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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. S. Dienstag den 7. Januar 1873.
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Ter landwirthfchaftliche Bezirks-Lerein 'hat eine Anzahl Exemplare des in Nr. 49 der laildwirthschaftlichen Zeitschrift sehr günstig bfiirtbcilten ^Landwirthschafllichen Kalenders für den kleineren deutschen Landwirth für 1873, herausgegeben vom Grafen zur Lippe-Weißenfeld", bezogen, welche zu dem Preis von 12 fr. auf Anmelden durch das Bureau Großherzoglichen Kreisamts Gießen abgegeben werden.
Gießen, den 3. Januar 1873. Der Vorsitzende des landw. Bezirks-VereinS Gießen:
v. Röder.
«politischer Tdeil.
Eine franjösische Stimme über die Entwickelung des deutschen Handels.
Der Pariser Siöele giebt an hervorragender Stelle in seiner letzten Jahre-nimmer einen langen Artikel über die Sntwickelvng, die Vas Gründung«- und Börsenvefen und die Verhältnisse re« Geldmärkte« seit dem Kriege in Deutschland genommen haben und über da« Verhältniß de« Berlin von heute zu dem Pari- von ehedem und zu dem Markte Londons. Ohne uns den Ausführungen unfm« Herrn Kollegen vom Siöcle irgendwie anschließen zu sollen, reproduciren wrr den Art fei theilweise, weil er unjere Entwickelung, durch französische Augen gesehen, zeigt. „Am lendcmain ihrer Siege," so schreibt da» „Diöcle", hatten vir Deutschen sich die Uuiversal-Suprematie geträomt. Sie verfichertrn mit ihrer» gcrrosntkn Ernst, daß ihr Land im Begriffe wäre, nicht nur die erste militärische Macht zu werden, sondern sich auch zum geistigen Foyer Europas z« gestalten und zum größten Markte des eontineutalen Kapitals gestalten würde. Man schmeichelte sich mit dem Gedanken, in Berlin eine Art Metropole der civilisirtcn Welt zu schaff n, die Dank dem Einfluffe der Politik, der Ideen und des Gelbe« bald Paris und London in den Schatten gestellt haben würde. Auf finanziellem Gebiete haben diese Ahnungen zu nichts weiter geführt, al« zu Orgien drr Spekulation, denen eine schwere Kr»st« gefolgt rst. Man hat soeben über biesrn Gegenstand der preußischen Kammer seltsame Erhebungen vorgelegt. Sie geben und einen sehr awüsanten Anblick, — diese« tugendhafte Deutschland, da« die Bibel liest, den Herrn ehrt — zu gletchrr Zeit die Basis seiner ökonomischen Größe in dem zügellosen Fieber der Agiotage sucht. — Al« Herr v. Bismarck unfern Nachbarn zuerst die fantastische Zahl von fünf Milliarden zeigte, hat e« jenseits de« Rhein Niemanden gegeben, der nicht geglaubt hatte, er würde an der Beute Theil nehmen. Unsere fünf Milliarden find drr öffentlichen tt.nblüung wie ein Gold- regen erschienen. Die Steuern sollten vermindert werden, da« Nationalvermögen sollte sich um Alle« verm hren, was man Frankre ch genommen. Diese Illusion.n find jetzt arg gestört, aber sie haben lange vorgehalten und sie Haden bei den Klugen wie bei den Einfältigen gleich glühende, obwohl verschiedene Hoffnungen entstehen lassen. Die Faiseur« haben auf der Stelle eingesehru, daß sie aus dieser Sache einen merkwürdigen Nutzen ziehen könnten. Gestützt von enet wohlbezahltrn Presse hab.n sie das organisilt, was tu Agioteurs „Hanssicampogne" nennen. Sie hoben eine Menge von Gesellschaften gebildet, von ter n Dortheilen die Publieistlt täglich zu erzählen wußte. Seit zwei Jahren sind die Blätter von Berlin und Frankfurt, von Leipzig