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Expedition: Lanzletbrro, Lit. V. Rr. 1
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hiessen.
Nr. 2
Samstag den 3. Januar
18WL
Brodpreife vom 3. bis 10. Januar 1874,
nach eigener Erklärung der Bäcker:
2 Kilo gemischtes Brod 24 kr. 1 Kilo gemischtes Brod 12 fr. 2 Kilo Roggenbrod: erste Sorte 21 fr., zweite Sorte 17 fr.
Deutschland.
Darmstadt, 2. Januar. Die „Darmstädter Zeitung" dementirt formell die Mitthcilung aus Petersburg, daß die Seefahrt, welche der Großfürst Alexis Alexaudrowitsch im Frühjahr antreten wird, durch Familien-Mißhellig- feiten veranlaßt sei.
Berlin, 31. December. Wie man hört, soll das Verfahren gegen den Erzbischof Ledochowsfi so viel als möglich beschleunigt werden, da die Regierung selbst einsieht, daß dieses Häufen von Geldstrafen nicht dazu beiträgt, dem Volke den Ernst des Kampfes, welcher zwischen der Regierung und der höheren fatholischen Geistlichfeit entbrannt ist, vor Augen zu führen. Immerhin aber dürften doch wohl mehrere Wochen vergehen, bis das Urtheil gesprochen werden fann. Was die Weigerung des Erzbischofs, ein Mandat anzunehmen, anbelangt, so glaubt man hier, daß dies nicht allzu ernstlich gemeint ist und daß der Herr Erzbischof sehr gern ein Mandat annehmen wird, um gleich bei dem Zusammentritt des Reichstages eine Einstellung des gerichtlichen Verfahrens beschließen zu lassen.
Berlin, 1. Januar. Das Kronprinzen-Paar und die übrigen Mitglieder des föniglichen Hauses machten heute Mittag dem Kaiser Gratulations- Besuche. Eine große Volksmenge war vor dem Palais versammelt. Nach der Wiederabfahrt der hohen Herrschaften erschien der Kaiser am Fenster und wurde von der Volfsmenge durch Hüteschwenfen enthusiastisch begrüßt. Der Kaiser danfte wiederholt, sich nach allen Seiten verbeugend.
Posen, 31. December So eben pfändete der Executions-Jnspector König beim Erzbischof Ledochowsfi wegen der Strafe von 2229 Thalern die letzten gepfändeten Mobiliarbestände; weitere Pfandobjecte sind nicht vorhanden und die noch zu zahlenden Strafen belaufen sich auf 16,000 Thaler, so daß die Verhaftung bevorsteht.
Breslau, 1. Januar. Der „Schles. Volkszeitung" zufolge hat der Ober-Präsident von Schlesien den Fürstbischof wegen Nichtbesetzung der Pa- rochie Brodlowitz im Kreise Tarnowitz mit einer Strafe von 200 Thlrn. belegt und demselben zugleich angezeigt, daß durch Verfügung des Cultusministers der Gehalt des Fürstbischofs von 12,000 Thlrn. vom 1. Januar ab so lange gesperrt bleibt, als der Fürstbischof die Parochie nicht nach Maßgabe der Mai-. Gesetze besetzt.
Gleiwitz, 23. December. Heute wurde, wie der „Schles. Volkszeitung" telegraphisch gemeldet wird, der Kirchthurm der katholischen Pfarrkirche polizeilich geöffnet, um auf Befehl der königlichen Regierung zu Oppeln beim Be- gräbniß eines Altkatholiken das pfarramtlich verweigerte Trauergeläute auszu- sühren. Excesse sind nicht vorgefallen.
Stuttgart, 30. December. Der „Nat.-Ztg." wird geschrieben: „Es sollen Verhandlungen mit Berlin schweben, um einige Aenderungen an der Militär-Convention herbeizuführen. Was den König an dem jetzigen Verhältnisse vor Allem unangenehm berühren soll, ist, daß der commandirende General an der Spitze seiner Truppen nicht den stammeseigenthümlichen zweireihigen, sondern den preußischen einreihigen Waffenrock trägt. Eine Beruhigung der Gemüther wird also erst eintreten, wenn der Kaiser den hieher comman- dirten preußischen Officieren gestattet, den doppelreihigen Waffenrock zu tragen. Gibt Preußen in diesem Punkt nach, so zweifle ich nicht, daß der König bereit sein wird, in vielen andern Dingen Concessionen zu machen, die man hier weniger.ernst nimmt, die aber in Berlin für wichtiger gehalten werden dürften, als der Schnitt des Waffenrockes."
Schweiz. .
Genf, 2. Januar. Bei der gestrigen Besitz-Ergreifung der Kirchen Seitens der Altkatholiken fanden in der Vorstadt Carouge Ruhestörungen statt. Ultramontanen haben unter Leitung eines Herrn Deprange ein Comite eingesetzt, welches wahrscheinlich mit Schritten bei der Bundcsbehörde beauftragt ist. Der Maire von Carouge soll demissionirt haben.
Frankreich.
Paris, 31. December. Der „Courier du Havre" meldet, Fürst Bismarck bestehe auf Ernenuung Dr. Bamberg'^ zum Consul in Havre.
— Mac Mahon hat heute Chigi empfangen, der ihm seine Ernennung zum Cardinal ankündigte.
— Der Phare de Dunlerque ist wegen falschen Nachrichten über die Beziehungen Frankreichs zum Auslande unterdrückt worden.
