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Mo, 111. Dienstag, den 14. Mai 1878.

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Anreise- und AnüÄliltt für b?n Kreis Gießen.

RedaetionSbureairr Gartenstraße B. 165.

Gxpeditionsbureaur Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

politischer Theil.

Der Mordversuch auf Kaiser Wilhelm.

Unseren Lesein in der Stadl konnten wir in letzter Nummer noch bie kurze Depesche von dem am Samstag Nachmittag verübten Mordversuch aus unseren allverrhrten Heldenkaiser mittheilen. Indem wir nachstehend die erhal­tenen Depeschen und neuesten Nachrichten zufammenstellen, wollen auch wir nicht verfehlen, unseren Dank dem allgütigen Schöpfer darzubringen, welcher so sichtlich {eine Hand über dem Leben des vortrefflichsten Fürsten walten ließ. Gerne stimmen wir den Worten derKöln. Ztg." zu, welche schreibt: Vierzig Millionen Deutsche aber danken Gott für die Vereitelung des wahnsinni­gen Unternehmens und stimmen begeistert in den Ruf ein :

. A?och lange lebe Kaiser Wilhelm!|

Berlin, 11. Mai. Als der Kaiser mit der Großherzogin von Baden heute Nachmittag um 31/2 Uhr von der Spazierfahrt nach dem Palais zurück fnhr, wurden unter den Linden mehrere Nevolverschüsse auf den Kaiser abge- {lUeit. Kaiser blieb unverletzt. Der Thäter wurde verhaftet. (Einem Theil unserer Leser bereits mitgetheilt).

Berlin, 11. Mai, 4 Uhr 59 Min. Vor dem kaiserlichen Palais sam­meln sich große Menschenmasien, welche in begeisterter Weise ihre Sympathien kundgeben. Die Botschafter, Minister, die Generalität fahren zur Gratulation bei dem Kaiser vor. Der Kaiser zeigte sich wiederholt dem Publikum.

Das Attentat auf den Kaiser erfolgte, als derselbe gegen 3^/2 Uhr mit der Großherzogin von Baden, von dem Brandenburger Thor kommend, die Linden entlang nach dem Palais fuhr, ungefähr bei der kleinen Mauer- strahe. Der Attentäter feuerte zwei Schüsse vom Trottoir in den Wagen, ohne zu treffen, und lief dann über den Reitweg in den Mittelweg der Linden, vom Publikum verfolgt. Als man ihn festhalten wollte, feuerre er noch 3 Schüsse aus seinem Revolver ab, warf diesen dann fort und wurde festgehalten. Der kaiserliche Wagen hielt unmittelbar nach den Schüsien still und blieb eine Zeit lang stehen. Der Jäger des Kaisers war gleich Anfangs vom Bock gesprungen und hatte sich an der Ergreifung des Attentäters betheiligt. Nach einigen Minuten wurde ein zweites Individuum in der Mitte der Linden ebenfalls vom Publikum verhaftet. Daflelbe hatte, wie man sagt, den Attentäter befreien wollen. Dieser soll der Klempnergeselle Emil Heinrich Max Hoedel, genannt Lehmann, aus Leipzig sein. Derselbe wurde nach dem nächsten Polizeibureau in der Mittelstraße geführt, wo die ersten Verhöre statlfinden. In der Stadt haben bereits zahlreiche Häuser geflaggt. Vor dem kaiserlichen Palais steht fortdauernd eine gedrängte Menschenmenge, Hochs auf den Kaiser ausbringend.

