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Nr. 9S. Freitag, den 25. April 1S79.

Kichencr Wye lger

Anzeige- in) Amtsdlstt für den Kreis Gießen.

Amtlicher Hhcil. Bekanntmachung.

Heute ist dahier ein Kalb aufgefangen worben, besten Etgenthümer sich bis jetzt nicht gemeldet hat. Das Kalb mußte verkauft werden. Der­jenige, welcher an den Erlös Anspruch erheben kann, wird aufgefordert, solchen binnen 3 Wochen von heute an bei uns geltend zu machen.

Gießen, den 23. April 1879. Großherzogliche Polizetverwaltung Gießen.

Fresenius. (2794

Aolitisch

Für die verwahrlosten Kinder.

Wenn man zusammenrechnet, was im ganzen Reiche schon jetzt beschlosten rmd bewilligt Ist für milde Stiftungen und wohlthätige Zwecke, deren Dott- rung den Tag der Goldenen Hochzeit des Katserpaares ehren soll, so muß man gestehen, daß der Gedanke des Kaisers, die rhm zugedachten Werthe für Festspenden, sowie die Kosten für allerlei demonstrative Loyalitätsbezeugungen in die Bahn des Wohlthuns überzuletten, ein äußerst glücklicher gewesen lst. Die Loyalitätssräcke mit den sehnsuchtsvoll geöffneten Knopflöchern bleiben im Kleidersptnde hängen, der Kaiser wird einer anstrengenden Cour überhoben und kann das seltene Jubelfest im engsten Familienkreise begehen, und end­lich haben die Armen und Elenden im deutschen Reiche einen dauernden Vor- theil durch die Weisheit und Güte des Kaiserpaares.

So mancher Vorschlag auf dem reichen und fruchtbaren Gebiete der Humanität ist an's Licht getreten und erörtert worden. Auch Dr. Fr. Oetker in Saffel macht soeben in seiner trefflichen SchriftUeber Erziehungsanstalten für verwahrloste Kinder" eine sehr beachtenswerthe Proposition. Er empfiehlt den Reichen und Millionären die Grünoung von Rettungsanstalten für Kna­ben und Mädchen. Die reichen Schätze seiner Erfahrungen auf diesem Gebiete find ein großer Werth für alle Menschenfreunde.

Seine Ansichten gipfeln etwa in Folgendem: Die Unterbringung in Familien, wenn wirklich geeignete und zwar mit genügendem Unterrichte zu beschaffen sind, ist jeder anderen Erziehungsrreise voizuziehen. Daneben haben Privotarstalten, sofern ein wahrer Beruf und der Geist der Liebe sie schafft und leitet, ihren großen Werth und volle Berechtigung. Für Mädchen kann die mangelnde Famtlienerzi.hung nicht bester ersetzt werden, als durch gut ge­leitete Diokonistei Häuser oder ähnliche Anstalten. Für Knaben sind nöthigen- falls öffentliche Anstalten ersorderlich; in großen Städten und armen Gegen­den wird Privathülfe nicht immer ausreichen; alsdann verdient die belgische Einrichtung, welche im Hinblick aus Zuckt und Ordnung als rücksichtlich der Kosten sich auszeichmt, entschieden den Vorzug. Besonders sollte die Reichs Hauptstadt Berlin ungesäumt mit der Errichtung einer solchen Anstalt, wo möglich in der Nähe eines kleinert Sees vorgehen. Allerdings sind die Kosten der ersten Anlage beträchtlich und auf unmittelbaren Ersatz kann nicht gerech­net werden; allein die mittelbaren Früchte sind unschätzbar. Und befinden sich auch die Finanzen des Staates, wie der Stadt, wie fast aller großen Ge­meinden augenblicklich nicht in erfreulichster Lage, so wird es dennoch nicht schwer fallen, die nöthigen Mittel zu beschaffen, wenn man nur ernstlich darauf Bedacht nehmen Will. Vielleicht können die Kosten von schnell erlöschenden Illuminationen gespart und dazu vermeidet werden; man würde damit, unbe­schadet des wärmsten Jubels, manchen btttern oder trüben Gedanken in den Herzen bekümmerter Nothletdender verhindern. Vor Allem aber würde man den mildherzigen Intentionen des Kaiserpaares Rechnung tragen.

Deutschland.

Darmstadt, 21. April. DieAugsb. Allg. Ztg." vom 16. April brachte eine aus München datirte Mittheilung, wonach zwischen Bayern und Heffen schon seit längerer Zeit Verhandlungen schweben sollen, die darauf ab- ztelen, eine in Bayerns Händen liegende Eisenbahnverbindung zwischen Unter­franken und der Pfalz herznstellen. Diese Mittheilung hat, wie natürlich, ein gewisses Aufsehen gemacht. Wir können indeffen aus bester Quelle ver­sichern, daß an derselben kein wahres Wort ist. Es ist unwahr, daß Ver­handlungen zwischen der bayerischen und hessischen Regierung wegen der Herstellung oder Abtretung einer Eisenbahnverbindung zwischen den rechtsrhei­nischen und linksrheinischen Gebietsteilen Bayerns durch Heffen schweben; es haben aber auch, woran man in Betracht, daß die angeblich geplante Eisen­bahnverbindung in den Linien der hessischen Ludwigsbahn bereits voranden ist, denken könnte, Seitens der Verwaltung der hessischen Ludwigsbahn wegen Ab­tretung einer oder mehrerer Linien dieser Bahn an Bayern weder schriftliche noch mündliche Verhandlungen stattgefunden, noch auch werden gegenwärtig solche pepflvften. (Darmst. Ztg.)

