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Hesterreich.

Wien. Der schlaue Cardinal Mazzarini, ei« feiner Welt- und Men« schen!en»er, lhal bekanntlich den Anspruch: mundus vult decipi, ergo deci- piatur! (Die Welt will betrogen werden nun, sie «erde betrogen!') Und wer diesen Grundsatz sesthält und auf die geistigen Fehler und Charakter, schwächen der Menschen specuürt, wird gewöhnlich seine Zwecke erreichen, denn die Dummen werden nicht alle! Die großen Gründer und Schwindler aller Zeiten sind in die Schule Mazzartni's gegangen und sind dabei so treffliche Meister geworden, daß ihnen der Arm des Gesetzes, auch wenn sie, wie z. B, der Eisenbahn-König a. D-, Herr v. Ofenheim, Ritter von Pont Euxin, das Zuchthaus mit dem Aermel streifen, nur selten Etwas anhaben konnte.

In unserem Kaiserstaat, in Oesterreich, blühte ganz besonders seit Jahren der Wetzen sür Diejenigen, welche den Humbug und die Ausbeutung ihrer Nebenmenschen in großartigem Maßstabe betrieben. Ein Minister hatte die Unverfroren^eit, dieTrinkgeld-Theorie" zu verherrlichen, ohne daß er seines Portefeuilles verlustig gegangen wäre; die angesehensten und verbreitetsten Zeitungen ließen sich von Schwtndelbanken bestechen, und es gehörte gewisier. maßen zum guten Tone, Realpolitik zu treiben, d. h. sich um das Sittengesetz nicht zu kümmern, wenn man bet einer Eisenbahn- oder Bankgründung ein gutes Geschäft machen konnte.

Ein sehr bezeichnendes Schlaglicht aus dieses lichtscheue Treiben wirft ein Orden- und Titelschwtndel-Proceß, der soeben vor den Wiener Geschworenen verhandelt wurde. Ein kaiserlicher Rath, ehemaliger Chesredacteur der amt- liebenWiener Ztg.", jetzt Herausgeber derOesterr. Corresp." und Per- trauensmann des Hofmarschallamtcs, der außer einer Pension von 1200 Fl. österr. Währ, noch jährlich eine persönliche Zulage des österreichischen Kaisers von 750 Fl. österr. Währ, erhielt, trat mit einemCommandeur und Ritter hoher Orden, Chef des privtlegirtenTelegraphen- Korrespondenz - Bureaus", Namens Nandor Sonnenberg, in Verbindung, um Leuten, die einen Orden im Knopfloche haben wollten, ein solches Bändchen zu vermitteln! Auch der Hoflicseranten-Titel war ein sehr gesuchter Artikel, und gar zahlreich sind die Opfer, welche tn's Netz des Dtoskurenpaares liefen. Der Dritte im Bunde war kein anderer wie Gabriel von Varady, erster Vicepräsidcnt des ungari- scheu Abgeordnetenhauses, der als Spectalgeschäft die Vermittelung des Ordens der Eisernen Krone betrieb.

Jahre lang hatten diese Herren das flotte Geschäft des Ordensschachers betrieben und viele Tausende den eitlen Titelsüchtigen abgenommen, bis endlich einigen Geprellten die Augen aufgingen, und der Staatsanwalt den kaiser- lichen Rath und den Commandeur hoher Orden beim Kragen nahm Herr von Varady zierte die Anklagebank nicht. Die Geschworenen sprachen den Ersteren vom Betrüge frei, Sonnenberg hingegen wurde wegen des gleichen Vergehens zu 8 Monaten Kerkerstrafe verurtheilt.

