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Jüo, «SO. Samstag, den 1. December 1877.

Kicßener HlMger

Aiffizk- uni Amtsdiuit für Ku Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

(Expedition: Schul st raße, Lit. B. Nr. 18. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

K o l i t i s ch' e r H h e i L

Deutschland.

Darmstadt, 29. November. Louise Büchner, Vice-Präsidentin des Vereins für Frauen-Bildung und Erwerb", ist gestern Abend gestorben.

Berlin. Die Gerichtsbarkeit der Universitätsgerichte in Berlin, Bonn, Breslau, Greifswald, Halle, Königsberg, Münster und Göttingen ist, soweit sie sich aus bürgerliche Rechtsstreitigkeiten und Strafsachen bezieht, durch das deutsche Gerichtsverfassungs-Gesetz beseitigt, im Uebrigen aber hinsichtlich der den Universitätsgerichten noch Anstehenden Gerichtsbarkeit in nicht streitigen An­gelegenheiten und in Disciplinarsachen von der Reichsgesetzgebung unberührt geblieben. Die akademischen Behörden zu Kiel und Marburg üben nur eine Gerichtsbarkeit in Disciplinarsachen über Studirende aus. Auf diese Gerichts­barkeit findet das deutsche Gerichtsverfasiungs-Gesetz überhaupt keine Anwendung. Die Organisation und Zuständigkeit der Universitätsgerichte, insoweit dieselben nach dem deutschen Gerichtsverfassungs-Gesetze noch in Frage kommen können, wird in dem zu ertastenden Unterrichtsgesetz voraussichtlich neu geregelt werden.

Berlin, 28. November. Das Abgeordnetenhaus genehmigte heute bei Fortsetzung der Berathung des Etats des Cultus-Ministeriums nach unerheb­licher Debatte das Capitel hinsichtlich der Prüfungs-Commissionen. Bei dem auf die Universitäten bezüglichen Capitel sprachen Gerber und Mommsen den Wunsch nach größerer Berücksichtigung der neueren Sprachen an den Universi­täten aus; der Regierungs - Commistar sagte Erfüllung zu. Eberly nahm das Mitwirkungs-Recht des Landtages bei Verwendung des hannoverischen Kloster- Fonds in Anspruch. Seitens des Regierungs - Commistars wurde ein solches Recht des Landtages bestritten. Windthorst (Meppen) wies auf dencultur- kämpserischen" Geist hin, der die meisten Universitäten, namentlich Bonn, be­herrsche, und forderte die Erlaubniß zur Gründung katholischer Universitäten, worauf der Regierungs-Commistar erklärte, diese Forderung könne niemals erfüllt werden, ohne den Staat in den Grundlagen seiner Existenz zu gefähr­den. Virchow und Mommsen wendeten sich gleichfalls gegen die Ausführungen Windthorst's. v. Sybel wies die gegen den deutschen Verein und seine Person ausgesprochenen Verdächtigungen zurück. Ter Cultusminister wies die Behaup­tungen Windthorst's über die angebliche Nichtanstellung katholischer Gelehrter zurück und widerlegte desten Darstellung der Verhältniste an der Universität Bonn, indem er darauf hinwies, daß an der dortigen katholischen Fakultät seit Jahren nur Ein Altkatholik angestellt sei; der Besuch der Fakultät zeige sich im Zunehmen begriffen, v. Heeremann brachte die Klage vor, daß die Akade­mie zu Münster schlecht bedacht werde und zur Culturkampf-Station geworden sei. Nachdem der Regterungs-Commiffar hieraus replicirt, wurde das erörterte Budget Capitel unverändert genehmigt. Im weiteren Verlaufe der Verhandlung brachte Kantak bei dem Capitel der Gymnasien und Realschulen mehrere Be­schwerden über Mißstände im Unterrichtswesen der Provinz Posen vor, nament­lich darüber, daß polnische Lehrer abgesetzt und durch deutsche protestantische Lehrer ersetzt würden. Vom Regierungs - Commistar wurde diese Maßregel unter Berufung auf eine bezügliche Cabinets-Ordre gerechtfertigt. Miquel machte auf die übermäßigen Anforderungen an die Lernfähigkeit der Gymnastal- schüler aufmerksam und deren Ueberlastung mit häuslichen Arbeiten; Abhülfe sei wünschenswerth. Der Regierungs - Commistar erklärte: Abhülse sei nur möglich, wenn specielle Fälle durch die Eltern namhaft gemacht würden. Bei manchen Fächern sei Angesichts der gesteigerten Anforderungen an die gelehrten Berufszweige eine Herabsetzung der Anforderungen in der Schule unthunlich. Im Unterrichtsgesetze würden die Anforderungen nach Möglichkeit herabge­setzt werden. Nach 4J/4 Uhr wurde die Fortsetzung der Berathung auf morgen vertagt.

