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17.

Sonntag, den 20. Januar

1878.

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Wolitischer Hhcil.

Wochenübersicht.

Das wichtigste Ereigniß der vorigen Woche war der Tod des Königs Victor Emanuel von Italien. Unser Kaiser gab seiner Verehrung für denKönig-Ehrenmann" dadurch Ausdruck, daß er durch den deutschen Bot­schafter einen goldenen Lorbeerkranz auf seinen Sarg legen ließ und den Kron­prinzen, begleitet von hohem Gefolge, zur Theilnahme an der Leichenfeier nach Rom entsandte. Damit bekundete er zugleich, welch einen hohen Werth er auf die Erhaltung der bisherigen guten Beziehungen zwischen Deutschland und Italien legt. Der Kronprinz ist unterdeß in Rom eingetroffen und unter enthusiastischem Jubel der Italiener in das deutsche Botschaftspalais auf dem Capitol eingezogen. Die Theilnahme des deutschen Volkes an dem Verluste, der die Italiener betroffen, hat in einer dem italienischen Botschafter über­reichten Beileidsadresse des Berliner Magistrates einen würdigen Ausdruck gefunden.

Fürst smarck's jüngstes Unwohlsein scheint ernster gewesen zu sein, als man Anfangs annehmen zu dürfen glaubte: wenigstens hat er mit Rück­sicht auf seinen leidenden Gesundheitszustand die ihm zum neuen Jahr zugegan­genen Glückwünsche durch ein allgemeines, von den Zeitungen veröffentlichtes Dankschreiben beantwortet. Ueber die von ihm beabsichtigte Reorganisation der Reichsverwaltung ist bis jetzt so viel klar geworden, daß zunächst die Stelle eines Vicekanzlers geschaffen und aus dem Reichskanzleramt ein besonderes Reichsfinanzamt, das dem preußischen Finanzminister zu übertragen wäre, aus­gesondert werden soll. Die Mitglieder der nationalliberalen Fraction haben durch den Abg. Lasker eingehende Mittheilungen über die in Varzin gepstoge- nen Unterhandlungen empfangen, jedoch über das Gehörte Stillschweigen zu bewahren beschlossen. Als sicher gilt indeß, daß die Gesammtlage der Dinge eine befriedigende ist.

Vom Gebiete des Culturkampfes ist in erster Linie die hoch bedeut­same Thatsache zu melden, daß der Kaiser eine ihm von 19 schlesischen Abge­ordneten überreichte, angeblich mit 158 000 Unterschriften bedeckte Petition um Aufhebung der Maigesetze durch den Cultusminister dahin hat bescheiden lassen: diese Frage sei für die Staatsregierung absolut indiskutabel, letztere sei auch, solange die von den Centrums-Mitgliedern vertretenen Grundsätze aufrecht er­halten würden, nicht in der Lage, Erwägungen über etwaige Modificationen der Matgesetze eintreten zu lassen; die Petenten würden vielmehr besser gethan haben, anstatt ihre Klagen Allerhöchsten Ortes vorzutragen, sich mit ihren Be­schwerden und Anträgen an diejenige kirchliche Autorität zu wenden, welche dem grundsätzlichen Widerstande gegen die Gesetze des Staates ein Ziel zu setzen in der Lage sei. Die Ultramontanen werden nun wohl, endlich wissen, was der Kaiser persönlich von ihren Agitationen hält. Während die Verhandlungen des Zuchtpolizeigerichts in Saarbrücken gegen die Gründer des Berschweiler Muttergottesschwtndels in einen Abgrund von Aberglauben und Betrug hinein schauen ließen, ist dieGermania" durch den Spott und die Entrüstung, die ihre Teuselsaustreibungsgeschichte hervorgerufen, so kleinlaut geworden, daß sie nachträglich erklärt, die Aufnahme jenes Artikels seinur in Folge einer vorübergehend stattgehabten ungenügenden Controle in der Redaction des betr. Zeitungstheiles herbeigeführt" worden: das Centralorgan der Parteifür Wahrheit, Freiheit und Recht" zeigt durch diese Erklärung zugleich, in welcher Weise es mit der Wahrheit umgeht.

