Ausgabe 
23.3.1879 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

politisch

Wochenübersicht.

Das Befinden unseres Kaisers (welcher heute in sein 83. Lebens­jahr eintritt) ist trotz des neulichen Unfalls ein befriedigendes; wenigstens konnte er sich den Regierungsgeschäften fast ohne Unterbrechung widmen.

Der Reichstag beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Reichsbaushalts- Etat. Von allgemeinerem Interesse waren indeß, da das ewige Hin- und Herreden über die zoll- und handelspolitischen Fragen ermüdend wirkte, nur die Verhandlungen über den Militär- und den Marine-Etat. Bei Berathung des ersteren brachte ein süddeutscher Abgeordneter das Project eines europäi- schen Staatencongreffes zum Zweck einer allgemeinen Abrüstung zur Sprache, fuhr damit aber glänzend ab, indem sich nur ein paar Centrumsmänner, die Socialdemokraten und der Abg. Sonnemann für den betr. Antrag erklärten, während die Regierung sich gar nicht darüber zu äußern nöthig fand. Bei dem Marine-Etat wurde wieder der Wunsch nach Auskunft über die Ursachen des Untergangs desGroßen Kurfürsten" laut, blieb indeß auch diesmal unerfüllt. Die Interpellation eines elsäsier Protestlers über die Revision des elsaß-loth­ringischen Unterrichtsgesetzes, bet deren Besprechung ein Abgeordneter sich erlaubte, die deutschen Lehrer Banditen zu nennen, wurde von dem Unterstaatssecretär Herzog in gebührender Weise abgefertigt. Die Verhandlung über den Rechen­schaftsbericht der Regierung betreffs des über Berlin verhängten sog. kleinen Belagerungszustandes endigte, da Graf Eulenburg die Maßregel hinreichend rechtfertigte, mit dem Uebergang zur Tagesordnung über die Petitionen wegen Wiederaufhebung der getroffenen Anordnung. Bemerkenswerth war dabei ein kleiner Zwischenfall. Als der socialistische Abg. Liebknecht erklärte, es sei Er­füllung einer Parteipflicht gewesen, wenn er bei einem Hoch auf den Deut­schen Kaiser nicht ausgestanden sei, und schließlich gar von der Eventualität einerdeutschen Republik" sprach, erhob sich ein so gewaltiger Sturm der Entrüstung im Hause, daß der Präsident sich veranlaßt sah, dem Redner zur Strafe mit der Entziehung des Wortes zu drohen!

Die zweite Kammer der hessischen Landstände vertagte sich am 17. März aus unbestimmte Zeit.

In dem Stande der Dinge zwischen Berlin und Rom hat sich nichts verändert. Papst Leo hat zwar neulich wieder einmal (in einem Schreiben an den Erzbischof von München) seinen Wunsch nach Wiederherstellung des Friedens bezeugt und versichert daß er diesem Ziele fortwährend seine Sorge zuwende; aber die päpstlichen Betheuerungen friedfertiger Gesinnung verlieren Angesichts der kriegerischen Kundgebungen der ultramontanen Parteiführer in Deutschland allen Werth. Was für ein Jntereffe kann der preußische Staat an einem sog. Ausgleich haben, wenn z. B. der bekannte Caplau und Reichs­tagsabgeordnete Majunke in einer Wählerversammlung offen erklärt, ein even­tueller Friedensschluß zwischen Staat und Kirche sei keineswegs als Ende des Kampfes anzusehen, die katholische Kirche habe vielmebr die Mission zu strei­ten, bis sie trtumpbire, der Kampf werde sich daher auch nach einem übrigens augenblicklich noch in weiter Ferne befindlichen Friedenssckluß wieder erneuern müffen 1 Die Staatsregierung hat gegenwärtig um so weniger Anlaß zu einem über das bisherige Maß hinausgehenden Entgegenkommen, als öte Centrumspartei durch die schimpflichen Enthüllungen, welche die Marpinger Proceß-Verhandlungen über ihr Treiben gebracht haben, eine entschiedene Niederlage erlitten hat. Uebrigens dauern die Verhandlungen mit dem Vatican noch fort.

Der Schweizer Bundesrath hat der Bundesversammlung den Antrag zugehen lasten, auf die Berathung der Gesuche um Wiedereinführung der Todesstrafe nicht einzugehen. Der Antrag ist jedoch von dem Ständerath mit 27 gegen 16 Stimmen am 20. dss. abgelehnt worden. Die Todesstrafe ist nun, mit Ausnahme bei politischen Vergehen, in der Schweiz wieder ein« geführt.

