Nachdem der Bundesrath des Deutschen Reichs auf Grund des § 114 der Rechtsanwalts-Ordnung für das Deutsche Reich vom 1. Juli 1878 seine Zustimmung dazu ertheilt hat, daß die bei dem künftigen Landgerichte der Provinz Rheinhessen zugelassenen Rechtsanwälte in den daselbst verhandelten Processen bis zur Einführung eines gemeinschaftlichen bürgerlichen Gesetzbuchs zur Vertretung der Parteien auch bei dem Oberlandesgerichte des Großher- thums zu Darmstadt zugelassen werden, so wird dies hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Darmstadt, am 20. Juni 1879.
Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz, v- Starck.
v- Bechtold.
Berlin, 9. Juli. Die „Nordd. Allg. Ztg." wiederholt, daß Fürst Bismarck über die Ersatzvorschläge an den Kaiser für die ausscheidenden Minister sich mit sämmtlichen Ministern vorher verständigte. Die Behauptung mehrerer Zeitungen, Graf Eulenburg habe von Bitter's Berufung zum Finanzministerium erst als vollendeter Thatsache Kenntniß erhalten, sei ebenso unrichtig, wie die Behauptungen, Graf Eulenburg wolle seine Entlassung nehmen und es habe zwischen ihm und Bitter ein gespanntes Verhältniß bestanden. — Der „Rcichs-Anz." publicirt die Ernennung des bisherigen Ministers Hobrecht zum Wirklichen Geheimen Rath.
Hesserreich.
Wien, 9. Juli. Meldungen der „Polit. Corr." Aus Konstantinopel: Frankreich und England werden von dem Wortlaute des Investitur-Fermans für den Vicekönig Tewfik ihr weiteres Vorgehen in der Frage der Aufhebung des Fermans von 1873 abhängig machen. Der Sultan bestätigte sämmtliche von Aleko Pascha ernannten Mitglieder des ostrumclischcn Directortums, ausgenommen den mißliebigen Leiter des Justizwesens Kcsakoff. Die Pforte beabsichtigt Schritte bei den Mächten wegen rascher Demolirung der Donaufestungen zu thun. Aus Belgrad: Die Delegirten bei der Grenzregultrungs- Commission erhielten Weisung, im Sinne der serbischen Forderungen für eine bessere Desensiv-Grenze Serbiens vorzusorgen.
Irankreich.
Paris, 8. Juli. Der Himmel dräut beständig mit Gewitterwolken, die Sonne bleibt völlig unsichtbar und Abends läßt sich das Sitzen im Freien nur unter der schützenden Decke des Winterpaletots aushalten. Die Witte- rungsverhältnisse sind in der That so außerordentlich verschoben, daß sich die geschichtskundigen Meteorologen vergebens nach einem ähnlichen Falle umsehen; eine ausreichende Erklärung dieser Verschiebung aber haben bis jetzt nur die Klerikalen geliefert, welche darin den „Finger" und die „Faust Gottes" verkünden: die Republik ist zu gottlos, um schönes Wetter zu verdienen; sie hat der Kirche den Krieg erklärt und Gambetta den Katholicismus den „Feind" Frankreichs genannt; Ferry vertreibt die Jesuiten und Paul Bert „erfindet" die Belege zur Rothwendigkeit dieser Maßregel, indem er kirchenfeindlichen Schriftstellern die Citate entlehnt, die er am vorigen Samstag in der Kammer zum Besten gab. Bert's Rede aber vom Jesuitenorden bildet heute den Grundstock aller politischen Erörterungen. Die liberale Presse steht einstimmig aus seiner Seite. Die Klerikalen behandeln dieselbe einfach als eine „jansenistische Verleumdung", erklären die Citate für verstümmelt und verändert und weisen auf die Soldaten und Generäle hin, die aus den Jesuttenschulen hervorgegangen find und von Vaterlandsliebe stets entbrannten. Paul Bert ist ihnen ein bloßer Chemiker, der von Geschichte und Theologie nichts versteht.
