Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hiessen
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Gießen, den 24. Februar 1874.
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und Schriften constatirt, daß eine Anzahl von Bischöfen nicht blos die Opportunität der Dogmatisirung der päpstlichen Unfehlbarkeit, sondern das Dogma selbst bestlitten hat — und es ändert nichts, wenn der Bischof v. Ketteler nicht ursprünglich auch zu dieser Zahl gehört haben sollte. Es sei, behauptet er ferner, ganz natürlich itub selbstverständlich, daß die Minderheit sich einer ü -rgroßen Mehrheit und dem Papst unterwerfe. Wohl in andern Dingen und unter andern Verhältnissen könnte man dies gelten lassen, hier aber nicht, wenn man bedenkt, was die Bischöfe mit dieser Unterwerfung und Annahme des Dogmas eigentlich thun und annehmen. Sie glauben ja nicht blos, daß in der Zukunft die Päpste unfehlbar seien vom kirchlichen Lehrstuhl herab, sondern auch, daß alle früheren Päpste ebenfalls unfehlbar gewesen seien, ein Glaube, der nur dem möglich ist, der sich das historische Auge ansgerissen hat und nun blindlings annimmt, was man ihm sagt. Noch mehr: die Bischöfe müssen nun auch glauben, daß diese Unfehlbarkeit immer, überall und von allen in der Kirche geglaubt worden sei — wiederum eine grobe historische Unwahrheit, die leicht in der Vergangenheit und Gegenwart constatirt werden kann; denn wenn jenes der Fall war, wie konnten die Bischöfe das Gegentheil behaupten von der Vergangenheit , von ihren Diöcesanen, ja von sich selber? Da müßten sie ja jetzt bekennen: sie hätten damals an das Dogma geglaubt, aber böswillig das Gegentheil behauptet, oder sie hätten daran geglaubt ohne zu wissen, daß sie daran glaubten! Das heißt allerdings alle vernünftige Kraft und Einsicht auf dem Altar des Papstthums zum Opfer bringen (sacrificium intelleclus), den besten Theil der Menschenn tur.
Es mögen nur noch ein paar Seltsamkeiten des bischöflichen Orakels Erwähnung sinden. Er betont sehr nachdrücklich, daß die Bischöfe bis zur neuesten Zeit der Negierung treu und gehorsam gewesen und diese nichts wider sie zu klagen hatte; daraus schließt er, daß sie Unrecht habe, jetzt ihr Verhalten als staatsfeindlich zu bezeichnen, ihnen Ungeborsam schuld zu geben. Allerdings eine seltsame Logik, kaum weniger abgeschmackt, alS wenn Jemand sagte: „Ich war vor 40 Jahren jung, und es ist eine Verleumdung von euch, mich jetzt alt zu nennen." Der gedankenlosen Masse gegenüber mögen allerdings auch solche logische Kunststücke nicht ohne Wirkung sein. Schlimmer ist und ein abscheulicher Mißbrauch des bischöflichen Wortes dem Volke gegenüber, daß der
Erscheint täglich, Alt Äu*. nahmr Sonntags.
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Polizeiliche Bekanntmachung.
Das unbefugte Betreten der Eisenbahnen und das Kohlenlefen (KohLenstehlen) daselbst betreffend.
Es ist die Wahrnehmung gemacht worden, daß sich fast täglich erwachsene Personen und Kinder an den Lagerplätzen für Steinkohlen eiufinden, um dort die Kohlen aufzulesen, welche beim Ausladen von den Wagen und Schöpfschippen der Arbeiter herabfallen und daß die Fuhrleute treulos genug sind, diese Diebereien ruhig geschehen zu lassen.
Wie groß der Nachtheil für die Kohlenkänfer ist, ergiebt sich daraus, daß einzelne Personen schon mehrere Centner gelesen — d. h. gestohlen — haben. Ein solcher Unfug kann nicht länger geduldet werden.
Es wird daher Folgendes bekannt gemacht:
1) Das unbefugte Betreten der Eisenbahnen ist nach §.52 und 68 des Bahn-Neglements vom 3. Juni 1870 bei einer Strafe bis zu 10 Thaler verboten.
2) Wer künftig auf den Bahnen oder neben denselben Kohlen liest (stiehlt), wird noch besonders wegen Diebstahls in Untersuchung gezogen.
3) Diejenigen Fuhrleute, Knechte rc., welche dulden, daß bei ihren Fuhrwerken Kohlen von Unbefugten aufgelesen werden, haben zu gewärtigen daß auch sie, und zwar wegen Diebstahlsbegünstigung, in Untersuchung gezogen werden.
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Großherzogliche Polizei-Verwaltung der Provinzialhauptstadt Gießen. Nover.
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Der Bischof von Mainz gegen den Cultusminister | Dr. Falk.
Von I. Frohschammer in München.
(Schluß.)