In Oesterreich-Ungarn trat fast alles politische Jntereste vor der entsetzlichen Katastrophe, welche über die Theißniederung heremgebrochen, in den Hintergrund. Szegedin, die zweitgrößte Stadt Ungarns, ist nicht mehr: gegen 2000 (?) Menschenleben sind dem wütbenden Element zum Opfer ge­fallen, von 10,000 Gebäuden 8 bis 9000 zerstört! Der Kaiser hat aus An­laß des furchtbar en Unglücks den Wunsch ausgesprochen, daß die zur Feier

er Hyeii.

seiner silb.rnen Hochzeit beabsichtigten Ausgaben den Nothleidcnden zugewen­det werden möchten, und sich ai die Unglücksstätte begeben, um mit eigenen Augen zu sehen und persönlich Trost zu spenden. Auch die bisher in Irland zum Besuch weilende Kaiserin hat unter den obwaltenden Umstände» ihre Rückkehr in die Heimath beschleunigt. Der Unglücksfall findet allgemeine Theil- nähme, besonders in Deutschland, wo sich ein Centralcomitö zur Veranstaltung von Sammlungen für die Ueberschwemmten gebildet hat.

Ja Rußland wächst die nihilistische Bewegung von Woche zu Woche: in Odessa wurde jüngsthin wieder ein hochgestellter Beamter auf Grund eines Urtheils des geheimen Executivcomitäs meuchlerisch ermordet, in Petersburg eine nihilistische Druckerei und Verlagshandlung entdeckt, bei welcher sogar Osfictere betheiligt gewesen sein sollen I

Das englische Volk hat in gewohnter Anhänglichkeit an fein Herr- scherhaus die Vermählung des Sohnes seiner Königin, des Herzogs v. Con- naught, mit der Prinzessin Luise Margarethe von Preußen, welche am 13. d. im Königsschloffe zu Windsor in Gegenwart des deutschen KronprinzenpaareS und des Vaters der Brant, Prinzen Friedrich Karl, stattfand, unter herzlicher Theilnahme mitgefeiert.

Frankreich scheint seine Ministerkrisis noch nicht vollständig überwun­den zu haben. Die Deputirtenk immer lehnte zwar den Antrag der Radikalen auf Versetzung der Ministerien Broglie und Rochebouet in Anklagezustand dem Wunsche der Regierung entsprechend ab und begnügte sich damit, das Ver­halten der früheren Minister zu brandmarken. Da indeß die in der Majo­rität befindlichen Stimmen der Lmken die der Minorität nur wenig übersteigen, so wird der Sieg der Regierung vielfach als nicht vollständig genug ange­sehen und deshalb ein baldiger Rücktritt des Cabinets Waddington für wahr­scheinlich gehalten. Mittlerweile schickt sich der neue Unterrichtsminister Ferry an, das Programm der Linken, welches bekanntlich in dem Worte Gambetta's: Der Klerikalismus ist unser eige itlicher Feind" gipfelt, durch zwei wichtige Gesetzentwüise zur Ausführung zu bringen. Der eine bezweckt die Umgestal­tung des oberen Unterrichtsralhs, aus dem das bisher darin vorherrschende klerikale Element gänzlich ausgeschlossen werden soll; der zweite, noch radika­lere. will den sog. katholischen Universitäten die Berechtigung, akadem. Grade zu verleihen, entziehen und überhaupt allen nicht autorisirten religiösen Ordens­gesellschaften das Recht, Unterricht zu errhetlen, nehmen. Durch Genehmigung dieser Vorlagen würde besonders den zahlreichen Jesuitenschulen das Todes- urthell gesprochen. Die schwarze Internationale begreift denn auch, daß nun­mehr auch für Frankreich der Kulturkampf ernstlich beginnt, und fällt über die Regierungsvorlagen mit förmlichen Wuthausbrüchm her.

Vermischtes.

Lorbeer mit Blutwurst. Auf dem Johannisberg zu Elberfeld fand am letzt» Sonntag das Benefiz des Komikers Dorp statt. Es befand sich unter den Kranz- und Blumen­spenden, welche dem Beneficianten von Seiten des überaus zablreich versammelten Publikums geworfen wurden, auch ein größerer Lorbenkranz von wuchtiger Schwere, welcher mit dumpfen Schall auf die Bühne niederfiel. Als nach Schluß des ersten Aktes der Benefiziant die Tri­bute der Dankbarkeit in die Garderobe trug, entdeckte er in besagtem Kranz eine riesige ticit Lorbeerblättern umwundene Blutwurst, welche sich die Jünger der Kunst mit einem Hoa auf ihren Geber trefflich schmecken ließen.Immer nur Gemüse!" sagte Kalchas beim Anblick der Kränze, welche als Opferspenden auf den Altar gelegt werden. Hier gab es Gemüse mit Beilage.

