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Anzeige- und Amtsötatt für den Kreis Aiessen.

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politischer Th eil.

Deutsch fand.

f Aus Oberheffen, 24. Oct. V. Die Oberhessischen Eisenbahnen waren vollendet und in Betrieb gesetzt; es war damit der Beweis geliefert, daß das vorgesehene Anlagekapital zur Fertigstellung der Bahnen ausreichend gewesen, womit der einzige Grund der Zweifel, welche man bis dahin gegen die Sicherheit der geleisteten staatlichen Zinsengarantie geäußert hatte, beseitigt erschien. Die Befürchtung, daß das Kapital überschritten werden müsse und daß der Staat in die Lage kommen könne, für einen noch höheren Zinsen- brtrag, als die auf 28,400,050 Gulden als 31/3 Procent zu zahlenden 994,0013/4 Gulden, aufzukommen, hatte schon der Ausschuß zweiter Kammer gehegt, und es ergiebt sich aus den gedruckt vorliegenden ständischen Verhand lungen ganz unbestreitbar, daß nur diese Befürchtung, keinerlei anderer Beweg­grund, die Veranlassung gab, -eine Begrenzung auf letzteren Betrag in § 15 der Concession eiuznschalten, welche Begrenzung sich daher nur aus die Höhe der zu zahlenden Zinsen, nicht aber auf die Höhe des Staatszuschusses bezieht, der erforderlich werden kann, um jene Zinsen als Reinertrag dar­zustellen. Diese Befürchtung also war beseitigt; die Oberhessischen Eisenbahn- actien gewannen nun an Credit und gingen immer mehr in kleinen und großen Posten, im In- und Auslände, in feste Hände über. Die Kapitalisten betrach­teten diese Actien als ein zu festen Geldanlagen sehr geeignetes Werthpapier von eminenter Sicherheit; hatten ja doch sämmtliche Ressort-Ministerien des Großherzogthums, laut Schreiben des Herrn rc. von Bechtold Exc., nicht das mindeste Bedenken dabei gefunden, daß Kirchen, Sck-'len und milde Stiftungen ihre Gelder darin anlegten, daß diese Actien als pupillansch sicher behandelt würden, daß sie zu Cautionen verwendet würden! " keiner Seite war auch nur andeutungsweise je geäußert worden, daß une ' uterpretation der Garantie-Bestimmungen denkbar sei, welche die Sicherheit dieses Papiers in Frage stellen könne. Als nun überdieß verlautete, das Großherzogthum Hesien werde im Lauf der nächsten Jahre seine unmittelbaren Staatsschulden ganz oder zum größten Theile tilgen, da schien es, als ob die Oberhessischen Actien, die sich dann vorzugsweise als Aulagepapier für die in Hessischen Fonds bis dahin angelegten Kapitalien darstellen würden, eine besonders günstige Zu fünft vor sich hätten und höchst beliebt werden müßten. Diese Auffassungen von dem Werthe der Oberhessischen Actien waren für das Land sehr wichtig, denn auf der Stärke ihres Credites beruhte die Möglichkeit und Wahrschein lichkeit einer Erweiterung des Oberhessischen Eisenbahnnetzes, und nur diese Erweiterung konnte, neben dem Segen vermehrter Commuuicationen für die Provinz, allmählig dahin führen, die Garantielast des Staates zu erleichtern. Der Verwaltungsrath der Eisenbahngesellschaft war auch von dem besten Willen beseelt, zu dieser Entwickelung des Vahnnetzcs kräftigst mitzuwirken; er erach­tete es für eine moralische Verpflichtung, während einerseits den Actionären vom Staate eine Rente gesichert war, sich andererseits dafür zu bemühen, daß die Zuschußleistung des Staates vermindert werden könne; es war klar, daß alle Bemühungen in dieser Richtung zunächst nur im Jnteresie des Staates zu geschehen hatten, denn bis zu dem Erfolg, daß den Actionären außer ihrer garantirten Rente noch eine Superdividende zu Theil würde, war ein sehr, sehr weiter Weg zurückzulegen. Nicht nur guten Willen hatte der Verwaltungs­rath; es standen ihm, als eng verbunden mit dem schon bestehenden Unter nehmen und an desien Verwaltung theilnehmeud, so ansehnliche Finanzkräfte zur Seite, wie nicht allzuviele Unternehmungen sich ihrer zu erfreuen haben. Nahm man mit diesen Umständen zusammen die verschiedenen günstigen Aus­dehnungen, deren die Oberhessischen Bahnen fähig erscheinen, in Betracht, so durfte man wohl hoffen, diese Bahnen zu einem nicht minder blühenden und bedeutungsvollen Unternehmen emporwachsen zu sehen, wie dieß der Hessischen Ludwigsbahn, unter Begünstigung durch die Großherzogliche Regierung, von einem viel unscheinbareren Anfang aus und ohne annähernd ähnliche Unter­stützung, gleichwohl gelungen ist. 2llfo: Beförderung eines Aufschwunges der Oberhessischen Bahnen schien in der gesunden Eisenbahn-Politik des Landes begründet, und wie konnte man zweifeln, daß die Großherzogliche Negierung stets nur int Sinne dieser Politik handeln werde?!

