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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kiessen.

Freitag ^'n 22. Mai

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politischer Theil

Deutschland.

Darmstadt, 20. Mai. Wie bereits gemeldet, wird die zweite Kam­mer in der Woche nach dem Pfingstfest, und zwar wahrscheinlich am 28. d., zusammenlreten. Als Gegenstände der Berathung bezeichnet man, abgesehen von dem Nachtrags-Budget und der Theater-Vorlage, eine Reihe von Gegen- ständen, über welche tic gedruckten Berichte schon vorliegen, so namentlich das neue Bcamteii-Peusions-Gesctz, das Gesetz über die Modlfication des bisherigen Civildiener-Wittwen-Jnstitut-Gesetzes, das Gesetz über die Theilnahme der Be­amten an Erwerbs - Genostenschaften, die Vorlage wegen der Rheincorrection zwischen Mainz und Bingen, den Antrag der Abgg. Dumont und Occhsner auf Errichtung einer Handels-Akademie in Mainz, den Antrag des Abg. Hei­denreich wegen Abgabe der Waldstreu aus Gemeinde-Waldungen in Flachen- Loosen, den Antrag der Abgg. Goldmann, Küchler, Heinzerling und Edinger auf Aushebung des Octrois, den Antrag der Abgg. Kreim und Genossen aus Gründung einer Unterstützungs - Kasse für verunglückte Feuerwehrleute. Hierzu kommen voraussichtlich noch eine Anzahl Petitionen u. s. w., bezüglich deren die Berichte noch vor dem Zusammentritt der Stände zum Truck gelangen. - Sicherem Verne innen nach sind die Berichterstatter des Finanz-Ausschusses zwei­ter Kammer bei ihrer Begutachtung des Nachtrags-Budgets von folgenden Gnindsatzen ausgegangen: 1) Im Allgemeinen wird das Princip der durch alle Gchalts-Classen laufenden Erhöhung um Ve festgehalten; 2) die Bericht­erstatter sind der Meinung, daß eine Besoldung im Betrag von 5000 fl. an sich schon eine so zureichende ist, daß hierfür eine wertere Erhöhung uiu r ge rechtfertigt erscheint. Sie haben darum für die wenigen dieses Maß erreichen­den Beträge keine Aufbesserung empfehlen können; 3) wo nach der Zusage der Regierung bei eintretenden Vacanzen die definitive Besetzung der betreffenden Stellen vorerst sistirt werden soll, ist die Verwilligung der Besoldungs Erhöhun­gen nur für die jetzigen Inhaber empfohlen worden; 4) da, wo die Nach- sorderungen nicht in der allgemeinen Gehalts-Erhöhung uni 1/6 begründet sind, sondern in anderem Verhältnissen, sind die einzelnen Fälle für sich geprüft wor. den. Als das Gesammt-Resultat erscheint, daß die Regierungs - Vorlage im Wesentlichen zur Annahme empfohlen ist.

Berlin, 18. Mai. Im Justiz-Ausschuß des Vundesrathes ist gestern der Bericht über die Civilehe-Angelegenheit sestgestellt worden. Derselbe ichließt mit dem Anträge an den Reichskanzler, nach vorgängigem Einvernehmen mit den Einzel-Regierungen, dem Dundesrathe eine bezügliche, dem Bedürfniß und den Verhältniffen in ben Bundesstaaten entsprechende Vorlage zu unteibreiten und diese an den Reichstag gelangen zu lassen. Ob und in welchem Um fange diesem Anträge, namentlich sofort, entsprochen werden wird, sieht noch dahin

