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18». Zweites Blatt. Sonntag den 10. August 1879.
Glelzener ^Anzeiger
Auligk- uuii AmIsbliU für de« Kreis Gießen.
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Schulstraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pj.
Amtlicher H ß e i l.
Gefundene Gegen st ände:
2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Fußschemel, 1 Notizbuch, 1 silberner Ring, 2 Cigarrenetuis, 1 goldner Ohrring, 1 Muster für Spitzennähen, 1 weißes Taschentuch, 1 Zuber.
Die Gegenstände sind auf der Polizeiwache (Schloßgaffe 258) aufbewahrt.
Gießen, den 9. August 1879. Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.
Fres enius.
Aetitisch
Wochenübersicht.
Die Nachrichten über das Befinden unseres In Gastein weilenden Kaisers lauten durchaus günstig: der hohe Herr unternimmt häufig längere Auöflüge in die Umgegend, erledigt aber zugleich täglich die laufenden Regierungsgeschäfte in gewohnter Weise.
Das Ungebührgesetz beschäftigt das Reichskanzler amt abermals. Man versichert in den politischen Kreisen Berlins, das vom Reichstag glücklich abgelehnte Maulkorbgesetz solle in etwas veränderter Form und neuer Motivirung dem nächsten Reichstag von Neuem vorgelegl werden. Bekannr- lrch Hal der Reichstag, nachdem er den Regierungsentwurf abgelehnt, zugleich die Geschäftsordnungscommission beauftragt, etwaige Vorschläge über eine Aenderung der Geschäftsordnung zu machen. Die Commission hat nur eine Sitzung gehalten, in welcher sie sich mit der Angelegenheit beschäftigte. Herr v. Forcken- beck selbst, der damalige Reichstagsprästdent, führte den Vorsitz und nur gegen die Stimmen der Konservativen wurde beschlossen, besondere Repressivmaßregeln beim Reichstage nicht zu beantragen. Fürst Bismarck ist aber nicht gewillt, Vie Sache einschlafen zu lasten, und der Glaubwürdigkeit entbehren daher die Nachrichten nicht, welche von der Wiederaufnahme des Gesetzes melden.
Staatsminister Dr. Falk erhält fortwährend von allen Seiten Zeichen der Anerkennung und dankbarer Verehrung. Der Kaiser hat, um der Anerkennung der treuen Dienste, welche der Minister ihm und der Monarchie in seinem bisherigen Amt mit aufopfernder Hingebung unter schwierigen Verhält- utffen geleistet, eine in der Familie forterbende Erinnerung zu geben, dem einzigen Sohne desselben den Adel verliehen. Unter den Adressen, welche dem Minister aus Volksweisen zugtngen, heben wir die des Vorstandes des Deutschen Vereins der Rhemprovinz und die des Landesvereins preußischer Volksschullehrer besonders hervor. In Köln wurde am 3. d. auf einer Versammlung von Vertretern liberaler Vereine der Rheinprovinz die Ueber- reichung einer Adresse im Namen der gejammten liberalen Bevölkerung der Provinz beschlosten.
In Bezug auf die Friedensverhandlungen Deutschlands mit dem Vatikan gehen seit einigen Tagen allerlei Sensations nachrichten durch die auswärtige Preste. Die Officiösen meinen, daß diese Ällarm-Nachrichten den Abschluß des Fliedens erschweren und auf absichtliche Mystifikationen zu- rückzuführen sind. Neber den wahren Stand der Verhandlungen mit dem Vatikan erfährt man kein Wort; es herrscht dabei eine Geheimnißkrämerei, welche eigentlich mit dem Geist des 19. Jahrhunderts unverträglich ist. Vorläufig ist jedenfalls der Ausgleich noch nicht zu Stande gekommen. Die Diplomatie mag in den politischen Fragen ihre traditionelle Schweigsamkeit wahren, obwohl Fürst Bismarck die Offenheit als das Beste und Richtigste proclamirt hat; in kirchlichen Dingen sollte man weniger scrupulös sein. Es ist bester, man weiß, wie weit der Staat überhaupt nachzugeben gedenkt, als daß täglich verschiedene aufregende Gerüchte verbreitet werden.
In Coblenz hat die Centrumspartei eine Versammlung abgehalten, in welcher auch Herr Windthorst-Meppen, der sich zur Zeit in Ems zur Kur aufhält, gesprochen hat. Er predigte für die Einheit des Centrums, wohl der beste Beweis, daß die Gefahr der Spaltung naheliegt. Jetzt Spaltung säen, wo der unselige Culturkampf zu Ende gehe, das hieße mitten im Siege die Fahne verlassen. In der Rede sprach sich der Schmerz des welfi- schen und römischen Diplomaten aus, daß viele Leute offen besprechen, was sich „unter vier Augen" bester abmachen laste.
Innerhalb der national-liberalen Partei dauert die durch die wirtschaftlichen Debatten im Reichstag veranlaßte Gährung noch fort, leider ohne bisher die Richtung deutlich erkennen zu lasten, in welcher der Neubtl- dungsproceß verlaufen wird. Die Nachricht, daß der bisherige Führer der Partei, v. Bennigsen, sich entschloffen habe, bis auf Weiteres sich vom parlamentarischen Leben zurückzuziehen, hat sowohl außerhalb wie innerhalb der Partei einen peinlichen Eindruck gemacht. Der Rücktritt dieses gemäßigtsten und bewährtesten Führers gerade im gegenwärtigen entscheidenden Augenblicke würde um so mehr zu bedauern sein, da die Regierung die Neubildung der Partei unter seiner Führung auf Grundlage des in der „Köln. Zig." veröffentlichten trefflichen Programms und Fürst Bismarck persönlich, wie seine jüngste Annäherung an den Staatsminister Delbrück beweist, nichts lieber wünscht, als mit den Männern, auf welche er sich bis vor Kurzem bei allen großen, das Reich stärkenden Maßregeln stützte, von Neuem in engere Verbindung zu treten.
er Hheit.