Berlin. Ob der Durst im ganzen deutschen Reiche einheitlich ist, wie die Reichswähiung, das hat die Statistik noch nicht ausgerechnet; das aber ist durch diese vielseitige Zahlenwiffenschast schon sestgestellt worden, daß die Mittel, de» Durst zu löschen, in den verschiedenen Thetlen des Reiches durch­aus nicht in gleichem Grade Verwendung finden. Es kommt z. B. von dem

er Hheil.

edlen Gerstensaft in Elsaß-Lothringen aus den Kops der Bevölkerung ein jähr­licher Consum von 43 Ltr., darunter 37,93 einheimisches Gebräu; in der Biersteuer-Gemeinschaft, das ist das ganze Reich mit Ausschluß der Reichs­lande Badens, Württembergs und des rechtsrheinischen Bayerlandes, kommt aus den Kopf ein Jahresverbrauch von 65 Ltr., worunter 63,30 einheimisches Bier. Der Durchschnitts-Badenser verlangt jährlich 78 Ltr., worunter nur 7,85 Ltr. importirten Stoffs; der Württemberger beansprucht schon 203 Ltr. per Kopf, und beweist feine Zufriedenheit mit dem Landesproduct dadurch, daß er vom Auslande durchschnittlich nur 1,73 Ltr. bezieht. Der bierdurstigste Deutscke ist der rechtsrheinische Bayer und sein Durst hat auch den meisten allerdings auch den meistberechiigten Localpatriotismus: der rechtsrhei­nische Bayer trinkt nämlich jährlich im Durchschnitt 262 Ltr. und davon ist noch nicht einmal ein halbes Liter importirt. (Wir in Gieße» genießen das Renomme, die durstigsten Bterkehlen im ganzen Großherzogthum zu beherber­gen, resp. am meisten Bier zu consumiren).

Berlin, 22. April. Man sieht jetzt ziemlich allgemein als wahrschein­lich an, daß zur Goldenen Hochzeit des Kaisers im kommenden Juni auch die Kaiser von Rußland und Oesterreich in Berlin erscheinen werden, wenn auch eine officieüe Bestimmung darüber wohl noch nicht getroffen ist. Die Bestä­tigung vorausgesetzt, wird es nicht an Gerüchten über die Folgen einer aber­maligen Begegnung der Souveräne in der gegenwärtigen Weltlage und Ange­sichts der inneren Zustände der verschiedenen Staaten fehlen. Nach der KreuzZtg." übiigens würden zunächst nur die dem deutschen Kaiserpaare näher verwandten Fürstlichkeiten erwartet. Der Besuch des Kaisers von Oesterreich wäre danach noch zweifelhaft.

Hesterreich.

Wien, 22. April. DiePolit. Corresp." meldet aus Konstantinopel: Außer der stattgefundenen Unterzeichnung der Convention in Betreff Novi- bazars erledigte die ostrumelische Commission auch den letzten Punkt des orga­nischen Statuts für Ostrumelien bezüglich der Regelung der Vakuf- Frage. In der nächsten Woche wird die Commission die letzte Lesung des Statuts vornehmen. Aus Belgrad wird derselben Korrespondenz gemeldet: Die Arnauten plünderten bei ihrer Invasion alle Ortschaften auf ihrem Wege und richteten einen immensen Schaden an, wofür die Pforte von der serbischen Regierung verantwortlich gemacht wurde.

England.

London, 22. April, Abends. Unterhaus. Die Vorlesung des Sie- gestelegrammes vom Zulukriege wird mit lebhaftem Beifalle begrüßt. Auf eine Anfrage Fawcett's erwidert Northcote: Lytton telegraphirte am 3. d., er unternehme keinen Vormarsch gegen Kabul ohne Ermächtigung; allein ein Vorschieben der Front dürfte sich als nothwendig erweisen, um auf die Unter­handlungen einzuwirken. Die Besetzung Gandanaks sei aus sanitären Gründen geboten. Cavagnari befinde sich jetzt daselbst; die Unterhandlungen zwischen ihm und Jakub Khan bauerten fort; Details derselben seien noch nicht mittheilbar.

Melgien.

Brüssel, 21. April. Der König hat dem Bürgermeister von Fra- meries 5000 Frcs. für die Angehörigen der verunglückten Bergleute einhändi­gen lassen. Heute früh sind noch drei Männer und zwei Frauen wohlbehalten aus der Grube herausbefördert morden, um 10 Uhr Vormittags brachte man eine Leiche zu Tage. Die übrigen Leute sind in der Gallerie, die in einer Tiefe von 520m liegt, eingesperrt, da der Zugang durch Erdsturz verschüttet ist. Man hat wenig Hoffnung, den Unglücklichen hülsretch beizukommen. ES sind ihrer noch 105, von denen schon viele tobt sein müssen, da der Gallerie bereits ein starker Leichengeruch entströmt.

Italien.

Rom, 21. April, Nachts. Heute sand eine Versammlung der Häupter der demokratischen Partei unter dem Vorsitze Garibaldt's statt. Garibaldi hielt eine längere Rede und beantragte eine Tagesordnung, wonach ein Central- Comttö in Rom und SubComit^s in den übrigen Städten bestellt werden sollen, um die gesetzliche Agitation zu Gunsten des allgemeinen Stimmrecht- und der Abschaffung des DeputirtemEides zu fördern. Die Tagesordnung