Berlin, 19. Mai. TieGermania" veröffentlicht einen längeren Hir tenbrief:Abschiedsworte des Herrn Bischofs von Paderborn an feine Diö- cesanen." Das Schreiben beginnt:Bald werde ich wohl nicht mehr zu Euch treten können, geliebte Tiöccsanen! Getrennt von Euch, kann ich statt zu Euch nur noch für Euch zu Gott reden, im täglichen demüthigen Gebete. Aber davon dürft Ihr überzeugt sein, geliebte Diöcesa nen ! daß ich das tägliche Ge bet für Euch nie unterlassen werde." Das durch den Hirtenbrief hi, durch ausgeführte Thema ist mit Treue gegen den Stuhl Petri ausgefüllt, womit der ganze Katho- licismus und das Christenthum selbst stehe und falle. Schließlich gibt der Bischof unter Anderem die Anweisung:Auch zur Taufe Eurer Kinder, zur Beerdigung Eurer lieben Verstorbenen, zur kirchlichen Einsegnung Eurer Ehen rufet unter ferner Bedingung einen von der Kirche abgefalleuen häretischen oder schismatiscken Priester, damit Ihr nicht am häretischen Abfälle und mit Schisma Euch betheiligt. Wenn rechtgläubige kirckentreue Priester Euch fehlen, so lasset die Taufe Eurer Kinder von gläubigen Laien vollziehen; bestattet selbst Eure Verstorbenen unter Gtsang und Gebet; und was die kirchliche Einsegnung Eurer Ehen betrifft, so wartet auf die Weisungen, die ich Euch desfalls, wenn ich vom heil. Stuhle dazu ermächtigt sein werde, seiner Zeit werde bekannt machen lasten. In dem gemeinsamen bischöflichen Hirtenschreiben, das wir im Februar d. Is. erließen. haben wir Euch solche Mahnungen bereits ertheilt; da aber die Gefahr der Unterbrechung der kirchlichen Diöcesan- Verwaltung mittlerweile naher gerückt ist, fühle ich mich um Eures Seelenheils willen gedrungen, hieran Euch abermals dringend zu erinnern. Wenn Ihr, geliebte Tiöcesanen! diese liebevollen Mahnungen beachtet, wenn Ihr der heil. Kirche und dem Stuhle Petri unverbrücl>iich die Treue bewahrt, wenn Ihr, fest zusammeustehend, ge- schaart um die Fahne des heil, römisch-katholischen Glaubens, immer, wo Ihr könnt, für die Interessen dieses heil. Glaubens mannhaft und muthig einsteht, ohne daß Jbr jedoch je Euch zu ungesetzlichem, gewaltthätigcm Vorgehen oder zur Störung des öffentlichen Friedens und der öffentlichen Ordnung verleiten lastet: dann wohl Euch, geliebte Diöeesanen! Ihr werdet als die Vertheidiger und Erhalter des katholischen Glaubeiis in dieseni Lande Euch vor der Mit- und Nachwelt mit Ruhm bedecken und was das Wichtigste ist, Ihr iverdet Euch selbst die himmlische Krone verdienen!"

Berlin, 20. Mai. Nach Schluß der Sitzung des Abgeordnetenhause- machte Vice-Ministerpräsident Eamphausen dem Präsidenten des Abgeordneten­hauses die Mittheilung, daß der Schluß des Landtages schon morgen Abend 7 Uhr im Abgeordnctenhause erfolgen werde.

Berkin, 20. Mai. Ein zusammengetretenes Corn 06 ehrenwerther jüdi­scher Staatsangehöriger beabsichtigt zur Hebung der sittlichen und materiellen Zustände der verlassenen jüdischen Waisenkinder in Palästina, dort jüdische Waisenhäuser zu errichten und hat sich an den Minister des Innern mit der Bitte gewendet, die Beschaffung der hierzu erforderlichen Geldmittel durch Ab­haltung einer allgemeinen Haus-Collecte bti den jüdischen Glaubensgenossen in Preußen zu gestatten. Der Minister hat diese Collecte unter der Bedingung genehmigt, daß die Sammlungen sich nur auf die in Städten und Flecken be­findlichen jüdischen Haushaltungen beschränken, nur von einem Cemit6-Mitgliede des Vorstandes der für den Ort bestehenden Synagogen - Gemeinde vorgenom­men werden dürfe und die Dauer der Collecte einen Zeitraum von 4 Wochen nicht überschreite.

