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Mnzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hiessen.

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Bekannt m a chu n g.

Betreffend: Die Abhaltung eines Zeichnencursus für Lehrer.

Mir Bezug auf unsere Bekanntmachung vom 2. I. M. (Auzeigeblatt Nr. 102) bringen wir zur Kenntniß der Interessenten, daß der unter Leituug»des Herrn Professors Kumpa m Darmstadt stattfindende Zeichnencursus nicht am 24., sondern

am 2<». laufenden Monats

beginnen wird.

Gießen, den 24. April 1874. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V. d. K.:

SPamer, Kreisassessor.

politischer Theil.

Der Monat Mai.

Im wunderschönen Monat Mai sollte es losgehen. Ultramontane Hetz­blätter , ultramoutaue Agitatoren reizten die katholische Bevölkerung mit aller­hand Seusatious Nachrichten über die abscheulichen Anschläge auf, welche die gesunde Vernunft gegen den ultramontanen Köhlerglauben im Schilde führen sollte. Um die katholische Religion, um die im Martyrium befindlichen katho­lischen Seelenhirten sollte cs geschehen sein. Lniin, Widerstand gegen Tyrannei ist Gehorsam gegen Gott. Heugabeln, Dreschflegel und der Religionskrieg im lieben deutschen Vaterlande, dessen Hauptstadt jetzt Berlin, die Stabt der reinen Intelligenz, ist, wäre fertig. Nun war bisher der Monat Mai gar nicht so wunderschön, die Apostel der Vernunft warten auf besseres Wetter und denken vor der Hand nicht daran, der katholischen Kirche und ihren Dienern den Garaus zu machen. Auf diese Weise sind auch die ultramontanen Agitatoren um den schönen Religionskrieg gekommen. Wir glauben kaum, wenn auch der Mai noch wunderschön werden sollte, daß die Hoffnungen der Ultramontanen in Erfüllung gehen werden.

Der wunderschöne Mai hat schon im vorigen Jahre der römischen Curie durch den preußischen Landtag seltsame Überraschungen gebracht. Die vorjäh rige Maigesetzgcbung machte allerdings auf die Curie nur den Eindruck der Ueberraschung; in Rom wollte man noch nicht daran glauben, daß der Staat wirklich Ernst gegen die rebellischen Bischöfe machen könnte. Es wurde auf Ordre von Rom munter weiter rebcllirt, aber der gottlose Staat kehrte sich nicht an den Heiligenschein um das Haupt des hochwürdigsten Rebellen. Auch der Staat mochte damals noch nicht daran glauben, daß die Bischöfe so weit in ihrem Widerstand gehen würden. Die kirchenpolitische Gesetzgebung Preußens im Jahre 1873 hat sich aus diesem Grunde als nicht hinreichend für die neu- katholische Rebellion erwiesen. Nun trifft es sich wunderbar, daß auch in diesem Jahre der wunderschöne Mai dazu ausersehen ist, durch die Gesetzge­bung der Curie neue Überraschungen zu bringen, welche diesmal doch von größerer Tragweite zu sein scheinen, als die vorjährigen.

Am 15 Mai ist durch die Beschlüsse des Herrenhausesfür diese Sai­son" die kirchenpolitische Gesetzgebung im preußischen Landtag zum Abschluß ge­langt. Durch die diesjährigen Supplementär - Bestimmungen zu den Kircheuge setzen, namentlich auch durch das Sedisvacanz-Gesetz ist dem Staate hinläng­liche Macht verliehen worden, bei eigenem guten Willen die Autorität des Staates gegen die Arroganz und Rebellionssucht des höheren und niederen Clerus aufrecht zu erhalten. Der preußische Landtag, sowohl die eigentliche Volksvertretung, als auch das Herrenhaus haben durch eine achtbare Majo­rität der Regierung die Zustimmung zu der kircheupolitischcn Gesetzgebung von Neuem erklärt.

Noch vor einer Woche hegte man bange Sorgen um das Schicksal der neuen Maigcsetze im Herrenhause. Aus dem vorjährigen Verhalten des hohen Hauses konnte man schließen, daß die preußischen PairS doch lieber sich beugen, als brcchen. Es lag aber nahe, durch Verweisung an eine Commission, durch Verschleppung in derselben Angesichts der vorgerückten Zett das Resul­tat der diesjährigen kirchenpolitischen Gesetzgebung illusorisch zu machen. Die Majorität des Herrenhauses hat es jedoch vorgezogen, die von der Negierung eingeschlagenen Bahnen sofort zu acceptiren. Ee darf aber auch nicht unbe­merkt bleiben, daß die diesjährige Majorität für die kircheupolitischen Gesetze die vorjährigen nicht unerheblich übersteigt.

