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Erscheint täglich, mit AuS» nähme Sonntags.
Expedition: Canzletberg, Ltt. B. Nr. 1.
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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. 1««. Donnerstag kn 18. Juli 1872.
Amtlicher Thei L
Nr. 21 des Reichs'Gesetzblattes, ausqegeben am 8. Juli 1872, enthält:
(Nr- 849.) Auslieferungsvertrag zwischen dem Deutschen Reiche und Großbritannien. Vom 14. Mai 1872.
(Nr- 850.) Additionalvertrag zum Postvertrage mit Rußland. Vom 26./14- Mai 1872.
(Nr. 851.) Bekanntmachung, betr. die Prüfung der Aerzte, Zahnärzte, Thierärzte und Apotheker. Vom 28. Juni 1872.
(Nr. 852.) Ernennung von Consuln, bezw. Vice-Consuln des Deutschen Reichs.
Nr. 22 des Reichs-Gesetzblattes, ausgegeben am 10. Juli 1872, enthält:
(Nr. 853.) Gesetz, betr. die Gebühren und Kosten bei den Consulaten des Deutschen Reichs. Vom 1. Juli 1872.
(Nr. 854.) Gesetz, betr. den Orden der Gesellschaft Jesu. Vom 4. Juli 1872.
(Nr. 855.) Bekanntmachung, betr. die Ausführung des Gesetzes über den Orden der Gesellschaft Jesu. Vom 5. Juli 1872.
(Nr. 856.) Handels- und Schifffahrtsvertrag zwischen Deutschland und Portugal. Vom 2 März 1872.
Gießen, den 16. Juli 1872. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Röder.
Bekanntmachung.
Dem Unterzeichneten ist von der Großherzoglichen Centralstelle für die Landwirthschaft und die landwirthschaftlichen Vereine eine Anzahl Exemplare des Programms der landwirthschaftlichen Ausstellung zu Mainz und Anmeldebogen für
1) landwirthschaftliche Producte, . -
2) Producte des Garten- und Obstbaues,
3) landwirthschaftliche Fabrikate,
4) Maschinen und Geräthe mitgetheilt worden, um dieselben in geigneter Weise zu verbreiten. Die Herren Bürgermeister des Kreises, denen Exemplare des Programms zugehen werden, werden ersucht, dieselben bei dem landwirthschaftlichen Publikum in möglichst umfaffender Weise zu verbreiten. Außerdem können Exemplare des Programms, sowie auch Anmeldebogen auf dem Bureau Großh. Kreisamts Gießen jederzeit in Empfang genommen werden.
Zum Schluß wird bemerkt, daß die fragliche Ausstellung zu Mainz vom 25.-29. September stattfindet und alle für die Ausstellung bestimmten Gegenstände längstens bis zum 15. August d. I. angemeldet werden müssen.
Gießen, den 15. Juli 1872. Der 1. Director des landw. Bezirksvereins Gießen.
v. R ö d e r.
Politischer The i l.
* Das nächste Conclave
nimmt als ein unvermeidlich in nicht ferner Zukunft bevorstehendes Ereigniß von höchster Wichtigkeit bereits jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit lebhaft in Anspruch. Selbst die Organe des Jesuitismus, die anfänglich ihr Anathem gegen Jeden schleuderten, der es wagte, die Eventualitäten einer nahe bevorstehenden Papstwahl zu erörtern, find bald genug dem Beispiel ihrer Gegner gefolgt, haben sich auf Betrachtungen über die Zukunst eingelassen, und dabei im Eifer de- Gefechts Manches über ihre und der Curie Pläne au-geplaudert. Wenn fich aus den Artikeln der „Civilta" und verwandter Organe nichts Sicheres über diese Pläne entnehmen ließ, so hatte das hauptsächlich darin seinen Grund, daß man über das erste Stadium des Planens, wo ein Entschluß den andern jagt, noch nicht hinweggekommcn war. Nur soviel ergab sich, daß längere Zeit hindurch ent- schieren die Absicht vorhanden war, die Welt durch einen eurialen Handstreich zu überraschen, wozu die Unfehlbarkeit des heiligen Vaters, dem man das Recht beimoß, die zum Conclave versammelten Kirchensürsten von den bisher beobachteten Förmlichkeiten zu dispensiren, die bequemste Handhabe bot.