England.
London, 8. Juli. Das wegen des Todes des Prinzen Napoleon eingesetzte Untersuchungsgericht hat einen Tadel gegen den Lieutenant Carey ausgesprochen, obgleich sich dieser damit zu entschuldigen sucht, daß er sich nicht in dienstlicher Stellung bet der Patrouille befunden habe. Dieser hinfälligen Entschuldigung wurde tndeß keine Beachtung geschenkt und das kriegsgerichtliche Verfahren gegen ihn eingeleitet „wegen schlechten Verhaltens vor dem Feinde am 1. Juni, als Befehlshaber einer Patrouille, bet welcher sich der kaiserliche Prinz befand, weil er ferner, als diese Patrouille angegriffen wurde, fortgaloppirt sei und nicht versucht habe, die Patrouille zu sammeln oder auf andere Weise den Prinzen zu vertheidtgen." Oberst Harrison hat vor dem Kriegsgerichte die Aussage gemacht, daß er Carey anbefohlen habe, den Prinzen nicht als eine königliche Person, sondern wie einen gewöhnlichen Officier zu betrachten, dabet aber die nöthige Vorsicht nicht aus dem Auge zu lassen.
— Das anhaltende Regenwetter ist zu einer solchen Landplage geworden, daß der Erzbischof von Canterbury als Primas von England die Bischöfe auffordert, in ihren Diöcesen öffentliche Gebete um Abwendung des Uebels anzuordnen. Die Herren werden hoffentlich auch die übrigen Länder West- Europas, denen des nassen Segens zu viel geworden ist, in ihre Fürbitte einschließen. Für die Landwirthe ist die Lage wirklich recht traurig. Man kann sagen, vier Mißerndten liegen hinter uns, die fünfte sehen wir jetzt vor Augen. Schwere Aecker sind im Frühjahre noch gar nicht trocken geworden, sondern liegen noch sumpfig da wie im Winter. Auf warmem Boden hat die Nässe den Graswuchs begünstigt und an solchen Stellen sieht man z. B in der Nähe Londons Grasschnitte, zu deren Trocknung kaum die Wicsenfläche ausreichen würde, auf welcher sie gewachsen sind. Selbst diese Erndte wird dem Landwirthe nun genommen, denn in diesem anhaltenden Regenwetter muß das Gras verfaulen. p
Telegraphische Depeschen.
Wagner's trlegr. <»rrefponienj * euren*.
10. Juli. Se. Majestät der Kaiser unternahm gestern eine Spazierfahrt und wohnte Abends der Theatervorstellung bei. Rum beutiaen Diner ist u- A- Prinz Heinrich von Reuß geladen.
Berlin, 10. Juli. Reichstag. Der Rest der Novelle zur Gewerbeordnung wird in zweiter Berathung nach den Commissions-Anträgen angenommen. - Es folgt die zweite Berathung des Gesetzentwurfes, betr. die Feststellung eines dritten Nachttags- Etats (für das Srelchstags-Gebaude). Die Budget-Commission beantragt unoXberte Annahme der Vorlage und Einsetzung einer gemischten Commission für die weiteren vorbereitenden Schritte. .Reichensperger (Crefeld) empfiehlt den sogenannten kleinen Komgsplatz" und stellt einen bezüglichen Antrag. Präsident Hofmann bekämpft den Antrag Reich^isperger, da der kleine Konigsplatz" durchaus ungeeignet und zu hoffen d^ Berstandigung mit dem Berliner Magistrat etzielt werde. Löwe (Berlins erklärt sich für die Regierungsvorlage, v. Forckenbeck versichert, wenn der Reichstag
den Gesetzentwurf beschließe, werde auch die Stadt Berlin keine Schwierigkeiten erheben ; er bitte demgemäß um Annahme der Vorlage. Das Haus nimmt indeß den Antrag Reichensperger an, womit die Vorlage abgelehnt ist. — Die Vereinbarung zwischen Deutschland und der Schweiz wegen der Grenze bei Konstanz wird in dritter Berathung ohne Debatte genehmigt, der Gesetzentwurf, betreffend die Steuerfreiheit von Spiritus für gewerbliche Zwecke, in erster und zweiter Lesung ohne Debatte genehmigt. Der Gesetzentwurf, betr. Waarenftatiftik, wird in dritter Lesung ohne Debatte genehmigt. Es folgen Wahlprüfungen. Nach deren Erledigung wird das Tabaksieuergesetz in dritter Berathung ohne wesentliche Debatte nach den Beschlüssen der zweiten Lesung genehmigt. — Das Haus geht zur dritten Lesung des Zolltarifs über.
