BjW von Assessoren sollen, wie man behauptet, die Pforten des Amtsrichter- chums verschloffen gehalten werden, so daß man annimmt, daß das verwendbare Material bei der bevorstehenden Organisation vollständig untergebracht wird. Bei den Mitgliedern des höchsten Gerichts ist bezüglich ihrer desfallstgen rvünsche Umfrage gehalten worden und dürfte wohl die Hälfte derselben außer Activität treten. Unter den Zurücktretenden befindet sich leider auch der Präsident dieses Gerichtshofs, Dr. Zentgraff, eine ganz eminente Arbeitskraft, den ein Augenleiden nöthigt, dem activen Dienst Balet zu sagen. (Fr. Ztg.)
AranKreich.
Paris, 19. Mai. Das neue Decret, das wieder 400 Communards begnadigt, ist das neunte seit Verkündigung des Amnestiegesetzes, dessen Bestimmungen am 5. Juni erlöschen. Mitglieder der republikanischen Union hatten Unterredungen mit mehreren Ministern, um sie zur „Anwendung des Amnestiegesetzes im wahren Geiste" zu bewegen, so lange es noch gelte und „Amnestirung aller politischen Verurtheilten ohne Ausnahme" zu verlangen. Laut „Franrais" verlangt die republikanische Union die Begnadigung Blanqui's noch vor dem 5. Juni. Das linke Ccntrum und die Linke beschloflen die Verwerfung von Blanqui's Wahl, die republikanische Union aber will nur dann so stimmen, wenn Lepöre ihm die Genugthuung der Amnestie erthetlt habe.
Versailles, 19. Mai. Deputirtenkammer. Auf Befragen Baudry d'Asson's erklärt Justizmtntster Leroyer: Die Regierung hat die Wahl Blanqui's nicht im Amtsblatt veröffentlichen lasten, weil diese Wahl besondere Bedingungen darbietet, durch welche hinsichtlich der weiteren Entscheidung Vorbehalte nothwendtg gemacht werden. — Damit ist dieser Zwischenfall geschloffen.
Lockroy (Radikaler) bezeichnet den Hirtenbrief deS Erchischofs von Aix als beleidigend für die Minister und fordert die Einziehung der Besoldung des rebellischen Klerus, sowie Trennung von Staat und Kirch-. Der Minister des Innern, Lepöre, erwidert mit der Versicherung, das Cabinet stehe ein- müthig auf dem Boden der Gesetze Ferry's und der Abwehr gegenüber dem Klerus. Die Regierung würde die Pflichten ihres Amtes nicht erfüllen, wenn sie nicht darauf hielte, daß die im Concordat festzestellten Rechte des Staates geachtet werden. Falls die Worte, die dem Erzbischof bei seinem kirchenamtlichen Besuch des Ortes Chateaurenard (Vaucluse) zugeschrieben werden, sich bestätigen, so wird derselbe vor die zuständigen Gerichte gewiesen werden. — Lockroy dankt dem Minister und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß desten Erklärungen keine platonischen bleiben werden.
Der Senat bestimmt den 27. Mai als Termin für die Wahl zweier Senatoren auf Lebenszeit.
Atatieu.
Row, 19. Mai, Abends. Die Deputirtenkammer nahm den Gesetzentwurf über die Civilehe mit 153 gegen 101 Stimmen an. Nach den zum Gesetzentwürfe angenommenen Amendements wird die strafgerichtliche Verfolgung gegen Zuwiderhandelnde eingestellt, sobald nur die kirchlich getrauten Gatten ihre Ehe in das Civilstandsregister eintrazen lasten.
Rußland.
Petersburg, 19. Mat. Zu Petropawlowsk im Bezirk Akmollinsk (Sibirien) ist eine Feuersbrunst autgebrochen; mehrere Stadtviertel stehen sn Flammen.________________________________
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Torrespondenj- Bureau.
(Wiederholt, weil nicht in allen Exemplaren der gestrigen Nummer enthalten.)
Berlin, 20. Mat. Reichstag. Der Vtcepräsident Lucius theilt ein Schreiben Forckenbeck's mit, worin derselbe erklärt, daß er aus Gesundheitsrücksichten und wegen des Gegensatzes, in welchem er sich zur Majorität befindet, das Präsidium niederlege. Der Vicepräsident erklärt, nach Erledigung der Tagesordnung auf diese Frage zurückzukommen.
