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Mnzeige- und Mmlsbtaü für den Kreis Hiessen.
Frcitlili Den 29. Mai
1S94
politischer Theil.
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Thiers nnd Frankreich.
Am 24. ward cs jdbrtfl, daß die französische Nationalversammlung sich von Thiers als dem Präsidenten der Republik losgesagt. Der Schlag warb gegen den vicloerdienten Mann damals nicht um den eigentlichen nnd recht sehr zu Tag tretenden Febler seiner Negierung, 'nicht um seiner verderblichen Schutzzoll- und Steuerpolitik willen geführt, sondern traf ihn allein deshalb, weil er seine Hand nicht znr Wiederaufrichtung eines monarchischen Tbrones bieten wollte. Das übermächtige Geschrei der Monarchisten, welches sich ans den geschiedenen Feldlagern dreier feindlicher Dynastieen wider den gemeinsamen Gegner vereinigte, zwang ihn, vom Sessel des Präsidenten herabzusteigen. Diesen Platz sollte fortan nur ein interimistischer Statthalter des künftigen persönlichen Sonverains einnehmen
Die Hartnäckigkeit, welche Thiers, der doch selber einem Könige gedient, vor einem Jallre gezeigt, ward damals auch außerhalb Frankreichs vielfach als unverständlich bezeichnet. Mit Unrecht! Denn Thiers hat niemals mehr gereifte politische Einsicht gezeigt, als im Mat 1873, da er sich weigerte, an der Einführung der Monarchie mitzuwirken.
Die seitdem verstrichene Zwischenzeit selber hat die vollgiltigstcn Beweise dafür beigebracht, daß der ehemalige Präsident ein klares und ein richtiges Urtheil über die Lage der Dinge gehabt. Denn, was Thiers, der nicht zu diesem Zwecke in sein Amt eingesetzt war, nicht zu Stande bringen wollte, das bat inzwischen die eigens zn diesem Zwecke eingesetzte Regierung nicht aus führen könne n. Nicht als ob die Republikaner kraft einer gebietenden Majo rität jeden Versuch der Wiederaufrichtung eines monarchischen Tbrones für sich allein zu negiren vermöchten. Die natürliche Uneinigkeit der monarchischen Parteien vielmehr, von welchen, sobald aus der Mitte der einen die ungeduldige Hand nach der Krone greift, die beiden anderen sofort gegen die voreilige Front macheil, ist es, welche die Rückkehr zur monarchischen Staatsform bisher gehindert bat, und durch das Interimistikum des Septenuats, wie es scheint, auf längere Zeit noch hindern wird. Der lctztgedachte Ausweg bedeutet doch am Ende nichts Anderes, als eine Vertagung des Kampfes, den drei jetzt ja sämmtlich „historisch berechtigte" Dynastieen um die Krone führen werden; er ist das einzige Mittel, um dem französischen Volke die benöthigte Ruhe noch zu erhalten und es vor einem Streite der Fürsten zu schützen, aus welchem dem Lande und der Bevölkerung selber doch gewiß nimmer Segen erblühen kann. Ebenso gut aber mag der letzte Ansgang die Errichtung einer neuen, vierten Dynastie unter Proskription der früheren sein, wobei dann wenigstens die Monarchie ohne vorgängige sonstige Opfer des Landes begründet würde.
