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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kressen.
Nr. 8 07 Samstag dcii 9. Mai »82Ä.
Amtlicher Theil
Gesund e ne G e g e n ft a u d e:
Ein Medaillon mit der Phoiogravhie einer Dome, 1 blaue Brille mit Futeral, mehrere Schlüssel, 1 Rolle Glaspapier. 1 Büchelchen Goldschaum, 1 Schnupftabaks- Dose, 1 sckworzes seidenes Halslüchrlckrn, 1 alte Kaputze, 1 Verzierung zu eine n rothbraunen Kleid, 1 Paar Kinderhandschuhe, 1 10-Pfund-Stein.
Die Eigenthüiner werden aufgeiordert sich binnen 3 Wochen bei uns zu melden, widrigenfalls diele Gegenstände auf Verlangen an die Finder zurückgegeben oder später zu Gunsten der Armenkasse werden versteigert werden.
Gießen, den 9. Mai 1874. Grobherzogliche Polizei - Verwaltung der Provinzial - Hauptstadt Gießen.
Rover.
politischer T h e i l.
Spanien.
Die nun bestätigte Thatsache der Entsetzung BilbaoS durch die Regierungs- trnppen ist für den neuesten blutigen Bürgerkrieg in Spanien der Anfang vom Ende. Das „unbezwingliche" Bilbao ward für die Carlistensührer das Stralsund, wo ihr lange unaufhaltsam vordringender Siegeslauf seinen Damm gesunden, wie einst Wallenstein vor den Wällen der Pommer'schen Hansestadt. Nachdem in jener Gegend durch zwei Monate zwischen den Gegnern um die Entscheidung gerungen worden, ist die unlaugbar eine gute Weile schwankende Waage zu Gunsten Serrano's gesunken.
Die Bedeutung dieses Erfolges der Regierungsarmee liegt an sich zu Tage, springt aber erst recht in'S Auge, wenn man sich die Mühe nimmt, die Widersprüche im Inhalte der verschiedenen vor und nach dem Ereignisse entsendeten Depeschen auf dem Wege natürlicher Interpretation zu lösen. Daraus ergäbe sich für den Hergang und den jetzigen Stand Folgendes. Nachdem Ser- rano mit seiner Nordarmee am 1. Mai, Nachmittags, in Portugalete eingezogen war, welche vor Bilbao liegende wichtige Festung nun also nach dreimonatlicher feindlicher Occupatwn wieder in den Besitz der Negierung gelangte, führte er zwei Divisionen über den Nervion, welche an dem rechten Ufer dieses Flusses nach Bilbao hinaufrückten. Am 2. d. erhielt Serrano von Marschall Concha die Nachricht, daß Freiwillige aus Bilbao mitgetheilt hätten, die Carlisten verließen alle ihre Positionen und daß Concha selbst mit seinem dritten Armee-Corps die zwischen zwei Zuflüssen des Nervion, dem Galindo und dem Cadagua, liegende Höhe Santa Agueda schon besetzt halte und bei Durcena über den Fluß zu gehen im Begriff sei. Serrano mic£ darauf hin Concha an, gegen Bilbao vorzurücken, und so näherte sich der Stadt zu beiden Seiten des Fluffes die Nordarmee, vor deren gefährlicher Umarmung die Carlisten den erzwungenen Rückzug antraten. Mit welchem Effecte derselbe angetreten ist und in welchen er enden wird, darüber finden sich in den vorliegenden Nachrichten feine klare, zuverläjsige Anhaltspunkte. Doch ist wohl nur eine bittere Alternative gegeben: Entweder hat Don Carlos die Straße nach Durango Ungeschlagen, um sich in den Osten Biscayas oder nach dem (in einigen Depeschen namentlich genannten) Guipuscoa an die französische Grenze zurückzuziehen. Dann steht der Präleudeut, welcher das „Schwert Gottes" führt, genau wieder an demselben Punkte, von welchem er ausgegangen, nur — ärmer an Hilfsmitteln. Oder die frühere Madrider Nachricht, daß das in Pittoria angesammelte Corps jchoii vor Längerem zum Abmarsche uach Norden bereit gestanden, war feine der üblichen officiellen Flunkeleien, sondern that- sächlich begründet; dann ließe sich annehmen, daß Serrano diejern Corps, welches ja inzwischen schon auf dem Wege zu ihm sein mußte, rechtzeitig Ordre zu einem Schwenkungs-Marsch habe zukommen laffcn, durch welchen die carli- stischen Truppen von den rettenden Bergen abgeschnitten wären. In letzterem Falle wäre der Bürgerkrieg völlig beendet, in ersterem würde er abgeschwächt zu jenen earlistischen Unruhen, welche für Spanien im Gründe nicht mehr bedeuten, als für Italien die Heldentaten ter Räuberbanden, die^bekanntlich ja auch für ihren legitimen re Fernando wie unter dem päpstlichen Segen kämpfen. Den Sturz einer Regierung vermögen sie nicht herbeizuführen.
Alles in Allem: Serrano ist mit demjenigen Feinde, der ihm in Wehr und Waffen gegenüber stand, siegreich fertig geworden. Er braucht den Don Carlos, welcher der jetzigen Regierung lange Zeit so ernstlich zu schaffen machte und sie in Mutiger Schrift zu belehren suchte, daß ihm im Kanonendonner voranfahre der Gott der gesalbten Könige, voll Grimm gegen ein abgefallenes Volk, nicht mehr zu fürchten, nachdem der Marschall am 1. d. in Portugalete und am folgenden Tage, Nachmittags, in das befreite Bilbao eingezogen. Den augenblicklichen Jubel, der nach den Telegrammen Madrid erfüllt, wird man erklärlich finden. Aber Spanien ist damit noch nicht wieder das Land voll Soneuschein geworden.