München, 28. November. In der heutigen Sitzung der Abzeordneten- Kammer wurde der Gesetz-Entwurf, betr. den außerordentlichen Militär-Credit. auf Antrag des Kriegsministers dem Finanz-Ausschuß überwiesen. Bezüglich der Petitionen gegen Wanderlager und Hausir-Handel wurden die vom Aus­schuß vorgeschlagenen Resolutionen nach lebhafter Debatte angenommen, wonach durch entsprechende Besteuerung auf möglichste Erschwerung dieser Geschäfts­zweige hingewirkt und der Bundesrath ersucht werden soll, speciell den Wan- derlagern nack Thunlichkeit entgegenzuwirken.

AuS Elsaß-Lothringen. In Bezug auf die in Aussicht genom­mene Elrichtung befestigter Lager in Elsaß-Lothringen wäre nach derMetzer Ztg." noch Folgendes zu bemerken: Wenn für eine Vertheidigung der West­grenze die beiden Lager bet Saarburg und Mülhausen durch geeignete Feld­werke befestigt werden, so deckt das erstere den Raum zwischen Metz und Straßburg und die Linie von Nancy nach Mainz, während das letztere die wichtige und immer drohende Ausfallpforte Belfort zu sperren im Stande ist und damit die Deckung von Ober-Elsaß und von Südwest-Deutschland zu über­nehmen hätte; eine Verbindung der beiden neuen Eisenbahn - Brücken zu Hüningen und zu Neuenburg mit diesem Lager kann den Werth deffelben nur erhöhen.

Hesterreich.

Wiei7, 28. November. DiePolit. Correlp." erfährt aus bester

Quelle, daß der Zustand des Papstes in Folge der zunehmenden Eiterung sich sehr bedenklich gestaltet habe. Eine der nämlichen Correspondenz zugehende Depesche aus Konstantinopel interpretirt die Auflösung des großen Kriegsraths als eine Niederlage Mahmud Damat Pascha's, dessen baldiger Rücktritt sehr wahrscheinlich sei. Aus Cettinje wird derPolit. Corresp." gemeldet, daß sich die Orte Veltjic und Duleigno in Albanien den Montenegrinern ohne Widerstand ergeben haben.

Die WienerAbenpost" schreibt: In allen Kreisen gelangt allmählig die Ansicht zur Geltung, daß der eventuelle Fall Plewnas, welcher von russi­scher Seite nächstens als unvermeidlich erwartet wird, Friedens-Verhandlungen zwischen den kriegführenden Mächten im Gefolge haben wird.

Arankreich.

Paris, 28. November. Der Minister des Aeußern, Marquis de Ban- nevtlle, richtete an die Vertreter Frankreichs im Auslande ein Rundschreiben, worin er dieselben benachrichtigt, daß er die Politik seines Vorgängers fortfüh­ren werde. Marquis de Banneville conferirte gestern längere Zett mit dem Herzog Decazes.

