Nr. 273. Samstag den 22 November 187W.
Gießener Wtzeiger
Ailffige- und AmtsM für den Kreis Gießen.
Au*.—,*1 . ’ ~ « reis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
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Amtlicher HHeil.
Gießen, am 20. November 1879.
Betreffen d: Die Beitreibung der Gemeindeeinkünfte.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien.
Unter Bezugnahme auf unser Amtsblatt Nr. 9 von 1876 fordern wir Sie zur unverzüglichen Einsendung der sSfanb-
befehle auf. __________________________________ Dr. Boekmann._____________________________
Nr. 35 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 13. l. M., enthält:
(Nr. 1348.) Vereinbarung zwischen dem Deutsche» Reich und der Schweiz wegen N egulirung der Grenze bei Konstanz. Vom 24 Ium 1879.
(Nr. 1349.) Bekanntmachung', betreffend die gegenseitige Zulassung von Staatsangehörigen des Deutschen Reichs und Italiens zum ^krmenrecht.
Dom 1. October 1879.
Gießen, den 20. November 1879. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Bookman n.
Lehrer-Conferenz .
der Conferenz-Bezirke Gießen-Großen-Linden-Lollar Mittwoch den 26. November, Vormittags 10 Uhr tn Gießen.
Gießen, den 20 November 1879.Büchner, Kreisschulmspeetor.
F-litis«
Die Wehrkraft der europäischen Großmächte.
In Anbetracht des deutsch-österreichischen Bündmssts, das in jüngster Reh rum Abschluß gelangt und d.ffen Spitze sowohl gegen das Slaventhum, wie gegen das Romanentbum gerichtet ist, dürfte es nicht unzeitgemäß und ohne Jnieriffe sein, die Wehrkraft der verschüdenen Großmächte, die bei dem Ausbruch eines großen europäischen Krieges handelnd in den Gang der Ereig- nifie emgieifen dürsttn, Revue pa,streu zu lasten. Wir wollen dabei mit Deutschland beginnen, deffen Armee, nach dem einstimmigen Urtheil aller Fachmänner seit ihrer Reorganisation, wie sie vor 1866 durch die Generale Roon und Mottke ,n's Weil gesetzt und seither ohne Unterbrechung vervoll- üänoiat wurde, die weitaus schlagfertigste und gewaltigste Kriegsmaschine der ^edtteit ist- Das deutsche Retchsheer, in seiner jetzigen Zusammensetzung, Üblt au Linie, Reserve und Landwehr 1. Aufgebots 1,250,000 Mann, welche nickt nur auf dem Papier stehen, sondern bereits 24 Stunden nach Erlaß M Mobil,strungsbesehls säu.mtlich aus dem Marsch fein finnen. Mr diese ouf’« Vorttesflichste ausgebildeten, bekleideten und bewaffneten Mannschaften im Alter von 20-32 Jahren steht der ganze Train, jämmtliche Proviant- und Munitions Colonnen, das Lazarethwesen w. fortwährend fix und fertig da Zu diesem ersten Aufgebot können innerhalb zweier Wochen ^OO-OOO Mann Landwehr 2. Aufgebots und Landsturms, im Atter von 32—50 Jah- Ten ausgestellt, aus den Zeughäusern bewaffnet und als Nachschub oder sonst in anderer Weise verwendet werden. Nimmt man nun an, daß von diesen 2 550 000 Mann sür die Garnisonirung der Festungen 300,000, für die Ver- tbetdiauna der Küsten 150,000 und sür die Verwendung im Innern des Landes selbst 100,000 benöihigt sind, so bleibt immer noch eine für bie Operation im Felde verwendbare Armee von gegen 2,000,000 Mann mit fast 2000 Feldgeschützen, gewiß eine gewaltige Macht, die um so stirchtbarer ist, als ste auf der höchsten Stufe tactischer Ausbildung und im Besitz der vor- -üalichsten Schnellseuerwaffcn steht.
8 9 Oesterrttch-Ungarn, obwohl ebenfalls eine der größten europäischen Militärmächte, kann kein der deutschen Reichsarmee an Stärke, wie an Schlagfertigkeit ebenbürtiges Heer in's Feld stellen. Zwar hat auch Oesterreich seine Wehrkraft nach der harten Lehre des Jahres 1866 einer gründlichen Reorganisation unterworfen und das alte Zopslhum, welches dem österreichischen Heerwesen von jeher angehangen, möglichst beseitigt; allein mit den deutschen Heereseinrichtungen können sich die seinigen trotz alledem noch immer bei Weitem nicht meffen. Die Armee Oesterre ch Ungarns zählt, wenn aus den Kriegsfuß gestellt, gegen 1,300,000 Mann mit der entsprechenden Anzahl 8elb0e,Ä6ritannien, das füglich nicht als Landmacht gelten kann, durch seine coloffalen Geldmittel aber immerhin bedeutende Armeen ins Feld zu stellen vermag, soll zu Hause und in seinen sämmtlichen Colonien gegen 750 000 Mann zur Verfügung haben. Von diesen kommen aber nur etwa 300 000 auf die reguläre Armee, während 150,000 Milizen, 175,000 Frei- wifliae welche nur zur Vertheidiguug des Hetmathlandes herangezogen werden könnens und 125,000 eingeborene ostindische Truppen sind.