, . Zur Generaldebatte erklärt Völk: Er habe zwar gegen den Antrag Francken- stein gestimmt, werde aber für den ganzen Tarif stimmen, weil er die Reform für unerläßlich halte und die Garantiefrage nur untergeordnete Bedeutung habe. v. Behr (Schmoldow) verlieft eine Erklärung der fteihäudlerischen Conservativen und v. Treitschke's, des Inhalts, daß dieselben im Hinblick auf die Rothwendigkeit der Finanzzölle für den ganzen Tarif stimmen werden. Hölder motivirt, weßhalb er für den Tarif stimme. Hänel erörtert die Garantieftage vom Standpunkte der Fortschrittspartei.
Hänel beleuchtet ferner das Verhältniß zwischen dem Centrum und den Conservativen, sowie zwischen Reichskanzler und Parlament- Schorlemer-Alst spricht gegen die Ausführungen Hänel's. Schröder (Friedberg) und Vahlteich (Soc.-Dem.) nehmen das Wort gegen das Gesetz, ebenso Kiefer. Hierauf wird die General-Discussion geschlossen. Nächste Sitzung morgen Vormittag 10 Uhr.
London, 10. Juli. Bei dem gestrigen Banket der Conservativen hielt Lord Salisbury eine Rede: Er glaubt versichern zu können, daß die Stipulationen des Berliner Vertrages in ihren wesentlichen Einzelheiten aus- geführt seien; er glaubt ferner, daß die auswärtigen Mächte, mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, wünschen und sich bestreben, den Frieden zu wahren- Die Stürme der letzten Jahre beschwichtigten sich. Von den Concurrenten um den Besitz wichtiger Mtttelmeer-Pofittonen, weder von den bestehenden Reichen noch von den sich constituirenden Nationalitäten sei keiner mächtig genug, um eine solche Aufgabe zu übernehmen. Das heutige reformirte türkische Reich stütze sich auf die Zustimmung seiner Unterthanen, welche es sich zu er- halten sein ferneres Bestreben sein müsse. Der gegenwärtige Friede sei nur eine Ruhepause. Die Dauer derselben werde bedingt durch die Anwendung, welche die Türkei hiervon jetzt und in Zukunft mache. Das türkische Volk besitze die Eigenschaften, welche eine Nation mächtig und reich machen; er hoffe, seine Staatsmänner werden den Mißbräuchen und der Corruption ein Ziel setzen. Der Minister erklärt schließlich, so sehr er auch wünsche, sich um die Politik auswärtiger Mächte nicht zu bekümmern, müsse er doch darauf halten, daß in den gegenwärtigen Verhältnissen selbst ein friedliebender Staat wie England auf den Krieg vorbereitet sei.
New-Aork, 9. Juli. In Memphis (Tennessee) ist heute ein Todesfall am gelben Fieber vorgekommen; nach Aussage der Aerzte wäre der Fall sporadisch.
London, 10. Juli. Der „Orontes" ist mit der Leiche des Prinzen Napoleon in Portsmouth angekommen; der Sarg ist auf die Nacht „Enchan- treß" gebracht, um nach Woolwich geführt zu werden. — Nach Berichten aus der Capstadt vom 24. Juni ist General Wolseley daselbst eingetroffen. Lieutenant Carey wurde verhaftet und soll nach England transportirt werden.