Bremen, 14. Mai. Tie Bürgerschaft beschloß gestern, den Senat zu ersuchen, beim Reichskanzleramt dahin zu wirken', daß hier mehr Scheidemünze in Umlauf gesetzt werde. Bi rgermeister Gildemeister, der sich zum Schluß der Bundesrethö-Sitzungen dieser Tage nach Berlin begibt, erklärte, er werde sich dort bemühen, dem Beschlüsse Wirkung zu verschaffen. Dann ertheilte die Bürgerschaft ihre Genehmigung zu dem Abkommen wegen des Zollabschlusses am linken Weser-Ufer, wonach diesseits der Grund und Boden für die zu er­richtenden Zollbaulichkeiten unentgeltlich shergegeben werden soll. Der Neubau der Seefahrtsschule wurde einer bürgerschastlichen Commission überwiesen.

Schmelz.

Bern, 20. Mai. Der Bundesrath wies den Recurs aus dem Jura gegen die Untersagung des römisch-katholischen Privat-Gottesdienstes ab, weil diese Maßregel im Jntereffe der Erhaltung der Ruhe und Ordnung ver­fügt fei.,

Zürich, 18. Mai. Im Canton Glarus fand kürzlich eine bemerkens- werthe Landsgemeinde statt. Bekanntlich sind einige kleine schweizerische Ur- Cantone sog. reine Demokratieen, in welchen die Gesammtheit der in der Landsgemeinde versammelten ftimmfähigen Bürger sich selber die Gesetze gibt und ihre Beamten wählt. Solche reine Demokratieen sind nur noch die Can- tone Glarus, Unterwalden, Appenzell und Uri. Alle anderen Cantone, selbst der kleinste, Zug, sind Repräsentativ - Demokratieen. In Glarus nun wurden letzte Woche mehrere sehr wichtige Gesetze vom versammelten Volk berathen, vor Allem ein neues Erbrecht In der ganzen Schweiz, der deutschen wie französi­schen, sind die Söhne im Erbrecht an väterlichem Nachlaß außerordentlich be­vorzugt vor den Töchtern, und zwar nicht nur an diesem Nachlaß überhaupt, soiwern außerdem noch besonders in Beziehung auf die Liegenschaften des Vaters. Diese beiden ungerechten Bevorzugungen der Söhne, die noch den Canton Zürich verunzieren, wurden von der Glarner Landsgemeinde mit aner- keunenswerrher Selbstüberwindung der Bevorzugten hier gänzlich beseitigt und die Töchter ui allen Theilen den Söhnen gleichgestellt. Und zwar fand die Abstimmung von etwa 4000 Bürgern für eine Reihe von Haupt- und even­tuellen Fragen in so klarer und bewußter Weise statt, daß sich damit das Glarner VöUlein ein untrügliches Zeugniß nicht nur seiner sittlichen Tüchtigkeit, sondern auch seines großen Tactes und parlamentarischer Begabung ausge­stellt hat. (Schw. Merk.)

franäre(d).

Paris, 18. Mai. Thiers war heute bei Mac Mahon, um ihm eine Auseinandersetzung zu machen und ihm nachzuweisen, daß nichts übrig bliebe, als die Auflösung der Kammer. Leon Say hat bis jetzt nicht seine Zustim­mung gegeben, in's Cabinet Goulard zu treten. Mac Mahon scheint noch immer nicht zu wisien, was er thun soll. Seine Intimen versichern, er wolle nur Minister aus dem rechten Centrum und den Mitgliedern des linken Cen- trums nehmen, welche von Thiers nicht vollständig gewonnen seien. Die Lage ist jedenfalls äußerst verworren und die Lösung läßt sich nicht absehen. Die Militärpartei dringt in den Marschall, den Knoten zu durchhauen. Man glaubt jedoch nicht, daß der Marschall aus der Gesetzlichkeit auszutreten wagen wird. Auch der Ex-Vicekaiser Rouher war heute bei Mac Mahon, um ibn zu be­stimmen , in der Kammer den Antrag zu stellen, sie möge Berufung au das Land einlegen.

- Es ist unbegründet. daß der Graf Chambord seit vorigen Freitag in Versailles weilt.

Paris, 19. Mai. Goulard stößt in dem Versuche der Cabinetsbildung auf die größten Schwierigkeiten. Das linke Centrum will einem Ministerium znstimmen, welches nur aus wirklichen Republikanern besteht und die früheren constitntionellen Gesetzentwürfe Dufaure's ausführen würde. Die äußerste Rechte hat dagegen in geheimer Sitzung beschlossen, kein Cabinet zu unterstützen