In Bayern hat der Landtag das Militäretatsgesetz einstimmig genehmigt. Das Bild, welches der Finanzminister bet der Derathung des Budgets von der Finanzlage des Landes entwarf, war leider nichts weniger als erfreulich, da er für das nächste Jahr trotz Einrechnung des bayerischen Antheils an den Erträgen der Zollreform ein Deficit von 16 Millionen Mk. in Aussicht stellte.
Zum Nachfolger Favre's, des plötzlich verstorbenen Ober-Ingenieurs des Gotthard-Tunnels, ist der Ober-Ingenieur Briedel, ein geborener Schweizer, ernannt worden.
Die öffentliche Meinung in Oesterreich-Ungarn hat durch die Enthebung des Grafen Zichy von feinem Posten als Unterstaatssecretär im ungarischen Ministerium des Innern eine vorläufige Genugthuung für dessen unehrenhaftes Verhalten erhalten.
Aus Rußland kommen noch immer Meldungen von kriegsgerichtlichen Urteilen in Nihilisteuproceffen. In Kiew wurden jüngsthin 15 Angeklagte theils zum Tode durch den Strang, theils zu Zwangsarbeit verurtheilt.
England freut sich der aus Afghanistan sowohl, wie vom Cap eingc- troffenen guten Botschaften. Der Oberbefehlshaber der Truppen im Caplande sendet, nachdem die meisten Zuluhäuptlinge sich ihm unterworfen haben schon Truppen nach der Heimath zurück, und nachdem die englische Gesandtschaft unter dem Major Cavagnari am 24. Juli in Kabul glänzend empfangen worden, ist dem siegreich auö Afghanistan zurückkehrenden Heer, sowie dessen Generalen und dem Vicekönige von Indien auf den Antrag der Regierung von dem Parlament ein einstimmiges Dankvotum dargebracht worden. Das Parlamentsmitglied, Rechtsanwalt Ward, welcher vom Unterhaus hinter Schloß und Riegel gesetzt war, wurde auf Grund eines von ihm eingereichten reuevollen Gesuches, zugleich mit Rücksicht auf seine angeblich leidende Gesundheit, aus seiner Haft entlaßen.
Für Frankreich war natürlich die feierliche Enthüllung des Standbildes von Thiers, welche am 3. d. in Gegenwart von 5 Ministern und zahlreichen Parlamentär. Notabilitäten unter sehr starker Theilnahme der Bevölkerung in Nancy stattfand und bei welcher Senatsprästdent Märtel, Minister Leps-.e und Senator Jules Simon die officiellen Reden hielten, das Ereigniß der Woche. Besondere Kundgebungen wurden bei der Feier nicht laut, nur machte sich der lebhafte Unwille, den das neueste Auftreten I. Simon's zu Gunsten der Jesuiten erregt hatte, dadurch Luft, daß die Menge sowohl vor wie nach seiner Rede rief: vive Farticle VII., vive Jules Ferry 1 Der Jesuitenfreund verdiente freilich diese Aeußerungen des allgemeinen Unwillens um so mehr, da er sich nicht geschämt hatte, die Ferryjchen Vorlagen in der Ausschußsitzung als „schmachvoll" zu bezeichnen. Die Kammern sind, nachdem die Deputaten die Gehälter der Erzbischöfe und Bischöfe um je 5000 Franken gekürzt und der Senat eine scandalreiche Sitzung durchgemacht, wie der Präsident sie tief beschämt in 30 Jahren nicht erlebt zu haben versicherte, am 2. d. unter allgemeiner Ermüdung geschlossen worden. Unmittelbar vor dem Auseinandergehen der französischen Kammern hat der Deputirte Boyffet dem Abgeordnetenhause noch einen Antrag auf Abschaffung des Concord ats unterbreitet. Vom 1. Januar 1881 an soll weder der katholische noch irgend ein anderer Cultus vom Staate anerkannt ober unterstützt ober mit irgend einem Privilegium ober Ehrenrecht belohnt werden können. — Im Uebrigen ist von jenseits der Vogesen noch zu berichten, baß Graf Chamborb sich wieber einmal zum Gegenstand allgemeinsten Gefpöttes gemacht hat, indem er zum so und so vielsten Male feierlich erklärte, daß er „Frankreich retten" müsse und wolle, es auch könne — trotz alledem aber nach wie vor unthätig in Froschdorf bleibt I
Die Session der belgischen Kammern ist nach neunmonatlicher Dauer geschlossen worden, nachdem der ^cnat in der letzten Sitzung den für das nächstjährige Nationaljubelfest beantragten Credit bewilligt.
Das italienische Königspaar hat sich nach der Vertagung des Parlaments in Begleitung des Ministerpräsidenten Cairoli nach Oberitalien begeben.
Der vom Sultan gleichfalls vollzogene Investitur-Ferman für den Vice- könig von Egypten, Tawfik Pascha, genehmigt zwar die direkte Thronfolge, modificirt jedoch die dem ehemaligen Kbedive zngestandeneu Hoheitsrechte darin, daß die bisherige Suzeränität des Sultans über Ggypte' sich wieder zu voller Souveränität gestalten soll. Um diese Machterweiterung durchzusetzen, hat der Sultan ein-- nffwfrsundliche Schwenkung gemacht. Aber das Alles