Darmstadt, 22 October. In Folge der Jnjtiative des hiesigen Turn- Vereins, deffen erster Sprecher der neuerwählte Bürgermeister, Herr Gerichts- advocat Ohly, ist, soll letzterem nächsten Samstag eine Ovation durch Fackcl- zug mit Serenade dargebracht werden. Auch dem abtretenden Bürgermeister zu Ehren soll ein Festessen abgehalten werden. Anfang nächster Woche wird die zweite Kammer der Stände wieder zusammentreten und sind vorläufig auf die Tagesordnung gesetzt: Die Vorlage der Erbauung eines Gymnasiums in Gießen, der Aufbesserung der Gehalte der Beamten und Bediensteten der Main- ,, Neckar Bahn, über Bauten der Main-Neckar-Bahn auf dem hiesigen Bahnhofe, der Erhöhung der Schullehrer-Wittwen-Pensionen, sowie der Gesetzentwurf über das Verfahren bei unfreiwilligen Versetzungen von Mitgliedern eines Justizcollegs in den Ruhestand.

' Mainz, 22. October. DasMainzer Journal" veröffentlicht den Wortlaut des Protestes, welchen die Ultramontanen Hessens an die Landstände gerichtet haben. Neues finden wir darin nicht. Die Versicherung, daß die hessischen Kirchengesetze ebenso verwerflich seien, wie die preußischen, und daß

mau sich ihnen deshalb nie unterwerfen werde, ist schon zu oft gehört wor- deu, als daß ihre Wiederholtmg besonderen Effect machen sollte. Die Unter­zeichner hätten gut gethan, den bekannten Spruch zu beherzigen: Man soll niemals niemals sagen. Unterwerfen müssen sic sich schließlich doch, wenn nicht das ganze Staatsleben der Gegenwart zu Grunde gehen soll. Wer aber glaubt an Letzteres?

Wie wenig Vorsicht die Abfasser des Protestes übrigens geübt haben, beweist u. A. folgender Passus:

Wir protestiren weiter dagegen, daß unsere zukünftigen Geistlichen ihren Studien brci Jahre lang auf den ganz vom Staate abhängigen Universitäten obliegen sollen, in deren theologischen und philosophischen Hörsälen sie erfah­rungsgemäß Gefahr laufen, statt der reinen Lehre der Kirche geradezu religions- und kirchenfeindliche Vorträge vernehmen zu müffen. Wir protestiren dagegen, daß diese jungen Männer, die bestimmt sind, einft die heiligen Sacramente zu verwandeln und unsere Seelsorger zu werden, und bei denen daher das katho­lische Volk eine besondere Reinheit der Sitten in Anspruch nehmen muß, mit dem auf den deutschen Universitäten leider häufig herrschenden wenig erbaulichen Treiben der studirenden Jugend in enge Berührung gebracht werden sollen. Der katholische Priester muß in reinerer Luft herangebildet werden."

Aitgesichts der aus allen katholischen Ländern Europas regelmäßig wie­derkehrenden Berichte über gerichtliche Verurteilungen der Zöglinge katholischer Convicte und Seminarien wegen Vergehen gegen die Sittlichkeit, unnatürliche Laster und Verführung der Jugend dazu ist es ein starkes Stück, die Lust un- iserer Universitäten als zuunrein" für katholische Priester zu bezeichnen.