Paris, 28. November. DerTemps" veröffentlicht eine von Delegirten der Syndicats - Kammer von Paris an den Marschall-Präsidenten gerichtete Adresse. Dieselbe behauptet, daß das Darniederliegen der Industrie und des Handels vor Allem dem Zustande der Ungewißheit, Furcht und Unsicherheit, in welchem sich das Land seit mehreren Monaten befinde, zuzuschreiben sei. Die Adresse sagt: An Ihnen ist es, dieser grausamen Lage ein Ende zu machen und die furchtbare Drohung eines Conflictes zwischen den Staatsgewalten ver­schwinden zu machen, indem Sie dem aufrichtigen, durch die letzten Wahlen so vernehmlich ausgesprochenen Wunsche vollständige Befriedigung gewähren. Sie können am Vorabende der großen Preisbewerbung von 1878 Frankreich in den Stand setzen, seinen Gästen eine würdige Gastfreundschaft zu bieten. Sie kön­nen es und werden es auch, von Ihrem Patriotismus inspirirt, wollen, wie wir zu hoffen nicht aushören. Die Delegirten, welche die Adreffe in's Elyfee brachten, wurden von dem Präsidial-Secretär empfangen, der das Bedauern des Marschalls ausdrückte, sie nicht empfangen zu können. Die Budget-Com­mission der Kammer hat wegen Vottrung der dtrecten Steuern noch keinen Be­schluß gefaßt.

Paris, 29. November. DerFigaro" meldet: Auf Ansuchen der fran­zösischen Regierung erklärte sich der Papst bereit, den Bischof von Orleans, Dupauloup, zum Cardinal zu ernennen.

England.

London, 28. November. Bei dem Empfange einer Deputation, welche eine Denkschrift zu Gunsten einer Intervention Englands überreichte, erklärte Lord Derby, die Regierung sehe keinen Grund, von ihrer Anfangs der letzten Session erklärten Neutralität abzuweichen. Sie glaube nicht, daß für Konstan­tinopel eine eminente Gefahr bestehe, noch daß der Suez-Canal bedroht sei. Die britische Flotte könne nicht ohne Zustimmung der Pforte nach Konstanti­nopel gehen. Die Pforte würde Bedingungen stellen, denen England nicht ent­sprechen könne. Falls eine günstige Gelegenheit eintrete, werde die Regierung ihr Möglichstes thun, den Frieden herbeizuführen. Schließlich versprach Derby, die Denkschrift dem Cabinet vorzulegen.

Rumänien

Bukarest, 27. November. Der Minister-Präsident Bratiano eröffnete im Namen des Fürsten die Session der Kammern mit einer Thronrede, welche auf die von den Kammern im April 1877 proclamirte Unabhängigkeit hinwies, deren Vertheidigung den Uebergang der rumänischen Armee über die Donau nothwendig machte. Letztere erhielt seitdem die Ruhmes-Taufe durch glänzende Waffen-Thaten. Der Fürst und die Kammern hegen den festen Glauben, daß die Garantie-Mächte Rumänien als Land von wirklicher Lebenskraft erkannten, weshalb die Zeit fremder Bevormundung und Vasallenschaft für Rumänien vorüber sei. __________________________________________________

Der orientalische Krieg.

Konstantinopel, 27. November. Reuf Pascha wurde zum Comman- danten der zu bildenden Reserve-Armee von 150,000 Mann ernannt. Im Commando der Balkan-Armee wird derselbe durch Achmet Ejub Pascha ersetzt. Der bestandene militärische große Rath wird durch ein consultatives Militär- Conseil ersetzt, welchem der Kriegsminister präsidirt. Ein Telegramm Mukhlar Pascha's vom Sonntag signalisirt kein Gefecht, sondern meldet, daß die Ruffen noch immer die Position von Dewe-Boyun besetzt halten und eine dichte Schnee­decke die Erde bedeckt.

Belgrad, 27. November. Ein serbisches Bataillon hat die Grenze bei Vratarmtza überschritten, um eine Anzahl bulgarischer Frauen und Kinder gegen Mißhandlungen Seitens der Türken zu schützen. Letztere trieben die Serben zurück. Auf beiden Seiten wurden Viele getödtet oder verwundet. Eine Commission zur Untersuchung dieses Vorfalls hat Belgrad verlaffen.