Berlin, 20. Mat. Die „Nordd. Allg. Ztg." bringt über das Sonn- abend-Banquet des Städtetages einen Aufsehen machenden Artikel, worin es heißt, die Thatsache, daß eine Gemeinde, deren erster Beamter zugleich Präsident des Reichstages ist, eine Einladung an sämmtliche größere Stäote <t- läßt, neben dem Parlament des deutschen Volkes an dessen Sitz zu tagen und durch ihre Discussionen, ihr Tagen und ihre Beschlüste einen localen Druck auf die Volksvertreter zu üben, hibe an sich für unsere politischen Gewohnheiten, wenn man vom Sommer 1848 absehe, etwas Befremdliches. Wirth- schaftltche Fragen seien von dem Städtetag mit seinem selbstgeschaffmen Mandat in politische umgewandelt worden. Anstatt einer nüchternen Besprechung von Zollposittonen höre man den Schlachtruf jeder revolutionären Agttat on in dem Geschrei über kirchliche und politische Reaction. An dem guten W llen, die verfaffungsmäßigen Gewalten bei uns durch aufgeregte Gemeindeversammlungen zu ersetzen, scheine es demnach nicht zu fehlen. Glücklicherweise befinde sich unser Vaterland aber in keiner republikanischen Sympathien entgegengiei'enden Bewegung. Deutschland könne, wenn auch mit Verwunderung, doch mit kühler Ruhe der Verbrüderung fortschrittlicher Stadtbebörden zuschanen.
m , Berlin, 20. Mai. Reichstag Der Brief des Präsidenten v. Forckenbeck an den R^chstag lautet folgendermaßen: Bei dem Gegensätze, in welchen ich in Bezug auf tiefgreifende Fragen mit der Majorität des Hauses gekommen bin, außerdem aber durch den mw von meinem Arzte unbedingt gegebenen Rath genöthigt, kürzeren Urlaub zur Wiederherstellung meiner Gesundheit nachzusuchen, darf ich nicht länger im Interesse der Geschäfte des Reichstages das Amt des Präsidenten beibehalten. Indem ich daher dem hohen Reichstag für das nur bisher bewiesene Vertrauen tiefgefühlten Dank ausspreche, lege ich hiermit das Amt als erster Präsident des Reichstags nieder, ^d) bitte zugleich um Ertheilung eines vierwöchentlichen Urlaubs vom 23 d. M ab " Ick habe fahrt Dr. Lucius fort, das Gefühl, und ich glaube, dasselbe wird von dem ganzen Hause gethellt wenn ich b^i der Plötzlichkeit dieser Nachricht nicht für möglich erachtete alsbald über das Angesichts dieser Mittheilung zu ergreifende Verfahren im Hause in die Berathung emzutreten, beziehungsweise schlüssig darüber zu werden; wenn ich mich in diesen meinen Gefühlen nicht täusche, werde ich mir erlauben, bei Schluß der heutigen Tagesordnung nachdem die Parteien sich vielleicht über die Frage verständigt auf diesen Gegenstand zuruckzukommen. Das Haus scheint damit einverstanden zu sein.
Das Haus geht hierauf zur Debatte über die Getreidezölle über. Bundcs-Com- nstssar Tiedemann rechtfertigt die Zollsätze, welche rechts und links gleich stark angefochten feien. Die Getreidezölle hätten nicht die sonst im Tarife überall hervortretende Tendenz des Schutzes der nationalen Arbeit; er glaube indessen, daß die Sätze trotz ihrer Niedrigkeit der Landwirthschaft nützlich sein würden. Redner verweist auf die wachsende Getreide-Einsuhr und kritisirt die Angaben bezüglich des pro Kops der Bevölkerung nothwendigen Getreide-Consums- Deutschland sei der Tummelplatz für die Eoncurrenz des Auslandes, besonders Rußlands und Amerikas. Die Productions- verhaltnisse der mit der einheimischen Landwirthschaft concurrircnben Länder seien un-
als bei uns. Redner setzt dann weiter die Nothlage der Landwirthe auseinander und weist aus die kolossalen Zistern der landwirthschasllichen Subhastationen £Vl,. ""geschlagene Zoll nur die Wirkung habe, der deutschen Landwirth.
