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Aichener Anzeiger
AM-e- Md Amtsblatt für den Kreis Gießen, reg 7
uX^Äe” SwTÄ hi W der Bü^ast-ln- Serenade gebracht. Um 9 Uhr Abend- bewegt, sich der
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Franz Joseph den Kaiser von Rußland nicht blos seinen Iheuren Freund, sondern auch seinen Alliirten genannt habe, ganz außer Rand und Band und konnten nur durch die nachträgliche Versicherung, daß der Kaiser den l'tzlge- nannten Ausdruck nicht gebraucht habe, einigermaßen beschwichtigt werden- Jedenfalls ist die zwischen Regierung und Opposition in Ungarn obwaltende, durch die ruffenfreundliche Politik der ersteren veranlaßte Spannung durch den Toast noch stärker geworden, als sie bisher war, und wie die Kaschauer Bevölkerung durch Ueberreichung eines Lvibeerkranzes an den Vertreter der Türkei eine Gegendemonstration gemacht haben, so glauben auch die Mitglieder des ungarischen Reichstages ihrem Unmuth durch eine Fluth von Jnterpellatio, en und obligaten Reden im Parlament Ausdruck geben zu müssen. Mittlerweile setzt der päpstliche Nuntius, der im Verdacht steht, die Revolution in den zu dem ehemaligen Königreich Polen gehörigen Ländern zu schüren, seine Reise durch Galizien unter zahlreichen Huldigungen Seitens der Bevölkerung fort- Der auf dem deutschen Militär-Attach6 ruhende Verdacht wegen Entwendung des Geheimnisses der Uchatius Kanone hat sich als gänzlich unbegründet erwiesen, dagegen soll die bei einem italienischen Consulats-Beamten vorgenommene Haussuchung bedenkliche Resultate zu Tage gefördert haben.
Griechenland hat seinen Minister-Präsidenten, den greisen Admiral Kanaris, dem letzten und volkstümlichsten Kämpfer aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges, durch plötzlichen Tod verloren. Sein Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Trckupis, hat es vortrefflich verstanden, die Würde und Actionsfreihext des kleinen Landes in einer Note an den griechischen Gesandtem in London, in welcher er auf verschiedene naseweise Fragen der englischen Regierung sehr entschiedene Antworten ertheilt, zu wahren.
In England dauert die politische Stille fort. Nur eine Rede Dright's^ der sich auf einem Banket in Manchester über die Politik der Regierung Indien gegenüber mißbilligend auösprach und dieselbe auf die Nothwendigkeit hin- wies, nicht sowohl militärische Vorkehrungen, als volkswirthschaftliche Maßregeln, gegen die Wiederkehr der gegenwärtigen Nothstände zu treffen, erregte das öffentliche Jntereffe. UebrigenS lauten die neuesten Nachrichten über die Hun- gersnoth in Ostindien, seitdem dort Regen gefallen, günstiger.
Frankreich bietet noch immer das traurige Bild eines durch heftige Parteikämpfe zerrissenen Landes. Gambetta wurde wegen der Beleidigungen, deren er sich in seiner Rede zu Lille gegen den Marschall-Präsidenten und desten Minister schuldig gemacht haben soll, zu drei Monaten Gefängniß ver- urtheilt und wird daher, aller Wahrscheinlichkeit nach, wie es auch von der Regierung beabsichtigt war, von der Mitgliedschaft der neuen Kammer ausgeschlossen bleiben. Leider droht die bisherige Einigkeit der republikanischen Partei dadurch, daß Grevy die ihm angetragene Führung der Partei nicht übernehmen will, in die Brüche zu gehe». Mittlerweile setzt die Regierung ihre Manöver zur Gewinnung der öffentlichen Meinung fort. Mac Mahon hat eine dritte Reise durch die Provinzen gemacht und scheint sich diesmal, wo er den Südwesten Frankreichs besuchte, wirklich einer günstigeren Aufnahme erfreut zu haben als früher. Bemerkenswerth ist, daß die Bischöfe jetzt, nachdem der Papst sich zu Gunsten der gegenwärtigen Regierung ausgesprochen, den Marschall in ihren Ansprachen noch offener denn bisher als den Auserwählteu Gottes bezeichneten, der für den Taz der Vergeltung zur Rettung Frankreichs : berufen fei. Der Marschall seinerseits wiederholte, ebenso wie seine Minister, die bekannten Versicherungen, daß Friede, Oidnung und Aufschwung der Geschäfte alsbald wiederkehren würden, wenn Männer gewählt würden, die mit , der Politik der Regierung einverstanden wären. Wie sehr eine Hebung des ’ Handels und Verkehrs in Frankreich zu wünschen wäre, ergibt die jüngste Ueber- । sicht über letzteren allerdings deutlich genug; danach hat die Ausfuhr des Lan- . des während der ersten 8 Monate dieses Jahres 67 Millionen weniger, die Einfuhr sogar 106 Millionen weniger betragen, als in der entsprechenden Zeit
des Vorjahres.