Betrachten wir nun, was der Bischof zu sagen weiß, gegen das, was der Kultusminister Falk den deutschen, insbesondere preußischen, Bischöfen in der bezeichneten Rete zur Last gelegt hat. Vor allem ereifert er sich gegen die Bemerkung des Ministers: daß die Bischöfe einem Wink von Rom her gefolgt seien, als sie sich gegen die neuen Gesetze in Bezug auf die kirchen-politischen Verhältnisse erklärten. Das ist seltsom. Man sollte meinen, kein Mensch habe weniger Ursache, sich wegen eines solchen Vorwurfs, einem päpstlichen Wink zu folgen, so sehr zu erhitzen und sich in die Brust zu werfen, daß man bischöflicherseits selbstständig gehandelt habe — als eben unser Mainzer Biscbof. Ha! er doch, wie wir sahen, wohl seit 12 Jahren sich durchaus in seinen Ansichten, seinem Thun und Lassen durch römische „Winke" bestimmen lassen, so sehr, daß er seine entschiedensten, öffentlich wie unumstößlich mit der größten Zuversicht verkündigten Ueberzeugungen fallen ließ, und das Gegentheil annahm, wenn bas jesuitische Papstthum den „Wink" dazu gab. Er hat sich so recht als der Bischof erwiesen, der auf den Wink geht (ad nulum), und es steht ihm daher am wenigsten wohl an, gegen den Cultusminister Falk nm jenes Ausdrucks willen so hitzig zu thun. Möglich übrigens, daß die Bischöfe damals von Rom her keinen Wink erhielten und der Cultusminister sich im Jrrthum be- saud. Er irrte dann eben, weil er die Bischöfe noch für bester hielt, als sie Hon damals wirklich waren, indem er meinte, sie hätten noch eines Wmkes zu ihrem undeutschen, unpatriotischen Verhalten bedurft. Bischof Ketteler sagt ms jetzt, daß sie schon damals viel schlimmer waren, als der Minister meinte. Daß sie in ihrer Verpäpstlichung und in ihrer nnpatriotischen Gesinnung schon so weit gediehen waren, daß sie eines solchen Winkes gar nicht mehr bedurften, traurig genug! Und das alles um Satzungen willen, die für ewige göttlicke Wahrheiten frevelhaft ausgegeben werden, obwohl geschichtlich leicht constatirt werden kann, daß es nur päpstliches und bischöfliches Mackwerk sei, dem man aber gleichwohl kein Bedenken trägt, den Frieden und die Wohlfahrt des deutschen Volkes zum Opfer zu bringen. Leider darin auch noch unterstützt von
einem beträchtlichen Theil des deutschen Adels, der nun im Bunde mit dcm'und von einer Christenverfolgung fabelt, wie sie unter den heidnischen Kaisern llltramontanismus die Rolle der ehemaligen zahlreichen Sauveränlein zur Zer-'Roms stattgefuncen gegen dre Christen, welche sich weigerten, den Götzen zu Aißung und Schwächung Deutschlands übernehmen zu wollen scheint, um sich! opfern. Wie froh wären die ersten Christen gewesen, wenn sie nur Gesetze Nichtig ^u machen und auf Kosten des deutschen Volkes mit Schädigung seiner [ des Staats vor sich gehabt, wie sie jetzt vorliegen, und wie froh waren sie, Freiheit und seiner Wohlfahrt eine Rolle zu spielen. ' !als sie vom Staat anerkannt wurden und dieser in der mannigfachsten durch-
Unser Bischof geht über zu einer Vertheidignng des Verhaltens der deut-Kreisendsten Weise in ihre Angelegenheiten ordnend eingriff, so daß Kaiser scheu Bischöfe bei und nach dem vaticanischen Concil. Er weist natürlich auch Constantin, noch ehe er getauft war, mehr kirchen-politische Vollmachten aus- hier mit Entrüstung die Annahme zurück, daß die Bischöfe einem Wink oder übte, als die Bischöfe! Nein, nicht der Deutsche Kaiser und nicht das Deutsche , Druck des päpstlichen Selbstherrschers nachgegeben haben, indem sie sich schließ- Reich wollen sich zum Götzen aufwerfen und sich als solche verehren lassen, lich insgesammt, obwohl Opponenten, solange sie in Rom waren, dem vati-sondern der Papst und die Bischöfe wollen dies. Ihr Wort und ihr Gesetz mischen Beschluß bezüglich der Unfehlbarkeit und des Absolutismus des Pap- und Wollen soll dem Volk und dem Reich gegenüber als göttlich gelten und sles unterwarfen. Die Geschichte wird die Wahrheit trotz der Abläugnung des überall als solckes anerkannt werden. Sie wollen die Götter auf Erden sein, Bischofs in dieser Beziehung der Welt kund geben. Wenn der Bischof übrigens erhaben über alle menschlichen Mächte und Gesetze, erhaben selbst über Ver-
MmttW den 9. März
die Unterwerfung der Opponenten dadurch einigermaßen zu bemänteln sucht, nunft und Gewissen, beide in Dienstbarkeit haltend. Hoffentlich wird das
eT behauptet: es habe sich stets nur um eine reine Opportunitätsfrage, deutsche Volk und Reich mit diesem Olymp von bischöflichen Göttern sammt
um das Dogma selbst gehandelt, so liefert er hiermit wieder einen Be- ihrem römischen Zeus fertig werden Fertig werden trotzdem daß der Bischof
^2 lveis, wie wenig genau er es'unter Umständen mit der Wahrheit nimmt, selbst dem Volke bereits zu verstehen gibt, daß nur der Ungehorsam gegen die Bischöfe,
flItb. da, wo sie offen vor aller Augen liegt. Es ist notorisch und durch Reden nämlich, wie er es ausdrückt, die Losreißung von Gott und seiner Auctorität,
er, Mau),


