Ausgabe 
22.6.1879 Erstes Blatt
 
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srr. 142. Erstes Biatt. Sonntag den 22 Juni 1878

Kießener Mutiger

A«?eizk- uui> Amtsblatt fit den Kreis Gießen.

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Amtlicher ei l. Steckbrief!

Der unten näher bezeichnete Füsilier Georg Roth der 12. Compagnie 2. Nassauischen Infanterie-Regiments Nr. 88 hat sich am 13. d. Mts. Morgens 53/, Uhr, ohne bekannte Veranlassung aus der Kaserne entfernt und ist bis jetzt noch nicht dahin zurückgekehrt.

c . Civil- und Militärbehörden werden dienstergebenst ersucht, auf den rc. Roth zu vigiliren, ihn im Betretungsfallc zu verhaften und an

das unterzeichnete Kommando oder an die nächste Militärbehörde zum Weitertransport hierher abzultefern.

Mainz, den 15. Juni 1879. Königliches Commando des 2. Nasiauischen Infanterie-Regiments Nr. 88.

Geburtsort: Schotten, Kreis Schotten, Großherzogthum Hesten. Wohnort: Grünberg, Kreis Gießen, Großherzogthum Hessen.

4? 3,?^re" Rel'gwn: evangelisch, stand und Gewerbe: Weber. Größe: 1,57 m. Haare: braun. Stirn : frei. Augenbraunen: braun. Nase ST ' kl°«n. Zähne: gut. Bart: Schnurrbart. Kinn: oval. Gesicht: oval. Gesichtsfarbe: gesund. Statur: schwächlich. Sprache: deut ch. Besondere Kennzeichen: feine.

Beneidet war derselbe bei seiner Entweichung mit: 1 Drillichhose III. Garnitur, 1 Drillichjacke III. Garnitur, 1 Feldmütze IV. Garnitur, Paar kurze Stiefeln, 1 Halsbinde V. Garnitur, 1 Hemde, 1 Unterhose; sämmtiich gestempelt: J. R. 88. F. B. 12. C.

Gefundene Gegenstände:

1 Rodhacke, 1 Peitsche, 1 schwarzer Shlips, 1 kleiner Schlüssel, 1 goldener Siegelring, 1 Geldbeutel mit Inhalt. Die Gegenstände sind auf der Polizeiwache (Schloßgasse 258) aufbewahrt.

Gießen, den 21. Juni 1879. Großherzogltchc Polizciverwaltung Gießen.

. Fresenius.

Iolilisch

Gießen, 21. Juni. Zufolge Ausführung der veränderten Gerichts- organisatton wurden von hier nach Darmstadt an das Landgericht der Provinz Starkenburg versetzt: Herr Hofgerichtsrath Karl o. Her ff als Director, die Herren Hofgertchtsräthe Chr. Weyland, Dr. Friedr. Kritzler und Otto Pt stör zu Räthen, Herr Staatsanwalt Ernst Wolff zum ersten Staatsanwalt, sowie Herr Hosgerichtssecretär August Scharmann als Gertchtsschreiber.

Nach den nunmehr vorliegenden genaueren Details über den Tod des Prinzen Louis Napoleon hatte die Recognostirungs-Abtheilung, zu welcher der Prinz gehörte, seit etwa einer Stunde Rast gemacht, als der Prinz und Lieu­tenant Carey fast zu gleicher Zeit die im hohen Grase herankrtechenden Zulus erblickten. Die Ueberraschten sprangen sofort auf und sattelten ihre Pferde, wurden jedoch von den Zulus durch heftiges Gewehrfeuer und gleichzeitigen Sturmangriff daran verhindert. Der Prinz versuchte die Sattelriemen zu lösen, fiel dabei jedoch rückwärts, so daß er zurückblieb, während das befreite Pferd davonstürmte. Der Prinz lies nun etwa 300 Meter weit, wurde dann aber von den Zulus überholt und getödtet. Er hat 17 Wunden davongetragen, unter Anderm ist ihm das linke Auge durchschossen worden.

Diese Nachricht begräbt dieHoffnungen" des kaiserlich gestnnten Frank­reichs und die Republik hat plötzlich eine neue Chance mehr für ihre Be­festigung. Das Schicksal des unglücklichen Prinzen kann gewissermaßen den Napoleoniden als Ehrenrettung dienen, denn er fand jenen Tod aick dem Schlacht­felde, den sein Vater bekanntlich am 2. September 1870 bei Sedan vergeblich gesucht hatte. Die Folgen für die Haltung der französischen Bonaparttsten find unberechenbar. Unzweifelhaft wird nun ein großer Theil s,efer Partei sich der Republik anschlitßen, und die Republik, wenn sie klug V wird diese Ueberläufir richt znrücksioßen. Nur die Wenigsten der kaiserlich Gesinnten werden sich entschließen mögen, nun für Prinz Plon-Plon oder für deffen Sohn, das Enkelkind Victor Emanuels, an die sie kein Eid und keine Vergangenheit bindet, als dieErben der Napoleonischen Ideen", sich zu begeistern. Für Rouher und Haußmann, sowie für Caffagnac und Mitchell, und wie sie Alle heißen mögen, ist jetzt die Zeit gekommen, sich der gesetzlich bestehenden Staats­form anzuschließen, und somit kann sich die Republik beglückwünschen zu einer Trauerkunde, welche sie des gefährlichsten Prätendenten auf den Thron beraubt.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'» telegr. Tarresponbenr-Bureau.

Berlin, 20. Juni. Die Abreise Sr. Maj. des Kaisers nach Ems ist nunmehr aus Sonntag Abend festgesetzt.

