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Gießener Anzeiger.
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«Lrschemt täglich, mit Ausnahme Sonntags.
«Lxpedttion : Canz lei berg, Ltt. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt jur den Kreis Kielen.
Nr. 217. Montag M 16. September 1872.
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Derselbe erscheint täglich, mit Ausnahme Sonntags, und kostet für die Abonnenten in der Stadt Gießen vierteljährlich 1 fL 12 fr., frei ins Haus geliefert.
Den seitherigen Abonnenten in der Stadt Gießen werden wir, wenn vorher keine ausdrückliche Abbestellung erfolgt, das Blatt auch im IV. Quartal 1872 zusenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen.
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Deutschland.
Gießen. Der Geheime Medicinalrath Professor Dr. Wernher und der Medicinalrath Kreisarzt Dr. Stammler haben von Sr. Majestät dem Kaiser und König, als Anerkennung für die im Kriege 1870/71 geleisteten ärztlichen Dienste,' den Königlichen Kronenorden 3. Klasse erhalten.
Berlin, 9. Sept. Der Polizeipräsident hat Anordnungen getroffen, daß die Persönlichkeiten der am Abend des Zapfenstreiches verunglückren Personen so schnell als möglich festgeftellt werden. Auch wirb laut Befthls in den Kranken- Häusern nachgefragt, ob dort Verwunrete ober Todte eingelieferr rurben. In düS Obducrivnshaus brachte man bis Sonntag Mittag fünf Männer- und zwei Frauenleichcn, als bei dieser Gelegenheit verunglückt. Die „N. Pr. Z." meldet darüber: „Sieben Menschen sind — so wird berichtet — in dem furchtbaren Gedränge erdrückt worden und ihre Leichen logen gestern im Leichenhause. Vier derselben waren bereits von den Angehörigen recognoscirt: ein Maschinenmeister der schlesischen Bahn, ein Schuhmachermeister mit seiner jungen Schwester und da Gutsbesitzer aus Mecklenburg. Die drei Andern (zwei Männer und eine Frau) waren noch unbekannt. Außerdem wurden nach der Charite und dem katholischen Krankenhause 15 Menschen schwer verletzt gebracht. Der Zudrang der Bevölkerung bei solchen Gelegenheiten ist leider ein so unsinniger, daß man selbst Mütter mit kleinen Kindern, ja, Säuglingen in der Menge fleht, und die Noth ist dann stets eine große, wenn das Anpressen der Muffen beginnt." Die „Volks- Zeitung" schreibt: „Wir erhalten von Augenzeugen Mittheilungen, welche den Anblick der Scenen an der Schloßfreiheit als wahrhaft entsetzlich und schaudererregend darstellen. Die Haltung der Menge wird als eine sehr ruhige und anständige geschildert und die ganze Schuld auf die Polizei geschoben. Die getroffenen Anordnungen zur Absperrung rc. waren, wie es heißt, über alle Begriffe konfus, und als bann später Befehle gegeben würben, Punkte zu räumen, wo ein Weichen des Publikums absolut unmöglich war, verfuhren die Schutzleute, zumal die Reitenden, mit einer so unerhörten Rücksichtslosigkeit, baß Katastrophen, wie sie leider eingetreten, unabwendbar waren." Man wird sich vielleicht erinnern, baß bei einer ähnlichen festlichen Gelegenheit in Lonvon, bei dem Einzuge des Prinzen von Wales, 10. März 1863, nicht geringe Unglücksfälle vorgekommen sind. Zur sachgemäßen Beurtheilung der beklagenswerthen Ereignisse in Berlin dürfte es beitragen, wenn wir hier wiederholen, was unser Londoner Berichterstatter un^ einige Tage nach jener Einzugsfeier schrieb: „Die freudige Genugthuung, daß de, Feftspectakel der letzten Tage ohne Unglück verlaufen sei, ist wic ein angenehmer Traum verflogen. Heute wissen wir aus den Polizeiberrchten, daß in Manchester zwei und in London sieben Menschen am Beleuchtungsabende elendiglich zu Tode gequetscht worben sind, von ein paar Dutzend Knochenbrüchen und anderen Verletzungen gar nicht zu reden. Das ist ein trauriger Nachhall ver Hochzeitsfeste doch darauf muß man jedesmal gefaßt sein, wenn London großen Galatag auf Mer Straße hält, Venn gegen Hunderttausenoe vermag die sorgsamste Polizei wenig, und vorgestern Abeno mögen nicht weniger denn eine Million Menschen aus einem verhältuißmäßig engen Raume belsammen gewesen sein. Ein scheues Pftrd, ein voreiliger Schreckensruf oder ein paar tolle Bursche, die sich gewaltsam durch einen Haufen durchdrängen wollen, da können ein paar Menschen zu Tode gedrückt sein, ehe ihre nächsten Nachbarn eine Ahnung davon Haven. Dagegen vermag menschliche Vorsicht nichts, und baß eie erwähnten Unglücksfälle allesammt innerhalb der City-Grenzen vorgckommen, ist sicherlich nicht sowohl ver Fahrlässigkeit der City-Polizei zuzuschreiben, welche der Metropolitan-Polizei in keiner Beziehung nachsteht, als dem Umstande, daß die City-Straßen Die engsten sind und die Beleuchtung von London Bridge, Bank, Börse und Mansion House die dichtesten Menschenmassen angezogen hatte."