Bekanntlich wurde auch Herr v- Ofenhetm, der das freche Wort öffent- lich zu sagen wagte:Mit Sittensprüchen baut man keine Eisenbahnen", frei- gesprochen .... aber die össentliche Meinung hat ihn verurtheilt und die ganze Sippschaft, die sich durch Bestechung undExplotttrung" zu berei­chern suchte. Ist auch der kaiserliche Rath mit Ach und Krach der Strafe entgangen und werden auch die Kleinen gehängt, während man die Großen laufen läßt, so ist doch der Stab über Diejenigen gebrochen, die ihre amtliche Stellung in so schnöder Weise mißbrauchen und den eklatanten Beweis liefern, wie gewtsie dunkle Ehrenmänner zu Orden und Titeln kommen.

Wien, 4. Juli. Meldung derPoltt. Corresp." aus Konstantinopel. Die Verhandlungen wegen Aushebung des egyptlschen Fermans von 1873 dauern fort. Die Westmächte machen Vermtttlungsvorschläge, die weniger auf eine sachliche Correctur als aus eine solche in der Form abztelen. Die mehrfachen Kundgebungen des Sultans, daß Mahmud Nedtm's Berufung zur Regierung nicht beabsichtigt sei, wirkten beruhigend. Die Abreise Mahmuds wird nächste Woche erwartet. Verschiedene Gerüchte über angebliche Absichten der Pforte in Bezug auf Tunis werden osficiös dementtrt. Die Ernennung Karatheodory Pascha's und Muntf's zu Bevollmächtigten für die Verhandlungen wegen der griechischen Grenze steht bevor; ein bezüglicher Cabinetsantrag ist der Sanclton des Sultans unterbreitet.

Wien, 5. Juli. DiePolit. Corresp." meldet aus Sofia von heute: Fürst Dondukoff-Korsakoff ist zum Empsange des Fürsten von Bulgarien in Varna eingetroffen. Die bulgarische Regierung verlangt die Einreihung der zurückkehrenden aus dem Verbände der ottomantschen Armee entlaßenen Reservisten in die bulgarische Miliz, um Exceffe derselben zu verhindern.

Arankrcich.

Versailles, 5. Juli. Die Kammer der Deputaten berieth heute über den Art. 7 des Unterrichtsgesetzes. Der Deputirte Keller vertheidigte den Unterricht der Congregattonen und der Jesuiten und verwahrte sich besonders gegen den Vorwurf, kein Franzose zu fein. Paul Bert griff die Jesuiten an und citirte Auszüge aus deren Werken. Man müffe die Jugend einem solchen Unterricht entreißen.

England.

London, 4. Juli, Abends. Oberhaus. Unterstaatssecretär Cadogan erklärt auf Befragen Kimberley's: So wett die Nachrichten gingen, hatte Cetewayo nichts behufs definitiven Friedensfchluffes gethan. Eine Depesche Chelmssord's vom 6. Juni melde, Cetewayo's Boten seien am 6. Juni an den König zurückgegangen mit einer Botschaft, worin ein sofortiger Beweis seines ausrichtigen Friedenswunsches verlangt wird. Als solcher Beweis werde die sofortige Herausgabe von erbeuteten Kanonen und Vieh erwartet, außerdem das Versprechen Cetewayo's, die erbeuteten Waffen zurückzugeben. Ein Regi­ment solle sofort in das britische Lager kommen und als Zeichen der Unter­werfung die Waffen niederlegen. In Erwartung der Antwort seien die mili­tärischen Operationen eingestellt; sobald Cetewayo jene Bedingungen erfüllt habe, würden während der Unterhandlungen über den definitiven Frieden alle Feindseligkeiten eingestellt werden.

Unterhaus. Unterstaatssecretär Bourke erwidert auf eine Anfrage Elcho's: Zwischen England und der Pforte hat ein Schriftwechsel, betr. die beffere Verwaltung Syriens, stattgefunden. Midhat Pascha schlug der Pforte Refor­men vor, darunter die Ausdehnung der Gewalten des Gouverneurs von Syrien. Die Pforte hat den meisten Vorschlägen beigestimmt. Auf Veran- laffung Goldsmid's erklärt Bourke ferner: Der Schriftwechsel über die Ab­setzung des Khedive dauere fort, daher sei eine bezügliche Vorlage jetzt unthunlich.

