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Mittwoch, den 6. September
189«.
Aichener Anzeiger
Meige- Md Amtsblatt für den Kreis Gießen.
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Berlin, 2. Septbr. Als eine Hauptfrage, welche bei der Regelung des Gefängnißwesens zu lösen ist, muß die wegen Beschäftigung der Strafgefangenen angesehen werden. Es mteressirt diese Frage nicht allem die strasge- fangenen, sondern auch einen großen Theil der Handwerker und Arbeiter, welche tue Concurrenz der Zuchthausarbeiter bitter empfinden und beim Reichstage wiederholt Beschwerde geführt haben. Die Nothwendigkeit, daß die Gefangenen arbeiten, kann nicht in Zweifel gezogen werden. Jedenfalls aber muß dahin gestrebt werden, daß zwischen dem Gefangenen und dem freien Arbeiter die Concurrenz unter möglichst gleichen Bedingungen stattfinde, was bisher nicht geschah. Während nämlich die freien Arbeiter und Handwerker für ihren sämmtlichen Lebenobedarf aufkommen müssen, bezahlt der Staat für die Strafgefangenen Obdach, Kleidung, Nahrung, kurz alle Bedürfnisie auf Kosten der Steuerzahler, bietet die Leistungsfähigkeit seiner Sträflinge aus und vermiethet sie an den, der für sie den höchsten Preis zahlt, ist aber auch zufrieden, wenn er keinen der Leistung entsprechenden Preis erhalten kann. Daß es nicht in ter Ordnung ist, Staatsmittel in Bewegung zu setzen, um die natürlichen Verhältnisse des Marktes zu verderben, liegt auf der Hand.
Berlin, 4. Septbr. Der „Reichs-Anz." publicirt die Ernennung des Präsidenten des Reichsbank-Directorinms v. Deckend und des General-Post- nüsters Stephan zu wirklichen Geheimen Räthen mit dem Prädicaie „Excellenz."
Aus Bayern, 2. Septbr. Dr. Sigl ist ungehalten darüber, daß das ffomitö für die dahier stattfindende katholische Generalversammlung, das sich selbst ernannt habe, ihn, den Vorstand des größten katholischen Vereins in München, ausgeschlossen und seinem, dem in Bayern verbreitetsten katholischen Blatte, das Programm der Versammlung zur Veröffentlichung nicht mitgetheilt habe. Gleichzeitig, erklärt Sigl, werde er sich die Freiheit nehmen, „mitzuihei- kn", um bei etwa geplanten kleineren ober größeren Liebenswürdigkeiten gleich auf dem Platze zu sein, und zu diesem Behufe werde er, Sigl, nicht allein kommen. Darnach dürfte es im „Vaterland" zu lustigen Besprechungen kommen. — Man sollte es nicht für möglich halten, aber dennoch ist es so, daß in mehreren ländlichen Bezirken Bayerns, besonders in der Salzachgegend, noch eine Menge alter bayerischer Münzen cursirt. Die Leute lassen sich durch Nichts überzeugen, daß dieselben, besonders die Zweigulden-Stücke, ein- für allmal ungültig sind. Sie sagen einfach; „Es gilt schon wieder." Der schaden, der hierdurch den Leuten erwächst, geht selbstverständlich in die Tausende.
Stuttgart, 3. Septbr. Kürzlich ist die Nachricht durch die Blätter gegangen, Württemberg habe abgängiges Armeematerial an die serbische Regierung verkauft, serbische Officiere hätten dasselbe in Ulm in Empfang genommen. 8s stellt sich jetzt heraus, daß Griechenland, nicht Serbien, jenes Material, insbesondere Chaffepotgewehre aus dem französischen Beute-Antheil, gekauft und griechische Officiere dasselbe abgenommen haben. Bekanntlich führt Griechenland gegenwärtig eine Armee-Reorganisation durch, welche sein Heer auf eine bedeutende Stärke bringen soll. Daher der Bedarf an Waffen, die man aus unseren Arsenalen billig und gut erwerbe» konnte. — Die württembergischen evangelischen Geistlichen haben den Bann gebrochen und haben sich kürzlich in Heidelberg zum erstenmal am Protestantentage betheiligt. Nicht etwa eine vorherrschende reactionäre Richtung oder die Furcht vor dem Kirchenregiment hatten fte seither zurückgehalten. Es war mehr ein gewisser wissenschaftlicher Eigendünkel, der den „Stiftler" auf das populäre Treiben der liberalen Propaganda vornehm herabsehen ließ. Wie es scheint, ist nunmehr eine andere Ansicht zur Geltung gekommen.
Stuttgart, 3. Septbr. Die Sedan-Feier ging hier unter allgemeiner Theilnahme der Bevölkerung vor sich. Am Vorabende wurde eine Erinnerungs- Feier auf dem Friedhöfe abgehalten und die umliegenden Höhen erleuchtet. Äm 2. Sept. Vormittags fand Fest-Gottesdienst in allen Kirchen statt, mit tinem Festzuge vom Marktplatze zur Stiftskirche. Abends Banket der Bürgerschaft im großen Saale der Liederhalle, woran gegen 2000 Personen Theit nahmen. Der Präsident der Abgeordneten-Kammer, Hölber, hielt die Festrede.
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Wien, 2. Septbr. Zwischen den Instructionen sämmtlicher Großmächte an ihre Vertreter in Stambul besteht völlige Uebereinstimmung. Alle, England voran, empfehlen Waffenruhe auf dem gejammten Kriegsschauplatz und Aufstandsgebiete. Der Thronwechsel wird einen Aufschub der Entscheidung verur- sechen. Die Anerkennung Hamids Seitens der Mächte wird ohne allen Zweifel erfolgen, sobald ihnen die amtliche Anzeige zugegangen ist.
