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Mo. 169. Mittwoch, den 25. Juli 1S15.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. Preis viertcljcrhrlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Expeditionr Schulstraße, Lit. B. Nr. 18. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

politischer

Deutschland.

Mainz, 21. Juli. Das Testament des Bischofs v. Ketteler bildet einen merkwürdigen Beitrag zu der Kenntniß dieses Charakters. Der Mann starb fast arm. Sein Privat-Vermögen hatte er längst zur Errichtung von Klöstern und Anstalten verwendet und deren Eigenthum durch Schenkung an die Diöcese übertragen. Sein persönlicher Nachlaß dürfte kaum zur Deckung der in den letzten Tagen aufgelaufenen Kosten ausreichen. Die Bischofs-Jn- stgnien, Brust-Kreuze und Ringe (darunter einer vom Papst) sind dem Capitel vermacht, demselben auch die Verfügung über seine Bibliothek überlasten. Für seine Diener wurde in höchst bescheidener Weise verfügt, so daß die Familie die fernere Sorge für seinen persönlichen Diener übernimmt. Der Ertrag seiner in bedeutenden Auflagen abgesetzten Schriften, sowie sein Einkommen hat er fast ganz zur Unterstützung von etwa neunzig Familien verwendet. Diese sollen aus der ersten Quelle noch eine Zeit lang bestritten werden. Als Bis rhums-Verweser wird der Dom-Decan Dr. Heinrich, derzeit zugleich ältestes Mitglied des Dom-Capitels, bezeichnet. Nach dew Vorschriften des die Vorbil­dung und Anstellung der Geistlichen betr. Kirchen-Gesetzes ist die Uebertragung dieses Amtes der Regierung anzuzeigen. (Frkstr. Journ.)

Berlin, 22. Juli. Zu Heiligenstadt sind die zwei gefangenen Geistlichen Puden; und Herold auf Antrag des Ober-Staatsanwalts durch eine Verfügung des Appellations Gerichts zu Halberstadt ans der Haft entlasten worden. Sie saßen 11 Monate, weil sie sich weigerten, in einer Ehedispenssache Zeugnjß abzulegen, also denjenigen zu denunciren, der die Bischofsgeschäfte der Pader­borner Diöcese vollzieht.

Berlin, 23. Juli. Telegraphischer Meldung zufolge hat das deutsche Mittelmeer-Geschwader am 21. Juli, Abends, Beirut verlassen und ist am . 22. bei Larnaka (Cypern) eingetroffen.

Berlin, 23. Juni. In Folge des Ausbruches der Rinderpest im Kreise Beuthen ist die Ausfuhr von Hornvieh aus Schlesien verboten; auch der Ber­liner Viehmarkt wurde für die Ausfuhr gesperrt. In Hamburg und anderen Küsten-Plätzen sind bezüglich der Vieh-Ausfuhr Sicherheitsmaßregeln angeord­net worden.

Aus Süddeutschland, 21. Juli. Gegenüber den Versuchen, die in der neuesten Zeit überhandnehmende Verfälschung der Nahrungsmittel polizeilich zu überwachen, dürfte die Notiz von allgemeinem Jntereste sein, daß in Mün­chen eine vollständig organisirte und instruirte Lebensmittel-Beschau seit einiger Zett mit dem größten Erfolg thätig ist. Der Magistrat ließ für die Com­mission eine genaue Instruction ausarbeiten, welche so vielfach mustergültig ist, daß es unbegreiflich erscheint, daß sie in anderen Städten nicht als Vorbild ge­nommen wird. Ein Abdruck derselben befindet sich in der mit derDeutschen Gemeinde-Zeitung" erscheinenden Sammlung von Orts-Statuten (Jahrgang 1877) und wir entnehmen hieraus, daß die Aussicht über alle Nahrungsmittel und Geschäfts-Räumlichkeiten durch Markt- und Bezirks-Jnspectoren ausgeübi wird, und daß alle Sorten von Fleisch, Gemüse, Austern, Conserven, Milch (letztere durch das Cremometer nach Chevalier), Fett, Käse und Eier genau unter sucht werden.

Schweiz.

Basel, 21. Juli. Nach einem Telegramm desSchwäb. Volks-Freunds" ist bei Colombier (Canton Neuenburg) die Reblaus aufgetreten; die betr. Par- celle ist vorläufig sequestrirt. Das eidgenössische Departement des Innern hat zwei Experten an Ort und Stelle gesendet.

Frankreich.

Paris, 21. Juli. Der Kriegs-Correspondent desJourn. des Döbats" telegraphirt aus Rasgrad vom 17. Juli:Ich besuchte heute die 15 Ver­wundeten , welche von der muselmännischen Bevölkerung des Dorfes Balvar übrig blieben. Es sind 4 Kinder unter 5 Jahren, 5 Frauen und 6 Bauern mit einer Unzahl Säbel- und Lanzen-Verwundungen. Die türkische Bevölkerung des Dorfes Balvar wurde vollständig niedergemetzelt. Flüchtlinge treffen von allen Setten ein, neue Exceffe ankündigend. Die Muselmänner üben keine Repressalien aus."

England

London, 21. Juli. Heute fand Ministerrath statt.

London, 22. Juli. Bei dem gestern in Greenwich unter dem Vorsitze des Lord Hartington abgehaltenen Banquet des Cobden-Clubs sprachen sich Hartington und Forster billigend über die neutrale Haltung Englands aus. Say sprach die Hoffnung aus, daß das gegenwärtige französische Cablnet den Handels-Vertrag mit England aus freihändlerischem Gesichtspunkte erneuern werde.