Welcher Art der Handstreich sein sollte, darüber scheint aber, wie gesagt, unter den Betheiligten noch durchaus kein fester Entschluß erzielt worden zu sein. Dem Wesen einer Gewalt, die in dem Rufe steht, in ihrer Politik Klugheit, Voraussicht und Festigkeit in meisterhaftester Weise zu vereinen, entspricht dies Schwanken allerdings nicht, und noch weniger die Unbesonnenheit, mit der man alle möglichen Andeutungen, welche die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung und der Regierungen auf den Vatikan lenken mußten, in's Publikum warf. Indessen die hohe Meinung, die man von der seinen Politik der Curie hat, ist eben sehr übertrüben. Das jesuitische Rom ist furchtbar durch die unübertreffliche Organisation seiner Streitkräfte, durch die Geschicklichkeit, mit der es den Aberglauben und ave schlimmen, selbst manche guten Triebe der Menschen für seine Sache anzuregrn und in Bewegung zu sitzen weiß. Die feine Berechnung aber, die diplomatische Strategie, durch welche die päpstliche Politik früherer Jahrhunderte berühmt geworden war, ist durch Leidenschaft, Mangel an Selbstbeherrschung und unvollkommene Kenntn'ß der Weitverhältniffe und Ver leitenden Persönlichkeiten sehr beeinträchtigt worden. Der Vatikan betrachtet die Welt durch die Brille seiner maaßlosen Ansprüche. Von seinen Organen will er über die Sachlage nur das hören, was ihm gefällt und feine Organe bkquemen sich seinen Wünschen an, da sie sehr wohl wissen, daß die Warnung als halber Verrath angesehen wird. Ein offenes, frcimüthiges Wort, wie es das „Schlcsifche Volksblatt neuerdings gewagt hat, ist ein in der kirchlichen TageSliteratur seit einigen Jahren nicht mehr da gewesenes Ereigniß. Und wer weiß, wie bald nicht dieser frei- mütbigen Stimme Schweigen geboten werden wird?
Soviel aber war indessen einleuchtend, daß die Curie die feste Absicht hatte, die Wahl eines der Sache der Jesuiten ergebenen Nachfolger Pius IX. zu sichern, mochte man auch hinsichtlich der in Anwendung zu bringenden Mittel sich noch vollständig im Unklaren befinden. Die Regierungen waren durch die vaticamschen
Indiskretionen gewarnt, und es lag nahe, daß sie ihrerseits auf Mittel dachten, um die Wahl eines jesuitisch gesinnten Papstes zu Hintertreiben. Welche vorbereitenden Schritte in dieser Beziehung bis jitzt geschehen find, vermögen wir nicht zu sagen, da die darüber umlaufenden Gerüchte sich zu sehr widersprechen, um einen Anhaltcpunkt für begründete Vermuthungen zu gebe«. Daß eine Vereinbarung der betheiligten Mächte über diese Frage indessen noch keineswegs erfolgt ist, steht außer ollem Zweifel. Um Frankreich ganz aus dem Spiel zu lassen, klebt Italien zu fest an dem Grundsatz der freien Kirche im freien Staate, um den großen und in ihrem innersten Kerne auf eine wahrhafte Versöhnung von Kirche und Staat beruhenden Gesichtspunkten der deutschen Regierung zugänglich zu sein; und was Oesterreich betrifft, so weiß dessen Regierung zwar ohne Zweifel die Ansichten der deutschen Regierung in ihrer vollen Bedeutung zu würdigen; daß sie aber eine gewisse Scheu vor einem entschlossenen Vorgehen empfindet, geht deutlich genug aus ihrem schwankenden und unsicheren Verhalten den österreichischen Bischöfen gegenüber hervor.
Indessen, mögen die Regierungen über Versprechungen, deren Ergebniß sich noch gar nicht voraussehen läßt, noch nicht hinweggekommen sein, die bloße That- fache, daß sie die Eventualitäten einer Papstwahl in Erwägung zogen, reichte hin, um die maßlosesten ZorneSaurbrüche der jesuitischen Organe hervorzurufen, an die indessen die Welt schon so gewöhnt ist, daß sie auf Niemanden mehr einen reckten Eindruck machen. Aber auch die päpstliche Regierung selbst faßte die Sache sehr ernst auf und scheint auch in der That von der Sorge wegen einer Einmischung in die Wahl zu einer Art von Entschluß getrieben worden zu fein. Sie Hot dem Vermhmen noch bei Thiers vertraulich angrfragt, ob er den Vollzug der nächsten Popstwahl in Frankreich gestatten werde. Thiers' Antwort soll dahin gelautet haben, daß er sich verpflichtet erachte, die volle Freiheit der Papstwahl zu schützen, und daß die französische Regierung, sobald sie diese Freiheit für bedroht halten müsse, keinen Augenblick zögern werde, im Einvernehmen mit den übrigen katholischen Mächten ihr ein Asyl auf dem Boden der Republik zu bieten.
Wenn die Aeußerung authentisch ist, so hat es Herr Thiers an der nöthigen Vorsicht und Zurückhaltung nicht fehlen lassen, insofern er seine Gewährung des Asyls an die Voraussetzung eines Einvernehmen- mit den übrigen katholischen Mächten geknüpft hat. Mit einer so verclaufulirten Zusage aber war dem Vatikan nicht geholfen. Er fürchtete ja nicht etwa bloS die Einmischung von Seiten Deutschland-, sondern ebenso von Seiten der eigentlich katholischen Mächte. Wenn nun ThierS die Gewährung eines Asyls von der Zustimmung derjenigen abhängig macht, aus Furcht vor denen die Curie ihn um ein Asyl bittet, so kommt dies in der That einer Ablehnung der Bitte gleich.
Und als solche scheint die Curie Thiers' Antwort in der That aufgefaßt zu haben. Sie hat nach einer officiösen Mittheilung der „Grazer Zeitung" den Mächten angelündigt, daß in der Erwartung und unter der Voraussetzung, da- nächste Conclave werde von keiner Seite her in der freiesten Ausübung seines