schäft den deutschen Markt zurullzuerodern, so fei schon viel gewonnen. Daß dies aber seicht werde davon seien die Regierungen überzeugt. Die Behauptung, daß der Zoll die Consumenten treffe, ,ei unrichtig. u' D
v. SauckemTarputschen wendet sich gegen die Ausführungen Tiedemanns welche erneu seltsamen Widerspruch enthielten. Es werde gesagt, der Zoll treffe nicht die Consumenten, sondern die Importeure, eine Verteuerung des Brodes werde nickt Man greisen. Gleichwohl aber werde die Hebung des landwirthschastlichen Nothstandes ver- sprochen. Die Landwirthe Ostpreußens versprächen sich keinerlei Nutzen von dem Ge- treidezoll. Noch vor wenigen Jahren hätten die Landwirthe überhaupt einen Sckutzroll für die Landwirthschaft verworfen. Die Klagen der Landwirthe seien vielfach über- trieben. Die massenhaften Subhastationen seien eine Folge der ganzen politischen Laae' Trotz der Zolle wurden die Preise nicht nothwendig steigen, sie könnten sogar unter Umstanden herabgehen. Auch wenn er als Landwirth sich Vortheile versprechen könnte wurde er Zolle, die dem armen Manne die unentbehrlichsten Lebensrnittel vertheuerten niemals bewilligen. — Günther (Sachsen) befürwortet den von ihm und v. Mirback elngebrachten Antrag auf Erhöhung des Zolles auf Weizen und Roggen auf 1 Mark (Wahrend Gunther's Rede tritt Fürst Bismarck ein.) Der Redner bekämpft die Ausführungen v. L-aucken's und sucht dessen Behauptung, daß das Brod durch einen Ge- treidezoll vertheuert werde, zu entkräften.
v- Treitschke erklärt sich für Finanzzölle, dagegen gegen Getreidezölle als Schutzzölle. Die vorgeschlagenen Zölle seien nicht hoch genug, um der Landwirthschaft wirksamen Schutz zu gewahren, und Zölle, die so hoch bemessen wären, um diesen Rroecf erreichen, wurde kein Parlament gewähren. Getreidezölle würden namentlich auf bcn unteren Klassen lasten, daher der Socialdemokratie neue Nahrung geben Die Debatte wird hieraus vertagt. Vicepräsident Dr. Lucius theilt mit, jeder Versuch' Herrn v Forckenbeck zur Rücknahme seiner Amtsniederlegung zu bewegen, sei erfolglos ae- blieben. Aus Vorschlag des Vicepräsidenten Lucius wird die Wahl eines neuen Präsidenten aus Mittwoch Vormittag 11 Uhr anberaumt. Nach der Wahl Fortsetzung der Getreidezoll-Debatte. y u
Berlin, 20. Mai. Wie mit einiger Bestimmtheit verlautet, würde auch Freiherr Schenk von Stanffeaberg seine Stelle als Viceprästdent niederlegen. Die meisten Aussichten für das Präsidium werden dem Abg. von Seydewitz (cons.) zugeschrieben. — Der „Nordd. Allg.Ztg." zufSlge bestimmte Se. Maj. der Kaiser, daß sämmtliche Oberpräsidentea und commandirenden Generale an der Feierlichkeit der Gdldenea Hochzeit theilnehmen. — Der Oberprästde it von Schleswig-Holstein, Biron Scheel-Pleffen hat seinen Abschied mit Rücksicht auf die nunmehr beschloffene Verlegung des Oberprästdiums nach Schleswig nachgesucht.
—■ Die meisten Fractionen des Reichstags hatten nach Schluß der Sitzung Berathungen über die Präsidentenwahl. Die Nationalliberalen be- schloffen weiße Z tiel abzugeben; die Fortschrittspartei dürfte ebenso verfahren, wird jedoch erst morgen Beschluß faffen. Das Centrum beauftragt seinen Vorstand mit den Confervatioen über die Präsidentenwahl zu verhandeln, und wird ebenfalls morgen Beschluß faffen. Die deutsche Reichspartei scheint Lucius zum ersten P äside>,ten wählen zu wollen. Die meisten Chancen Hit v. Seydewitz (cons.), der jedoch noch nicht zur Annahme entschloffrn ist. Genannt werden ferner v. Puttkammer-Löwenberg (cons.), Freiherr v. Frankenstein (Centrum), sowie v. Benntgsen, welcher jedoch bestimmt ablehnen dürfte. Der bisherige erste Viceprästdent Frhr. Schenk v. Stauffenberg soll heute in später Nachmittagsstunde telegraphisch ebenfalls seinen Rücktritt vom Präsidium angezeigt haben.
Das über den Untergang des Kriegsschiffes „Großer Kurfürst" ergangene kriegsrechtliche Erkenntniß ist gutem Vernehmen nach von Sr. Majestät dem Kaiser aufgehoben und ein neues Kriegsgericht bestellt, zu deffen Präses, wie verlautet, der General - Jnspecteur der Artillerie General von Podbielsky ernannt ist.