Chaplin beantragt die Einsetzung einer Commission zur Untersuchung der Roth- läge der Landwirtdschaft behufs Abhülse.

London, 5. Juli. Die Leiche des kaiserlichen Prinzen wird nach An­kunft desOrontes" in Spithead durch die Admiralität«.AachtEnchantres" nach Woolwich, von dort unter militärischem Geleit nach Chislehurst gebracht, aber schwerlich in Parade ausgestellt, sondern baldigst beigesetzt werden.

Rumänien.

Bukarest, 5. Juli. Kammer der Deputirten. Berichterstatter der VersaffnngS-Revisions-Commission Marzesku constatirt, daß der Art. 7 nicht aus religiöser Intoleranz in die Verfassung aufgenommen worden sei, sondern als eine Maßregel zum Schutze der Nation. Die Commission beantragt an­statt deS Art. 7 die folgende Fassung: Die Fremden aller religiösen Bekennt- niffe können das Jndigenat erlangen. Die Gesuche um Naturalistrnng sind unter Bekanntgabe der Familienverhältniffe, Beschäftigung und Bermögensoer- hältniffe an den Fürsten zu richten. Nach zehn Jahren von Ueberreichung des Gesuches werden die legislativen Versammlungen entscheiden, ob das Jndigenat zu gewähren. Das Jndigenat muß mit zwei Drittel Majorität votirt werden. Von der zehnjährigen Anwesenheit im Lande sind Befreit: die Fremden, die dem Lande hervorragende Dienste geleistet oder eine neue Industrie eingeführt haben und die in Rumänien von Eltern Geborenen, welche niemals unter fremdem Schutze standen. Die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen sind maßgebend sür den Verlust des rumänischen Bürgerrechts. Ein Specialgesetz wird den Modus des Aufenthaltes der Fremden in Rumänien regeln. Nach Verlesung des Berichtes beantragte Bratiano geheime Sitzung, damit die Regierung ihre Ansichten bekanntgebe.

Bukarest, 5. Juli. Der von der Verfaffungs-Revistons-Commission beantragte Entwurf bestimmt ferner, daß Jene, welche nicht die vollen Rechte rumänischer Bürger genießen, keinen Landbesitz in Rumänien erlangen können, ausgenommen durch Erbschaft ab intestato. Bevor Bratiano verlangte, daß die Kammer zu einer geheimen Sitzung zusammentrete, erklärt derselbe, daß die Regierung dem Entwürfe der Commission nicht zusttmme.

Türkei.

Konstantinopel, 5. Juli. Das arabische JournalEldjevaib" wurde wegen seiner Weigerung, die auf Egypten bezüglichen Documente zu veröffentlichen, wie wegen regierungsfeindlicher Tendenzen auf sechs Monate suspendirt. ________

Telegraphische Depeschen.

Wagner'« telegt. Torresp»n»e»r - Berre«.

Ems, 6. Juli. Se. Majestät der Kaiser machte gestern die gewohnte Spazierfahrt und wohnte Abends der Theatervorstellung bei. Heute wurde die Kur fortgesetzt.

Konstantinopel, 6. Juli. Der Fürst von Bulgarien ist gestern Mittag 1 Uhr hier eingetroffen. Er empfing um 3 Uhr den Jvestitur-Berat des Sultans und schiffte sich Abends nach Darna ein, woselbst er morgen zeitlich eintreffen dürfte.

Der Fürst von Bulgarien ist, nachdem er von dem Sultan die In­vestitur empfangen, nach Varna abgereist. Großvezlr Kheireddin Pascha benachrichtigte die Botschafter, daß er mit der Ernennung von Comrniffarien für die griechische Grenzregulirunzs - Commission durchaus einverstanden fei. Da aber mehrere Beamte diese Mission abgelehnt hätten, so sei dem Sultan die Frage unterbreitet worden. Dieser werde andere Comrniffarien ernennen. Wie verlautet, wäre der ehemalige Sultan Murad in Folge beunruhigen­der Nachrichten über militärische Maßnahmen auf einem nach dem Mirmara- Meere abgehenden Schiffe entflohen und seien deshalb mehrere Schiffe unter- sucht worden.

