— Die Frage nach der Dauer der gegenwärtigen Reichstags-Session beschäftigte heute die Mitglieder des Reichstages mehr als die Gegenstände der Tagesordnung. Man hörte darüber die verschiedenartigsten Austastungen. Zunächst will man nach wie vor nicht daran glauben, daß der Entwurf über die Eisenbahn Gütertarife, der vielleicht erst gegen Ende dieses Monats an den Reichstag gelangen könnte, in der That noch von demselben erledigt werden sollte. Es hängt eben Alles davon ab, ob und in wie weit der Reichskanzler Nachdruck darauf legt, diesen Gegenstand noch in der laufenden Session durchzubringen. Ist dies der Fall, dann ist vor den letzten Julitagen der Schluß unmöglich. Aber man rechnet, wie gesagt, nicht mit dieser Möglichkeit und es wird daher allgemein angenommen, daß die Session in den Tagen vom 9. bis etwa 15. Juli schließen wird.
AranKreich.
Paris, 9. Juni. Die indirekten Steuern und Einnahmen ergaben für den Monat Mat einen Ueberschuß von 17,539,000 Frcs. gegen den Voranschlag des Budgets. Nur die Post allein befindet sich im Rückstände um 209,000 Frcs., während der Telegraphendienst 544,000 Frcs. mehr ergab. Die 5 ersten Monate des Jahres ergaben einen Ueberschuß von 47,813,000 Frcs.
Paris, 8. Juni. Don Carlos hat die „R6publique franraise" bei Gericht verklagt, weil in ihren Madrider Berichten die Artikel des spanischen Blattes „Diluvio" wiedergegeben waren, worin der Prätendent als ein ganz erbärmlicher Geselle geschildert wird. Am 16. Juli soll die Sache Vorkommen. Eine ähnliche Berücksichtigung ist dem bonaparttsttschen „Gaulois" von dem Präter denten zu Theil geworden. Da nur eine Beleidigungs-, nicht eine Verleumdungsklage vorzultegen scheint, so werden die Blätter wohl verurtheilt werden, denn es nutzt ihnen nichts, wenn sie auch den Beweis der Wahrheit erbringen. (Geht anderwärts auch so I) — Im Mat sind 9000 Hectoltter französischen Weines über Pagr.y an der Mosel nach Deutschland etngeführt worden.
Versailles, 10. Juni. In der Deputirtenkammer erklärte sich der Marineminister in Beantwortung einer Interpellation über die Ursachen und die Umstände bei dem Schiffbruche des Kanonenboots „Arrogante", besten Cor.struction schadhaft und unzulänglich war für das offene Meer. — Im Senat wurde dir Discussion der Frage über die Rückkehr der Kammern nach Parts aus Samstag festgesetzt. — Der Justizminister theilte mit, daß die Regierung ein Garantiegesetz vorbereitet habe und daß er daffelbe einbringen werde, sobald der Senat dies wünsche.
England.
London, 9. Juni. „Reuters Bureau" meldet aus Konstantinopel: Die Pfone richtete ein Rundschreiben an die Mächte, in welchem sie consta- tirt, daß Aleko Pascha durch das Tragen des Kalpak den Verpflichtungen gegen die Pforte zuwiderhaudele. Dennoch werde die Pforte noch keine weiteren Schritte thun, sondern zuvor die vollständige Räumung Rumeltens durch die Rusten abwarten. Alsdann werde sie eine letzte Aufforderung an Aleko richten, den türkischen Fez und die türkische Fahne anzunehmen. Sollte sich derselbe weigern, dies zu thun, so werde die Pforte bei den Mächten die Absetzung Aleko Pascha's beantragen und die Balkanpäffe besetzen.
Telegraphische Depeschen.
Wanner'S telegr. «Korrespondenz-Bureau.
Berlin, 10. Juni. Reichstag. Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die fortgesetzte zweite Berathung der Gebührenordnung für die Rechtsanwälte. Die Debatte hebt bei den §§ 93 bis 94a (Extravergütungen neben dem taxmäßigen Honorar betr.) an. An der mehrstündigen Debatte hierüber betheiligen Reichensperger, Stelter, Bahr, Windthorst und Wolfson, Namens der Regierungen ferner die Commissarien Kurlbaum und Meyer. Bei der Abstimmung werden die §§ 93 und 94b unter Ablehnung der bezüglichen Amendements in der Fassung der Commission genehmigt; § 94a wird in der Fassung der Commission angenommen. Damit ist der Entwurf durchberathen.