London, 23. Juli. DerMorning Post" zufolge hätte die Negierung eine ansehnliche Verstärkung der Marine-Truppen und der Mittelmeer-Flotte beschloffen. DerStandard" schreibt, die Gerüchte von einer Besetzung Gallipolis seien sehr übertrieben. Die Regierung habe nur beschloffen, die

Garnison von Malta und Gibraltar unverzüglich zu verstärken. Die Truppen würden in wenigen Tagen an ihre Bestimmungsorte abgehen. Das Land werde hoffentlich den Schritt völlig billigen. Die Mächte, welche auf das Vorgehen Englands warteten, würden diese Maßregeln als eine neue Ver­sicherung ihres Entschlusses, von dem vorgezeichneten Verhalten um keinen Preis abzuweichen, acceptiren. Für Rußland würde sie eine Warnung sein, ehrgeizige Berechnungen nicht auf die irrthümliche Idee von Englands Friedensliebe um jeden Preis zu basiren. DerEuphrates" segele am Donnerstag mit 1500 Mann Truppen nach Malta;Crocodile" undMalabar" würden mit weiteren 1500 Mann baldigst folgen. Frauen und Kinder dürfen die Regimenter nicht begleiten.

Italien

Rom, 20. Juli. Das italienische Panzer-Geschwader ist von Ancona nach Tarent abgegangen. Die zwischen der Regierung und der oberitalteni- schen Eisenbahn-Gesellschaft bestehenden Differenzen sind nach Meldung der Blätter definitiv ausgeglichen.

Serbien.

Belgrad, 21. Juli. In der gestrigen Sitzung der Skupschtina wurde der Regierung für sämmtliche Maßregeln und Ausgaben während der Kriegs­periode das Absolutorium ertheilt. Der Schluß der Skupschtina soll am 1. August erfolgen.

Griechenland,

Athen, 21. Juli. Da sich in den angrenzenden türkischen Provinzen mehrere Banden türkischer Briganten gezeigt haben, beschloß tue griechische Re­gierung die Absendung von Truppen-Detachements an die Grenze.

Afrika.

Tunis, 21. Juli. Der Premier- und Minister des Aeußern Kherediune hat seine Entlassung gegeben und wurden Kasnadar zum Minister des Aeußern und der Marine, Mustapha Benismain zum Premier-Minister ernannt.

Amerika.

Rew-N^rk, 21. Juli. In Folge des seit mehreren Tagen herrschen­den Strikes der Beamten der Baltimore-Ohio-Bahn ist der Bahnverkehr auf dieser Route völlig eingestellt. Die dabei stattgehabten Unruhen sind von Bun- destrnppen unterdrückt, die Ordnung wieder hergestellt und die Führer des Strike verhaftet. Seitdem hat sich der Strike überall verbreitet. Es hat sich eine allgemeine geheime Verbindung der Eisenbahn-Beamten herausgestellt. Auch der Bahnverkehr auf der Pennsylvania-Ohio-Bahn ist gestört. Es wur­den mehrere Regimenter Miliz-Truppen zum Schuhe der Bahnlinie herbeigeholt. Am 20. Juli, Abends, wurden die Truppen in Baltimore durch eine Volks­menge von etwa 2000 Personen angegriffen, wobei es auf beiden Seiten Todte und Verwundete gab. Der Pöbel zerstörte den Bahnhof und das Telegraphen- Büreau. ___________________________________

Der orientalische Krieg.

Wien, 21. Juli. DiePresse" meldet aus Bukarest: Am Dieustag schlugen General Gurko mit der Brigade Leuchtenberg und Fürst Mirsky mit seiner Brigade Rens Pascha, der mit 15 Bataillonen die russische Stellung süd­lich des Balkans durchbrechen wollte. Die Türken erlitten eine vollständige Niederlage. 8 Kanonen, 4 Fahnen, Munition und das türkische Lager fielen in die Hände der Sieger.

Telegramme der Morgenblätter: Orsowa, 20. Juli. Der Comman- dant von Widdin hegt lebhafte Besorgnisse, daß die im Matschin-Canal^durch Torpedos abgesperrten, nur auf kurze Zeit verproviantirten türkischen Schiffe sich noch vor Ende des Monats gezwungen sehen würden, in Grund zu gehen, oder sich dem Feinde auszuliefern. Konstantinopel, 20. Juli. Wie verlautet, würde Achmet Ejub Pascha an Stelle des abgeschton Abdul Kerim Pascha das Commando in Bulgarien übernehmen. Suleiman Pascha ist zum Schutz von Adrianopel das Commando der Armee von Rumelien übertragen. Die Deutsche Ztg." meldet aus Simnitza vom 18. Juli: Das Hauptquartier des Kaisers und des Großfürsten Thronfolgers befindet sich in Pavlo. Die Rnffen haben bei Nikopolis starke Verluste erlitten. Der Uebergang über die Donau-Brücke wurde heute abermals unterbrochen.

Petersburg, 21. Juli. Eine Depesche desGolos" aus Kürükdara vom 19. d. meldet: Gestern wurde das Wladikawkas'sche Kavallerie-Regiment durch übeilegene türkische Kavallerie bei Subotan cernirt, schlug sich jedoch muthig durck), wobei 100 Türken fielen. Es geht das Gerücht, der bekannte Kurden-Führer Mnffa Pascha sei bei Kunduchoff gefallen. Durch das Vor­rücken der russischen Avantgarde von Baschkadyklar her wurden die Türken zum Rückzüge gezwungen; die Rüssen hatten bei diesem Zusammentreffen eimn Ver­lust von 10 Todten und 20 Verwundeten. Die Front der türkischen Truppen hat eine Ausdehnung von 20 Werst und wird sorgfältig befestigt; die rechte