Berlin, 20. März. Zur Unterstützung der in Szegedin Heimgesuchten haben der Kmser und die Kaiserin 10,000 und bezw. 4,000 aus ihrer Schatulle angewiesen.ßu demselben Zweck wird in nächster Woche im Hotel des Ministeriums des Innern eine Soir« stattfinden, zu welcher Künstler ersten Ranges bereits ihre Mitwirkung zugesagt haben. ® i dieser Gelegenheit werden Compositionen vom österreichischen Botschafter, Grafen Szechenyi, un) Lieder vom Fürsten Rudolf Lichtenstein zum Dortrag gelangen.

Berlin, 17. März. Ein Officier des Eisenbahnregiments ist mit Erlaubniß ves Chefs des großen Generalstabs, Feldmarschall Grafen v. Moltke, und mit einem Gelettschreibe« der hiesigen österreichisch-ungarischen Botschaft am Samstag Abend nach Szegedin abgereist, um daselbst an Ort und Stelle di- Verheerungen, welche die Ueberschwemmung angerichtet, anzr- sehen und über die Maßregeln zu berichten, weiche von den technischen Truppen zur Sicherung der Eisenbabndämme, Durchlässe und Brücken angeordnet und ausgeführt worden sind.

Wien, 17. März. Heute wurde amtlich die Zabl der Häusereinstürzc in Szegedi« festgestellt, und zwar mit folgendem Grgebniß: In der Rochusfladt stehen noch 14 in der Oberstadt 56, in der Unterstadt 8, in der Jnnerstadt 1*2, mit dem Bahnhof zusammen 261 Die Gesammtzahl der Häuser Szegedin« betrug nach derReuen Freien Pesse" nicht w«mgcr als 9700. '

Allgemeiner Anzeiger.

W. Nett iieltfirfl.

en gros MN AltUs JUrStflÖt MMN?", en detail empfiehlt sein großes affortirles Luger aller Sorten Filz- und Seidenhüte zu den billigsten Preisen.

Reparaturen werden aufs Beste und Billigste a isaeführt.(1458

Buchenholz Mk. 1.30^

Tannenholz l-10(

per Centner.

Amtr. Euter.

1409) Meinen Dorrath in

Wasch und Badebütten, Zübern, Eimern, Brenken

u. s. w.

verkaufe, um damit zu räumen, zu bedeutend herabgesetzten Preisen. ______________Emil Schmoll, Frankfurter Hof.

Prima Dachziegel, Platten, Backsteine, Trairi- röhren und Kalk sind vom Frühjahr ab stets zu haben auf der 909) Ziegelei Londorf bei Hneisel.

Wenn ein Militärpflichtiger «egen Gebrechen oder Krankheit persönlich zu erscheinen nicht im Stande ist, oder wenn er sich m gerichtlicher Haft befindet - SfeöÄÄÄsf äktääs. dienste^nnwmdi^ist^und d7n'Gr°ßherpgttche7'Bürg^mustereien, soweit es noch nicht geschehen, baldthunlichst,

jedenfalls vor dem Musterungstermine an die Ersatz-Commission gelangen zu laffen.

Im Anschluß an das ErsatM^chaft findet^ ylpril im Gasthaus zum R-wPen zu Grünberg, Samstag den 26. April im Saale des alten RathhauseS zu G.esten und Ureitag den 2. Mai im Rathhaussaale zu Lich

Sk^güeiruna der Reserve- und Landwehr-Mannschaften rücksichtlich ihrer häuslichen und gewerblichen Verhältnisse statt.

W ^' Äabln daher düienigeu Reservisten und Laudwehrmänner, sowie die Ersatz-Reservisten 1. Elasie welche ,,n galle einer Zu,berufung auf Zurückstellung wegen häuslicher Verhältniffe einen Anspruch machen zu können glauben, an den bezeichneten Tagen, Morgens 11 Uhr, zu erscheinen und ihre Gesuche zu begründen.

Gießen, den 17. März Sivil-Vorsitzende der Ersatz-Commission des .Kreises Gießen.

Dr. Hoffmann, Regiernngsratd.

W erfauft 6i x. W-°s weine1

St

in kW flehender. 8 lende Srini

Kar

Drells Merung streng re die

£26)____

Man ve Hof-J

Buter

| Zn ba

Kreis

1

3

1

2

1

2

1

Gut sprechend

Ferne ret tett,

Pai fit H

Der @i hat mir f bieft§ 2fr. Äermelung von sslcher liche Sch beschrn \v eine W'.tt dem natu noch von wurde.

Diesclb gleiche

Tl

S rochen, i in nur <

H91)

Wetz Roule Dessi,,s. eoratii vollfttr

127)

Sn Mi,

empfiehlt

Ott

-^^Ecke

S\

Qiieu