Es folgt die erste Berathung des Gesetzentwurfes betreffend die 88 25 und 32 des Gesetzes wegen der Rechtsverhältnisse der Reichsbeamten. Der Entwurf will die betreffenden Bestimmungen wegen der Entlassung und Pcnsionirung gewisser Reichsbeamten ausgedehnt missen auf die Vorstände und Directoren aller dem Reichskanzler unmittelbar unterstellten obersten Reichsämter. Richter (Hagen) spricht gegen die Vorlage, welche die fraglichen Beamten formell unabhängiger mache, thatsächlich aber ihre Abhängigkeit verstärke, v. Goßler spricht für den Entwurf und gegen die Ausführungen Richters. Lasker beleuchtet die durch den Gesetzentwurf bedingte Aenderung der Verwaltungsorganisation und fordert, daß die Vollmacht zu beliebiger Entlassung und Pensionirung thunlichst beschränkt werde. Staatssecretär Friedberg giebt zu, daß der Entwurf einen erheblich politischen Inhalt habe; er bezwecke eine erhöhte Beweglichkeit in den obersten Reichsämtern nach dem Wechsel der politischen Strömungen. Die Regierung habe geglaubt, mit ihrem Vorschläge einem alten Postulate zu entsprechen. Redner erläutert den Entwurf in verschiedenen Punkten. Die verschiedenen Aemter namentlich in dem Entwürfe aufzuführen, habe sich aus Rücksicht auf die Un- vollständigkeit unserer Verwaltungsorganisation verboten. Windthorst äußert verschiedene Bedenken. Der Entwurf wird hierauf dem Anträge Laskers gemäß an eine besondere Commission von 14 Mitgliedern verwiesen. — Nächste Sitzung Freitag.
Mantua, 10. Juni. Die Überschwemmung in Folge des^Durch- brucheo von Dämmen richtet in der Provinz Mantua ungeheuren Schaden an. Zwischen Revere und Sermide wurden wettere 12 Communen plötzlich und zur Nachtzeit von den Fluthen überrascht, so daß die Einwohner sich kaum noch auf die Dämme retten konnten, woselbst auch die Gemeinde Vorstehungen caupiren. Die dem Einstürze nahen Häuser, das ertrunkene Vieh und die ruinirleu Etgenlhümer bieten ein Bild des Jammers dar. Dennoch herrscht in Folge der von den Behörden getroffenen Fürsorge überall vollständige Ordnung.
Stuttgart, 10. Juni. Der württembergische Wohlthätigkeitsverein gab 10,000 Mk. Gründungsbeitrag zu dem neuen Männerkrankenhaus unter dem Namen „Augusta-Stisturg" bei Ludwigsburg.
Berlin, 10. Juni. Zahlreiche Fremde sind hier eingetroffen. — Die frembeti Fürstlichkeiten würden an den Bahnhöfen von den Prinzen und dem Ehrendienst empfangen und im Palais von der Kaiserin begrüßt.
— Eine Deputation des Ulanen-Regiments „Kaiser Alexander von Ruß- land" ist gestern Abend nach Petersburg abgereist, um den Kaiser von Rußland zu seinem 50jährigen Jubiläum als Chef des Regiments zu beglückwün- scheu. Kaiser Wilhelm übersandte durch die Deputation dem russischen Kaiser anläßlich dieses Jubiläums einen Ehrendegen. — Die Majestäten empfingen beu'e Mittag 11/2 Uhr die Großfürsten Alexis und Michael. Nachmittags 5 Uhr findet im kaiserlichen Palais Familientafel statt, zu welcher die hier bereits anwesenden fürstlichen Persönlichkeiten geladen sind.
München, 10. Juni. Anläßlich der Goldenen Hochzeitsfeter des deutschen Kaiserpaarcs wird morgen mit Genehmigung des König- ein feier-
Das in Augsburg im Verlage von S. Michelbacher erscheinende „Allgemeine Börsen- und Verloosungsblatt" hat sich in der kurzen Zeit,eines Bestehens einen großen Leserkreis erworben- Zu verdanken bat es denselben ledensalls feiner amen Reichhaltigkeit und seinem außerordentlich billigen Abonnementpreis von Mark 1 pro Halbjahr.
Vermischtes.
Darmstadt, 8. Juni. (P ostversonalnachrichten.) Angestellt ist der Postassistent Schröder in Mainz; versetzt find: der Postsecretär Backe von Mainz nach Stettin, der Postassistent Sassenfeld von Homberg *. d. Ohm nach Castel bet Mainz, sowie die Postverwalter Kleiß von Echzell nach Grebenhain und Heyn von Herbstein nach Mombach; in den Ruhestand ist getreten- der Postcommisiarius Müller in Worms.
