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Wrzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hießen.
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Ho. 287.
Donnerstag den 9. December
Lmtficher Theil.
1875.
B e k a n it t m a ch 11 n g.
Betrefffend. Rrinhaliung und Wegsamkeit in den Straßen.
Wir sehen uns veranlaßt, in nachstehendem Abdrucke die Bestimmungen des für den Artig Gießen erlassenen Localreglenients, soweit sie für die Provinzialhauptstadt Gießen gültig sind, mit dem Anfügen zur allgemeinen Kenntniß zu bringen, daß das Aussichtspersonal angewiesen ist, alle Zuwiderhandlungen unnachsichtlich zur Anzeige zu bringen.
Gießen, am 7. December 1875.
Großherzogliche Polizei-Verwaltung.
Fresenius
A. 1. Den ^igenthümern, Miethern, Nutznießern und Verwaltern von Privatgebäuden, sowie den Vorstehern, Verwaltern, Pächtern und Nutznießern von öffentlichen Gebäuden, liegt die Verbindlichkeit ob, in Gemäßheit nachstehender Vorschriften für gehörige Reinhaltung der Straßen ic. zu sorgen.
1) Alle Canäle, Abzugs- fFlutd-) Gräben und Löcher, alle Gossen und Rinnen müssen immer offen und von allem Schlamm, Unrathe, überhaupt von allen den Abzug des Wassers hindernden Dingen frei bleiben.
2) vei eintretendem Glatteise sind die var den Häusern, Mauern, Gärten, Hosräumen ic. herziehenden Fußpfade alsbald, und zwar insoweit nicht in einzelnen Fällen von der Localpolizeibehörde eine kürzere Frist bestimmt werden wird, wenn das Glatteis bei Nacht entsteht, bei Togesanbiuch des darauf folgenden Morgens, entsteht etz aber bei Tage, längstens eine Stunde daraus, zwei bis drei Fuß breit mit Asche »der Sand zu bestreuen.
3) Vei Schneeanhäufungen auf den Straßen ?c. müssen die Fußpfade durch einen drei bis vier Fuß breiten, reingekehrten Pfad für die Communication frei gehalten werden, jedoch unbeschadet der Fahrbahn
4) Wenn Thauwetter eintritt, sind nach Aufforderung der Localpolizeibehörde ohne Verzug die Straßen, Gossen und Rinnen auseisen und relnkebren zu lassen.
5) Schnee und C>S darf au» dem Innern der Hofraithen nicht auf die Straße gebracht werden, ohne daß für alsbaldige Wegfchoffung gesorgt wird
B. «) I Die Kellersenster und kusilöchcr müssen, wenn sie im Winter mit Stroh, Heu, Mist rc. auSgefüllt werden, mit Thüren oder Deckeln gut und dergestalt verwahrt sein, daß die Verstopfung von Außen nicht sichtbar wird.
II Alle» und jedes Wafchen und Adspülen von Gegenständen irgend einer Art an den öffentlichen Brunnen ist untersagt.
b) Die Verpflichtung der außerhalb der Stadtthore von Gießen wohnenden Personen zur Reinigung der Straßen erstreckt sich in brr Regel nur auf die BcmquettS und Rinnen, vorbehaltlich der Vefugniß der Localpolizeibehörde, ausnahmsweise auch eine weitergehende Reinigung zeitweise onzuordrien,' welche Anordnung alsdann bei Meldung der gesetzlichen Strafe zu befolgen in__
Politischer (Efjeii
England und die orientalische Frage.