DerKöln. Ztg." schreibt ein Berichterstatter aus Berlin vom Samstag Abend: Die Stadt ist seit heute Nachmittag in eine ungeheure Aufregung versetzt. Aus den Kaiser ist um etwa 31/2 Uhr Nachmittags ein Attentat verübt worden. Der Kaiser befand sich an der Seite der Tochter, der Großherzogin von Baden, im offenen Wagen aus der Rückkehr von einer Spazierfahrt im Thiergarten. Unter den Linden, bei den Häusern Nr. 5 und 6, also zwischen der Wilhelms- und Kleinen Mauerftraße, feuerte ein Mensch zwei Schüffe aus einem Revolver auf den Kaiser ab. Der Jäger sprang sofori vom Kutschersitz und eilte dem Mörder nach, der noch zwei Schüffe in das Publikum abfeuerte. Die Frau Großherzogin wurde sofort ohnmächtig, der Kaiser verließ den Wagen und wurde mit lautem Jubel vom Publikum begrüßt. Der Mörder, den man sofort ergriff, wurde nur mit äußerster Mühe durch die Schutzleute der Volkswuth entzogen und in das Bureau des dritten Polizei­reviers, Mittelstraße 34, gebracht. Es ist ein langer, hagerer, bartloser Mensch, und es wurde vorläufig festgestellt, daß er den Namen Ha edel oder Haenel, genannt Lehmann, trägt, 21 Jahre alt und aus Leipzig gebürtig ist. Er ist Klempnergeselle. Ein Mensch, welcher die Beamten bei Ergreifung des Thäters hindern wollte, ist gleichfalls verhaftet und gilt als Mitschuldiger. Der Kaiser stieg wieder in den Wagen ein und begab sich in das Palais zurück. Er ist völlig unverletzt und befand sich wohl aus. Die Großherzogin von Baden war, wie man hörte, von Schreck und Aufregung sehr angegriffen. Der Leibarzt des Kaisers, Geh. Rath Dr. v. Lauer, erschien nach 4 Uhr im Palais, in welchem sofort die königlichen Prinzen, die hier anwesenden Fürstlichkeiten, die Minister und andern Staats- und Würdenträger sich einstellten. Tausende durchwogten die Straßen in der Nähe des Palais und stellten sich vor dem­selben aus. Der Kaiser erschien wiederholt auf dem Balcon und wurde mit lautem Jubel begrüßt.

Berlin, 11. Mai, Abends 10 Uhr 30 Min. Der zweite Verhaftete, welcher sich der Theilnahme an dem Attentate verdächtig gemacht hat, heißt Krüger, ist Arbeiter und stammt aus Berlin. Im Laufe des Abends wieder­holten sich unausgesetzt die sympathischen Kundgebungen vor dem kaiserlichen Palais. Aus den entferntesten Theilen der Stadt strömen unaufhörlich dicht­gedrängte Menschenmasien herzu, indem sie die Volkshymne singen. Der Kaiser erschien wiederholt auf dem Balkon.

11 Uhr 25 Min. Im Laufe des Abends begab sich der Kaiser, von dem Kronprinzen und der Großherzogin von Vaden begleitet, nach dem Opern­hause und von da später in das Schauspielhaus. In beiden Häusern erhob sich bei dem Eintritt des Kaisers das gesammte Publikum, das ihn mit stürmi­schen Hochs begrüßte und unter Begleitung der Orchester-Musik die National­

hymne sang. Auf der Hin- und Rückfahrt wurde der Kaiser von brr Volks­menge in den Straßen durch enthusiastische Zurufe begrüßt. Viele Straßen sind illuminirt und häufig durch bengalisches Feuer beleuchtet.

Nachts 1 Uhr 24 Min. Der Vernehmung des Attentäters Hödel wohn­ten bei der Minister des Innern, Graf zu Eulenburg, der stellvertretende Polizei-Präsident v. Herzberg, der Oberstaatsanwalt v. Luck, der Staatsanwarr Tessendorf und der Chef der Criminalpolizei Pick. Die Untersuchung führte der Stadtgerichtsrath Johl. Hödel ist 1857, in Leipzig geboren; er giebt an, bei der Wittwe Breiter in der Stallschreiber-Straße gewohnt zu haben. BU der Haussuchung daselbst wurden verschiedene socialistische Schriften vorgefundcn. Hödel giebt an, er habe sich unter den Linden aus Noth erschießen wolle:. Die Untersuchung hat ergeben, daß Hödel früher socialistische Versammlungen in Schkeuditz bei Leipzig abgehalten habe.

Berlin, 12. Mai. Alle Morgenblätter ohne Unterschied berichten über die einmütigen patriotischen Kundgebungen der gesammten Bevölkerung und geben dem allgemeinen Gefühle der tiefsten Verehrung für den Kaiser den wärmsten Ausdruck.

Berlin, 12. Mai. Fortwährend treffen an den Kaiser Glückwunsch- Telegramme der deutschen Fürsten und der europäischen Souveräne ein. Der Großherzog von Baden trifft morgen persönlich hier ein.