— Daß die Barbiere sich zuweilen auch Friseure nennen, veranlaßt ein Fachblatt der Friseure, die „Reue Deutsche Friseur-Zeitung", dies Gebühren der Barbiere in einem 3>/r Spalten langen Artikel an den Pranger zu stellen. Wir müssen uns damit begnügen, in Folgendem den bereits recht lustigen Anfang ..die maßlose Ueberhebung der Barbiere" kennzeichnenden Anfang des Artikels wiederzugeben: „Wohl kein Gewerbe nützt die Gewerbefreiheit mehr aus, als die Barbiere! In neuester Zeit sind sie als: Bader und Barbier. Barbier und Friseur, Barbier und Cigarrenhändler, Barbier und Restaurateur, Zahntechniker oder Arzt und Barbier, Barbier und Operateur, Barbier und Glaser, Barbier und Tanzlehrer, Barbier und Rechtsconsulent, Barbier und Chemiker, Barbier und Trichinenbeschauer, Barbier und Zeitunqsreporter u. s. w. bekannt. — Ein voluminöses Feld von Wissenschaften, daß selbst die Barthaare sich darüber sträuben! Aber ihren eigenen Beruf als Barbier und Heildiener, scheint der größte ThcU dieser zu etwas „Höherem" geborenen Gewerbsbeflissenen in den Hintergrund zu setzen. Ihr Fachblatt „Der Deutsche Barbier", ist seit Kurzem verändert, mit dem feiner klingenden Titel: „Der Deutsche Barbier und Friseur", selbstverständlich kommt der Barbier zuerst! Das Organ existirt nur für die vereinten Barbiere, Friseure und Heilgehülfen. Warum aber die übrigen Industriezweige dieses edlen Gewerbes vergessen sind, ist uns recht unlieb, eben so gut konnten sie Maurer- und Zimmermeister, Schornsteinfeger und dergleichen mehr mit htnzusctzen, denn dieses edle Handwerk läßt sich mit Allem vereinigen." — Diese bösen Barbiere! _
Ober-Eschbach, 5. Juni. Als Pfingstfeiertags-Vergnügen wurde vorgestern Morgen hier ein Sckiebkarren-Wettrennen veranstaltet. Mit Musik gingen 4 Mann mit Schiebkarren vom ,Start". Zum Terrain war die Umfahrung des Dorfes mit Ueberwindung schwieriger Hindernisse" bestimmt. Von den 4 Wettkämpfern kam Einer wieder am Abgangsort an und wurde derselbe mit einem ..Tusch" begrüßt. Die drei anderen hatten mehr oder weniger Unglück gehabt. Dem Einen brach der Schiebkarren, der Andere stürzte mit demselben und verwundete sich nicht wenig und der Dritte lag bet seinem theuren Gespann in einer Ecke und war mittler? weile — nüchtern geworden. Zum Schluß wurde dann noch gemeinschaftlich ein Faß Bier consumirt. — Auch in Meder-Esckbach fand ein gleiches Rennen statt, und bekam hier der Sieger einen Preis von 10 Mark. Gewiß ist dies ein putziger Sport- .
licher Gottesdienst in der Metropolitan-Kirche abgehalten. Die Mittelschulen werden aug gleichem Anlaß morgen um 9 Uhr geschloffen.
Petersburg, 10. Juni. Das kaiserliche Paar und der Großfürst Sergiuö Aiexandrowltsch sind gestern Abend um 6V2 Uhr in Zarskoje-Selo eingetroffen.
— Einem Bulletin vom 9. d. zufolge ist die Großfürstin Maria Pau- lowna außer Gefahr; die Zunahme der Kräfte hat begonnen.
Berlin, 10. Juni, Abends. Das sächsische Königspaar ist heute Abend 93/4 Uhr hier eingetroffen, empfangen auf dem Bahnhofe von der Kaiserin, dem Kronprinzen, dem Prinzen August von Württemberg, dem Gouverneur, dem Stadt-Cvmmandanten, dem Polizeipräsidenten, dem sächsischen Gesandten und dem Ehrendienst. Die Ehrencompagnie des Gardefüstlier- Regtments mit der Fahne und Musik intonirte das „Heil Dir im Steger- kranz". Der Kronprinz geleitete das Königspaar nach dem Empfangssaale zur Kaiserin. Der König von Sachsen kehrte sodann mit dem Kronprinzen zurück und schritt die Front der Ehrencompagnie ab. Die Kaiserin geleitete die Königin, der Kronprinz den König tn's Schloß, wo Souper stattsand, an welchem auch die Wetmarischen Herrschaften und der Erbprinz nebst Erbprtnzesstn von Hohenzollern theilnahmen.