Berlin, 22. October. Gestern Nachmittag reiste der Kaiser nach Lud­wigslust ab. Die Rückkehr aus Mecklenburg wird am Sonntag (25.), Mit­tags , erfolgen. Auf 29. d. wird die feierliche Eröffnung des Reichstages stattfit,den, worauf der Kaiser sich auf einige Tage nach Schlesien begeben will. Ans dem Artikel, mit dem dieProv.-Corresp." die Einberufung des Reichs­tages begleitet, erhellt, daß das gleichzeitige Tagen von Reichstag und Land­tag vermieden werden soll. Durch eine angestrengte Thättgkeit, hofft das halbamtliche Blatt, wird der Reichstag seine Aufgaben bis Mitte Januar an­nähernd zum Abschluß bringen. Der Landtag hat so wichtige Aufgaben, namentlich die Neugestaltung der inneren Verwaltung, daß die bevorstehende Session voraussichtlich eine lange werden wird.

Dem Reichstage wird u. A. auch eine Petition der Gast- und Schankwirthe auö allen Theilen Deutschlands überreicht werden, welche bitten, das Gastwirthsgewerbe von dem Drucke eiuer beengenden und rigorosen staat­lichen Bevormundung zu befreien, die zu dem freisinnigen und gerechten Geiste, von dem unser modernes Staatsleben mehr und mehr beherrscht wird, im Widerspruche steht. Die Petition legt ihren Grundton auf folgende drei Punkte:

1) Wegfall der Polizeistunde;

2) gleichmäßige Handhabung der Tanzpolizei und Aufhebung der will­kürlichen Beschränkungen des Rechtes, Tanzvergnügungen zu veranstalten;

3) eine genaue Bestimmung derjenigen Spiele zu treffen, welche in öffent­lichen Localen nicht gespielt werden dürfen.

Berlin, 22. October. Der deutsche Handelstag berieth über die Eisen­bahn-Tarif-Frage und beschloß nach langer Debatte mit großer Majorität: Der Handelstag erklärt für dringend nothwendig, die Ausführung der für Neujahr beabsichtigten Tarif-Reform zu vertagen und beauftragt einen perma­nenten Ausschuß, das Reichs-Eisenbahnamt zu ersuchen, die Ansichten des Han- delsstantes über das adoptirte Braunschweiger System durch einberufene Dele- gute einzuholen und bei dem Reichskanzler-Amt und den zuständigen Einzel­staats-Behörden den Einfluß dahin geltend zu machen, daß die bereits erfolgten Tarif-Erhöhungen unter Zuziehung von Interessenten einer sorgfältigen Prüfung unterzogen, auf ein verständiges Maaß zurückgeführt und die auf Grund dieser Revision aufgestellten Tarife als unüberschreitbare Maximal-Tarife ein­geführt werden. Unter allen Umständen sei als gerechtfertigte Forderung fest­zuhalten , innerhalb der Maximal-Sätze die Bildung neuer Tarif-Clasjen nach freiem Ermeffeu vorzunehmen. Die Sitzung war von etwa 150 Delegirten be­sucht und schloß um 4y2 Uhr.

Berlin, 23. October. Der Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde, Dr. Geiger, ist heute früh gestorben.

Augsburg, 23. October. Einer Privat-Depesche der Augsburger Allgemeinen Zeitung" aus Wien zufolge setzten die Türken am 20. d. Mts. in der Umgebung von Podgoricza das Morden fort. Hierbei wiirden acht Montenegriner aus Zetch und alle dort ansässigen Sachsen getödlet. Das !Dors Kalicice wurde von den Türken angezündet. Die Christen entflohen in's Gebirge.

Desle,reich.

Wien, 21. October. Die mährische Statthalterei, so erzählt der Tagesbote aus Mähren", hatte schon vor längerer Zeit den Erzbischof von Olmütz aufgefordert, die Einkünfte des Olmützer Domcapitels detaillirt und belegt anzugeben, damit bei Nichtbesetzung einiger Stellen, wie dies in Olmütz der Fall ist, die Einkünfte dem Neligionsfonds zufließend gemacht werden kön-