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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme EonntagS.

Expedition: Canzleiberg Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kießen.

Kr. 33. Dienstag den 4. März. 1873.

Amtlicher T h e i l.

Betreffend: Die Führung der Handelsregister bei Großherzoglichem Stadtgericht Gießen in specie Eintrag der im Jahre^8V2dhi^ugttommm^n^Gcwnbb^ Das Grstzherzogliche Sladtgericht Gj'cße» an die Großherjoglichen Bürgermeistereien des Bezirks.

Wir wollen Sie hiermit veranlassen, uns ein, auf Grund der^Jhnen von dem Großherzoglichen Struer^Conimiffariat zukommenden Liste der Gewerbetreibenden Ihrer Gemeinde zu fertigendes Verzeichnis über Diejenigen, welche sich im Jahre 1872 neu et blirt, oder ihr bereits bestandenes Geschäft in irgend einer Weise geändert, insbesondere durch Handelsbetrieb erweitert haben, mit Verfügung der Art des Gewerbes eines jeden Einzelnen, baldigst einzusenden, um etwaInöthig scheinende Einträge in das Handels. Register vollziehen zu können.

Dr. M u h l.

Politischer

T h e i l.

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Ha, wenn es wollte!

Wenn nämlich Boyern wollte, sagt Pfarrer Luras in derDonauzeitung", wenn Bayern nochmals Stellung nähme in der Weltgeschichte." Ec sagt do- bet Gelegenheit der jetzt bevorstehenden Umwandlung des Raupenhel«- in die Pickelhaube. Wann hat denn jemals, fragen wir Herrn Luca«, Bayern Stellung in der Weltgeschichte gehabt, d. h. mehr Stellung wie heute? Herr Luca- muß doch die dümmsten Bauern zu seinen Lesern zählen, wenn er über die Geschichte seine- engeren Vaterlandes solche Ignoranz zur Schau tragt. Wir kennen Boyern nicht ander-, als in einer so untergeordneten Stellung, daß es uns heute da­gegen wahrhaft hoch und groß dazustehen scheint.

Immer betrachtete Oesterreich Bayern als seinen Vasallen-Staat. Ts war ihm zwar erlaubt, sich für Oesterreich zu ruiniren, aber nie eine selbstständige Politik zu treiben. Sobald Bayern diese- wagte, wenn immer Bayern« dyna- stische- Interesse mit dem Oesterreich« in Widerspruch gerieth, wenn jemals ein bayerischer Fürst der Anficht war, daß e- ihm gezieme, nicht immer nur der Schildträger, der Unterthan Oksterreich- zu fein, sondern auch einmal auf eigenen Füßen zu stehen, wenn er da- Recht zu haben glaubte, auch für da- WochSthum der bayerischen Dynastie und de- bayerischen Lande- zu sorgen, wehe ihm dann! Man glaubte ihn, den rebellischen Vasallen und sein Land nicht streng genug züchtigen zu können.

Man kennt die beispiellos grausame Behandlung, welche die Kaiser Leopold und Joseph I. gegen Bayern anbefohlen. Die Verwüstung de- Landes, der Galgen, der nie leer wurde, die siebenfachen Steuern, die Erpressungen der Be­amten. die Militärtyrannci, der Kinderraub für Oesterreichs ausländische Heere, veranlaßten damals die Bayern zum verzweifelten Ausstande und zum Rufe: Lieber bayerisch sterben, al- österreichisch verderben!- Schließlich ward Boyern zu zerstückeln, zu verschenken, zu zersplittern versucht; ohne datz nur die Reiche­stände gefragt wurden.

Nur widerstrebend gab Oesterreich die zerfleischte Beute zurück, und nur durch frische Türkenhilfe konnte Bayern« Fürst wieder zu Gnaden kommen. Als aber beim Aussterben der Habsburger Bayern- verwandter Fürst einen Theil des Erbes onzusprechen sich berechtigt glaubte, also wieder die dynastischen Intereffeo beider Reiche in Eollifion geriethen, führte Oesterreich gegen Carl VII. einen wahren Vertilgungskrieg, obgleich er zum Deutschen Kaiser erwählt worben war; denn Oesterreich fragte nie waS nach dem Deut.chen Reiche, wenn e« ihm nicht paßte. Maria Theresia ließ alle ihre Panduren, Heyducken, Kroaten, Lykaner und wie die wilden mord- und raubgieeigen Horden alle heißen mochten, unter Anführung ihrer würdigen Häuptlinge, wie z. B. Trenk, gegen das arme Bayer­land los.

England- mächtige- Fürwort gab Bayern seinem Fürstrngeschlechte wieder, aber der kindliche Mox Joseph III. vermochte nur durch unbedingte Unterwerfung, durch Entsagung aller Ansprüche auf Habsburg- Srblandc und ein schmähliches Unterthanenverhältniß Friede mit Oesterreichs zu erkaufen. Unter Carl Theodor gcigte Otsteireich endlich ganz offen seine Absichten auf Bayern. E« wollte es verhandeln, umtauschen, kurz, versuchte alles Mögliche, es zu einer Provinz Oesterreichs zu machen, und nur dem mehimsligen ernsten Einschreiten Friedrich des Großen ist es zu danken, daß der Rome Bayern noch rxistirt. Da es nicht mehr erlangen konnte, riß Oesterreich wenigsten- das Innviertel von Bayern los.