Oesterreich.
Wien, 12. Sept. Die „Wiener Abendpost" erwähnt die Rückkehr des Kaisers von Berlin, wo derselbe bei Hofe einem höchst auög zeichneten unb über
aus herzlichen Empfang und bei der Bevölkerung eine enthusiastische Aufnahme gefunden. Das Blatt schreibt dann weiter: Wenn irgend etwas die freudige Empfindung über das Wredercrscheinen des Kaisers inmitten seiner getreuen Völker zu steigern im Stande wäre, so ist es das von Der öffentlichen Meinung getragene Bewußtsein, daß Die Zusammenkunft der Monarchen einen durchaus friedlichen Character getragen hat und baß der Kaiser seinen Völkern neue und verstärkte Bürgschaften des Friedens von seiner Reise mitbringr als glückliches Unterpfand für die Macht und Ehre Oesterreichs und für feine segensreiche Entwickelung.
Prag, 12. Sept. Das deutsch geschriebene Prager Czechenblatt „Politik" !ist tief betrübt ob Der mannigfachen Verluste und anderweitigen großen Ausgaben -d!s Exkönigs von Hannover. Derselbe hat kaum mehr so viel, daß er königlich ileben könne. Daraus folgt der harte Schluß, Daß es mit Dem Welfenfonb schlecht stehen muß. — Das „Vaterland" erzählt folgenden Schmerzensschrei aus Prag: Also ist Sc. Majestät nach Berlin gereist unD an Prag vorbergefahren! Prag, dieses Prag, welches vor sechs Jahren um diese Z it noch das harte Loos einer feindlichen Invasion mit Geduld und Loyalität ertrug, in der festen Hoffnung, es werde ihm doch die Sonne der gerechten Würdigung seiner Verdienste aufgehen: dieses Prag war nicht würdig, das Antlitz seines geliebten Monarchen zu sehen! Für alle die Drangsale erhielten einige seiner Mitbürger hohe Orden, aber das Land hatte nichts davon! Gott möge Diejenigen erleuchten, welche sich bestreben, das Herz des Volkes feinem geliebten Könige zu entfremden!
Frankreich.
Paris, 10. September. Die heutigen Blätter find wieder mit Briefen uno Artikeln über die Berliner Festlichkeiten angefüllt. An höhnischen Bemerkungen fehlt es natürlich nicht, was man französischen Correspondenten am Ende wohl nicht zu sehr verübeln darf. Gegenstand besonverer Bemerkungen ist der Toast des russischen Kaisers, weil derselbe nur der preußischen und nicht der deutschen Armee gedacht habe. Die Einen finden es unpassend, daß der Ezaar überhaupt einen Toast auf die Armee ausgebracht, die Anderen freuen sich, weil sie darin eine Andeutung erkennen, daß er von der o-utschen Einheit nichts wissen wolle, wodurch sich Die übrigen Deutschen beleidigt fühlen müßten. Das officiöfe Bien Public entschuldigt Den Ezaaren unb sagt, der Kaiser von Oesterreich habe aus d,e Gesundheit oer preußischen Königsfamilie getrunken, und nach den militärischen Festen hätte der Czaar nicht anbers als der Armee seine Huldigung barbringeu können. „Was werden aber" — fügt bas Thier'sche Blatt hinzu — „bie Bayern und Württemberger sagen, die doch auch am Kriege Theil genommen haben, Die man immer zuerst ins Feuer geschickt hat, um die Truppen zu schonen, auf Deren Gesundheit Der russische Kaiser getrunken hat ?" Diese verleumderische Behauptung, daß man während Des Krieges die Süddeutschen mißbraucht habe, wurde schon öfters von den französischen Blättern vorgebracht. Im Munde des Thiers',chen Leiborgans ist bieselve jedenfalls ernsthaft, da sie zur Genüge darthut, daß Der Präsident bei feinen Planen grade so wie Napoleon III. es auch so unkluger Weise gethan, auf Die deutsche Uneinigkett rechnet, und baß er auch vom Wahn befangen ist, daß es Deutsche gebe, die sich unter das französische Joch schmiegen wollen. •
Italien.
Nom, 5. Sept. Nachdem noch vor einigen Tagen der hier cls officiell angesehene „Soir" neue Liebe und Freundschaft mit Italien gepredigt, allerdings in einem Tone, der nicht nüchterner unb frostiger hatte sein können, kommt jetzt der hinkende Bote mit einer neuen Märe, die alle Luftschlösser unserer Franzosenfreunde gründlich zerstören muß. Es bestätigt sich bie bei ihrem ersten Auftauchen für unglaublich gehaltene Nachricht in allen Theilen, baß Frankreich den auf seinem Gebiete gelegenen Theil des Tunnels durch Den Mont Cenis mit nicht weniger als zehn Minenkammern zu garniren beabsichtigt und schon Hanb ans Werk gelegt hatte, als die oberitalienische Eisenbahngesellschaft sich ins Mürel