Wien, 6. Juli. Der österreichische Grundbesitz wählte 6 Liberale und 2 Conservative. Demnach verloren die Liberalen zwei Ditze. In Tyrol ver­loren die Liberalen den Stadtbezirk Bozen, wo ein Conservativer gewählt wurde. Auch in den Landgemeinden Kärntens verloren die Liberalen einen Sitz an die Conservativen.

Berlin, 6. Juli. In Folge der Reklamation deutscherseits gegen die widerrechtliche Arretirung von drei deutschen Mattosen durch den Hasencapitän in Sulina zahlte die rumänische Regierung durch das General-Consulat in Bukarest 3000 Frcs. Entschädigung für die Betroffenen ein. Der Hafen- capitän wird überdies vor ein Kriegsgericht gestellt werden und sind Verhand­lungen wegen Maßregeln zur Verhütung ähnlicher Uebergriffe im Gange.

Paris, 6. Juli. Die Oösequien des kaiserlichen Prinzen sind officiell auf den 12. Juli angesetzt.

Kairo, 6. Jul. Die egyptische Armee ist auf 12,000 Mann redu- ctrt worden.

Vermischtes.

Daß ein geraubter Kuß Anlaß zu einer Jnjurienklaae geben, ja, daß sogar der Staatsanwalt zuweilen einschreiten kann, ist bekannt. In allen blSher vorge­kommenen Fällen war der Räuber aber ein Mann. Demnächst wird nach den Ferien, wie Berliner Blätter berichten, der Injurienrichter darüber zu befinden haben^ ob es einen Mann beleidigt, wenn em Mädchen ihn ohne fernen Willen küßt. Em Berliner Rentner ist beim Scat nämlich in die Lage gerathen, daß eine Kellnerin rm Uebermutb thm einen Kuß auf die Wange gab. Der Rentner hat in Anbetracht der Scene, die ihm seine Frau zu Hause machte, als sie von dem Intermezzo erfuhr, die Beleidigungs­klage gegen die kußlustige Hebe angestrengt. . .

Herr Anton Teufel in Ueberlmgen empfiehlt imSchwab. Merkur" feinen neu eingerichteten, neben demMünster" gelegenen Gasthof .zur Hölle" und bestätigt das alte Wort: Wo der Herr eine Kirche baut, da stellt der Teufel ein Wirths- haus daneben.

Mainz, 3. Juli. Schon wieder hat em Lebensmüder seinem Dasein ein Ende ge­macht. Heute früh fand eine Waschfrau im Gebüsche seitwärts des Dofflein'fchen Gartens die Leiche eines hiesigen Hausburschen an einem Baume hängend. Der Mensch wird etwa 22 Jahre alt sein. , L , , .

In den Altrhein stürzte sich gestern Abend em unbekannter Mann. Er verschwand daselbst mit seinem fest an sich gedrückten kleinen Hunde sofort. An eine Rettung war nicht

Heute früh gegen 8 Uhr sank bei Castel ein Sandnachen, wahrscheinlich in Folge zu schwerer Belastung. Der aus drei Personen bestehenden Mannschaft gelang eS mit einiger Mühe, sich zu retten.

Eine eigentümliche Ueberraschung wurde den Beamten der Billetkasse auf dem Pots­damer Bahnhöfe am Montag Nachmittag bereitet. Während der eine eifrig Blllets verkaufte und ein anderer beschäftigt war, Geld zu zählen, erfolgte plötzlich ein heftiger Krach und in demselben Augenblicke stand ein Schafbock mit mächtigen Hörnern mitten im Zimmer. Man kann sich den Schreck der Beamten vorstellen, als der Bock vlötzlick Anstalten machte, mit den