Das war der Segen, den Oesterreich Bayern in den varigen Jahrhunder­ten gebracht. Was es prcfitirte, al« in diesem Jahrhundert nach dem Sturze Napoleon'« Oksterreich wieder die Herrschaft über Deutschland erhielt und in Bayern Montgela« durch Wreke ersetzte, ist bekannt. Metternich hatte, al« sich c onsiituitonelle Regungm in den süddeutschen Ländern zeigten, allen Ernstes vor, ilhremselbstständigen" Dasein eia Ende zu machen, und nur die Eifersucht auf

Preußen, dem er auch einen Theil der Beute hätte geben müssen, rettete ihre Schein-S'lbststävdigfeit", denn in der That war der Deutsche Bund nichts, als die Herrschaft Oesterreichs über Deutschland, besonder« über Bayern, dessen Heer ee als Strafbayern nach Bronzell mitschleppte, da- es auch 1859 und 1866 gern nach Oesterreich mitgenommen hätte, um für seine außerdeutsche Macht zu bluten. Was wäre geschehen, wenn Oesterreich 1859 über Frankreich, 1866 über Preußen gesiegt hatte?

Wo wäre Bayern jetzt, wenn Preußen sowohl 1813, wie bei Waterloo, Deutschland nicht befreit hätte? Das war eine schöne Selbfifländigltir, als Bay^nS König vor einem Wink des Corfen zittern und ihm Alles geben mußte, was er verlangte. Das war auch eine schöne Selbstständigkeit, als Bayern in lauter Kriege, die es nichts angingen, gegen Böhmen, Türken, Preußen, kurz, überall kämpfen mußte, wohin es Oksterreich schickte, al- cs nur so viel Trup­pen halten durfte, als Oesterreich erlaubte, oder als cS als österreichischer Poli» zeidiener in Kurhessen sungirte. Diese glorreichenstlbflständigcn" Zeiten wollen die Ultramootonen wieder haben. Früher unter Napoleon oder Metternich waren, nach ihnen, Bayerns Fürsten frei, auch der Friede zu Füßen sicherte, nach ihnen, Bayerns Selbstständigkeit, in seinem jetzigen Verhältnisse zu Norddeutschlanv aber, wo von Bayern nicht- verlangt wird, als daß es sich einem großen, ganzen Deutschland einordnet, jetzt, wo in der That Bayern freier ist, als es au Oesterreich- oder Frankreichs Gängelband war, jetzt klagen fie, daß Bayern- Königunfrei" sei, daß Bayern seine Selbstständigkeit verloren Hobe.

Deutschland.

Darmstadt 28. Febr. Don Seiten der Abgg. Ullmann und Wolz ist ein Antrag auf Vorlage eines neuen Wahlgesetzes mit allgemeinem geheimen Stimm- rkcht und direkter Wahl der Abgeordneten zur zweiten Kammer und Bestrafung Derjenigen, weiche sich ohne genügende Rechifertlgung an der Wahl nicht bethei­ligen, eingebracht worden. Es wird zunächst ausgesührt, daß den kleineren Städten eine unverhältnißmäßig große Vertretung eingeräumt sei, daß die Bildung der Landwahlbczirke auf eine Art erfolge, welche zu dem Glauben verleite, daß hierbei eine besondere Absicht obwalte, sowie daß da- System der indirekten Wahlen jedesmal der bestorganifirten oder rührigsten Partei das Feld überlasse. Sodann heißt es weiter:

Bei der erfahrl-ngsmoßigen Gleichgültigkeit und dem Nichterscheinen der Mehrzahl der Wähler bei der Wahlurne würde sich eine wirkliche Volksvertretung auch bei geheimer Abstimmung und allgemeincm Wahlrecht nur erreichen lassen, wenn die Wähler zur Ausübung ihrer Wahlpflicht durch Androhung und, wo uöthig, durch Anwendung von Strafen gezwungen würden, ro t dies jüngst zu Wiesbaden bei den Gemeindewahlen geschehen ist, indem die Tragweite der Wah­len durch die fortwährend in Frage kommenden höchsten Interessen des gesammten Volkes von so unendlicher Wichtigkeit ist, daß der berechtigte Einfluß eines jeden Bürger« durch seine Stimmabgabe gkwahrt und erhalten werden müsse. Die richtigste Art der Ausführung des allgemeinen Stimmrecht- wäre nun diejenige, noch welcher jeder Stimmberechtigte die fämmtlichen Männer bezeichnete, von wel­chen er glaubt, daß sie zur würdigen Vertretung de« gefawmten Volke- die geeig­netsten wäre», also deren 50 aufzeichnete und in die Wahlurne, jeder in seine» Wohnorte, einlegte, wobei diejenigen 50 Männer, welche bei Zusammenzählung der Ergebnisse der Wahl aus allen Orten de- Großherzogthkw- die «eisten Stimmen erhalten hätten, die wirklich vom ganzen Volke Erwählten wären."

Allenfalls wird vorgeschlagen, diesen Abstimmung-modus je nach den Pro­vinzen einzusühren.

Darmstadt, 1. März. Der GesetzgkbungS-Au-schuh der zweiten Kammer beabsichtigt seine Berichte über die Städte-, Kreis- und Gemeinde-Ordnung noch vor dem Beginne des Reichstages zu vollenden. Wie wir hören, wird der