London, 20. Mai. Die deutsche Kaiserin wird heute hier erwartet. — Nach einer Meldung der „Times" ans Simla vom 19. Mai sind die Hauptpunkte des U'bereinkommens mit Jakub Khan die nachstehenden: Annexion der Päffe und eines hinreichenden Gebiets für eine rationelle Grenze, Anstellung eines enalischen Resic-enten in Kabul, die Controle der auswärtigen Beziehungen Afghanistans und die Unabhängigkeit der Afridistämme ohne Präjudiz für die H-r'schaft über die Paffe.
Paris, 20. Mai. Die Kammer bewilligte 500,000 Frcs. für die durch den Cycloon verwüstete Insel Reunion. Der Unterrichtsminister Jule- Fe'ry bat einen Gesetzentwurf, betr. die für den Primär-Unterricht erforder- lichen Befäh'gungsnachweise, eingebracht. Der Entwurf involoirt die Unterdrückung der Obedienz-Briefe, welche den Congreganisten das Recht z«m Lchren ertheilen. Gambetta theilt im Namen des Ministers Leroyer den Antrag aus Ermächtigung der Kammer zur gerichtlichen Verfolgung des Deputirten Paul Caffagnac mit. Die äußerste Linke hat folgende Tagesordnung zur Interpellation Lockroy's beschloffrn: Die Kammer geht, indem sie bedauert, daß das Ministerium das A nnestieqesetz nicht mehr im Geiste dieses Gesetzes selbst angewen'-et hat zur Trgesordnung über.
Wien, 20. Mai. Prinz Battenberg ist heute Nachmittag hier einge- troff*n ui t) wurde am Bahnhofe von einer Deputation der hiesigen bulgari- scheu C'lonn' begrüßr.
Brüssel, 20. Mai. Bürgermeister Anspach ist gestorben.
Lokales.
Gießen, 21. Mai. Die Zahl der Todesfälle in Gießen während der Woche vom 11. bis 17. Mai betrug im Ganzen 7. Ein Kind von Vr Jahre erlag einer Gehirnentzündung, von zwei dreijährigen Kindern starb eins an Krämpfen, eins an häutiger Bräune. Von erwachsenen Personen starben 4, davon drei an Lungensckwindsucht und eine am Lungenblutfchlag G.
— Vorgestern Abend versuchte ein Frauenzimmer bei einem Goldarbeiter eine goldene Kette auf den Namen einer hiesigen Familie auszuschwtndeln. Der Goldarbeiter, gewitzigt durch Bekanntwerden von früheren ähnlichen Fällen, vertröstete sie auf den folgenden Tag; wer sich aber nirnt einfand war die Schwindlerin. — Mehr Glück hatte anscheinend dieselbe Person in einem Manufacturgeschäft. Dort wurden ihr auf den Namen eines hiesigen Fabrikanten zwei Tücher verabfolgt.
In der Löwengasie prügelten sich gestern Abend zwei Arbeiter, wobei der eine durch ein Glas eine Verletzung am Kopfe erhielt. Ein Schutzmann trennte die Streithäbne.
— Gestern Abend fanden zwei liederliche Dirnen Aufnahme im Arresthaus.
— Wie wir vernehmen, begeht der hiesige Turnverein am 29. Juni d. I. sein diesjähriges Stiftungsfest (32 ) auf der Badenburg, verbunden mit Preis- und Schauturnen.
Zu dieser Feier ist in Aussicht genommen, die benachbarten Turnvereine einzuladen, um bem Turnen, einem in jeder Beziehung gemeinnützigen Unternehmen, immer mehr Eingang und Begeisterung unter dem Volke zu verschaffen, was leider heute noch viel zu viel fehlt.
Trotzdem das Turnen in den Schulen und bei dem Militär obligatorisch eingeführt ist, wird in den meisten Fällen den Turnvereinen von Seiten der Gemeindebebörden viel zu wenig Entgegenkommen gezeigt.
Hoffen wir, daß diese Antipathie immer mehr schwindet und baldigst ganz geschwunden sein möge. _________________________ ________
V e r rrr i s ch t e S.
— Eine große Anzahl Dcputirter zum Städtetag hatte sich am Freitag Abend, einer Einladung der Stadt Berlin folgend, zu einer zwanglosen Vorbesprechung im großen Rathhaus:


