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Nr. 12L Freitag, den 30. Mai 1870.
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Ailffige- nii AmiMatl für ien Kreis Gieße«.
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politischer Hl) ei l.
Deutschland.
Berlin, 27. Mai. Die „Nordd. Allg. Ztg." berichtet über das Diner, welches der Kaiser mit dem Großherzog von Mecklenburg-Schwerin gestern bei dem Fürsten Bismarck eingenommen hat. Das Diner fand im Conferenz- Saale statt. Der Kaiser saß zwischen den Fürstinnen Bismarck und Radziwill und war in der heitersten Laune. Er unterhielt sich nach der Tafel aus's Leutseligste mit allen Gästen und nahm unter der Führung des Fürsten und der Fürstin Bismarck alle Wohnräumlichkeiten in Augenschein. Das Blatt fügt hinzu, dem Vernehmen nach habe der Reichskanzler die Gelegenheit benutzt, sich von dem Kaiser einen mehrmonatlichen Urlaub in seinen dienstlichen Beziehungen zu erbitten.
Berlin, 27. Mai. Der Bundesrath wird voraussichtlich morgen oder übermorgen eine Plenarsitzung abhalten, in welcher wichtige Beschlüsie bevor- stehen. Es wird erwartet, daß dieselben zunächst das Sperrgesetz betreffen werden, welches dann sofort publicirt werden dürfte. Mit Rücksicht hieraus ist bereits für morgen die dritte Lesung angc setzt worden, in welcher die heutigen Beschlüffe der zweiten Lesung schwerlich noch zu umsaffenden Debatten führen werden. Im Weitern dürfte auch bezüglich der Verfaffung und Verwaltung von Elsaß Lothringen die endgültige Entscheidung erfolgen. Wie man hört, ist in den Ausschüssen die ursprüngliche Regierungs-Vorlage nur unwesentlich abgeändert worden; auch im Reichstage ist man im Wesentlichen mit der Vorlage einverstanden und es ist nicht anzunehmen, daß dieselbe zu erheblichen Debatten führt.
— Die Tarifcommission, welche sich am Samstag mit dem Sperrgesetze beschäftigte, verhandelte lebhaft bis 10 Uhr Abends, und einige Mitglieder derselben begaben sich dann noch zur Abendgesellschaft des Reichskanzlers, der von ihrem Bericht über die Satzung keineswegs befriedigt war. Er bemerkte, daß er jetzt vor allen Dingen Geld brauche und er es auf diese Weise nicht erhalten werde. Sehr aufgeregt sind jetzt auf der einen Seite die Agrarier und aus der andern Seite die Eisenindustriellen. Die Agrarier droben, wenn sie nicht die mit kleiner Minderheit abgelehnte Erhöhung der Kornzölle erhielten, so würden sie für herabgeminderte Etsenzölle stimmen. Das Ende vom Lüde wird wohl sein, daß beide Theile ihre Privatintereffen auf Kosten des allgemeinen Wohles befriedigen. Ueber das Markten und Feilschen der Pri- vattntereffen untereinander erzählt man die wunderlichsten Dinge. Wenn die jetzigen Regierungspläne durchgehen, so wird es ein schwerer Schlag für die östlichen Küstenländer, namentlich für die Provinz Preußen, sein. (Köln. Ztg.)
— Unser Kronprinz beendigt jetzt wohlauf und heiter seine Kur in Kissin- gen und wird am Mittwoch zurückerwartet. — Hier ist Alles mit Vorbereitungen zur Goldenen Hochzeit des Kaiserpaares beschäftigt, die ein wahres Volksfest zu werden verspricht. Der Kaiser von Rußland wird mit seinen drei jüngsten Söhnen erwartet. Der Großfürst Thronfolger wird nicht kommen und die Blätter wisien von angeblichen Streitigkeiten zwischen dem Kaiser und dem Zarewitsch zu berichten, besten Teutschfeindlichkeit vergebens in Abrede gestellt wird. Sie scheint sogar noch zugenommen zu haben. Man erinnert sich bet dieser Gelegenheit eines Vorfalles während des letzten deutsch-französischen Krieges. Der Thronfolger hatte mit den Personen seiner Umgebung verabredet, bei Strafe kein deutsches Wort zu sprechen. Der Kaiser erfuhr davon und erschien eines Abends in der Gesellschaft seines ältesten Sohnes, wobei er mit diesem und allen übrigen Personen sich in deutscher Sprache unterhielt. Beim Abschiede sagte er: „Wie ich höre, meine Herren, muß mo« hier Strafgeld bezahlen, wenn man deutsch geredet hat. Wir sind Alle straffällig geworden, und auch ich werde meine Buße bezahlen. Es fragt sich nur was wir mit den Strafgeldern anfangen, und ich schlage vor, sie aus's Beste zu verwenden, indem wir sie für die deutschen Verwundeten einschicken." jedenfalls hat der deutsche Kaiser und Deutschland selbst an dem Kaiser Alexander stets einen aufrichtigen Freund gehabt, und die Deutschen werden gewiß nicht ermangeln, dem hochverdienten Monarchen, der jetzt eifrig beschäftigt ist, bas harte und ungerechte Kopfgeld durch gerechtere Steuern zu ersetzen, überall, wo er sich zeigt, Deutschlands Hochachtung an den Tag zu legen.
Hesterreich.
Wien, 27. Mat. Die „Wiener Abendpost" sagt: Genauere Athener Nachrichten sprechen den letztgemeldeten militärischen Verfügungen der griechischer Regierung jeden beunruhigenden Charakter ab und kennzeichnen dieselben als einfache Vorsichtsmaßregeln, um einem event. Widerstande des albanestschen Elementes gegen etwaige Gebietsabtretungen der Pforte zu begegnen. Die aesammte politische Lage verleiht dieser Version große Wahrscheinlichkeit.
Naausa, 27. Mai. Arnauten an der albanestschen Grenze warfen mit Steinen und schoffen aus die Mitglieder der Commtsston für Feststellung der Grenze mit Montenegro. Details fehlen.
Jaurösguiberry. — In der Kammer der Deputirten beantragte der Radicale, Clemenceau, den zum Deputirten gewählten Blanqui provisorisch in Freiheit zu setzen, damit er in der Kammer erscheinen und seine Wahl vertheidigen könne. Die von Clemenceau beantragte Dringlichkeit wurde mit 272 gegen 171 Stimmen abgelehnt. — Tie zur Prüfung des Antrags auf Genehmigung zur gerichtlichen Verfolgung Castaguac's gewählte Commission besteht aus 7 Mitgliedern, welche für die Verfolgung sind und 4, welche dagegen sind.
— Die Kammer nahm den Antrag Naquet's aus Wiedereinführung der Ehescheidung in Erwägung.
England.
London, 27. Mai. Im Unterhause brachte O'Sullivan die Zulusrage zur Sprache. Im Laufe der Debatte erklärte Gladstone, obwohl er ebenfalls eine versöhnliche Politik gegen Cetewayo befürworte, sei es doch nicht ange- zeigt, wegen der Details in die Regierung zu dringen. Er sei befriedigt, daß die Regierung sich jetzt den Ansichten der Opposition tu der Zulufrage genähert habe. Schatzsecretär Northcote erklärt es für unthunlich, Details mitzutheilen. Die Regierung habe ihre Politik nicht nach der Ansicht der Opposition geändert; sie habe nur einen correcten Schritt gethan; ihre Politik sei unverändert. — Ein Antrag, das Haus wegen des Pfingstfestes von heute bis zum 9. Juni zu vertagen, wird angenommen.
London, 27. Mai. Die Feier des Geburtstages der Königin ging am Samstag, von prächtigem Wetter begünstigt, im Ganzen bestens von Statten. Doch ist leider ein, freilich nur mittelbar, mit der Parade d?r Gardetruppcn in Zusammenhang stehender schwerer Unglückssall zu beklagen. Der Militär-Attache der hiesigen türkischen Botschaft, Adjutant-Major Abdullah Effendi, hatte, um sich zu jener Parade zu begeben, ein neu erstandenes junges Thier bcstiegen. Im Hyde Park scheute das Thier und warf den Reiter so unsanft ab, daß dieser einen Sckädelbruch erlitt. Aerztliche Hülfe wurde ihm sofort in dem nahen St. Georgs Hospital zu Theil, doch kam er nur auf ganz kurze Zeit zu sich, um bald wieder in völlige Bewußtlosigkeit zu versinken. Gegen Mitternacht verschied der im besten Mannesalter stehenoe Offtcier, welcher in der Heimath eine Wittwe mit mehreren Kindern zurück- läßt- Der hiesige türkische General-Consul begab sich, nachdem ihm der Unfall bekannt geworden, sofort nach dem Hospital und der türkische Botschafter ließ sich von seinem Zustande häufiger Bericht erstatten.
Rußland.
Petersburg, 26. Mat. Das „Journal de St. Pelersbourg" be richtet über den Besuch des Prinzen von Battenberg in Livadia, den dortigen Empfang der bulgarischen Deputation und enthält Ausführliches über die Besprechungen wegen der Organisation des Fürstenthums Bulgarien. Die Rundreise des Fürsten an den europäischen Höfen bezwecke eine Rücksprache über die äußere und innere politische Lage des Landes. Der Fürst werde die genaue Einhaltung des Berliner Vertrags versprechen und gleichzeitig auf die nöthigen Vorbedingungen für die Ruhe im Orient Hinweisen. Dahin gehören hauptsächlich eine aufrichtige und vollständige Anwendung der ostrumeltscheu Verfaffung, der Aufschub des Einzugs der türkischen Truppen in Ostrumelieu, die Erledigung der Frage der Balkangrenze, die Organisation Macedoniens entsprechend derjenigen Kretas, die Grenzregnltrung zwischen Bulgarien und der Dobrudscha, die Regelung der Donauschifffahrt und die Schleifung der Festungen. Der Bericht schließt, der Kaiser hege für den Prinzen vollstes Vertrauen und Zuneigung.
Türkei.
Konstantinopel, 26. Mai. Aleko Pascha ist heute nach Philippopel abgereist. Ein Delegirter des Generals Stolipine und eine Deputation von Eingeborenen sind ihm entgegengeganaen, um ihn an der Grenze zu empfangen.
Amerika.
New-Nvrk, 26. Mai. Nachrichten aus Panama vom 17. d. zufolge protestirte das diplomatische Corps in Lima bei dem chilenischen Admiral energisch gegen die Zerstörung nicht befestigter Plätze und neutralen Eigen- thums. Der französische Consul in Arequipa protestirte ebenfalls gegen die Zerstörung von Eigenthum französischer Staatsangehöriger. In Plsagua beschaffen peruvianische Truppen von einer hinter dem britischen Consulat gelegenen Ansiedelung die chilenische Flotte. In Folge deffen concentrirten die Chilenen, ungeachtet der Remonstrationen des Consuls, ihr Feuer nach dieser Richtung und zerstörten die Consulatsgebäude, wobei mehrere dorthin geflüch- tite Personen getödtet wurden. __________
Telegraphische Depeschen.
Wagner - telegr. «srrespondenr-vurean.
Berlin, 28. Mai. Der Reichstag genehmigte in dritter Lesung das Sperrgesetz nach den Beschlüffen der zweiten Lesung mit einigen unerheblichen Aenderungen der §§ 3 und 4.
Irankreich.
Versailles, 27. Ma«. Der Senat wählte zu unabsetzbaren Sena, toten den Kriegsminister General Gresley und den Marineminister Admiral


