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Nr. 283. Mittwoch, den 4. December 1878.

Hietzener Wyciger

AilMk- Md Amtsblatt für in Kreis Gieße«.

Redactionsbureau r

Expeditionsbureau:

Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mar? 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Familie und Wirthshaus.

Unter dieser Ueberschrift berichtet ein rheinisches Blatt über einen Krebs­schaden in der heutigen Gesellschaft, indem es u. A. schreibt:

Sparsamkeit gilt heutzutage Vielen als ein häßliche- Wort. Seit die Welt aus dem einen Extrem, welches den Menschen als nur für den Him­mel geschaffen betrachtet und verlangt, daß er als ein trüber Gast und welt­stüchtiger Pilger über die Erde hingehen soll, in das andere Extrem gefallen ist, wonach der Mensch über die Grenzen der Sinnlichkeit hinaus nichts mehr zu erwarten hat und deshalb der am klügsten handelt, der den Sinnen schmei­chelt, der Augenlust und Fleischeslust, gilt die Sparsamkeit als ein Htnderntß menschlicher Glückseligkeit.

Die Folgen treten klar an den Tag. Man spricht zwar von den trüben Zeiten, welche den Rückgang der Geschäfte veranlaffen, allein so viel ist doch richtig, Tausende von Bankerotten wären zu vermeiden gewesen, wenn die Ge­schäfts-Inhaber in ihren persönlichen Ausgaben sich nach den schlechten Zeiten eingerichtet hätten. In dem glänzenden Geschäftsaufschwung nach dem Krieg gewöhnte man sich hunderterlei früher unbekannte Luxusbedürfniffe an, der Aus wand für Frau und Kind verschlang riesige Summen, und als den fetten Jahren die magern folgten, lebte man in der alten gewohnten Weise fort, bis man sich dem Ruin gegenüber sieht. Der Mittelstand wird ruinirt durch die Krisis, er ruinirt sich aber noch mehr selbst durch seine Luxusbedürfniffe, durch den Aufwand in der Familie.

Und wie oben, so ist es unten. Die Arbeiter waren sehr gelehrige Schüler ihrer Brodherren; die Lehre:Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tobt", verstanden sie sofort. Noch viel mehr als in die mitt­leren Stände ist der Luxus in die Arbeiterbevölkerung gedrungen und die Ge­nußsucht in ihrer rohesten Gestalt, Esten, Trinken, Flitter und Tanzvergnügen, dann kam der magere Verdienst, aber die Vergnügungen wollte man nicht be­schränken, und das Ende ist zwar nicht die Gant, sondern der Hunger. In unfern großen Städten ist die Armuth furchtbar hoch gestiegen, in Köln ist der 16. Einwohner alsgesetzlich" Unterstützter zu betrachten; Berlin bat 1877 fast 7 Mill. Mk. für seine Armen verausgabt; in anderen Städten ist es nach Verhältniß ebenso, trotzdem aber zeigen die öffentlichen Vergnügungs-Locale, in denen die Armen verkehren, wie die der besteren Stände, daß bei der heutigen schlechten Zett mehr Geld für Luxusbedürfniffe flüssig ist, als in den guten Zetten vor etwa 10 und 20 Jahren.

Es liegt uns ferne, zu behaupten, eben seien keine schlechten Zeiten. Aber das sagen wir auch, die schlechten Zetten wären leichter zu ertragen, wenn man sich beffer darauf einrichtete. Die Einkünfte haben sich verringert, Etnschrän- kungen muffen gemacht werden. Siatt aber dort damit zu beginnen, wo sie am wirksamsten wären, an den Ausgaben für den Staat und das Wirthshaus, beschränkt man sich an dem Röthigen und gibt für das Unnöthtge, ja wtrth- schaftlich Schädliche die alten großen Summen aus. In den Artikeln, wo wirklich etwas dabet herauskäme, geht's in alter Weise fort, an den nothwen- dtgen Dingen schränkt man sich ein. Es machend Viele wie jener Student, der auch einsah, daß er sparen muffe, aber nicht am Bier, sondern an Streich­hölzern und Tinte an fing.