Diese Thatsache kann der Fraction Bismarck's nicht zum Verdienst ange­rechnet werden, man muß vielmehr anerkennen, daß in die Reihen selbst der Altconservativen der wunderschöne Monat Mai 1874etwas mehr Licht" ge­bracht hat. Schon die Altconservativen im Abgeordetenhause haben erklärt, daß sie die Autorität des Staates, also die Regierung, mit der sie im Uebri- gen nicht sympathisiren, gegen die Uebergriffe derstreitenden Kirche" zu schützen für ihre Pflicht halten. Diese Anschauung hat auch bei einer Anzahl preußi­scher Pairs. die man sonst um das bekannte englische Bild zu gebrauchen zu denUnheilbaren" zählte, Eingang gesunden. Es giebt allerdings immer

noch im Herrcnhause einen zahlreichen Stab, welcher um die Kleist Retzow's und Lippe's versammelt eifersüchtig bemüht ist, den Rus für unheilbar zu gel­ten , zu bewahren; dem Stab gehören auch Protestanten an, welche einen glei­chen Standpunkt eiunehmcn, wie der verwaiste Herr v. Gerlach im Abgeordne­tenhause. Leider ist aber zu befürchten, daß die Besserung im Zustande einiger feudalen preußischen Pairs sich nicht stichhaltig erweisen wird, sobald es sich um Berathung der evangelischen Synadalordnung handelt.

Da man nun einmal in Preußen gezwungen ist, den Weg der AuS- nahme-Gcsetzgebnng zu gehen, so mnß man sich immerhin befriedigt mit den Maßregeln und nut len Resultaten erklären, welche auch in diesem Jahre der Mai für dengroßen CultuSkampf" gebracht hat. Die Ultramontanen im Ab­geordnetenhause haben auch bei den bezüglichen Debatten ihr gut Theil Galle an den Mann gebracht. Die Herren sind aber noch viel weniger parlameta- risch geschult, wir erinnern nur an die Prophezeihung des edlen Grasen Lands­berg, welche sich nicht gut an einer anderen Stelle wiedergcben läßt, als im Sitzungsbericht. Graf Landsberg war wohl der Schlimmste unter ihnen ; er ist ja Ultramontauer und sprach pro domo, aber auch alle Achtung vor den ortho­doxen Protestanten, welche in Verunglimpfung des Cnltusministers das Mög­liche geleistet haben.

Die Ruhe des Kirch Höss" signalisirte ein Heros der Ultramontanen, wenn die diesjährigen kirchenpolitischen Vorlagen dieses Jahres Gesetzeskraft erlangten. Die Ruhe concediren wir ihm gerne, denn die Gesetze werden nun­mehr die Ruhe aufrecht erhalten, es wird im wunderschönen Monat Mai nicht mehr losgehen; die Ruhe des Kirchhofs oder des Grabes aber ist unrichtig. Unsere katholiichen Mitbürger werden die ihnen aufgezwungene, jetzt vielleicht widerwärtige Ruhe dazu benutzen, mit sich selbst darüber einig zu werden, daß es doch möglich ist, Gott zu geben, was Gottes ist, und dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist.

Deutschland.

Darmstadt, 18. Mai. Nachdem der Finanzausschuß seinen Bericht über den von der Regierung vorgelegten Nachtrag zu dem Hauptvoranschlag der Staats-Einnahmen und Ausgaben für die Budgetperiode 1873/75 erstattet, fand am 13 d. M. die gemeinschaftliche Sitzung mit den Großherzogl. Mini­sterien statt, welche nahezu fünf Stunden Zeit in Anspruch nahm. Am 15. d. M. stellte der Finanzausschuß iii einer weiteren Sitzung seine Anträge de­finitiv fest, und es ist nun der Bericht nebst den sehr umfangreichen Anlagen zum Druck gegeben, so daß dieser Gegenstand der binnen Kurzem zusammenge­rufen werdenden zweiten Kammer zur Berathung und Beschlußfassung unter­breitet werden kann.

Die Negierungsproposilion enthält im Wesentlichen eine gleichmäßige Er­höhung aller Beamtengehalte um ein Sechstheil, dann eine Anzahl veränderter und neuer Etatsposten im Verwaltungsfache, welche mit Bezug aus die Ein- führung der neuen Verwaltungsgesetze und des Schulgesetzes nothwendig ge­worden und verschiedene Anforderungen für Beamte, welche jedoch meist schon in besonderen Vorlagen enthalten sind und über welche größtenteils die Stände in der Zwischenzeit sich bereits schlüssig gemacht haben.

Die Referenten des Finanzausschusses hatten, um im Sinne eines Kam- mcrbeschlusses die im Besoldungswesen vorhandenen Ungleichheiten zu beseitigen, einen ausführlichen Plan einer neuen Klassifikation der Beamtengehalte gefer­tigt, welcher sich unter den Anlagen des neu erstatteten Ausschußberichts be­findet. Die Regierung lehnte jedoch die deßfallsigen Vorschläge ab, weil sie es nicht für zweckmäßig erachtete, wie solche durchgreifende Umgestaltung der Be- amrengehalte zu einer Zeit einzuführen, wo bedeutende Organisationsänderungen der Behörde selbst zum Theil bevorstünden, zum Theil schon in Angriff genom­men seien. Ebenso lehnte die Regierung ab, auö ven proponirten Fonds heraus, gewisse gering besoldete Beamtenkategorien mit erhöhtem Procentsatz zu be­denken, insofern diese Verbesserung auf Kosten der proponirten Erhöhung der