Alle« politische Jntkrestc concentrirt sich neuerdings auf Englands Haltung in der orientalischen Frage. Man Hal sich so entwöhnt, an eine politische Action Englands zu glauben, daß die Nachricht von einer solchen in der ganzen Welt eine sensationelle Wirkung aueübte und diese Wirkung ist nicht vorübergehender Art, sie verstärkt sich mit jedem Tage, man weiß nach und nach die Tragweite des einfachen Kaufgeschäfts, daS zwischen dem Cabinet von St. Iame« und dem Vicekönig von Äegvpten abgeschloffen ist, zu würdigen und erblickt in demselben einen weisen, ja für die politische und commercielle Stellung des Inseli eicheS nothwendigen Schritt. Tie eigenthümliche Lage der politischen Verhältnisse Europas hat England in der orientalischen Frage völlig isolirt. Mit der alten Politik der Erhaltung des Status quo ante war e« seit dem Sturz des französischen Empire unwiderruflich vorbei, eö bedurfte nur noch der Anbahnung eines EinverständnisieS zwischen den bisberigen Antipoden in der orientalischen Politik, zwischen Testerreich und Rußland, nm diese Isoli- rung Englands zu einer gefährlichen zu machen und den guten Diensten, welche Deutschland in dieser Beziehung sowohl dem Wiener, wie dem Petersburger Cabinet leistete, ist daS Zustandekommen dieses EinverständnisieS zuzuschreiben. Der Tag. an welchem die drei Kaiser in Berlin zusammenkamen, war der Geburtstag einer neuen Aera in der orientalischen Frage und alle ofsiciösen, selbst osficiellen Versicherungen, daß diese Zusammenkunft nur den Gefühlen der persönlichen Freundschaft zuzuschreiben sei, welche die drei Monarchen mit rinander verbindet, vermochten die wahre Sachlage doch kaum nothdürfug zu verhüllen. Mehr Glauben verdiente schon die Versichcrung, das durch die persönliche Zusammenkunft gesicherte Treikaiser - Bündniß habe vor Allem den Zweck, die Erhaltung de« Friedens zu sichern. Zn Wirklichkeit mußte em Einverständniß der drei Mächte über ihr Verhalten ui der orientalischen Frage jede Gefahr einer plötzlichen politischen Complication, oder gar eine LriegSze- fahr beseitigen. Es gab in Europa, besonders seitdem auch Italien den «er- einbarunqen der drei Mächte beigetreten, keine Macht, die sich der Politik derselben hätte widersetzen können. Aber trotz dieser friedlichen Aussichten dachte kein Staat daran, abzurüsten und dieser Umstand gab genügenden Grund zum
Nachdenken. ..
Der Aufstand in der Herzegowina, so unbedeutend in seinen «nfängsn so wenig beunruhigend in seinem weiteren Verlaufe, sollte alle diese Verha nisie in Fluß bringen. Zuerst hieß eS, die Mächte wollten sich jeder S>n- Mischung enthalten, der Ausstand sollte localisirt bleiben, dann kam die aussichtslose Thätigkeit der Consuln, dann blieb es eine lange Zeit in der Herzegowina selbst beim Alten, aber die Thätigkeit der Eabuiette begann, d e Rüftungsgerüchte circulirten, wurden dementirt und circulirten ®ieter. >ue Osficiösen hüben und drüben bliesen die Friedensschalmei und so nachdrücklich, daß man anfing, an die Möglichkeit eine« Krieges ju glauben, öine« Rne- ges? nein, denn gegen wen sollte Krieg geführt werden, aber einer 3^-' *
tion der Mächte, an eine Grenzüberschreitung Testerreichs oder Rußland« oder beider vereint. _ ....L -
Co lagen die Dinge, al« England fein ägyptisches Seschaft abschlotz, und wir glaubten in diesem Abschluß eine eben so weise als friedliche Maß- regel zu erblicken. England entsagt seiner traditionellen orientalischei > der Politik der Erhaltung des Status quo ante, es rechnet mit den gffle&fnen Verhältnissen, mit der Unfähigkeit, eine Action zu hindern, die im Rath der Mächte vielleicht beschlosien ist, es rechnet mit der Ohnmacht ^rankre-ch«, mit
feiner eigenen, sobald e« die ultima ratio regnorum betrifft und es sucht mit einem Wort in Aegypten seine Eompensation für eine etwaige Verschiebung der Machtverhältnisie in der europäischen Türkei.
