Mo. 131.
Sonntag, den 10. Juni
isn.
chichener Mnzeiger
Anffige- ul Amtsbktt für ton Kreis Gieße«.
Schäffer.
3158)
B3
Erschrint täglich mit Ausnahme des Montags.
Expedition: Schulstraße, Lit. B. Nr. 18.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bring^lohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Die von ortsfremden hier in Arbeit stehenden Gesellen und Dienstboten vom I. Januar d. I. an zur Kluukkasse zu leistenden Beitrage werden nicht mehr von hiesigen Polizeidienern, sondern von dem Spaikassedlener Iobannes Reeh dahier gegen Behändigung der von dem Verwalter des academischen Hospitals unterschriebenen Quittnngen erhoben, was wir hiermit zur Kenntnis der Betheiligtcn bringen.
Gießen am 30. Mai 1877.
Großberzogliche akademische Administrations-Commission.
- - W a s s e r s ch l e b e n.
Deutschland.
Darmstadt, 8. Juni. Das Befinden Sr. König!. Hoheit des Großherzogs war gestern Nachmittag und heute Nacht ein zufriedenstellendes. Höchst- dieselben speisten gestern zum ersten Male mit Appetit. Der Schlafs war anhaltender als bisher und der Kräftezustand ist heute Morgen ein günstigerer.
Seeheim, 8. Juni 1877.
Professor Seitz. Dr. -Göring.
die den Bestand des Königreichs bedrohenden klerikalen Agitationen im Auslände ; die Minister erklärten in der Kammer, daß sich das Land bet dem Blick auf Frankreich vollkommen beruhigen könne; am bedeutsamsten war aber wohl die Auszeichnung, welche dem zum Besuch in Nom anwesenden Präsidenten des preußischen Abgeordnetenhauses, v. Bennigsen, Seitens des auswärtigen Ministers durch Veranstaltung eines solennen Diners zu seinen Ehren zu Tbeil wurde und allgemein als ein Zeichen des zwischen dem italienischen und dem deutschen Volk obwaltenden Freundschaftsverhältnisses betrachtet wurde.
In Frankreich dauert die durch den Gewaltstreich vom 16. Mar hervorgerufene Aufregung noch in unverminderter Stärke fort, dieselbe wird sich auch sobald noch nicht legen. Die Regierung steuert offenbar auf eine Auflösung der Depntirten - Kammer hin, glaubt für diese auch schon die nach der Verfassung erforderliche Zustimmung des Senates gewonnen zu haben. Mittlerweile sorgt der Minister des Innern für einen günstigen Ausfall der bevorstehenden Neuwahlen, indem er mit den Veränderungen in den höheren Beam- tenstellen energisch fortfährt, wiederholt versichert, daß es der Regierung nur um den Schutz der inneren Ruhe und Sicherheit zu thun sei, und zu diesem Zweck sogar den Präsidenten des radikalen Pariser Gemeinderathes wegen angeblicher Anreizung zum Bürgerkriege verhaften läßt. Die Republikaner hahen indeß die Hoffnung auf einen Sieg ihrer Sache noch keineswegs aufgegeben und in der Person des alten Tbiers schon einen Präsidentschafts-Candidaten bereitgestellt für den Fall, daß Mac Mahon durch einen ungünstigen Ausfall der Wahlen zum Rücktritt gezwungen werden sollte. Uebrigens scheint der Marschall durchaus nicht an seinen Rücktritt zu denken, vielmehr im Falle der Noth an die Gewalt appelliren und einen Staatsstreich versuchen zu wollen. Glücklicher Weise ist die öffentliche Ruhe in Folge der Disciplin, welche die Republikaner beobachten, bisher nicht gestört worden. Ob dies aber auch fernerhin so bleiben wird, nachdem Gambetta bei dem Empfang einer Studenten- Deputatiou darauf hingewiesen, daß es sich in dem gegenwärtigen Kampfe um den Sieg der großen Principien der Revolution von 1789 über die römische Theocratie handle, muß die Zeit lehren. Nach Innen haben die Ereignisie seit dem 16. Mai bisher nur die Geschäftsstockung verschlimmert, nach Außen nur dazu beigetragen, Frankreich von den übrigen Mächten zu isoliren.
In Belgien und weit über dessen Grenzen hinaus machte eine Ansprache Aufsehen, welche der päpstliche Nuntius in Brüffel kürzlich aus Anlaß des Bischofs Jubiläums Pius IX. an die dort wohnhaften ehemaligen Osfictere der päpstlichen Zuaven gehalten und in welcher er geradezu ausgesprochen hat, die Zeit sei nahe, wo der Papst ihre Kräfte von Neuem in Anspruch nehmen werde, um den vor 7 Jahren unterbrochenen Kampf siegreich zu Ende zu führen. Der Deputirte Frere-Orban hat schon eine Interpellation über diese Rede an die Negierung gerichtet. ,
Die Königin der Niederlande, welche sich, obgleich sie von Geburt eine deutsche (württembergische) Prinzessin war, stets mehr zu Frankreich als zu Deutschland hingezogen fühlte, ist gestorben. Während die Engländer die Nachricht verbreiten, daß die nach Prätoria in der ehemaligen Transvaal-Republik entsandten britischen Truppen Seitens der dortigen Bevölkerung eine höchst freundliche Aufnahme gefunden hätten, veröffentlichen die holländischen Zeitungen den energischen Protest des ehemaligen Präsidenten der Republik und zugleich eine Erklärung niederländischer Bürger, welche gegen die Einverleibung der Republik in England als gegen eine des britischen Namens unwürdige Verletzung eines freien Staates protestiren.