DerReichs - Anzeiger" publtctrt eine kaiserliche Verordnung, wodurch die rmterm 8. April versügten Beschränkungen der Einfuhr aus Rußland von heute an aufgehoben werden.

Oberbürgermeister v. Forckenbeck schrieb an einen Bekannten hierher, daß er sich bester befinde und nächste Woche wieder in Berlin einzutreffen gedenke.

London, 20. Juni. DieTimes" meldet: Die Vertreter Englands und Frankreichs find angewiesen, den Khedtve gemeinschaftlich aufzuforden, zwischen freiwilliger Abdankung mit einer Ctvtlliste und dem Schutze beider Regierungen oder zwangsweisem Rücktritt mittelst directem Eingreifen der West­mächte und der Pforte zu wählen.

London, 20. Juni.Standard" meldet aus Alexandrien vom 19. d.: Die Vertreter Frankreichs und Englands haben bereits den Khedtve aufgesor- dert, zu Gunsten Tewfik Paschas abzudanken. Der Khedive hat sich hierauf eine Frist von 24 Stunden erbeten, um behufs der Befriedigung der Gläubt-

er Pheil.

ger, welche sich ein Erkenntniß erstritten, bet eingeborenen Bankiers gegen Hin­terlegung von Juwelen ein Darlehen aufzunehmen. Wenn das Haus Roth­schild den Saldo der Domänenanleihe gezahlt habe, sollten die Gläubiger vollständig befriedigt werden und wolle er zu Gunsten Tewfiks abdanken.

5m Uuterhause theilte der Krtegssecretär Stanley den Tod des Prinzen Louis Napoleon mit und sprach das Bedauern der Regierung über den herben Verlust der Kaiserin Engenie aus. Der Prinz unternahm eine Recognosctrung auf Befehl des englischen Vicegeneral-Quartiermeisters. Die Leiche wurde von 17 Affegats durchbohrt gefunden und wird unter Escorte nach England gebracht.

Paris, 20. Juni. Die bonapartisttschen Deputirten werden heute Abend bet Rouher Versammlung halten.-Temps" schreibt: Der Tod des Prinzen Napoleon bedeutet die Zerbröckelung der kaiserlichen Partei, das Verschwinden der bonapartisttschen Partei; derselbe wird der Republik gestatten, gemäßigt zu sein, und wird die Beruhigung des Landes zur Folge haben.Pays" meldet: Bevor der Prinz nach dem Cap ging, machte er ein Testament, in dem er als seinen Nachfolger den Prinzen Victor Napoleon, den Enkel des Königs Victor Emanuel von Italien, bezeichnete.

TieAgence Havas" meldet aus London: Als die Kaiserin Eugenie den Tod des Prinzen vernahm, stieß sie einen Schrei aus, fiel in Ohnmacht und ist seitdem in einem Zustand vollständiger Unempfindlichkeit verblieben.

Wien, 20. Juni. Meldung der Polit. Corresp." aus Petersburg: Die ostrumelischen Delegirten Geschoss und Jankoloff wurden gestern von Kaiser Alexander empfangen. Die Audienz wurde ihnen erst gewährt, nachdem Staatssekretär Giers denselben auf ausdrückliche Weisung des Kaisers eröffnet hatte, daß keinerlei dem Berliner Vertrage widersprechende Adresse oder Peti­tion angenommen werden könnte. Die Delegirten erklärten daraus, daß sie nur der russischen Regierung danken wollten für Alles, was diese für Ostrn- melien gethan, und daß sie dem Kaiser persönlich danken zu dürfen wünschten. In der hierauf bewilligten Audienz wiederholte der Kaiser das, was bereits von Giers erklärt worden war. Die Sprache der Delegirten verrieth keinerlei Unzufriedenheit mit der ihrem Vaterlande geschaffenen Sachlage.

Paris, 20. Juni, Abends. Prinz Jerome Napoleon hat auf die Nachricht vom Tode seines Vetters telegraphirt; er werde diese Nacht in Parts eintreffen. Die bonopartistische Partei wird bis zu seiner Ankunft keinen entscheidenden Beschluß fassen. Die heute Nachmittag in Rouher's Wohnung (welcher selbst abwesend war) gehaltene bonopartistische Versammlung hatte nur einen privaten Charakter und beschloß lediglich, eine Deputation an die Kaiserin zu senden. Rouher, welcher Abends von Cercey erwartet wurde, hat sich direct nach dem Nordbahnhofe begeben, um den Zug nach London zu benutzen. Eine Deputation von bonopartistischen Senatoren und Deputirten ist zum Bahnhof gekommen, um ihn zu ersuchen, daß er seine Reise nach Chtslehurst ausschiebe, bis die politische Verhaltungslinie für die Partei fest­gesetzt sei.

Paris, 21. Juni, früh. Die allgemeine Versammlung der Deputirten und Senatoren von der Partei des Appel au peuple nahm eine Resolution an, in welcher erklärt wird: Die Sache des Prinzen lebe auch nach seinem Tode fort, die Napoleonische Succession sei nicht erblos geworden, das Kaiser- thum werde weiterleben. Die Versammlung beschloß ferner eine Beileids- Adresse an die Kaiserin.

Frankreich hat Oesterreich eingeladen, sich an den Maßregeln gegen den Khedive zu betheiltgen. Oesterreich wird, wie dieAgence Havas" ver­nimmt, seinen Protest vom 22. April aufrechterhalten und die Forderung stellen, daß Jurisdiction und Finanzcontrole einen internationalen Charakter haben.