-ungarischen Interessen in der Türkei zu nahe treten. Es verlautet, daß Fürst Bismarck entschlossen sei, Oesterreich in seiner Orientpolitik mit dem ganzen Gewichte Deutschlands zu unterstützen.
Der aus Montenegro nach Europa dringende Hulferuf ist so bcrech. Hat, daß die Signatarmächte einen Collectivschritt bei der Pforte unternommen haben, damit dieselbe die in ihrer Wirkung vereitelte Convention vom 12. Apr.l wiedirherstelle. ___
Deutschland.
Darmstadt, 30. Avril. Seine Königl. Hoheit der Großherzog sind beute Mittag mit Zug 2 Uhr 57 Min. wieder von Grebenau hier ein- getroffen; tm Gefolge Sr. Königl. Hoheit befand sich der Großh. Hofjäger- "^^Berlin"^29. April. Die Nachricht von ber Hochzeit der Prinzessin Friederike von Hannover wird von der „Deutschen Volks-Ztg." in Hannover ihren Lesern in einer Form mitgetheilt, welche für eine Todesanzeige wert geeigneter wäre: „Wirerfüllen hiermit die schwere Verpflichtung, unseren Lesern die, alle treuen Hannoveranern gewiß tief und schmerzlich bewegende Anzeige zu machen, daß am 24. April, Nachmittags, in der Privatkapelle Ihrer Majestät der Königin Victoria von England zu Windsor die Vermählung Ihrer Königl. Hoheit der Prinzessin Friederike mit dem Freiherr« von Pawel-Rammingen stattgefunden hat, zu welcher Verbindung bekanntlich Se. Königl. Hoheit der Herzog von Cumberland und zu Braunschweig unb Lüneburg als Oberhaupt des Königl. Hauses von Hannover im vollsten Einverständnisse mit Ihrer Majestät der Königin Marie von Hannover Höchst- feine Einwilligung verweigert haben."
Berlin, 29. April. Bekanntlich veröffentlicht das Reichseisenbahnamt allmonatlich eine Aufstellung ber auf deutschen Eisenbahnen vorge.kommenen Unfälle im Bahnbetriebe. In Fachkreisen ist man schon längst darüber klar, daß diese Veröffentlichungen, abgesehen davon, daß solche und ähnliche Arbeiten dem Reichseisenbahnamte ein Tätigkeitsfeld- bieten, einen nennenswerthen Nutzen nicht aufweisen, da eine Verminderung der Unfälle durch eine nackte Registrirm g und monatliche Zusammenfassung derselben nicht gefördert wird. Dies sollte aber doch ber Endzweck der Unfallstatistik sein unb um bieten Zweck zu sichern, ist aus Fachkreisen bem Vereine der deutschen Eisenbahn-Verwaltungen der Vorschlag unterbreitet worben, mindestens über jeden größeren Unfall eine erschöpfende Darstellung des Falles zu veröffentlichen, und zwar soll diese Darstellung nicht nur die objektiven Ergebnisse schildern, sondern auch die sub- jectiven Ansichten der Bahnverwaltungen, der Richter, der Sachverständigen und sonstiger an der Untersuchung des Falles beteiligten Personen. Daß solche Veröffentlichungen allen Betriebsbeamten von großem Nutzen sein müßten, liegt auf der Hand. Ueberdies wirb badurch ermöglicht, daß die thatsächlich vielfach obwaltende Unhaltbarbeit von Dienstinstructionen offenkunbig würde und es nicht länger möglich wäre, daß, wie dies jetzt oft genug der Fall ist, das Ergebniß des richterlichen unb bes Discipliuar-VerfahrenS in Widerspruch stehen. Hoffentlich wird ber Vorschlag im Vereine Annahme finden.
Berlin, 29. April. Officiös wird geschrieben: Von verschiedenen Zeitungen ist die Nachricht verbreitet worden, der Staatssecretär des Reichspostamts beabsichtige, den Arrnsnamen „Postsccretär" durch den Namen „Post- schreiber" zu ersetzen. Diese Nachricht ist, wie viele ändere neuerdings angeblich aus dem Reichspostamte gebrachte Mittheilungen, vollständig aus der Luft