Auch in dtzn kleineren deutschen Staaten traten die Landtage meist wieder zusammen. Die bayerische Abgeordnetenkammer nahm nach zweitägigen h ißen Debatten die Petition einer pfälzischen Gemeinde um Aufhebung der Verordnung über Einführung von Simultanschulen mit 77 gegen 75 Stimmen an, ohne freilich auf einen Erfolg ihres Beschlusses hoffen zu können. Die badische zweite Kammer faßte in Uebereinstimmung mit der Regierung eine Resolution betreffs rechtzeitiger vorgängiger Verständigung mit den Ständen über die Mittel zur Einführung der Reichsjustizgesetze. Jn»H essen-Darm- stadt endlich machten die Kammerverhandlungen über einen Defect in der Staatsschulden-Tilgungskaffe die Nothwendigkeit einer befferen Controle der Finanzverwaltung klar.

In Oesterreich-Ungarn sieht man den Fortschritten der russischen Armee gegenwärtig verhältnißmäßig ruhig zu, weil die Regierung die Volks­vertreter überzeugt hat, daß sie die Interessen des Staates bei dem bevor­stehenden Friedensschluß mit Erfolg geltend zu machen vermöge. Erzherzog' Rainer ist als Vertreter des Kaisers bet dem Leichenbegängnisse Victor Ema­nuels in Rom eingetroffen.

Der am 9. d. nach kurzer Krankheit erfolgte Tod des erst 56jährigen Königs wurde in ganz Italien als ein großes National-Unglück empfunden und brachte zugleich die allgemeine Liebe und Verehrung, deren sich der Ver­storbene bet seinem Volke erfreute, aiV6 Licht. Der bisherige Kronprinz hat als Humbert I. den Thron bestiegen und durch eine Proclamation, in welcher er an der Einheit und der constttutioneüen Freiheit des Landes festhalten, über­haupt in den Fußstapfen seines Vaters bleiben zu wollen erklärte, einen gün­stigen Eindruck gemacht. Auch der Papst scheint sich zu dem neuen Könige, trotzdem daß derselbe für keinen Freund der Kirche gilt, gut stellen zu wollen: wenigstens hat er weder gegen die Versehung des excommunicirten Königs mit

den Sterbesacramenten, noch gegen die Beisetzung desselben in einer Kirche Roms Schwierigkeiten erhoben. Sein Gesundheitszustand soll sich in fortschreitender Besserung befinden, doch ist dem bekanntlich sehr abergläubischen Manne bei der in Rom umgehenden Sage, daß der Papst 14 Tage nach dem Könige sterben werde, gewiß nicht wohl zu Muthe.

Der Staatsrath von Genf hat aus Anlaß des Umstandes, daß fremde Priester in ihren Predigten Verachtung der Obrigkeit und der Gesetze ver­breiteten, allen römisch-katholischen Geistlichen, welche nicht das schweizerische Bürgerrecht besitzen, verboten, ohne seine Erlaubniß öffentliche Functionen zu verrichten.

In Frankreich sind die Kammern zwar wieder versammelt, sie scheinen indeß dem neuen Ministerium keine Schwierigkeiten bereiten zu wollen. Gam- betta selbst hat auf seiner Rückreise von Italien in Marseille zur Mäßigung und Geduld gemahnt. Demgemäß hat sich denn auch der seiner Zeit zur Ueber- wachung der Regierung eingesetzte Achtzehner-Ausschuß in ein aus den Vorstän­den der Fractionen der Linken bestehendes Central-Comit^ verwandelt, welches nur bei besonderen Anlässen zusammentreten soll. Die Regierung kommt ihrer­seits ebet.falls den Wünschen der Kammer und der öffentlichen Meinung freunv- lich entgegen: jo ist der General Ducrot, der sich bei den Vorbereitungen zu dem projectirten Staatsstreich besonders compromittirt hatte, seines Comman- dos entsetzt worden und der auswärtige Minister hat sogar dem päpstlichen Nuntius Vorstellungen darüber gemacht, daß der -Papst den Bischöfen das Pri­vilegium zur Ausstellung von Diplomen erthellt und sich somit in staatliche Angelegenheiten unbefugter Weise eingemischt habe. Auch die Klericalen und Bonapartisten haben unter den obwaltenden Umständen eine abwartende Hal­tung anzunehmen beschlossen. In Folge dessen erfreut sich das Land einer stetig zunehmenden Ruhe. Der Thronwechsel in Italien ist freilich auch nicht dazu angethan, um irgend eine Partei mit Hoffnungen zu erfüllen und zur Störung der Ruhe aufzureizen: man weiß es nur zu gut, baß König Humbert mehr zu Deutschland als zu Frankreich hinneigt. Mac Mahon hat übrigens das Seinige gethan, um die Beziehungen zwischen ihm und dem neuen Könige von Italien möglichst freundlich zu gestalten: hat er doch in seinem Beileids- Telegramm an die Waffenbrüderschaft beider Nationen erinnert und den Mar­schall Canrobert in Begleitung seines eigenen Sohnes zum Leichenbegängniß nach Rom gesandt.