Der Attentäter Hödel leugnet, daß er auf den Kaiser geschossen und überhaupt mehr als einen Schuß abgegeben habe. Er behauptet, er sei brod- los gewesen und habe sich selbst öffentlich unter den Linden erschießen wollen, um den Reichen die jetzigen Zustände und wohin dieselben führten, vor Augen zu stellen. Er habe einen Schuß auf sich abgegeben und könne das Fehlen der übrigen drei Schüsse in dem Revolver nicht erklären. Er müfle die Schüffe in der Sinnlosigklit abgegeben haben. Hödel befand sich im Besitze mehrerer socialdemokraiischer Schriften und der Mitglieber karten mehrerer hiesigen social- demokratischer Vereine, sowie der Portraitbilder Bebel's und Liebknecht's. Bei Vernehmung erklärte er, er gehöre keiner politischen Partei an, sondern sei Anarchist, Feind aller politischen Parteien, sowie der jetzigen Gesellschaftszu- stände und Staatseinrichtungen. Der zweite Verhaftete, Krüger, scheint unschul­dig der Theilnahme an dem Attentate unb ist bem Vernehmen nach bereits toteber anf freien Fuß gesetzt. Derselbe hatte den Verdacht auf sich gelenkt, weil er sich des von dem erbitterten Publikum thätlich mißhandelten Hödel an- genommen hatte.

Deutschland.

Darmstadt, 12. Mai. Heute Morgen IIV2 Uhr fand an­läßlich der glücklichen Errettung Sr. Majestät des deutschen Kaisers auf dem Exercierplatze ein Feldgottesdienst der gesammten hiesigen Garnison statt.

Berlin, 10. Mai. Die Postordnung gestattet, unter gegebenen Umstän­den, die Aushändigung von Sendungen an einerwachsenes Familienglied des Adressaten." Da nun angeregt worden, was unter letzterem Ausdrucke zu verstehen sei, so hat das Generalpcstamt erklärt, daß zu den Familiengliedern die Ehefrau, Eltern, Großeltern, Kinder, Enkel, Geschwister u. s. w., nicht aber Schwäger, Schwiegereltern u. s. w. gehören. Was die Auslegung des Begriffs erwachsen" betrifft, so kann dieselbe nicht gegeben, sondern es muß dem pflicht­mäßigen Ermesien des bestellenden Boten überlasien werden, ob das Famllienglied nach der ganzen Erscheinung und dem äußern Eindruck zu den erwachsenen Personen zu zählen ist."

Berlin, 11. Mai. Gras Schuwaloff hat gestern dem Kaiser seine Aufwartung gemacht.

Graf Schuwaloff ist gestern Abend um 11 Uhr nach Petersburg weitergereist.

Hesterreich.

Wien, 11. Mai. DerPolit. Corresp." wird aus Athen von heute gemeldet: Die griechische Jnsurrection in Epirus und Thessalien ist als beendet anzusehen. Die Führer der Erhebung haben sich bereits in ihre Her- math begeben, nachdem zuvor im Namen der türkischen Regierung eine allge­meine Amnestie für sämmtliche Teilnehmer an der Jnsurrection verkündet worden war. Der britische Consul Merlin habe an die britische Regierung berichtet, daß die türkischen Begs in Thesialien einer eventuellen Annexion Thessaliens an Griechenland nicht abgeneigt wären.

Wien, 11. Mai. DiePolit. Corresp." meldet aus Konstantinopel von heute: Die russischen Lieferungsverträge werden nicht mehr für San Stefano, sondern für Tschataldja abgeschlossen. Man glaubt allgemein, daß die Ruflen den Rückzug bis Abrianopel erst nach Erzielung eines Einvernch- mens mit England bezüglich der Stellung der britischen Flotte, sowie nach Räumung der Festungen Schumla und Varna, auch der Hafenstadt Batum bewerkstelligen werden. Wie versichert wird, wäre diese Räumung wohl im Principe beschlossen, aber die Ausführung dürste noch lange auf sich warten laffen. Die türkischen Specialcommiflare Nehad Pascha und Ali Bey sind übrigens heute nach Batum abgereist. Der Aufstand im Rhodopegebirge macht