Athen, 10. Juni. Königin Olga ist aus Ltvadta zurückgekehrt. Admiral Hornby ist hier angekommen.
London, 10. Juni. Im Unterhause antwortete Unterstaatssecretär Bourke auf Anfrage Goldsmid's, General Wolseley habe als Gouverneur von Cypern seine Entlastung genommmen; Oberst Biddulph sei zu seinem Nachfolger ernannt worden.
Washington, 10. Juni. Die Repräsentantenkammer beschloß, sich bis zum 17. Juni zu vertagen. Der Senat lehnte mit 22 gegen 21 Stimmen ab. in die Berathung der Silberbtll einzutreten.
Paris, 10. Juni. Das Gerücht, daß Truppen der Division Mont- pellier beordert seien, nach Algier abzuqehen, wird dementirt. Depeschen aus Algier von heute constatiren, daß die Unruhen daselbst neuerlich keine Aus- dehnung erfahren haben.
Lokales.
Gießen, 11- Juni. Von Seiten der alma Ludoviciana ist nachstehende Adresse an die Kaiserlichen Majestäten zur goldenen Hochzeitsfeier erlassen worden:
Allergroßmächtigster Kaiser!
Allergnädigster Kaiser und Herr!
Wie eine einzige Familie fühlt sich die Nation in dem Augenblick, da ihr kaiserliches Oberhaupt das Fest der goldenen Hochzeit feiert. Mit Begeisterung drängt sie sich herzu, um an dem Throne des erhabenen Jubelpaars mit ihren ehrfurchtsvollsten Herzenswünschen das erneute Gelübde ihrer unverbrüchlichen Treue niederzulegen.
Die deutschen Hochschulen wetteifern, sich zu Dollmetschern dieser Gesinnung zu machen. In den Tagen träumender Hoffnung haben sie einst den großen Gedanken der Einigung unseres Volkes mit warmer Begeisterung erfaßt. Wie sollten sie in den Tagen der Erfüllung säumen, dem ersten Kaiser des neuen Reiches zu huldigen. So gestatten auch wir uns, Allerhöchst Ihnen und Ihrer erhabenen Gemahlin zum goldenen Hochzettsfeste die erfurchtsvollsten Glückwünsche darzubringen.
Möge der Himmel Ew. Majestät als den Schirmherr« deutscher Nationalität, den treuen Pfleger deutscher Sitte, deutscher Wissenschaft und deutscher Cultur, unserem Volke noch lange in ungeschwächter Kraft und Gesundheit erhalten an der Seite unserer Allergnädigsten Kaiserin, der Beschützerin und Förderin aller edlen und humanen Bestrebungen!
Mlt diesen Gefühlen und Wünschen verharren in tiefster Ehrerbietung
Ew. Kaiserlichen Majestät allerunterthänigste treugehorsamste
Dr. Streng, Dr. Wasserschleben, Rektor. Kanzler.
Namens der Universität Gießen.
Gießcn, 11. Juli. Wie wir hören, veranstaltet die hiesige Rudergesellschaft am 13. Juli in Nauheim eine Regatta, an welcher sich verschiedene fremde Vereine bethetligen werden.
— Gestern wurde in einem Hause in der Neustadt aus einem offenstehenden Zimmer eine Uhr gestohlen Jedenfalls hat ein Fechtender den 'Diebstahl verübt und dürfte dieser Fall daran mahnen, daß man die Zimmer zumacht, wenn Niemand auf dem Flur weiter wohnt.
_ In der Woche vom 1.--7. Juni starben in Gießen im Ganzen 10 Personen. Von 2 Kindern im ersten Lebensjahre erlag das eine Krämpfen, das andere einer Lungenentzündung. Ein dreijähriges Kind wurde von Diphtheritis weggenommen und ein anderes von demselben Alter starb in Folge der Verletzungen, die ihm durch Ueberfahren mit einem Wagen zugefügt worden waren. — Von 6 erwachsenen Personen starben 2 an Lungenschwindsucht, an Lungenödem, organischer Herzkrankheit und brightischer Nierenkrankheit je eine. Ein Mann, welcher auswärts überfahren und dann hierher gebracht worden war, erlag den erlittenen schweren Verletzungen. -