England'sieht mit großer Spannung der Eröffnung des Parlamentes entgegen, welchem sofort nach seinem ZusammentrittAngelegenheiten von hoher Bedeutung" unterbreitet werden sollen. (Vergl. die neuesten Nachrichten aus London. D- Red.) Mittlerweile halten Russen- und Türkenfreunde Versamm­lungen ab, in denen sie dem Ausdruck ihrer Gfühle freien Lauf lassen. Nicht unbemerkt darf bleibeu, daß sich in Schottland eine lebhafte Bewegung gegen den Plan der Curie betreffs Wiederherstellung der Hierarchie erhoben und daß dieselbe die Regierung veranlaßt hat, in Rom darauf zu dringen, daß man die Ausführung des Projektes auf ruhigere Zeiten verschieben möge.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'S telegr» Gorrespondenz-Bureau»

Konstantinopel, 17. Januar. Lord Derby sandte dem britischen Botschafter Layard die Antwort der Königin Victoria auf das Schreiben des Sultans, worin dieselbe ihre Sympathie für die Pforte zum Ausdruck bringt und dem Sultan erklärt, sie werde den Rathschlägen ihres Cabinets folgen.

London, 17. Januar.Reuters Bureau" meldet aus Konstantinopel vom 16. d.: Der Botschafter Layard erklärte dem Großvezir, England werde keinen ohne seine Betheiligung geschlossenen, dem Pariser Vertrage zuwiderlau­fenden Vertrag acceptiren. Oesterreich habe eine Erklärung gegeben, worin es seine Rechte als Signaturmacht des Pariser Vertrages Vorbehalte. Man hoffe indessen, daß Rußland zu einem Einvernehmen mit den Mächten gelangen werde. Morning Post" meldet: Oesterreich und England zeigten Rußland an, sie würden keinen ohne ihre Zustimmung geschlossenen Friedensvertrag an­erkennen.

London, 17. Januar, Abends. Die in beiden Häusern bei der Adreß- debatte Seitens der Regierung abgegebenen Erklärungen werden in friedlichem Sinne aufgefaßt. Im Oberhause erklärte Beaconsfield: Die Regierung habe vor Ausbruch des Krieges einstimmig die Aufrechterhaltung der Neutrali­tät beschlossen und sei nie davon abgewichen. England sei nicht isolirt. Falls die Regierung in ihren gegenwärtigen Hoffnungen und Aussichten enttäuscht, ge­zwungen sein werde, die Interessen Englands zu vertheidigen, so werde sie nicht zögern, wieder und wieder an das Parlament wegen Bewilligung der nothwendigen Mittel zu appelliren. Aehnltch sprach sich der Schatzkanzler Northcote im Unterhause aus.

London, 18. Januar. Da die hiesige italienische Colonie gestern in der italienischen Kirche ein feierliches Requiem für Victor Emanuel zu halten beabsichtigte, so wurde durch die Geistlichkeit dieser Kirche die hierzu erforder­liche Erlaubniß des gegenwärtig in Rom weilende» Cardinals Manning nach­gesucht. Letzterer verweigerte aber dieselbe, weil nur kleine Messen gestattet, feierliche Obsequten dagegen untersagt seien. Der Bescheid Manning's rief in der Colonie lebhafte Erregung hervor.