Während der Papst der preußischen Negierung gegenüber nach wie vor den Unversöhnlichen spielt, hat er den italienischen Bischöfen gestattet, das Exequatur unter Befolgung der Seitens der Negierung angeordneten Vorschriften nachzusuchen. Letztere hat die Arbeiten zur Befestigung Roms trotz der Opposition, welche Garibaldi merkwürdiger Weise dem Projecte macht, in Angriff nehmen lassen und arbeitet zugleich erfolgreich an der Ausrottung der sog. Mafia, der berüchtigten, allen geschäftlichen Vehrkehr durch ihr Tribut-System schädigenden geheimen Gesellschaft auf Sicilien.
Prozeffes vertagt. ä ,r —,
Karlsruhe, 20. September. Heute Abend wurde Kaiser Wilhelm von
Unser Kaiser hat die Besichtigung des 8. Armee-Corps in der ver- I gangenen Woche beendigt und die Nheinprovinz verlaffen, um sich zu den Manö- i veru des 14. Armee-Corps nach Baden zu begeben. Der Eindruck, den er! von seinem 14tägigeu Aufenthalt unter den Rheinländern mitnahm, war, wie i u. A. sein Dankschreiben an den Regierungs-Präsidenten in Köln beweist, ein 1 überaus günstiger; hatte sich doch jeder Tag zu einem neuen Triumphzuge ge- ' stallet und die Behauptung der ultramontanen Preffe von der furchtbaren Er- < bitteruug der rheinischen Bevölkerung gegen Preußen durch die zahllosen Beweise treuer Anhänglichkeit und Liebe als eine perfide Lüge erwiesen. Auf der Reise : nach dem Oberrhein verherrlichte der Kaiser das Fest der Grundsteinlegung des Nation al-D en km als auf dem Niederwald durch seine Anwesenheit: er gab, nachdem der Vorsitzende des geschästSführenden Ausschusses, Gras Eulen- burg, eine schwungvolle Anrede an khn gehalten, dem Denkmal seinen Segen mit denselben Worten, die sein Vater, Friedrich Wilhelm III., einst bei dem zur Erinnerung an die Freiheitskriege auf dem Kreuzberge bei Berlin errichteten Denkmal gesprochen: „Den Gefallenen zum Andenken, den Lebenden zur Anerkennung, den Nachkommenden zur Nacheiferung!"
Fürst Bismarck hat seine Kur in Gastein beendigt und auf der Rückreise in Salzburg eine Zusammenkunft nut dem Grafen Andrassy gehabt. Bei seiner Aukunft in Berlin wird er aller Wahrscheinlichkeit nach den Präsidenten der italienischen Deputirten-Kammer, Eris Pi, der dort seit einigen Tagen weilt und mit den hervorragendsten Mitgliedern des deutschen Reichstages und des preußischen Abgeordnetenhauses einen regen Verkehr pflegt, noch antreffen. Von seinem diesmaligen Aufenthalt in der Hauptstadt erwartet man u. A. die Anregung eines erneuten, energischeren diplomatischen Schrittes der europäischen Mächte gegen die grausame Kriegführung der Türken. Außer den Sorgen der großen Politik werden auch die neuestens von der andern Seite des atlantischen Oceans eingelaufenen Berichte über einen Anfall, den die Bevölkerung der Hafenstadt Santos in Brasilien auf Officiere und Matrosen der Vineta gemacht hat, Anlaß zu neuer Arbeit geben.