und Köln täglich bedeckt mir Annoncen, die bei Weitem die Aufschneidereien der großen „Pu fisten" von Lontvn und Paris übertreffen, die Kunst, die Endscribenten durch die Borspiegelung von Dividente!, und Garantien zu ködern, Hot bei den Deutschen einen bisher ungekanaten Grad erreicht. Die bescheidenste Gesellschaft sollte een Aciionären 12, 15, 20 pEt. verschaffen; man hat gar Prospekte in Eirculation gesetzt, die 35 bis 40 pEt. versprechen. In Berl'n sowohl, wie in der Provinz, hat man die Listen der Lerwaltungerathe verbrämt mit den Namen veS Ab.lS und der Bankiers, die eine gewisse Respectadililät für sich haben. In diesen Listen begegnet sich Alle«, vom „Ritter von mehreren Orden", der den D-rwrltung-rath eines kleinen Unter» nehmens präsentirt dis zum Abkömmling der Gründer der leutonisch'll R:ce, der den großen Banke» und den Eisenbahnen von mehr als hundert Kilometern versteht. Bergwerke, Bahnen, Banken, Jadustrlegescllschaften, Staats- und Stadt- anleihen, Werthe jeder Art wurden fubfcribnt — nicht« besriedigle die Habsucht de« Publikum«, nicht« eotmuthigte — man handelte die Ttres mit Prämien vor der Emission. Die minder Begünstigten schätzten sich glücklich, aus dritter oder vierter Hand Papiere zu erhallt», dte in zwei Tagen eine Steigerung von 20 bi« 30 pEt. erzielt halten. Konnte man zögern? Sollte man nicht eilen, reich zu »erden an dem (Solee Frankreichs? — In den ersten acht Monaten des Jahre- 1872 hat mau zur Subskription aufgelegt: Staats- und Startanleitzen 26 Millionen, Banken 269 Millionen, Eisenbahnen- und Jndustrie-Gesellschaften 587 Millionen, zusammen 882 Millionen. Außerdem haben die Deutschen zum guten Theil auf unsere Anleihrn sub'cridirt: sie haben aus unseren Märkten rud in Wien eine beträchtliche Anzahl verschiedener Werthe gekauft. Italienifche Rente, Lombardische Bahuactieu, Orsterveifche Renten, Werthe, von denen sich zu befreien die französischen und öfterrrtchischcu Capitaliftcn sehr glücklich waren. Diese Käufe, diese Subskriptionen, die« Alle« zusammen beträgt
3 Miviarbrn seit 1871. Ja der Zeit seine« Glanze« selbst hat der Markt vo« Paris tirse 3 ff er nicht ersticht. Und wenn London sich je einen derartigen Leichtsinn zu Schulden kommen ließ, hat es auch nicht gesäumt, ihn zu büßen. Und doch sind Pari« und London die Reservoir- der Eapitalien, die ihnen von allen Punkt-n der Welt zufl'.eßen. Deutschland ist noch weit entfernt von dieser Macht, trotz seiner ehrgeizigen Träume und e« lernte heule auf seine Kosten, baß, um ein großer Eapitalmarkt zu werben, es nicht genügt, eine Menge von Operationen hervorzubringeu, sondern, daß es auch gilt, sie zu halten. Al« man kein Mittel mehr hatte, die Einzahlungen zu leisten, kein« mehr, um die Dividenden zu zahlen, nahm man seine Zuflicht zum Credit — man hat GesälligleitSpapiere geschaffen, die man zum Diskont präsentirte. Zuerst nahm bie Bank diese Papiere, aber tie Ansprüche nahmen jeden Tag zu. Sie Hot ven Discont erhöht, um die Zahl der ihr präsentirten Tratten zu vermindern. Nun konnte mui glauben, daß ein Theil de« Goldes, den die Banken von London, von Amfirrdam und Brüssel enthielten, sich nach Berlin ziehen würde. Holland und Belgien mußte sich dagegen durch restriktive Maßregeln schützen, ebenso wie tie Bank ton England. So setzen wir in drri productiven Ländern durch d e Spekulation»!