Doch wir wollen zunächst bei der letzten Entwickelung der Dinge in Frankreich stehen bleiben. Sie hat, wie gezeigt, dem alten Thiers Recht gegeben und mit einer schmerzlichen Erinnerung an den Verlust der höchsten Macht mochte sich bei ihm am 24. Mai ein gewisses Gefühl befriedigter Eitelkeit mischen. Dieselbe spricht sich wenigstens reckt deutlich in der Dankrede aus, welche er am Sonntage auf das Geschenk und die Adresse der fünfundzwanzig republikanischen Abgesandten der Gironde — eine Pfingstfrende, die wir dem verdienten Staatsmann sonst wohl gönnen — gehalten. Der Wortlaut dieser durch einen Telegraphen nur abgebrochen wiedergegebenen Rede liegt uns jetzt vor und gut die Hälfte nimmt die Aufzählung der eigenen Verdienste um Frankreich, die Republik und die Freiheit mit dem Ausdrucke der Freude darüber ein, daß er doch Recht gehabt. Aber er hatte, wie gezeigt, auch wirklich Recht und so möge denn immerhin die politische Nutzanwendung, welche er selber aus der jüngsten Entwickelung der Dinge zieht, hier nach dem die Telegramme ergänzenden Wortlaute citirt werden: „Suchen wir — sagt er — in den letzten Ereignissen nicht eine Gelegenheit zn Vorwürfen, sondern eine Lehre. Die Lehre ist folgende: Die Männer, welche mich anklagen, Frankreich der Monarchie nickt zurückgegeben zu haben, hatten während eines Jahres die Regierung, die materielle Gewalt, eine monarchische Majorität in Händen, und sie stellten die Monarchie einzig und allein deshalb nicht her, weil sie es nicht konnten. Aus dieser Lehre hat das Land Nutzen gezogen, und cs giebt dieses mit einer erstaunenswerthen Beharrlichkeit kund. so oft es einen Deputaten zu
Nothwendigkeit zulassen wird, das Land zum Richter und souveränen Schieds richter über ihre Zerwürfnisse zu nehmen. Das Land hatte bei ihrer Ernennung weder ihre Mission, noch ihre Dauer begrenzt; es verließ sich auf ihre Vernunft, auf ihre Redlichkeit, auf ihr Zartgefühl, uni die Ausdehnung ihrer Aufgabe und die Zeit, welche sie zn deren Vollbringung nothwendig habe, zu bestimmen. Wenn sie, da sie zn keinem Resultat gelangen kann, darauf beharren sollte, ihr Mandat zu behalten, so würde sie aus den Bedingungen heraus- trcten, welche die Verminst allen berathenden Versammlungen aufzwingt. Sobald sie keine Majorität mehr bilden kann, so hat sie nicht mehr die Mittel, zu regieren, und wenn sie es nicht mehr kann, so hat sie nicht mehr das Recht, es zu wollen. Aber vertrauen wir auf sie, erwarten wir ihrerseits das, was ich einen Act der Vernunft genannt, die sie in den Augen der Nation ehren und ihr die Stimmen zurückgeben wird, die sie sich entfremdet."
Von der Form des Ausdruckes muß man den geistigen Gehalt scheiden. Wir meinen, Thiers' Worte dürfen nicht dahin aufgefaßt werden, daß er uns belehren wolle, eine Volksvertretung müsse, uni existenzberechtigt zu sein, eine starke Majorität besitzen, mit welcher eine aus ihrer Mitle hervorgegangene Regierung auch vorwärts kommen könne. Das wäre an sich ein leerer Gemeinplatz Der ausgestellte Satz, der auch in anderen Länderen noch neuerdings in's Land hinausgerufen wurde, ist hier wie dort mit der direclen Absicht gesprochen , daß principaliter die Volksvertretung selber und eventuell erst die Wähler sich daraus selbstständig ihre Consequenzen ziehen. Gerade in Frankreich wäre es bei der Autorität der Regierung fraglich, ob es )o leicht zn Neuwahlen kommen dürfte, noch weit fraglicher, ob die Ergebnisse derselben nicht zu Gunsten und nach dem Willen der Regierung aussallen würden. Wir sehen vielmehr in der Thiers'schen Rede einen Appell an die Mitglieder der Nationalversammlung, an die Republikaner, daß sie sich in festere Phalanx zu- jammenfügen, an die monarchischen Deputaten, soweit dieselben den Vortheil des Landes über den Parteitriumph stellen, daß sie in erster Lime die Ruhe erhalten und dann erst dynastische Pläne verfolgen. Es ist em Aufruf zur Wachsamkeit gegen die Umtriebe zum Sturze der jetzigen Regierung. Ter Zeitpunkt konnte aber niemals besser gewählt werden.