Soll aber dem Menschen jede Lebensfreude versagt werden? Dem Armen so wenig als dem Reichen. Aber das wünschen wir, daß nicht das Wirthshaus als der vorzüglichste und einzige Ort gilt, um sich zu erholen und zu erfreuen. Auch das Wirthshaus hat seine Berechtigung, aber der erste Ort der Erholung soll die Familie sein. Auf diesem Boden allein erblühen die Freudenblumen, die nicht mit vergiftendem Hauche betäuben und mit Ekel und Mtßmuth schließlich erfüllen, sondern das Herz wahrhaft erquicken und beseli­gen und das Leben verschönern,

Das Wirthshaus nimmt einen zu breiten Raum im Leben unseres Volkes ein, die Familie einen zu geringen. Trotz der schlechten Zetten mehren sich die Wirthshäuser und sie mehren die Roth. Wenn die Familie mehr zu ihrem Rechte kommt, wenn Vater und Mutter und Kinder lernen, innerhalb ihrer vier Wände ihr G ück zu suchen, dann ist der schlechten Zett ihr verderblichster Stachel abgenommen, dann ist auch Aussicht, daß den schlechten Zetten die guten folgen. So lange unsere Bevölkerung nur verdient, um zu vergeuden, werden die Zetten immer schlecht bleiben, und wenn so viel Mark als jetzt Pfennige verdient werden.

Das Familienleben muß mehr zu seinem Rechte kommen. Das kann aber nur geschehen, wenn man die sinnlichen Freuden nicht mehr als die einzigen oder höchsten betrachtet, und dieser Umschwung kann nur herbeigeführt werden durch eine religiöse Weltanschauung, die allein idealenSinn in unser Volk bringt. Die höheren Stände find in ihrem Luxus, der auch sie ruinirt, mit bösem Beispiele vorangegangen; so lange sie nicht umkehren zur größeren Einfachheit, werden alle Predigten an die untern Klaffen nutzlos verhallen. Die gegenwärtige Vergnügungssucht ist eine Folge der Lehren des Materialis­mus, der im Sinnengenuß des Lebens höchsten Zweck erkennt. Ihn zu be­kämpfen, ist darum die erste Aufgabe aller Derer, die es mit unserem Vater­lande wohl meinen.

Deutschland.

AuS dem Großherzogthum Hessen, 30. Rovbr. Die Regie­rung beabsichtigt, in der neuen Kammer-Session die auf dem letzten Landtage am Widerspruche der ersten Kammer gescheiterten, lange vorbereiteten Gesetze über die Modification der allgemeinen Einkommensteuer und Einführung einer auf dem Principe der Declarationspflicht beruhenden Capitalsteuer nicht mehr vorzulegen. Die ganze Steuerreform-Frage ist vertagt, bis entschieden ist, in­wieweit die vom Reiche in Aussicht genommene Aenderung des Reichssteuer- Systems auf die hessischen Finanzen einen Einfluß ausüben wird. In das Staats-Budget sollen nachträglich für die Besoldung eines Fabrik-Jnspectors 3600 Mk. und ein entsprechender Betrag für Reisekosten, Diäten und Bureau­osten eingestellt werden (Fr. Journ.)

AuS Oberhefferr, 30. November. Schon bei dem Entwürfe des Budget der vorigen Finanz-Periode bestand die Absicht, die Blinden-Anstalt in Friedberg, die Privat-Anstalt ist, an den Staat übergehen zu laffen. Indessen konnte damals jener Absicht aus verschiedenen Gründen, insbesondere weil das ür die Anstalt bestehende Curatorium seine Einwilligung nicht gab, nicht näher getreten werden. Inzwischen ist dieses Curatorium aufgelöst worden und sind iämmtltche Immobilien auf den Leiter der Anstalt überschrieben worden, sodaß öeffen Erklärung zur Uebergabe an den Staat genügt. Auf Grund dieses Ver- hältmffes hat nun die hessische Regierung mit dem genannten Leiter ein Ab­kommen getroffen, nach dcffen Genehmigung durch die Stände die obige Anstalt Staats-Anstalt werden wird. Bekanntlich hat die Regierung den Ständen Den beim vorigen Landtag zwar von der zweiten, nicht aber von der ersten Kammer angenommenen Gesetzes-Entwurf wegen Errichtung einer Landescultur- Rentenkaffe dem kürzlich eröffneten Landtag wieder vorgelegt. Im unmittelbaren Anschluß hieran ist auch in dem Budget für die nöthigen Culturtechniker ein entsprechender Betrag vorgesehen im Ganzen 14,000 Mk. Hiervon sollen an* gestellt werden: Ein Cultur-Jnspector mit 4400 Mk. und zwei Cultur-Jn- genteure mit 3800 Mk. und bezw. 2800 Mk. Auf Bureaubedürfntffe und Reisekosten der Culturtechniker würden 3000 Mk. entfallen. Jndeffen ist aus­drücklich irn Budget hervorgehoben, daß die Regierung keineswegs sofort das ganze vorgesehene Personal anzunehmen beabsichtige, vielmehr nur nach fort­schreitendem Bedürfnisse über die bewilligten Mittel verfügen werde.