Der Führer der Linken im dänischen Volksthing, Hansen, hat das Beste gethan, was er unter den ihn so stark gravirenden Umständen thun konnte: er ist gestorben! ___
D. V. C. Europa erfreute sich während der vergangenen Woche trotz . des orientalischen Krieges und trotz der Besorgniffe, zu welchen der Zustand ' der Dinge in Frankreich noch immer Anlaß gibt, einer verhältnißmäßigen Ruhe. : Dieselbe wurde auch durch die Veröffentlichung der kaiserlichen Ordre, welche die viel besprochenen militärischen Ausgleichungs-Maßregeln gegen Frankreich anordnet, nicht gestört. Waren doch diese Maßregeln von geringerem Umfange, als man bisher annehmeu zu müssen glaubte, und da sie durch die Bemerkung motivirt wurden, der Kaiser habe bei seinem Aufenthalte in den Reichölanden die Wahrnehmung gemacht, daß die jetzige Besatzung derselben selbst den Anforderungen des FriebensdiensteS nicht zu genügen vermöge, so war ihnen jeder provocatorische Charakter genommen, um so mehr, da sie erst in, nächsten Herbst, theilweise sogar erst im nächsten Frühjahr, zur Ausführung gelangen sollen. In den bisher Frankreich zugeneigten Kreisen Elsaß-Lothru.-' gens haben die betr. Maßregeln in Verbindung mit den traurigen Vorgängen j.nsettö der Vogesen dazu beigetragen, die Hoffnungen auf eine baldige Wiedervereinigung mit Frankreich bedeutend herabzustimmen.
Fürst Bismarck weilt in Kijsingen. Daß er sich dort aber nicht nur der Kräftigung seiner Gesundheit widmet, sondern sich auch mit Reichsangelegen- beiten, inneren sowohl wie äußeren, beschäftigt, geht aus der mehrtägigen Anwesenheit des im Ministerium des Innern angestellten Geheimeraths Tiedemann, sowie aus dem zu erwartenden Aufenthalte Lothar Buchens bei dem Reichskanzler hervor. Nachdem das Gesetz über die Erwerbung des Decker'schen Grundstücks für das Reich vom Kaiser sanctionirt worden, hat die Reichs- reaierung die Decker'sche Buchdruckerei übernommen. In Folge der Publication des PalentgesetzeS sieht man einer baldigen Bildung des Reichspatentamtes entgegen. Der in Gotha abgehaltene Socialisten-Congreß hat den Eindruck hinterlaffen, daß die svcialistische Bewegung zwar noch immer sehr mächtig ist, gegenwärtig aber doch schon ihren Höhepunkt überschritten hat.
In Oesterreich treten neuerdings die Gegensätze zwischen den dem Ilttramontanismus zugeneigtcn und den ihm abgeneigten Elementen stärker hervor Während die dortigen Bischöfe in der jetzt ihrem Wortlaut nach bekannt geworden en Adresse an den Papst die an demselben angeblich begangenen Ge- waltthaten aus's Entschiedenste verdammen und für die Wiedererlangung seiner weltlichen Herrschaft bis zum Tode kämpfen zu wollen geloben, während zwei von ihnen zum Lohn für ihre Ergebenheit nun auch endlich zu Cardinälen er hoben werden sollen, vergesien die Czechen in Böhmen die Türkensreundschast des Papstes und sprechen offen ihre Sympathieen für die von den scbismatffchen Russen vertretene slavische Sache aus, erkühnen sich sogar, am Ziekaberge bei Prag auf einem Scheiterhaufen das Bild und die antirussische Allocutwn des Papstes zu verbrennen. Solchen Ausschreitungen hat die Negierung natürlich nicht untdätig zusehen können: die Rädelsführer wurden verhaftet, die Dank Adreffe an den Moskauer Panilavistensührer Aksakow confiscirt und gegen den Aba. Dr. Rieger eine Untersuchung wegen Hochverraths eingeleitet — man will sich also, wenn man auch in der orientalischen Frage zu Rußlands bösem Spiel gute Miene machen muß, die slavische Bewegung mcht über den Kops wachsen lassen. „
Der Cantonsrath von Solothurn hat die Petitionen um Zulaffung / des früheren Bischofs Lachat von Basel zur Ausübung kirchlicher Functionen
1 mit 88 gegen 12 Stimmen abgelehnt.
U L Italien hat in jüngster Zeit Kundgebungen ganz entgegengesetzten Cha- "7 Maklers erlebt. Während Pius IX. sein 50jähtiges Bischofs-Jubiläum feierte, beging Victor Emanuel mit den Vertretern seines Volks den 30. Jahrestag der italienischen Versaffuug, und während der Papst den Getreuen, welche^ihm ibre Huldigungen darbrachten, seine Ueberzeugung von dem baldigen kriege ' seiner Sache aussprach, hielt der König eine Heerschau ab, gab zugleich den .7 Senatoren und Depntirten, die ihm eine Glückwunsch-Adreffe überreichten, die
Versicherung, daß er in der Vergangenheit, welche die Freiheit und Einheit " Italiens herbeigeführt habe, ein festes Pfand für eine glückliche Zukunft sehe unv auch fernerhin zur Vertheidigung der Freiheit und Größe des Vaterlandes bereit sei. Auch in den Tagen vorher hatten schon patriotische Kundgebungen von Bedeutung stattgefunden. Eine große Volksversammlung protestlrte gegen