* Deutschland» den Eredit geschädigt, zum Nachtheil der Arbeit und des ehrlichen Handels. Das ist der Anfang der civilisatortschen Handlungen dieses Volkes. Die Bank von Frankreich, durch den Zwangecour« geschützt, hatte Dlrartige« nicht zu beiürchten, aver nur herben indirekt darunter gelUt»n. Uede-all, wo man Dm Dieconr erhöhte, haben bie Kaufleute Verluste erlitten. E.n Theil der Subskribenten unserer Anleihe, der dis Einzahlungen zu leisten nicht im Stande war, war gezwungen zu verkaufen. Während zwei Monaten, im September und Oktober, haben diese Virkäuse so schwer auf unserer Fünfprocentigen gelastet, daß sie eine Baisse hervorgerufen haben und kiese hat die anderen Werthe mit ergriffen, sie hat cen Eredit geschwächt. Sie sind noch in zu frischem Anvenke» dieir Vorgänge, um vergessen zu sein, sie erschienen in demselben Moment, da man in Berlin, „der Weltstadt", zwei Kaiser zu Gästen hatte, und währ'Nd ein The'l der Bevölkerung, durch die Ttzeuerung der Miethen au- ihren Wohnungen vertrieben, auf der Straße campirte und von den sranzöfischen Milltoxken träumte. — Eine allgemeine Liquidation kann allein da- Ende dieser Exc-sse sein. Die preußische Bank hat bereits das klügere Theil erwählt, statt der fortwährenbrn D>«cont- Srhöhungen, jene Gefälligkrüspapirre zu refüsiren. So unterbinbrt man ten Agioteurs die Lebensadern. Die preußische finanzielle Presse hat im Interesse der Spekulation diese Maßregel angegriffen. Ihre Klagen haben einen Interpreten in der Kammer gefunden (Herrn Benda etwa?) und der Bankpräsivent, verpflichtet, daraus zu antworten, hat Skandale enthüllt, die un« an Balzac*« ^Mercadet" erinnern. Bei einer Menge von Gesellschaften haben die Gründer fingirte Angaben gemacht, anderswo hat man die Sachen von Hand zu Hand gehen lassen, vertäust, wieder gekauft, wieder verkauft und so haben tiefe Dinge Anlaß zu schondbaren Streitigkeiten gegeben. Ja einzelnen gällen haben diese Herren, vachbem man gegenseitig versucht, sich zu „machen", sich gegenseitig ver- ralhen. Diese Sachen sind in der Kammer aus öffentlicher Tribüne zur Sprache gekommen, die Deutschen können also nicht sagen, baß man sie verleumde. Wagt man nach all' Dem noch, sich Europa al« Buspiel hinzustellen?" — So da« „S-öcle"; wie oben gesagt, schließen wir un« diesen Ausführungen nicht an. Daß die Lasker'sche Rede, Vie sich auf einen Fall bezog, in Frankreich und anderswo auf die gesummte finanz elle Welt Berlins bezogen werden würde, konnte man bei dem Interesse unserer französischen Nachbarn, uns überall, wo irgend möglich einen Hieb zu versitzen, vorher wissen. Abcr sie ist eigenthümlich, diese französische Entrüstung, und noch seltener ist die« Generalifiren von einzelnen Fallrn auf eine Gefammtentw.ckelung. Miiö-.Pereire hat bekanntlich nie existirt und fran* zöfische Organe find blkanntlich durchweg von einer Lauterkeit des Eharokler«, die außer Frage steht. N-chlStestoweniger kann man von einem Feinde mehr lernen, al« von zehn Freunden. E.)
Deutschland.
Aus Hessen, 2. Jan. Während der letzten Tage find die gcnerellen Dor- arbeiten ter Llni.n Wetzlar-Fronhaus n und Fronhausen Treyf» Der Bert n-Eoslenzer Bahn vollendet worden. Die Resultate der Dermkssungsarbriten werden in den erften Tagen an den HandelSministcr abgehen. Die für den Ausbau der Strecke sTreyfa-Kirchvain (Parallel-Linie Per Matn-Weserdahn) auSersehen.n Baumeister