(Fr. Journ.)

Berlin, 1. December. Der Kaiser hat Wiesbaden verlaffen und ist von Darmstadt mit der Kaiserin nach Karlsruhe gereist. Nach der daselbst erfolgten Einsegnung ihrer Enkelin, der Prinzessin Victoria von Baden, treten die kaiserlichen Herrschaften am 4. d. M. die Rückreise nach Berlin an, wo die Ankunft am 5. December, Mittags, erfolgt. Die Berliner Börse wird am 5. d. wegen des Einzugs geschlossen sein und aus demselben Grunde fallen in Berlin alle Termine zu den Gerichtsverhandlungen aus.

Der preußische Landtag hat die erste Lesung des Etats beendet. Die Abgeordneten Lacker, Richter, Hagen und Rickert haben den Etat einer scharfen Kritik unterzogen und das Deficit aU zu hoch angegeben bezeichnet.

Ueber Berlin, Potsdam und Charlottenburg nebst Umgebung, d. h. über ein Areal von 85 Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von IVs Million Seelen, ist auf Grund des § 28 des Socialistengesetzes der sogenannte kleine odertrockene Belagerungszustand" verhängt worden. Der Besitz und das Tragen von Waffen ist verboten. Der Polizei steht die Befugniß zu, Personen, von denen eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung zu be­fürchten ist, den Aufenthalt in dem bezeichneten Gebiete zu versagen. Das Berliner Polizeipräsidium hat 57 socialdemokratische Agitatoren den Ausweisungs- befehl zugeschickt. Ueber die Beweggründe zur Anordnung dieser Sicherheits­maßregeln wird officiös mitgetheilt, daß die Regierung die Ueberzeugung ge­wonnen haben, daß geheime Verbindungen über die Hauptstadt verbreitet werden und daß die Internationale Berlin zu einem Hauptmittelpunkte ihrer Agitation zu machen bestrebt sei.

Von den wilden Gerüchten, die jetzt im Umlauf sind, wollen wir vor­läufig keine Notiz nehmen. In Zeiten wie die jetzigen, ist die Phantasie des Zeitungsreporters zügellos. Ueberall sehen die Entenzüchter Orfinibomben und andere Hölleninstrumente.

Die Eisen-Enquete-Commission hat die Vernehmung der Sachver­ständigen beendigt. Der Bericht an den Bundesrath dürfte in etwa vierzehn Tagen erstattet werden. Das Ergebniß der Enquete wird als ein der Ein­führung eines mäßigen Eisenzolles günstiges bezeichnet.

Die preußischen Staatsschulden betragen nach dem Eta! für das nächste Jahr 1,155,306,958 Mk.

Der Kronprinz hat eine Commission, bestehend aus hervorragenden Männern der Staats- und Volkswirthschast, und zwar ans verschiedenen Bundes­staaten, zur Formulirung von Vorschlägen betreffs Verwendung der Wilhelms- spende ernannt. Zur Commission gehören Männer wie Moltke, Stephan, Delbrück, Gneist, Schulze-Delitzsch und A. m. Wir erwähnen bei der Gelegenheit, daß noch nachträglich aus Palästina 301 Mk. 25 Psg. für die

Aolilischer Hheil.

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