Wenden wir uns nun zur französischen Armee, so finden wir, daß dieselbe seit dem Lehrjahre 1870—71 einer gründliche» Reorganisation unter- zogen und in Folge deffen viel kriegstüchtiger und formidabler geworden ist, als sie vor jener Zeit war. Zum Muster hat bei dieser Neugestaltung dte deut che Heeresoersaffung gedient, der namentlich auch das Landwehr-System Ahnt ist Daß aber die französische Armee trotz alledem der deutschen an Zchlagsertigkeit und in Bezug auf taktische Ausbildung noch lange nicht eben
er Hheil.
bärtig ist, bebais wohl keines ausführlichen Nachweises. Um sie aus diesen Standpunkt zu bringen, dazu gehören noch Jahre des angestrengtesten Fleißes und der unermüdlichsten Arbeit und Uebung. Was nun die numerische Zahl der französischen Armee, natürlich aus dem Kriegsfüße, anbelangt, fo beziffert sich dieselbe, nach französischen Quellen, angeblich auf die enorme Anzahl von 3,600,000 Mann. Allein hierbei läuft, wie immer, ein guter Theil französische Windbeutelei mitunter. Selbst wenn die nach deutschem Muster betriebene HeereS-Reform vollständig durchgeführt ist, wird Die französische Armee, einschließlich der Landwehren (Territorial-Armee, wie die Franzosen sie nennen), immer mir erst an 2</2 Millionen wirklicher Soldaten zählen, also etwa die nämliche Stärke ausweijen, wie die deutsche. Für den Augenblick kann Frank- reich dagegen nur etwa 1,500,000 krtegstüchrige Soldaten in's Feld stellen, von denen noch circa 3-400,000 Mann sür die Besetzung der zahlreichen Festungen, die man Seitens der französischen Militärverwaltung unnützer Weise beioehalien hat, tn Abzug zu bringen sind. Während somit nach dem Vorstehenden Frankreich jetzt noch ziemlich weit davon entfernt ist, Deutschland eine ebenbürtige Armee gegenüberstellen zu können, ist es dagegen tm Besitz einer stärkeren und ganz vorzüglichen Feld-Artillerie.
Gleich Frankreich ist auch Rußland keineswegs in der Lage, dem deut- scheu Heere eine ebenbürtige Armee gegenüberzustellen. Das Heer Rußlands stellt, nach den Musterrollen, gegen 2,000,000 seldtüchtiger Soldaten. Allein von diesen könnte voraussichtlich kaum die Hälfte zu einem Angriffskriege verwendet werden, da die Bewachung der ungeheuer weiten Grenzen des russischen Reichs und neuerdings auch der zahlreichen aufrührerischen Elemente im Innern des Reiches die andere Hälfte absorbiren dürfte. Die Stärke der Feld-Artillerie wird auf etwa 1500 Geschütze angegeben.
Werfen wir zum Schluß noch einen Bitck auf die Streitkräfte der schwächeren Mächte, so finden wir Italien mit einer Armee von 1,200,000 Mann, sür deren Ausbildung in den letzten Jahren namhafte Opfer gebracht und große Anstrengungen gemacht worden stud. — Die türkische Armee wird, einschließlich aller Hülfstruppen, auf 610,000 Mann ge- und damit wohl merklich überschätzt. Die Heere der übrigen europäischen Staaten, wie Dane- mark, Holland, Schweden, Belgien, die Schweiz, Spanien rc. find nur von untergeordneter Bedeutung.
Deutschland.
Berlin, 19. Novbr. Die „Germania" lenkt ein und läßt erkennen, daß das C'ntrum dem System der Staatseisenbahnen nicht länger grundsätz. lich widersprechen wird. „Der Politiker wird sich", so schreibt sie, „bei der heutigen Lage der Dinge die Frage vor Augen führen muffen: Lohnt es sich, für die Privatbahnen einen Kamps ä outrance zu fuhren? Ist nicht vielleicht der Sieg des Gedankens, daß die sämmtlichen großen Verkehrsadern in der ßanb bes Staates zu vereinigen stnb, bereits entfchieben, so baß statt vergeblichen Ansturms bie Sicherung gesährbeter Interessen vor der Uebermacht des Sieaers geboten erscheint ? I Wen» wir mit Radirgummi sämmtliche vorhandenen Bahnen von der deuischen Karte auslöschen und bann mit allmächtigem Stift ein neues Verkehrsnetz hervorzaubern könnte», dann lohnte es sich, über die Ideale des Eisenbahnbaues in große Disputationen einzutreten. Jetzt
stehen wir aber vor groben Thatsache», die sich hart im Raume »«*> vor den schönsten Principien und Träumen nicht den geringsten Re pe-t haben. Mag Jemand in seiner Studirstube Anhänger des reinen Pr vatbe riebes ober des reine» Staatsbetriebes oder des gemischten Syst.ms sein: ert wird b> t | concreten Entscheidungen nicht seiner abstracten Theorie, sondern der prakti-