Aus dem Gebiete der inneren Politik ist, da auf demselben gegenwärtig in ganz Deutschland, abgesehen vom Culturkampf, eine fast absolute Stille herrscht, nur wenig von Bedeutung zu melden. Die Commission zur Ausarbeitung eines neuen Civilgcsetzbuches ist unter dem Vorsitz des Präsidenten des Reichsoberhandelsgerichts, Dr. Pape, wieder zusammengetreten. Die in Stuttgart versammelt gewesenen Mitglieder des Vereins deutscher Strafanstaltsbeaniten haben sich fast einstimmig für die Einführung der Einzelhaft und in ihrer Mehrheit für Abschaffung der Prügelstrafe bei Erwachsenen, dagegen für Einführung derselben bei jugendlichen Sträflingen ausgesprochen.
Der mit den Muttergottes-Erscheinung en getriebene Schwindel hat in neuester Zeit so stark zugenommen, daß die katholischen Geistlichen bereits anfangen, selbst bei den staatlichen Organen Abhülfe dagegen zu suchen. So hat der Pastor von Marpingen die 14 Kinder, welche dort außer den drei ursprünglichen Marienkiudern mit Erscheinungen begnadigt zu sein vorgeben, in einer öffentlichen Erklärung förmlich der weltlichen Behörde denuncirt und der Bischof von Ermeland sogar einen protestantischen Sanitätsrath nach Dietrichswalde entsandt, um die dortigen Visionäre ärztlich zu untersuchen.. Gleichzeitig treten indeß die politischen Tendenzen des ganzen Schwindels je länger je deutlicher hervor. Die ultramontanen polnischen Blätter erklären es rückhaltlos, daß die Muttergottes von Dietrichswalde, welche bekanntlich nur polnisch spricht, ebenso zur Wiederherstellung des unglücklichen Polen erschienen sei, wie die von Marpingen zum Schutze des katholischen Deutschland und die von Lourdes zur
Deutschland.
Münster, 20. September. Bei der heute vor dem Appellations- Gericht gefühlten Verhandlung in der Anklagesache des früheren Bischofs Brinkmann, welcher der Unterschlagung, und des früheren General-Vicars Giese, welcher der Theilnahme daran, sowie der Beiseiteschaffung von Urkunden beschuldigt ist, wurde behufs Vernehmung weiterer Zeugen die Fortsetzung des
Rettung Frankreichs.
In Dresden ist die verwittwete Königin Maria, 72 Jahre alt, gestorben. Dagegen befindet sich der Erzbischof von München, dessen Tod in naher Aussicht schien, neuerdings in fortschreitender Besserung. ,
Auch außerhalb Deutschlands bat der September-Monat, wie gewöhnlich, bedeutsame Versammlungen veranlaßt. So war das „Völkerrechtliche Institut" unter dem Vorsitz des Profeffors Bluntschli von Heidelberg in Zürich versammelt; daffelbe faßte u. A. eine Reihe von Resolutionen über die Giundsätze des Seerechts in Kriegszeiten, zu deren Durchführung es einen internationalen Gerichtshof für wünschenswerth erklärte, beschäftige sich auch in geheimer Sitzung mit den gegenwärtigen Kriegsverhältniffen. Eine Versammlung ganz entgegengesetzter Art tagte gleichzeitig in ® e n t; crr; ?rtcil!'anV mengktretene „socialistische Weltkongreß", auf dem Deuschland durch Liebknecht vertreten war, erklärte u. A., daß dem Elend des Volkes nicht anders abgeholfen werden könne, als dadurch, daß der Staat Eigenthumer alles Grund und Bodens und der übrigen Arbeits-Instrumente würde! Uebrigens hat die belg'scke Regierung, wahrscheinlich auf Reclamation Frankreichs, den ersten Vo»si^erden des Congreffes, Leo Frankel, wegen seiner Betheiligung an dem Pariser Commune-Aufstande außer Landes verwiesen.
In Oesterreich-Ungarn war der Kaiser-Toast von Kaschau das Er-