Nach den letzten Pariser Posten, welche detaillirte Personalien bringen, gehören die neuen Minister sämmtlich der ultramoiiiaiien Richtung an oder sie sind dock getreue Diener der clericalen Partei; ja Montaignac ist sogar ultra - clerical nnd stimmte für alle Anträge, welche du Temple und Genossen zu Gunsten des Papstes stellten. Tailhand gehört zur nämlichen Schule, während Lu- mont, Grivarl und Cailloux sich zur Farbe der Falloux' bekennen. Fonrtou, Magne nnd Decazes sind kluge Leute und thun mchtS, was den Clericalen mißfallen könnte. Der Erstere, Fourtou, heute Munster des Innern, bewies ohnehin als Unterrichts- nnd Cultusmuiister unter Broglie, daß er den Clericalen nut Leib und Seele ergeben ist. Ter Minister des Aeußern aber, Herzog Decazes, will den Bestrebungen der Ultramontanen höchstens aus äußeren Rücksichten und zur Verhütung von Conflicten entgegemreten. Dieses Ministerium , das also den Ultramomanen bereits viel mehr als einen Finger gereicht hat, wird ihnen bald mit Haut und Haar gehören. Das vorbereitete Unter- richtsgesetz wird davon seine Merkmale tragen nnd nach" anderer uns näher angehender Richtung bin auch die weiteren Militärvorlagen. Der ultramontane Geist kann gar nicht anders, als dem Haß nnd Racheruf gegen das im Kampfe mit Rom stehende Deutschland steigern. Darum zumeist freuen wir uns der Thiers'schen Worte, die dock auch in Frankreicht nicht ungehört verhallen dürftei. Demi immer bleibt Thiers eine Persönlichkeit, deren Sprache schwerer wiegt, als die vieler Anderer. Mag er eitel gescholten werden, seiner Eitelkeit gebricht es nicht an edlenm Ehigeiz und diesem fehlt nicht die Unterlage von Fähigkeit und Verdiensten. Mag leine wirthschaftliche Politik tadelnswert!) erscheinen, im Uebrigen hat er einen klaren und richtigen politischen Blick bewährt und im reineren Patriotismus, in — wir möchten sagen: — materieller Uneigennützigkeit sind ihm in Frankl eich sehr Wenige, auswärts nicht Viele, ebenbürtig.
wählen hat. Es hat begriffen, daß, um den Bürgerkrieg zn vermeiden, nnr; zur Ruhe der fruchtbringenden Arbeit zu gelangen, es die Regierung annehmen muß, welche alle Parteien in eine einzige umgestaltet, die aus der Allgemeinheit der guten Büraer bestellt, welche, wie auch ihr Urtlleil und ihre Meinungen fein mögen, sich vereinigen, um Frankreich zu organisiren und so zu sagens einer besseren Zukunft zuzuführen, und diese Regierung — es giebt keine andere — als die der konservativen Republik. Und wenn man heute in der', Nationalversammlung auf so große Schwierigkeiten bei der Zusammensetzung eines Cabinets stößt, das auf die Majorität rechnen kann, so kommt es daher, daß man die von mir hier anseinandergesetzten Wahrheiten nicht anerkennen will. Unglücklicher Weise hat die unsere Spaltungen repräsentirende Nationalversammlung die größte Mühe, eine feste und homogene Majorität zn constitniren. Aber klagen wir sie nicht an; achten wir sie, und warten wir, bis sie weitere Beschlüsse faßt. Hoffen wir, daß sie nach den letzten Ereignissen, wie wir, die
Deutschland.
Darmstadt, 27. Mai. Bekanntlich hat der Finanz Ausschuß der zwei ten Kammer. laut seinem jetzt über das Nachtrags - Budget vorliegenden Berichte , um die btt einer Reihe von Behörden angestrebte Reorganisation demnächst zu sichern, für die einschlägigen Stellen nur eine Bewilligung „für die dermaligen Inhaber" beantragt, eine Beschränkung, welche die Regierung an sich nicht beanstandet nnd bezüglich deren sie nur gewünscht hat, man möge sie überall nicht für die Erhöhung der Ascendenz-Gellalte gelten lassen, wo Beamte in höhere Gehalts-Claffen vorrückten. Der Ausschuß hat es der Billigkeit entsprechend gefunden, bei der Kammer einen hierauf zielenden Antrag zu stellen; denn jene Beschränkungen sollten mir eine formelle Garantie zur Zusicherung der Regierung, bis zur Entscheidung der Organisations-Frage für die betr. Behörden Dacant werdende Stellen nicht wieder definitiv zu besetzen und die Ge-