Wien, 3. Septbr. Dem „Telegr.-Corresp.-Bureau" wird von Zara unter dem heutigen Datum aus besonderer Quelle gemeldet: Der französische Konsul tu Scutari ist über Castell-Lasnia iu's Lager des Fürsten von Monte- »kgro abgereist. — Mukhtar Pascha ist an der Grenze bei Grahovo angelangt, do bereits gekämpft wird. Die Kanonen- und Gewehrsalven werden bis Dra- 8->ly gehört. Der Marsch Mukhtar Paschas erfolgte knapp längs der öster
reichischen Grenze. Aus Podgoritza wird eine gestern begonnene türkische Offensivbewegung auf Montenegro bei Spuz gemeldet.
Wien, 4. Septbr. Hier eingegangene authentische Privat-Depeschen geben von bedeutenden Erfolgen der Türken vor Alexinatz Kunde; letzteres scheint unhaltbar zu werden.
Krankreich.
Paris, 2. Septbr. General Ducrot, Cowmandant des 9. Armee-Corps, schickte von Autun aus ein Telegramm an den Papst, um seinen Segen für die Truppen zu erflehen, die unter seinem Oberbefehl Manöver auszuführen haben. Der Papst sandte sofort sein Benedicat vos an seinen theuren Sohn Ducrot, welcher dies den Bischöfen von Nevers und Autun mittheilte. In Folge dessen wird morgen auf dem Berge Vouvray im Morvant in Gegenwart des ganzen Armee-Corps eine feierliche Messe stattfinden und der von Ducrot erflehte päpstliche Segen von den beiden genannten Bischöfen ertheilt werden. — Das Kriegsgericht verurtheitte gestern einen Nationalgardisten, welcher zur Zeit des Pariser Aufstandes einen Befehl unterschrieben hatte, durch den ein der Commune seine Dienste verweigernder Gerichtsschreiber vor den Conseil beschieden wurde, zur einfachen Deportation.
Paris, 3. Septbr. Der Thronwechsel in Konstantinopel erregt hier nur geringes Aufsehen, da man ihn allgemein erwartete. Abdul Hamid wird auf sehr verschiedene Weise beurtheilt. Die Einen halten ihn für einen fanatischen Alttürkeu und Christenfeind, während die Anderen ihn für einen aufgeklärten und der europäischen Cultur günstig gesinnten Mann darstellen.
Statte,».
Rom, 2. Septbr. Mehrere Journale versichern, daß der Ministerrath definitiv beschloffen habe, die allgemeinen Wahlen künftigen October vornehmen zu lassen.
Rom, 4. Septbr. Eine gestern zu Gunsten der Slaven abgehaltene Versammlung nahm eine Resolution an, welche sich energisch gegen die von den Türken begangenen Grausamkeiten ausspricht, beschloß ferner die Regierung zur Unterstützung der Wünsche der Versammlung aufzufordern, und setzte ein Comitö zur Veranstaltung von Sammlungen für die Slaven ein. Eine Versammlung in Mailand faßte ähnliche Beschlüsfe.
Belgien.
Brüssel, 3. Septbr. Eine Privat-Depesche der „Jndsp. beige" ans Semlin von heute meldet: Alexinatz ist von den Serben geräumt. Ihre Stellung ist vom linken Morawa-Ufer umgangen. Ejub Pascha und Ali Saib haben ihre Vereinigung vollzogen.
England.
London, 2. Septbr. Auf den Thronwechsel in Konstantinopel war man überall zu sehr vorbereitet, als daß dieses Ereigniß irgend welchen tiefem Eindruck hätte machen können. Auch hier schreibt man demselben keine Bedeutung zu und macht höchstens die Bemerkung, daß unter de» obwaltenden Umständen allerdings ein zurechnungsfähiger Herrscher noth thut, indem die Mächte bei den Vermittlungs-Versuchen mit einer namenlosen Regentschaft oder gar einem bloßen Ministerium als entscheidender und vertragschließender Partei sich nicht würden begnügen können.
London, 2. Septbr. In Zeitungen und Volksversammlungen dauert der Wortstreit über die Verantwortlichkeit des Ministeriums für die türkischen Greuel fort. Der radicale Spectator, welcher sich von jeher durch Absonderlichkeiten auszuzeichnen pflegte, »erlangt sogar die Absetzung Disraeli's als des Hauptschuldigen. Saturday Review erörtert die zweideutige Politik Rußlands und dessen offenen Neutralitätsbruch durch Absendung von Officieren. Economist befürwortet eine Waffenruhe auf Grundlage des alten Gebietsstandes, einer Geldentschädigung und Verminderung der regulären serbischen Armee nebst Autonomie für Bosnien und die Herzegowina. „Daily Telegraph" meldet aus dem türkischen Hauptquartier, die Serben verstärkten ihre Positionen und hätten eine neue Siebente vottenbet, so baß bie Einnahme von Alexinatz jetzt selbst mit großen Opfern zweifelhaft wäre.
London, 2. Septbr. Der „Daily News" wirb aus Belgrab gemelbet, baß 400 russische Unterofficiere sich auf bem Wege nach Serbien befinben und baß bie russische Hospital-Bedienung vortrefflich organisirt sei. Demselben Blatte telegraphirt der englische Arzt Mac Kellar aus Alexinatz, die Zahl der Verwundeten aus ben letzten Gefechten sei groß, bie Zahl der Aerzte jetzt hinreichend, dagegen der Mangel an Krankenwärterinnen äußerst empfindlich. Er erbittet sich solche aus England; dock müßten es tüchtig geschulte Wärterinnen sei», die womöglich deutsch sprechen könnten.
Spanien.
Madrid, 2. Septbr. Die Junten von Guipozcoa haben ihre Arbei-