— Nachrichten aus der Capstadt vom 24. Juni zufolge war General Crealock am 19. Juni bet dem General Chelmsford etngetroffen, begann am 20. den Vormarsch und gelangte den 21. Juni an den Umbulazt-Fluß, woselbst Halt gemacht ward. Es zeigte sich nur unbedeutenden Widerstand. General Newdegate mit dem Hauptquartier ist bet Upoka etngetroffen. General Wood wird demnächst die Verbindung mit General Crealock herstellen.
Paris, 10. Juli. Das „Pays" veröffentlicht ein Schreiben von Robert Mitchell zu Gunsten des Prinzen Jerome, den man als Chef der Familie Napoleon und folglich als Chef der Partei anerkennen müsse. Paul Cassagnac antwortet darauf. Er fordert vorerst Unterpfänder von dem Prinzen Jerome, denn er wolle um keinen Preis eine Art von Katserthum, wie es Jerome bis jetzt vorgestellt habe. — Die „Estafette" glaubt zu wissen, daß der Prinz Jerome nicht vor den Aufforderungen (sommations) Cassagnac's capitultren werde-
London, 10. Juli. Im Unterhaus antwortet Unterstaatskecretär Bourke auf Befragen Otway's, die Regierung habe keinerlei Nachricht erhalten, daß Nubar Pascha die Rückkehr nach Egypten versagt sei.
Paris, 11. Juli. Dem „Journal des Debats" wird aus Wien gemeldet: Fürst Alexander von Bulgarien empfängt heute, Donnerstag, in Tirnova die Agenten der auswärtigen Mächte. Morgen wird sich derselbe nach Sofia begeben und daselbst den Investitur-Ferman in Empfang nehmen, der ihm in Konstantinopel nicht überreicht wurde.
New-Bork, 10. Juli. In Memphis find fünf Personen am gelben Fieber erkrankt. Es ist ein Todesfall vorgekommen.
Lokales.
Gießen, 11. Juli. Wegen der anhaltend abscheulichen Witterung wird das Turnfest am kommenden Sonntag in Nidda wohl auch Schaden nehmen. Die angekündigten Extrazüge am Abend von Nidda nach Gießen und Büdingen sind ausgefallen.
— Heute Morgen wurde ein Dienstmädchen in einem Hause auf dem Marktplatze entseelt in ihrem Bette gefunden.
— Ein arg bekneipter Colporteur, früher Scribent, wurde gestern Nachmittag per Karren nach der Sandgasie verbracht.
Cassa-Abschluß der Cewerbebank zu Gießen, eingetr. Genossenschaft, pro Monat Juni 1879.
Einnahme»
Ausgabe.
'S)
JL
LA.
1. Cassenbeftand am 1. Juni 1879 .....
9,813
95
2. Vorschuß-Conto ...........
60,944
94
50,678
___
3. Wechsel-Conto ...........
25,443
29
22,926
85
4. Darlehen-Conto ........
47,972
23
28,869
06
5. Sparkasse-Conto..........
519
439
6. Zinsen- und Provisions-Conto ......
7,629
92
1,084
65
7. Conto - Corrente A. mit Credit .....
6,485
11
7,773
53
8. Conto - Corrente B. ohne Credit.....
8,313
93
' 1.^229
9. Giro-Conto ..........
4,940
63
7,740
10. Stammantheil-Conto (incl. Dividende pro 1878)
—
3,842
77
11. Conto der unerhobenen Darlehns-Zinsen . .
—
—
78
70
12. Gerichtskosten-Conto.........
31
78
182
02
13. Verwaltungskoften-Conto........
1,163
19
Summe der Einnahmen . .
172,094
78
138,007
36
Ab die Ausgaben.....
138,007
36
Bleibt Cassenbeftand am 1. Juli 1879 .
34,087
42