Eo ganz glatt scheint sich nun aber die weitere Entwickelung der Dinge nicht zu gestalten. Aus der einen Seite hat die „Times" die Nachricht von dem Scheitern österreichisch-russischer Verhandlungen über die Dinge im Orient gebracht. Die Nachricht wird von Wiener Zeitungen dementirt mit dem Hin- jiifügen, die österreichischen Vorschläge hätten schon vor längerer Zeit die prinzipielle Znstimmung der übrigen Kaisermächte gesunden, es handle sich jetzt nur noch um die Entscheidung der Detailfragen und diese Entscheidung werde getroffen werden, sobald der Kaiser Alexander und Fürst Gortschokoff, der russische Reichskanzler, nach Petersburg zurückgekehrt seien. Die Dementirung ist verzweifelt lahm; daß alle prinzipiellen Fragen seit langer Zeit zwischen den Kaisermäckten vereinbart sind, ist allerding« richtig, aber jetzt, wo es vom Rath an die Thal gehen soll, haben die Tetailfragen doch eine ganz gewaltige Bedeutung. Der Widerspruch der Wiener Zeitungen würde daher nur dem „Scheitern" der Verhandlungen gelten, aber c« wird zugegeben, daß gehandelt werden soll und daß über die Modalitäten des Handels noch keine Einigung erzielt ist. Wenn man hierzu die (sehr der Bestätigung bedürftigen) englischen Rüstungsgerüchte nimmt, so resnltirt hieraus, daß trotz des anscheinend friedlichen Lharakters der englischen Action in diesem Augenblick doch noch keine Sicherheit in dieser Beziehung existirt und daß man wenigsten« in Eng- land die Hcffuung noch keineswegs aufgegeben bat, daß es gelingen werde, im letzten Moment das Einverständniß zwischen Oesterreich und Rußland zu hin- tertreiben, resp. die Einigung über Detailfragen zu stören. Zn wieweit diese Hoffnung Englands begründet ist, läßt sich zur Zeit sehr schwer beurteilen, der etwa« säbelrasielnden Haltung des englischen Cabinet« in dieser Frage darf keinenfalls eine allzu große Bedeutung beigemeffen werden. Wir unsererseits glauben, daß e« England freilich sehr erwünscht wäre, falls es ihm gelinge, den Keil der Zwietracht in da« Dündniß oder in die Vereinbarungen der Kai- sermächte zu treiben. daß ihm diese Absicht aber gelingen werde, scheint uns denn doch sehr zweifelhaft.
Deutfdjfanö.
Darmstadt, 7. December. Heute Vormittag 9 Uhr trat die erste ordentliche Landessynode zur Erledigung einer Reihe besonders dringlicher Angelegenheiten zusammen. Nachdem Herr Pfarrer Lr. Hager, der an Stelle de« au« der Synode geschiedenen Herrn Pfarrer Kritzler zu deren Mitglied ernannt worden, den verfaffnngSmäßigen Eid geleistet, wird die Vorlage des Oberconfistoriums, den Entwurf eines Gesetzes, die Geschäftsordnung für die Landessvnode betr., durch Annahme nach den dieselbe nur unwesentlich modifi- cirenten Anträgen des Ausschusses erledigt. Zu dem weiteren Gegenstände der Berathung, Entwurf eines Kirchengesetzes, die Classification des Diensteinkom- menS der evangelischen Geistlichen betr., hatte der Abg. Schröder beantragt, in die Berathung nicht eher einzutreten, bis ein geordnetes Budget für die evangelische Landeskirche vorgelegt und mit der Synode vereinbart sei, doch wurde dieser Änrrag nach längerer Debatte auf Grund namentlich der von Großh. Tberconsistorium gegebenen Erklärungen zurückgezogen.
Nächste Sitzung morgen 91/2 Ubr. Tagesordnung: Specialberathung des Clasfificationsgesetzes.