Paris, 31. December. Kirchliche Händel, in denen die Negierung jedoch eine gar klägliche Nolle spielt, bezeichnen auch in Frankreich den Schluß
dcs Jahres. Die Orenoque-Frage, die bei der Interpellation des Generals du Temple unfehlbar zn lebhaften Scenen führen wird, sodann die Vortritts- Frage, die der Erzbischof von Paris aufgeworfen, vor Allem aber die Frage, ob der Cultusmin'ster blos ein Rundschreiben für die Herren v. Arnim, Nigra und Kern verfaßt und es den Bischöfen nicht ossiciell, vielleicht gar nicht mit- getheilt hat, wie „Univers" behauptet, beschäftigt die Blätter. Man verlangt eine Erklärung im „Journal officiell." Gegenüber den Anschuldigungen der ultramontanen Presse, die republikanischen Blätter vertheidigten die Politik des Fürsten Bismarck, wenn sie gegen die Hirtenbriefe der französischen Bischöfe Maßregeln forderten, antwortete Siecle: „Wir vertheidigeu jetzt die französische Politik aller Zeiten und aller Regierungen, tye Politik, welche die der Monarchie selbst jedesmal war, sowie die französische Monarchie von Patrioten und Staatsmännern geleitet wurde. Schreibt sich denn die Anwendung der weltliche - Gerichte, deren Erinnerung man dieser Tage wachgerusen, nicht von einem großen canonisirten König her, der unter den Heiligen unseres Kalenders eine Stelle einnimmt? So verändert sich Alles mit der Zeit! Unsere Monarchisten, unsere vorgeblichen Conservativeu sind diejenigen, die jetzt bei polU tischen, socialen und religiösen Fragen es nicht über sich bringen können, nicht an den Grundlagen unseres öffentlichen Rechts zu rütteln."
Paris, 1. Januar. Der Neujahrsempfang durch den Präsidenten der Republik verlief ohne besonderen Zwischenfall. Der Präsident hielt keine besondere Ansprache. — Die -„Agence Havas" dementirt die Nachricht von der Abberufung des Kriegsschiffes „Orenoque" von Civitavecchia. Weder bezüglich des Schiffes noch betreffs der dem Commandanten von der vorigen Regierung gegebenen Instructionen sei eine Aenderung beabsichtigt.
Paris, 31. December. 60 Galeeren - Sträflinge, die in Cayenne für Deutschland optirt haben, sind in Toulon ausgeschifft worden und werden diese Woche den preußischen Behörden übergeben werden.
Versailles, 31. December. In der National-Versammlung legt der Kriegsminister einen Antrag vor, die Prinzen von Orleans, welche bis jetzt nur auf einen provisorischen Titel in der Armee zugelassen sind, auf einen desinitiven zugelassen.
— Auf verschiedene Artikel werden neue Auflagen angenommen.
— Ricard verlangt, eine Interpellation stellen zu dürfen in Betreff der Behauptung der Presse in denjenigen Departements, welche dem Belagerungszustände unterworfen sind.
England.
London, 30. December. Das indische Amt veröffentlicht heute die letzte Depesche Lord Northbrook's vom 26. d. aus (Mcutta über die Hungers- noth in Bengalen. Leider ist ihr Inhalt um nichts weniger düster als die früheren Nachrichten über das langsam, aber sicher heranschreitende Unglück. Der Refrain der Berichte über die einzelnen Districte besagt fast regelmäßig, daß Erndteaussichten im Frühling noch immer vom Winterregen abhängig wären, oder der Ertrag der Wintererndte hier und da derselbe sei, d. h. hinter den Bedürfnissen meilenweit zurückbleibe. Wie weit des Vicekönigs Getreidean- käufe gediehen, ist bis jetzt noch unbekannt. Daß dieselben aber mit Macht betrieben oder wenigstens deren Möglichkeit gesichert ist, darf man aus der That- sache des ungehindert fortdauernden Getreide-Exports schließen. Oder sollte wohl Lord Northbrook die Existenz von Millionen auf die trügerische Karte eines national - öconomischen Grundsatzes stellen und hoffen, daß der Bedarf mit der Zeit die exportirte Nahrung wieder auf die indischen Märkte zurückwerfen werde? Das Wagestück wäre außerordentlich, und im Falle es gelänge, ein Triumph der Wissenschaft; in allen Fällen aber von einer ziemlichen Gewissenlosigkeit nicht freizusprechen. „Reißexporte flott" besagt ein Telegramm aus (Mcutta. Daneben soll in Tirhoot und Chumparun, nach einer Angabe der „Bombay Gazette", der Preis des Reißes schon die Hungersnothhöhe erreicht haben. Das verbrauchte Bild vom Tantalus kommt unwillkürlich in den ^Sinn und die Feder. Lord Northbrook hat die Zemindars nochmals um ihre Meinung befragt; sie ging dahin, daß 60 Millionen Menschen an viermonat- lichem Nahrungsmangel leiden dürften. Eine einzige Tonne Reiß kann nur zehn Hindus während sieben Monaten erhalten; es müßte also der zu beschaffende Vorrath auf beiläufig zwei Millionen Tonnen zu beziffern sein. Be^ kanntlich halten viele indische Staatsmänner das Hebel überhaupt für unabwendbar, wenn sie natürlich auch einstweilen diese Ansicht im Busen bergen. In England jedoch ist man weniger schicksalsergeben, und daher wimmeln die Zeitungen von vielen gutgemeinten Vorschlägen, die sich auf dem Papiere höchst praktisch ausnehmen. Ihre Ausführbarkeit aber scheitert immer an dem Mangel an Trairsportmitteln.
— Bei den geringfügigen Erfolgen, welche die Engländer bis jetzt an der Goldküste errungen, klingt es etwas komisch, wenn die „Times" nunmehr