Andere Wolken ziehen sich jetzt um so dichter und gefahrdrohender zusammen. So lange Don Carlos in voller Rüstung stand und einen Theil des Landes thatsächlicb in seiner Gewalt hatte, war er der gemeinsame Feind, welcher beseitigt werden mußte, und die Parteien, welche in Madrid um die Herrschaft streiten, legten ihren Leidenschaften Zügel an. Fast jede dieser Par
teien ist an sich der Ruhe und dem friedlichen Ausgleiche der im Kampfe liegenden Bestrebungen gefährlicher, als die carlistische; wenn diese aus Räuberbanden und fremden Abenteurern den Kern ihrer Schlachtenreihen, an welchen sich erst spätere reinere nationale Elemente ansetzten, nahm, so haben die Übrigen Parteien ihre Anhänger im Staatsrathe und im Heere selber; hier wie da ist das Ende immer der blutige Bürgerkrieg. Auch sind es ja noch heute weil weniger Ansichten, die nach einem Ausgleiche ringen, als bestimmte ehrgeizige Persönlichkeiten, die für sich selbst den Kampfpreis erstreben. Die Topete'S und Sagasta's, die Montpensicr und Marto's, sie alle verfolgen nur ihre eigenen persönlichen Zwecke. Ueber sie hinaus hebt sich freilich schon die Idee der iberischen Union, deren Verwirklchung indessen unseres Erachtens nur den Keim zu neuen blutigen Ulirnhen legen würde. Seit der großen nordischen Margarethe sind alle derartige Experimente, ein naheverwandteS Volk von derselben Bildungsstufe oder, wie es für Portugal zutrifft, von höherer allgemeiner Bildung in sich aufzusaugen, entweder gänzlich mißglückt — wie Schweden und Dänemark, Holland und Belgien, die früheren Versuche der portugiesischen Uin<iiutif:mg unter Spanien zeigen — oder erst nach unsäglich viel Thränen und Blut erzwungen, wofür das in Rußland aufgegangene Polen noch in diesem Jahrhundert und früher selbst die Vereinigung Schottlands mit England Beweise genug erbracht haben.
Ueber teil Gedanken der iberischen Union und über alle Parteien des heutigen Spaniens ragt endlich die ideale Gestalt Castelar's; aber gerade weil dieser Mann mit seinen Anhängern nach dem Idealen strebt, find seine Aussichten im eigenen Lande, dessen Bevölkerung in der Reife der politischen und ethischen Bildung so weit von jener Höhe, welche sie ehemals eingenommen, heruntergcstiegen ist, heute die allerschlechtesten. Die Parteien haben sich, seitdem der Versuch Amadeo's I. eine constitutionelle Monarchie mit einem über die Parteien stehenden Souverän zu gründen, scheiterte und der niemais mehr als in jenem Augenblicke „gottgeliefcte" und gottgesegnete Savoyer den dornenvollen carstilischen Königsthron mit der freundlichen Existenz eines nachgeborenen italienischen Prinzen vertauschte, gegenseitig ziemlich im Schach gehalten und so lange Don Carlos im Felde stand, konnte der Kampf nicht ausbrechen. Wenn jetzt aber der siegreiche Serrano heimkehrt, so erwartet ihn die unvermeidliche Eruption, v-x, der die Macht in Händen hat, wird sich darum, wie kein Anderer, die Fiage stellen: Was nun? Der lorbeergekrönte Feldherr ist immer der Abgott der Masse, er ist es nirgends so sehr, als in einem Lande, wo die Begriffe Masse und Volk sich, wie in Spanien, fast völlig decken. Ist es unwahrscheinlich oder möchte man es dem Marschall auch nur verargen, wenn er die Volksgunst und die Kriegsmacht ausnutzt, um die Militärdictatur zu constiluiren? Wir für unseren Theil glauben, daß ein solcher Ausgang dem unglücklichen Lande wenigstens das Eine geben würde, was es zur all- mäligen Regeneration vor Allem braucht: — Ruhe.
Deutschland.
Darmstadt, 6. Mai. Hauptmann Pirscher vom Großh. 1. Infanterie- Regiment Nr. 115 ist zur Disposition gestellt, Lieutenant Soldan entlassen worden. Der „buckelige Rekrut", zu dessen Gunsten seiner Zeit das „Franks. Journal" intervenirte, ist nunmehr heute, nachdem er einige Monate in einer Werkstätte beschäftigt und beobachtet worden, als der Simulation unverdächtig auf Beiehl des General Commandos in Kassel entlasten worden.
Berlin, 7. Mai. Der Kaiser reist erst morgen Abend 11 Uhr nach Wiesbaden ab. — Tie „Börsen-Ztg." erfährt, daß die Trennung der obersten Verwaltung der Staatsbahnen und die Oberaufsicht über. die Privatbahnen im preußischen Handels-Ministerium nunmehr vollständig erfolgt und die erstere dem MinisterialDirector Weish upt, die dem Geh- Ober-Regierungsrath Maybach übertragen sei. _ r
Fulda, 8. Mai Bei der Entlastung des Caplans Weber aus der Hast sanden tumultuarische Demonstrationen statt. Ein Bürger wurde verhaftet. 2Bc&er wurde in festlichem Aufzuge begleitet.


